Die Meldungen sorgten für Aufsehen: Beim Ausbau der Weststrecke zwischen Marchtrenk und Wels stießen Bauarbeiter 2023 gleich mehrfach auf gefährliche Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg. Anfang Februar wurde der siebte Fliegerbombenfund innerhalb von nur drei Wochen verzeichnet. Ende April wurde bei Arbeiten nahe dem Terminal Wels erneut eine 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe entdeckt. Die Weststrecke musste für die Entschärfung in beiden Richtungen gesperrt werden.

Fliegerbombe bei der ÖBB
Vorsicht ist geboten: Fliegerbombe beim Ausbau der Westbahn bei Marchtrenk. © ÖBB

1.000 Einsätze im Jahr

Derartige Funde kommen häufiger vor, als der Laie vermutet. Sie stellen für die beteiligten Bauunternehmen ein ernst zu nehmendes Problem dar. In Regel werden die gefährlichen Überbleibsel aus dem Krieg allerdings entschärft und entsorgt, bevor die Öffentlichkeit auf sie aufmerksam wird. Die Experten sprechen hier von „Kampfmitteln“. Gemeint sind vor allem Fliegerbomben und Artilleriegranaten, die nach dem Abwurf oder Abschuss nicht explodiert sind – sogenannte „Blindgänger“. Der für die Entsorgung von Kampfmitteln zuständige Entminungsdienst des Bundesheeres berichtet im langjährigen Schnitt von rund 1.000 Einsätzen pro Jahr.

Keller Grundbau
Keller Grundbau im Einsatz auf der Baustelle: eindeutige Kampfmittelfreigabe ist zentral. © Keller Grundbau

Die Problematik ist so relevant, dass die Vereinigung Österreichischer Bohr-, Brunnenbau- und Spezialtiefbauunternehmungen (Vöbu) ihr im vergangenen Frühjahr eine eigene Fachveranstaltung widmete. Der Titel der Veranstaltung: „Kampfmittelerkundung in Österreich.“ Besonders Fliegerbomben, die mit ihrem Gewicht von 50 bis 500 Kilogramm eine enorme Sprengkraft besitzen, können bei Tiefbauarbeiten sehr gefährlich werden. Die Blindgänger haben sich beim Abwurf oftmals mehrere Meter ins Erdreich gebohrt und liegen nun genau dort, wo die Spezialtiefbauer bei der Begründung von Bohrpfählen oder dem Aufstellen von Schlitzwänden tätig sind.

Klare Regeln

Vincent Winter, heute Spartenleiter Rütteltechnik bei Keller Grundbau, hatte 2004 als junger Bauleiter mit einem dramatischen Vorfall mit einem Kampfmittel zu tun. Damals kam es auf einer Baustelle nördliche der Voestalpine in Linz zu einer Explosion einer Fliegerbombe, bei der zwei Mitarbeiter verletzt wurden. „Diese Erfahrung ist sicherlich ein Grund dafür, warum ich mich bis heute intensiv mit dem Thema beschäftige und warum ich bei unseren Projekten auf einer eindeutigen Kampfmittelfreigabe bestehe“, sagt Winter.

Auswertung der Oberflächensondierung
Auswertung der Oberflächensondierung: Wie schaut es aus? © EOD Kampfmittelentsorgung

Man hatte jahrzehntelang angenommen, dass die meisten Kampfmittel in Österreich direkt nach den jeweiligen Kampfhandlungen im Zweiten Weltkrieg oder spätestens in den 50er und 60er Jahren beseitigt worden sind. „Mittlerweile hat sich aber immer deutlicher gezeigt, dass das nicht der Fall ist“, weiß Philipp Pirker, Geschäftsführer von Luftbilddatenbank Dr. Carls, einem Spezialunternehmen. „Man schätzt, dass im Krieg rund 500.000 Fliegerbomben über Österreich abgeworfen wurden und ungefähr zehn Prozent davon Blindgänger waren.“

Blindgänger im Boden

Ein Teil davon wurde unmittelbar nach den Angriffen oder in den Jahrzehnten danach beseitigt. Das Problem laut Pirker: „Wir wissen nicht genau, welche Bomben geborgen wurden und welche nicht. Die Aufzeichnungen darüber sind, wenn überhaupt vorhanden, äußerst rudimentär.“ Deshalb gebe es seiner Meinung nach keine seriöse Schätzung, wie viele heute tatsächlich noch im Boden liegen. Pirkner weiter: „Bei der Artilleriemunition ist die Situation noch schwieriger, weil es keine vergleichbaren Zahlen gibt“.

