In Lustenau, einer Marktgemeinde im Vorarlberger Rheintal, wurde ein neues Fußballstadion errichtet. Das bisherige stammte aus dem Jahr 1951 und genügte den Bauauflagen nicht mehr. Der Neubau sollte sich optisch in die Region einfügen und dem kleinmaßstäblichen Umfeld aus Reihen- und Einfamilienhäusern entsprechen – also „ein Wohnzimmer für den Fußball“ sein. 2018 lobte die Gemeinde einen Wettbewerb aus. Vorgabe war, dass das Stadion in Holzbauweise errichtet und die Westtribüne eingebunden werden müssen. Der realisierte Entwurf verbindet Spielfeld, Ränge und Westtribüne zu einem geschlossenen Stadionoval. Dabei haben die Tribünen eine Höhe von lediglich neun Metern. Einen markanten Gegenpunkt dazu, setzen die vier 40 Meter hohe Pylone, die jeweils an den Ecken des Gebäudes stehen. 

Architektur und Materialität

Das Stadion ist als Hybridbau konzipiert: Auf massiven Betonsockeln ruhen dreiseitig die Tribünen aus Fichten-Brettsperrholz. Breite Um- und Quergänge schaffen großzügige Wege und vermeiden Angsträume. Damit wird das Gebäude der besonderen Fankultur in Lustenau gerecht. Denn hier liegt der Frauen- und Kinderanteil bei 30 bis 40 Prozent und ist damit deutlich höher als der Ligaschnitt. Weil das Areal an Wohnhäuser grenzt, mussten die Planer den Schallschutz erhöhen. Auch die Eckpylone nehmen Rücksicht auf die Nachbarschaft: Sie sind mit unterschiedlich vielen Scheinwerfern bestückt, sodass das Flutlicht das Spielfeld ausleuchtet, ohne die angrenzende Bebauung zu blenden. Nach außen schließt eine großflächige, dreiseitig umlaufende Glashülle ab, die von dem Systemhersteller Glas Marte geliefert wurde. Sie prägt das ruhige Erscheinungsbild, schützt die Nachbarschaft vor Lichtemissionen und übernimmt zugleich im Verborgenen komplexe statische Aufgaben.

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Das Stadion ist ein Hybridbau: Die Tribünen thronen auf einem Betonsockel.
Das Stadion ist ein Hybridbau: Die Tribünen thronen auf einem Betonsockel. © Glas Marte GmbH
© Glas Marte GmbH

Schutz der Nachbarschaft

Da Glas Marte bereits früh in die Planung eingebunden wurde, konnten die Mitarbeiter ihr Fachwissen von Anfang an einbringen. So war es möglich, dass die Glasspezialisten zusammen mit den Planern unterschiedliche Lösungsansätze ausloteten. Hierbei stellten die optischen und strahlungstechnischen Vorgaben an die Glasfassade eine große Herausforderung dar. Einerseits sollte eine gleichmäßig transluzente Gebäudehülle entstehen, andererseits durfte möglichst wenig Licht in Richtung der angrenzenden Wohnbebauung austreten. Um beide Anforderungen zu erfüllen, stimmte Glas Marte die Glasaufbauten, Beschichtungen und Oberflächen gezielt aufeinander ab. Dadurch ließen sich Lichttransmission und -reflexion gezielt beeinflussen. Hierfür führte Glas Marte umfangreiche Untersuchungen, Berechnungen und Bemusterungen durch. Schließlich fiel die Wahl auf das „Original-Satinato“-Glas aus eisenoxidarmem Weißglas mit beidseitig matter, geätzter Oberfläche. Glas Marte führte es als Verbundsicherheitsglas aus und laminierte es mit PVB-Folien und Ionoplast-Zwischenschichten. 

Statische Stabilität

Neben den optischen Eigenschaften galt es auch bei der Konstruktion, zahlreiche Einflussfaktoren aufeinander abzustimmen. Dazu gehörten die unterschiedlichen Bewegungen und Toleranzen des Holztragwerks, der Unterkonstruktion und des Glases. Hinzu kam die außergewöhnliche Glashöhe von bis zu 6 m bei lediglich zweiseitiger Lagerung und einer hohen Windbeanspruchung in den Eckbereichen. Ferner warf die besondere Nutzung des Gebäudes Fragen auf, wie z. B.: Was passiert, wenn das Glas bricht? Und wie können wir verhindern, dass eine gebrochene Scheibe einknickt? Denn bei einer hohen und entsprechend schweren Verglasung kann das Eigengewicht einer gebrochenen Scheibe zusätzliche Anforderungen an die Konstruktion stellen. 

Die Verantwortlichen lösten diese Aufgaben durch das sichere Zusammenspiel aller statisch wichtigen Komponenten. Die Fassade führten sie als Structural Glazing aus. Dabei sind die Gläser strukturell verklebt und übernehmen einen Teil der Windlasten. Auch bei den Details berücksichtigten die Verantwortlichen die besonderen Anforderungen des Objekts: Sie definierten, optimierten und realisierten Fugengeometrie, Glasanbindung, statische Einspannung und Schattenfugen millimetergenau. Insgesamt kamen 334 maßgefertigte Glaselemente mit einer Gesamtfläche von rund 1.750 m² zum Einsatz. Glas Marte produzierte die Fassadenelemente weitgehend im Werk vor. Dadurch konnte die Montagezeit auf der Baustelle reduziert und eine gleichbleibend hohe Ausführungsqualität sichergestellt werden. 

Die Anforderungen an das Glas waren sowohl hinsichtlich seiner technischen als auch seiner optischen Eigenschaften sehr hoch.
Die Anforderungen an das Glas waren sowohl hinsichtlich seiner technischen als auch seiner optischen Eigenschaften sehr hoch. © Glas Marte GmbH
© Glas Marte GmbH

Frühe Einbindung zahlt sich aus

Die frühzeitige Einbindung des Bregenzer Glasspezialisten erwies sich für den Neubau als wichtiger Vorteil. So ließen sich alle Anforderungen frühzeitig aufeinander abstimmen. Dabei ging die Sicherheitsbetrachtung von Glas Marte bewusst über die Erfüllung normativer Mindestanforderungen hinaus. Das Ergebnis ist eine Fassade, die trotz der zahlreichen Anforderungen außergewöhnlich schlank und ästhetisch wirkt. Das neue Reichshofstadion setzt einen architektonischen Akzent und verbindet Funktionalität, Sicherheit und gestalterische Qualität. Sicher ist das neue Reichshofstadion eine besondere Kulisse, die seinen Besuchern viele schöne Erlebnisse beschert. 
(bt)

Autorin: Claudia El Ahwany