Auf den ersten Blick sieht das neuartige Fenster fast aus, als sollte es physikalisch gar nicht möglich sein: Kein Griff, keine sichtbaren Schienen wie bei einer Schiebetür, nur eine Glasfläche, als hätte man ein Stück Wand durch eine Fixverglasung ersetzt. Doch auf Knopfdruck bewegt sich das Fenster nach außen, sodass ringsherum ein Spalt aufgeht und für Belüftung sorgt. Nun kann man mit einem Handgriff die gesamte Glasfläche zur Seite schieben – ohne sichtbare Schienen oder eine Mechanik, die außen an der Fassade befestigt werden müsste.
Das neuartige Fenster heißt „Movista“. Das Prinzip, die gesamte Fensterfläche zuerst parallel nach außen zu bewegen und sie dann seitlich zu verschieben, entstand in einem Forschungsprojekt unter Leitung der TU Wien. Die Firma KDM-inno entwickelte daraus später die heutige, kompakte Mechanik und ein markttaugliches Produkt – wissenschaftlich und beratend begleitet vom Forschungsbereich Bauphysik und regenerative Systeme der TU Wien gemeinsam mit der Holzforschung Austria.
Die Bauphysik des Fensters
„Fenster haben viele Anforderungen gleichzeitig zu erfüllen: Sie sollen Licht in einen Raum lassen, aber Wärme im Raum halten. Sie müssen dicht gegen Wind und Regen sein, sollen aber zum Lüften auch geöffnet werden können“, sagt Ulrich Pont vom Forschungsbereich Bauphysik und regenerative Systeme der TU Wien.
Das Team untersucht seit vielen Jahren mit Messungen und Computersimulationen, wie man all diese Anforderungen am besten vereinen kann. Ein wichtiger Ausgangspunkt waren dabei Forschungen an Vakuumglas. Wenn sich zwischen den Glasscheiben kaum noch Gasmoleküle befinden, kann man auch mit dünnen Scheiben gute Wärmedämmung erzielen. In mehreren Forschungsprojekten untersuchte man an der TU Wien gemeinsam mit der Holzforschung Austria und Partnern aus der Industrie, wie sich solche Gläser sinnvoll in unterschiedliche Fensterkonstruktionen integrieren lassen.
„Das brachte uns auf die Idee, auch über die Konstruktion des gesamten Fensters neu nachzudenken“, soUlrich Pont. Im FFG-geförderten Forschungsprojekt FIVA entstanden vier unterschiedliche Fensterkonzepte, die mit Vakuumglas ausgestattet und zu funktionierenden Prototypen weiterentwickelt wurden. Eines davon beruhte auf einer völlig neuen Idee: Statt das Fenster zu drehen oder zu kippen, sollte sich die gesamte Fensterfläche zunächst parallel nach außen bewegen und anschließend seitlich verschieben lassen.
Gute Dämmung, effiziente Lüftung
Doch ein ungewöhnlicher Öffnungsmechanismus allein macht noch kein gutes Fenster. Entscheidend sind die bauphysikalischen Eigenschaften. Wie viel Wärme geht durch das Fenster verloren? Entstehen problematische Wärmebrücken? Wie dicht ist die Konstruktion gegen Luft und Schlagregen? Und wie gut funktioniert der Luftaustausch, wenn das Fenster zum Lüften geöffnet wird?
Thermisch erreicht die Konstruktion sehr gute Werte (beim Einsatz von Vakuumglas bis 0,64 W/(m²K), beim Einsatz von Dreischeiben-Isolierglas 0,816 W/(m2K). Besonders interessant ist aber die Lüftung, die messtechnisch und simulatorisch in einem von Matthias Schuss vom Forschungsbereich Bauphysik und regenerative Systeme geleiteten Team ausführlich untersucht wurde. Wenn die ganze Fensterfläche parallel nach außen verschoben wird, entsteht nicht nur ein Kippspalt, sondern eine Öffnung an allen vier Seiten. Wie Luft durch diese Öffnung strömt, untersuchte das Team sowohl experimentell als auch mit numerischen Strömungssimulationen. Das Ergebnis: Bei vergleichbaren Bedingungen kann mit dem neuen Fenster in kurzer Zeit deutlich mehr Luft ausgetauscht werden als mit einem gekippten Fenster (je nach Anwendungsfall beginnend bei einer Verdoppelung der Luftmenge).