ÖNORM seit 2025

Seit 1. März 2025 regelt die ÖNORM B 4406 den Umgang mit Kampfmittel im Zuge von Bauarbeiten. Ihr etwas sperriger Name: „Untergrundbeurteilung im Hinblick auf Kampfmittel – Vorgehensweise zur Gefahrenzonierung sowie Ortung und Freilegung von Kampfmitteln“. Sie vereinheitlicht die Erkundung und Dokumentation und beschreibt Maßnahmen, mit denen sichere Baufelder, Baumaßnahmen und Grundstücke geschaffen werden sollen. Dazu gehören Gefahrenzonierung sowie Ortung und Freilegung verdächtiger Objekte. Die Bergung, der Transport und die Vernichtung von Kampfmitteln sind ausdrücklich nicht Gegenstand der Norm. Das übernimmt das Bundesheer.

Fliegerbombe ÖBB
Achtung Fliegerbombe: 1.000 Einsätze im Zusammenhang mit Kamfpmitteln pro Jahr. © ÖBB

Laut den rechtlichen Vorgaben muss der Bauherr bei jedem Bauvorhaben in Österreich dafür sorgen, dass aus dem Untergrund keine Gefährdung für die beauftragten Gewerke entsteht. Und auch die ausführenden Unternehmen haben eine Verpflichtung: Sie müssen dafür sorgen, dass ihre Beschäftigten bei der Arbeit nicht durch Kampfmittel gefährdet sind.

Vorerkundung als erster Schritt

Was bedeutet das in der Praxis? „Der vernünftigste erste Schritt ist eine historische Vorerkundung“, sagt Stefan Plainer, Geschäftsführer von EOD Kampfmittelentsorgung, einem Unternehmen, das sich auf derartige Untersuchungen spezialisiert hat. Bei dieser Vorerkundung wird geklärt, ob sich das Grundstück in einem gefährdeten Gebiet befindet. „Der Kriegsverlauf lässt sich in Österreich sehr detailliert nachvollziehen. Man kann feststellen, wo Bomben gefallen sind, wo Kampfhandlungen stattgefunden haben, wo sich militärische Einrichtungen befanden oder Truppenübungen durchgeführt wurden“, erläutert Plainer weiter.

EOD-Team bei der Munitionsseparieranlage
EOD-Team bei der Munitionsseparieranlage. © EOD Kampfmittelentsorgung

Historische Luftbilder

Dafür stehen unter anderem historische Kriegsluftbilder und militärische Dokumentationen zur Verfügung. So lässt sich beurteilen, ob auf einem Baufeld mit Fliegerbomben, Artilleriemunition oder vergrabener beziehungsweise vernichteter Munition gerechnet werden muss. Auf Basis dieser Untersuchung definiert das Spezialunternehmen dann eine Gefährdungsstufe. Im Idealfall bescheinigt es dem Bauherrn, dass keine Gefährdung vorliegt. Die betreffende Fläche wird als Grün eingestuft. Die Tiefbauarbeiten können beginnen.

Oberflächensondierung
Oberflächensondierung: Basis für die Einstufung. © EOD Kampfmittelentsorgung

„Es gibt allerdings Grundstücke, bei denen wir aufgrund ihrer Geschichte schon im Vorfeld wissen, dass eine grüne Einstufung allein durch die Vorerkundung sehr unwahrscheinlich ist“, sagt Plainer. „Das gilt beispielsweise für ehemalige Raffineriestandorte oder stark vom Krieg betroffene Industrieareale. Dort muss man entsprechend weiter untersuchen.“

Auf Grün folgt Gelb

Auf Grün folgt auf der Kampfmittel-Ampel Gelb: Gelb bedeutet eine Gefährdung durch kleinkalibrige Munition. Diese liegt meistens in den oberen zwei Metern im Erdreich – abhängig davon, welche Munition vermutet wird. „Unter geeigneten Bodenbedingungen können wir solche Flächen von der Oberfläche aus mit Magnetometern untersuchen“, so Plainer. „Diese Geräte erfassen eisenmetallische Gegenstände und erreichen ungefähr zwei bis zweieinhalb Meter Tiefe.“

Ein typisches Beispiel für Bauvorhaben, bei denen derartige Untersuchungen durchgeführt werden, sind laut dem EOD-Geschäftsführer große Photovoltaikanlagen. „Wenn dort Pfähle rund 1,80 Meter tief in den Boden gerammt werden, kann man die Flächen vorher großflächig sondieren.“ Die Messdaten werden mit GPS erfasst und anschließend digital ausgewertet. „Wir sehen dann, an welchen Koordinaten sich in welcher Tiefe ein eisenmetallisches Objekt befindet.“

Bei Verdacht Orange

Besteht der Verdacht, dass es sich um eine Fliegerbombe handelt, springt die Ampel auf Orange. Eine Fliegerbombe kann bis in ungefähr sechs Meter Tiefe liegen. „Mit einer Oberflächensondierung, die nur zwei bis zweieinhalb Meter erreicht, kommt man dort nicht weiter“, meint Plainer.

