Das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes zum Verbot sichtbarer Photovoltaikanlagen in der St. Pöltner Altstadt hat die Diskussion um Solarenergie in historischen Ortskernen neu entfacht. Welche Auswirkungen die Entscheidung auf andere Gemeinden haben könnte und welche technischen sowie rechtlichen Herausforderungen bestehen bleiben, diskutierten Experten beim „GedankenRaum #4“ im Haus Fünf in Melk (NÖ). Dabei wurde deutlich: Photovoltaik in Altstädten ist weder Tabu noch Selbstläufer. Vielmehr braucht es differenzierte Lösungen, die Denkmalschutz, Ortsbild und Energiewende miteinander verbinden. 

VfGH-Erkenntnis schafft Spielraum – keine generelle Freigabe

Rechtsanwältin Michaela Krömer, die das Verfahren vor dem Verfassungsgerichtshof für eine Hauseigentümerin geführt hatte, ordnete das Erkenntnis ein. Dieses bedeute keineswegs einen Freibrief für Photovoltaikanlagen in Schutzzonen. „Ortsbildschutz hat einen Wert. Aber es kann kein absolutes Totalverbot für erneuerbare Energie geben“, betonte Krömer. Entscheidend bleibe weiterhin die Einzelfallprüfung. Hauseigentümer*innen sollten Projekte professionell vorbereiten und mit fundierten Unterlagen bei den zuständigen Behörden einreichen. Da sich die rechtlichen Vorgaben zwischen Bundesländern und Gemeinden teils deutlich unterscheiden, seien transparente und nachvollziehbare Genehmigungsverfahren notwendig.

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„Wir müssen alte Häuser schützen, aber wir müssen sie auch in die Zukunft mitnehmen“, betonte Gastgeber und Architekt Dietmar Kraus.
„Wir müssen alte Häuser schützen, aber wir müssen sie auch in die Zukunft mitnehmen“, betonte Gastgeber und Architekt Dietmar Kraus. © David Grießler

Historische Gebäude müssen weiterentwickelt werden

Für Architekt und Gastgeber Dietmar Kraus stellt sich die Frage grundsätzlicher: Historische Stadtkerne seien keine musealen Kulissen, sondern lebendige Lebensräume, die sich stets verändert hätten. „Wir müssen alte Häuser schützen, aber wir müssen sie auch in die Zukunft mitnehmen“, sagte Kraus. Gerade Innenstädte verfügten mit ihrer bestehenden Infrastruktur und kurzen Wegen über großes Potenzial für eine nachhaltige Energieversorgung. Voraussetzung sei allerdings eine sorgfältige Planung. Photovoltaikanlagen müssten gestalterisch, technisch und rechtlich auf das jeweilige Gebäude abgestimmt werden. Gleichzeitig sprach sich Kraus für Regelungen aus, die den Ortsbildschutz ernst nehmen, Genehmigungsverfahren aber möglichst unbürokratisch gestalten.

Speicher und Energiegemeinschaften mitdenken

Photovoltaik allein sei in historischen Ortskernen nur ein Teil der Lösung, erklärte Wolfgang Grünbichler von Elotech. Erst das Zusammenspiel aus PV-Anlage, Speicher und intelligentem Energiemanagement ermögliche hohe Eigenverbrauchsquoten. „Der billigste Strom ist der selbst produzierte Strom“, so Grünbichler. Speicher machten es möglich, tagsüber erzeugten Solarstrom auch in den Abendstunden zu nutzen. Darüber hinaus könnten Hausgemeinschaften oder Nachbarschaften überschüssige Energie innerhalb von Energiegemeinschaften gemeinsam verwenden.

Auch Harald Kirchberger von Ecovolt sieht gerade in dicht bebauten Ortskernen großes Potenzial für solche Modelle. „Der Strom, den ich nicht transportieren muss, ist der billigste und einfachste“, sagte Kirchberger. Kurze Leitungswege reduzierten Netzkosten und stärkten die lokale Versorgung. Voraussetzung sei allerdings eine enge Zusammenarbeit zwischen Eigentümern, Gemeinden, Technikpartnern und Energiegemeinschaften. Gerade Gemeinden warteten vielfach noch auf praxistaugliche Regelungen und erfolgreiche Pilotprojekte.

Haris Abazovic von Prefa stellte integrierte Photovoltaik-Dachsysteme vor. Gerade bei Gebäuden in sensiblen Lagen müsse sich die Technik möglichst harmonisch in die Dachlandschaft einfügen.
Haris Abazovic von Prefa stellte integrierte Photovoltaik-Dachsysteme vor. Gerade bei Gebäuden in sensiblen Lagen müsse sich die Technik möglichst harmonisch in die Dachlandschaft einfügen. © David Grießler

Dach und Photovoltaik als Gesamtsystem planen

Aus Sicht der Dachbranche stellte Haris Abazovic von Prefa integrierte Photovoltaik-Dachsysteme vor. Gerade bei Gebäuden in sensiblen Lagen müsse sich die Technik möglichst harmonisch in die Dachlandschaft einfügen. „Dach und Photovoltaikanlage müssen als ein System gedacht werden“, erklärte Abazovic. Integrierte Lösungen könnten dazu beitragen, Solarmodule optisch zurückhaltender in historische Dächer einzubinden. Gleichzeitig müssten Fragen wie Statik, Verschattung oder Dachgewicht bereits in der frühen Planungsphase berücksichtigt werden.

Gemeinden spielen eine Schlüsselrolle

Einigkeit herrschte darüber, dass die Energiewende in historischen Ortskernen nicht allein über technische Innovationen gelingen wird. Gefragt seien klare rechtliche Rahmenbedingungen, qualitätsvolle Planung und die Bereitschaft aller Beteiligten, neue Lösungen zuzulassen. Für Wolfgang Grünbichler kommt den Gemeinden dabei eine besondere Verantwortung zu. „Wenn sich eine Gemeinde aufrafft und sagt ‚Wir gehen dieses Thema an‘, kann daraus ein Leuchtturmprojekt werden.“ Gerade erfolgreiche Praxisbeispiele könnten dazu beitragen, Unsicherheiten abzubauen und den Einsatz von Photovoltaik in sensiblen Ortsbildern voranzubringen.