Das Parallelverschieben des Fensters nach außen kann elektronisch gesteuert werden – von einem schmalen Lüftungsspalt bis zu einer Öffnung von rund zehn Zentimetern. In Verbindung mit Sensoren und einer Gebäudesteuerung kann das Fenster somit selbstständig für Luftaustausch sorgen, ohne dass es vollständig geöffnet werden muss. Damit lässt sich Movista problemlos in moderne Smart-Homes integrieren.


Von der Forschung zum Produkt
Die innovative Mechanik zum Abstellen und Schieben, die weitgehend unsichtbar in die Fensterkonstruktion integriert ist, kommt von der Firma KDM und hat die ursprünglich verwendete Teleskopschienentechnik signifikant verschlankt und verbessert. Für diese technischen Umsetzungsschritte wurden inzwischen auch mehrere Patente angemeldet.
Begleitet wurde diese Entwicklung während des gesamten Projekts mit Simulationen der TU Wien – von Wärmefluss über Luftströmung bis hin zu Schlagregendichtheit und mechanischer Stabilität. Auch heute wird an der TU Wien weiter an unterschiedlichen Aspekten des Fensters geforscht. Wie in vielen anderen Forschungsdomänen ist auch hier die Leistung eine Teamleistung: Neben Ulrich Pont und Matthias Schuss ist Peter Schober einer der „Väter“ des ursprünglichen Fensterkonzepts gewesen, großen Anteil an aktuellen Projektschritten haben Magdalena Wölzl, Philipp Simlinger, Dominik Fill und Paulina Kleine Kracht, allesamt vom Forschungsbereich Bauphysik und regenerative Systeme am Institut für Architekturwissenschaften.
Damit schließt sich ein Kreis, der vor mehr als zehn Jahren mit Forschungsprojekten über hochwärmedämmende Verglasungen begann. Aus der Suche nach bauphysikalisch besseren Fenstern mittels Hochleistungsverglasungen entstand ein neues Bewegungsprinzip, aus einem ersten Funktionsprototyp wurde in Zusammenarbeit mit Industriepartnern ein markttaugliches Produkt. Die ersten Movista-Fenster sind bereits in Gebäuden eingebaut, unter anderem in Vorarlberg – weitere sollen in nächster Zeit folgen.
Vom Produkt zum Unternehmen
Damit diese nächsten Schritte gelingen, wird Movista nun in ein eigenständiges Unternehmen überführt. Am 1. Oktober 2026 wurde die Airmetiq GmbH mit Sitz in Bregenz gegründet. Ihre Aufgabe ist es, das Produkt erfolgreich in den Markt zu bringen und zu skalieren. Gleichzeitig wird das Zielbild erweitert. Was als besseres Fenster begann, soll zu einem System werden, mit dem Gebäude ihr Raumklima selbst steuern.
Neben Movista entwickelt Airmetiq dafür eine digitale Lösung. Sie erfasst das Raumklima in den einzelnen Räumen und öffnet die Fenster selbstständig, abhängig von Luftqualität, Temperatur, Wetterdaten und den Präferenzen der Menschen im Raum. So lässt sich ein Gebäude nach heißen Sommertagen über Nacht mit kühler Außenluft herunterkühlen und benötigt tagsüber weniger Energie zur Kühlung. Jene Eigenschaft, die das Team der TU Wien messtechnisch und in Simulationen nachgewiesen hat, wird damit zur Grundlage eines intelligenten Lüftungssystems: der deutlich effizientere Luftaustausch. Aus der Suche nach bauphysikalisch besseren Fenstern ist ein Unternehmen geworden, das diese Forschung nun in die Breite tragen soll.
Nähere Informationen: https://www.kdm-inno.com/movista/
(bt)
