In Österreich stehen rund 2,76 Millionen Gebäude. Knapp vier von fünf sind Wohngebäude, davon rund drei Viertel Einfamilienhäuser. Diese Zahlen aus dem Gebäude- und Wohnungsregister der Statistik Austria verdeutlichen die Bedeutung des Bestands für die Bau- und Immobilienwirtschaft. Wie sich bestehende Gebäude wirtschaftlich weiterentwickeln lassen, war Thema des 16. Kongresses der Interessengemeinschaft (IG) Lebenszyklus Bau am 3. November an der Hochschule Campus Wien.
Unter dem Motto „Der Bestand als Business Case“ diskutierten rund 160 Teilnehmende über Sanierung, Umnutzung und Finanzierung. Dazu wurden neun neue Leitfäden vorgestellt, an denen sich nach Angaben des Vereins rund 50 Unternehmen und Institutionen beteiligt haben. Die Publikationen stehen kostenlos zum Download bereit.
Daten als Grundlage für die Bestandsentwicklung
Ein Schwerpunkt ist das Portfoliomanagement. Anhand von acht Praxisbeispielen, unter anderem aus der Bundesimmobiliengesellschaft, den Österreichischen Bundesbahnen und der Stadt Wien, behandelt der entsprechende Leitfaden die strategische Weiterentwicklung größerer Gebäudebestände. Entscheidend seien eine verlässliche Datengrundlage, klare Prioritäten und die gemeinsame Betrachtung technischer, wirtschaftlicher und ökologischer Anforderungen, erläutert Margot Grim-Schlink, stellvertretende Vorstandssprecherin der IG Lebenszyklus Bau.
Welche Daten dafür benötigt werden, untersucht die Publikation zur digitalen Bestandserfassung und Kreislaufwirtschaft anhand von zehn Anwendungsfällen. Das Spektrum reicht von der Bewertung eines Gebäudeportfolios bis zum Rückbau. Ein weiterer Leitfaden widmet sich der Vorbereitung von Sanierungen: Bestandsaufnahme, Zieldefinition und die frühe Einbindung der beteiligten Fachdisziplinen stehen dabei im Mittelpunkt.
Neue Nutzungen und wiederverwendete Bauteile
Zwei Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit Geschäftsmodellen über den Gebäudelebenszyklus sowie mit neuen Nutzungsmöglichkeiten für Parkgaragen und Stellplätze. Anpassungsfähige Planung und Umbauten könnten dazu beitragen, Flächen bei veränderter Nachfrage weiterzuverwenden, so der Verein. Der wirtschaftliche Blick soll dabei neben Errichtung und Betrieb auch Materialwerte, Daten und Finanzierung erfassen.
Weitere Publikationen behandeln technische und rechtliche Fragen der Kreislaufwirtschaft. Beispiele zu Aushub, Fassaden, Fenstern und Ausbauprodukten zeigen Möglichkeiten und Grenzen der praktischen Umsetzung. Der Leitfaden „Recht & reUse“ erläutert, unter welchen Voraussetzungen wiederverwendete Bauteile unter Berücksichtigung von Gewährleistung, Haftung und technischen Normen eingesetzt werden können.
Zusammenarbeit früh organisieren
Für partnerschaftliche Projektmodelle liegt ebenfalls eine Orientierungshilfe vor. Sie begleitet Auftraggebende, ausführende Unternehmen und Beratende von der Projektidee bis zum Abschluss. Behandelt werden die frühzeitige Einbindung ausführender Unternehmen, das sogenannte Early Contractor Involvement (ECI), und die integrierte Projektabwicklung (IPA).
Eine weitere Publikation analysiert den österreichischen Gebäudebestand und jene Vorgaben, die eine Priorisierung von Gebäudeportfolios erforderlich machen. Auf dem Kongress wurde zudem die Bedeutung einer frühen Abstimmung mit Finanzierungspartnern betont: Sanierungen und Neubauten müssten jeweils anhand ihrer konkreten Rahmenbedingungen beurteilt werden.
