Nina Hausott-Eppinger beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Wirkung von Farben, Materialien und Räumen. Die gebürtige Kärntnerin gründete vor über zehn Jahren ihr eigenes Interior-Design-Studio in Wien. Zuvor war sie in der Unternehmensberatung und Kommunikationsbranche tätig. Ihre Ausbildung absolvierte sie an der KLC School of Design in London, anschließend sammelte sie Erfahrungen in der Immobilienentwicklung. Heute gestaltet sie private Wohnräume ebenso wie Büros, Concept Stores und Showküchen. Zu ihren bisherigen Projekten zählen unter anderem Arbeiten für die Kommunikationsagentur Vice, Vöslauer und Obscura.

© Leonhard Hilzensauer

Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Frage, wie Räume auf Menschen wirken und welche Atmosphäre sie vermitteln. Dabei spielt Farbe eine wesentliche Rolle. Sie kann beleben, beruhigen, Geborgenheit schaffen oder Energie vermitteln. Darüber hinaus lässt sie Proportionen anders erscheinen und beeinflusst, wie wir einen Raum wahrnehmen. Dennoch wird ihr Potenzial in vielen Wohnräumen nur zurückhaltend genutzt. Während draußen der Herbst mit kräftigen Farben aufwartet, dominieren drinnen häufig neutrale Töne.

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Farbe als Teil des Gesamtkonzepts

Bei der Farbgestaltung geht Nina Hausott-Eppinger zunächst von der gewünschten Atmosphäre aus. „Ich beginne nicht mit der Frage, welche Wand eine Farbe bekommen soll, sondern damit, welche Atmosphäre wir schaffen möchten und was der Raum braucht.“ Architektur, Lichtverhältnisse, Proportionen und die Menschen, die darin leben, bilden die Grundlage für das Farbkonzept. Einzelne farbige Akzentwände vor ansonsten weißen Flächen entsprechen dabei weniger ihrem Zugang.

© Leonhard Hilzensauer

Farbe sollte vielmehr in ein übergeordnetes Gestaltungskonzept eingebunden sein und Architektur, Wände, Decken und Einbauten miteinander verbinden. Das bedeutet nicht, dass ein Raum durchgehend bunt gestaltet sein muss. Neutrale Flächen und bewusst gesetzte Kontraste sind ebenso wichtig. Entscheidend ist, dass Farben in Möbeln, Kunstwerken oder Textilien wiederkehren und dadurch eine Verbindung zwischen den einzelnen Bereichen schaffen. Auch ungewöhnliche Farbkombinationen können funktionieren. Voraussetzung ist, dass sie bewusst gewählt werden und ein stimmiges Gesamtbild ergeben.

Wenn die Umgebung zum Farbkonzept wird

Wie eine mutige Farbgestaltung aussehen kann, zeigt eine Küche in einer Dachgeschosswohnung mit Blick auf Wasser und grüne Wiesen. Hier kombinierte Nina Hausott-Eppinger leuchtendes Chartreuse-Grün mit Aqua. Die Farben nehmen die Landschaft vor den Fenstern auf und schaffen eine Verbindung zwischen Innen- und Außenraum. Die glänzenden Küchenfronten reflektieren das Licht und bringen Helligkeit in einen besonders dunklen Bereich der Wohnung. Eine Arbeitsplatte aus Nussbaum, Holz-Stabgriffe und Edelstahl setzen dazu einen materiellen Kontrast. Das Ergebnis verbindet kräftige Farben mit natürlichen Elementen und einer leichten Retro-Anmutung. „Für mich ist das ein gutes Beispiel dafür, dass eine mutige Farbentscheidung besonders überzeugend wird, wenn sie einen konkreten Bezug zum Ort hat“, erklärt Hausott-Eppinger.

© Alice Holzfeind

Neben den Farben selbst spielen die Materialien eine wichtige Rolle. Warmes Holz kann intensive Töne ausbalancieren, Naturstein und strukturierte Stoffe sorgen für zusätzliche Tiefe. Auch die Oberflächen beeinflussen die Wirkung: Matte und glänzende, glatte und raue Materialien verändern, wie Farben wahrgenommen werden. Das gilt ebenso für zurückhaltende Farbkonzepte, die erst durch eine sorgfältige Materialauswahl ihren Charakter erhalten.

© Gabriel Buechelmeier

Kleine Räume als Experimentierfeld

Wer sich an kräftige Farben noch nicht herantraut, muss nicht gleich das gesamte Wohnzimmer neu gestalten. Gerade Nebenräume bieten sich an, um mit Farbe zu experimentieren. Als Einstieg empfiehlt Nina Hausott-Eppinger beispielsweise das WC. Auf der meist überschaubaren Fläche können intensive Farbtöne oder auffällige Tapeten zum Einsatz kommen, ohne dass sie das gesamte Wohnkonzept bestimmen. Eine weitere Orientierungshilfe findet sich oft im eigenen Kleiderschrank. Farben, die man gerne trägt und in denen man sich wohlfühlt, können auch bei der Gestaltung der eigenen vier Wände eine gute Ausgangsbasis sein. Auch Kinderzimmer eignen sich für lebendige Farbkonzepte, da sich die Bedürfnisse und Vorlieben ihrer Bewohner im Laufe der Jahre verändern. Ebenso lassen sich Vorzimmer und Garderoben nutzen, um gestalterisch neue Wege auszuprobieren. So können Bereiche, die im Alltag oft wenig Beachtung finden, eine eigene Atmosphäre erhalten. „Schließlich umgeben wir uns zu Hause idealerweise mit jenen Farben, die uns persönlich ansprechen.“

© Alice Holzfeind

Bei Nina Hausott-Eppinger ist das Grün. „Meine Lieblingsfarbe ist Grün und das nicht nur bei der Gestaltung. Bei mir zu Hause sind sogar die Türen grün.“ Ihre Vorliebe reicht von sanftem Salbei über frisches Grasgrün bis zu dunklem Waldgrün. Die Farbe schätzt sie wegen ihrer Vielseitigkeit, ihrer beruhigenden Wirkung und ihrer Verbindung zur Natur. Weniger anfangen kann sie mit dem allgegenwärtigen Beige- und Greige-Trend. Neutrale Farben seien keineswegs grundsätzlich problematisch, erklärt sie. Sie können eine gute Basis bilden. Kritisch werde es erst, wenn Beige zur vermeintlich sicheren Standardlösung für ganze Räume wird und dadurch die individuelle Note verloren geht.

Mut bedeutet, die richtige Entscheidung zu treffen

Für Nina Hausott-Eppinger bedeutet mutige Farbgestaltung nicht, möglichst viele intensive Töne miteinander zu kombinieren. Vielmehr geht es darum, Farben, Materialien und Architektur aufeinander abzustimmen. „Mut bedeutet für mich nicht, möglichst viel Farbe einzusetzen, sondern die richtige Entscheidung zu treffen.“ Ein Raum muss nicht möglichst auffällig sein, um Charakter zu haben. Entscheidend ist, welche Wirkung er entfaltet und ob er zu den Menschen passt, die ihn nutzen. Farbe ist für die Interior Designerin deshalb weit mehr als eine optische Entscheidung. Sie kann Gefühle und Erinnerungen wecken, Stimmungen verändern und persönliche Bezüge herstellen. „Farbe soll nicht gut aussehen, sondern etwas auslösen: ein Gefühl, eine Erinnerung, einen Moment. Denn am Ende geht es bei Farbe um weit mehr als das, was wir sehen. Es geht um das, was wir fühlen.“

© Leonhard Hilzensauer