In diesem Fall werden daher Bohrlochsondierungen durchgeführt. Dabei stellt man eine kleine Sondierbohrung her und bringt den Sensor in die erforderliche Tiefe. Beim Herausziehen misst er den unmittelbaren Nahbereich. Plainer: „So können wir beispielsweise vor Spezialtiefbauarbeiten jeden einzelnen Ansatzpunkt eines Bohrpfahls untersuchen und freigeben. Bei einer Spundwand kann entlang der geplanten Achse in relativ kurzen Abständen sondiert werden.“

Rot bei Hotspots

Die Einstufung Rot wird bei den echten Hotspots vergeben. Dabei handelt es sich um massiv bombardierte Gebiete. „Wenn mindestens zehn Bombeneinschläge pro Hektar nachgewiesen werden können, sprechen wir von einem stark bombardierten Gebiet“, erklärt Plainer. Die erforderliche Untersuchung orientiert sich auch dort an den geplanten Eingriffen in den Untergrund. „Entscheidend ist immer: Was wird gebaut, wie tief wird eingegriffen und welche Gefährdung ist aufgrund der historischen Situation zu erwarten?“ Erhärtet sich durch die Untersuchungen der Verdacht und wird ein Kampfmittel gefunden, kommen die Profis des Bundesheeres zur Bergung.

Beräumung von Verdachtspunkten
Beräumung von Verdachtspunkten: Das Geschäft läuft gut. © EOD Kampfmittelentsorgung

Und das passiert immer wieder. „Es kommt weiterhin immer wieder vor, dass Kampfmittel gefunden werden. Zum Beispiel Munition, Handgranaten, Mörsergranaten und Ähnliches. Besonders bei größeren Bahnhöfen ist das ein Thema, da diese im Zweiten Weltkrieg oft das Ziel für Angriffe waren“, bestätigt der CEO des Porr-Konzerns Karl-Heinz Strauss. „Bei öffentlichen Auftraggebern wird die Kampfmittelerkundung glücklicherweise sehr ernst genommen und auch dementsprechend im Leistungsverzeichnis ausgeschrieben.“

Höchste Priorität

Auch bei Keller Grundbau hat das Thema höchste Priorität. „Wir bestehen bei unseren Projekten auf eine eindeutige Kampfmittelfreigabe. Das ist keine reine Formalität“, sagt Spartenleiter Winter. „In der überwiegenden Zahl der Fälle werden keine Kampfmittel gefunden. Gerade dadurch besteht möglicherweise die Gefahr, das Thema zu unterschätzen.“

Im Durchschnitt, so Winter weiter, stoße man alleine auf Baustellen unseres Unternehmens in Österreich ein- bis zweimal pro Jahr auf eine Bombe. „Das klingt zunächst nicht nach viel, aber angesichts der möglichen Folgen ist jeder einzelne Fund relevant.“ In diesem Jahr hatte man beispielsweise zwei Fälle innerhalb von zwei Wochen – einen davon im 21. Wiener Gemeindebezirk. Dort wurde eine Bombe in unmittelbarer Nähe eines Wohnhauses gefunden. Winter: „Das Gebäude steht bereits seit den 1960er-Jahren. Die Bombe lag praktisch im Parkbereich des Wohnbaus, nur wenige Meter entfernt. Dort haben über Jahrzehnte Menschen gelebt, Kinder gespielt – und niemand wusste, was im Boden liegt.“

In vier Jahren verdoppelt

EOD-Geschäftsführer Plainer berichtet von mehr als 1.000 Bauprojekten, bei denen man pro Jahr zum Einsatz kommt. In den vergangenen vier Jahren habe sich das Geschäft verdoppelt. Er führt das auf das gestiegene Problembewusstsein von Behörden und Bauwirtschaft zurück – und auf einen weiteren Aspekt: Innerstädtisch wird Bauland knapper. Plainer: „Dadurch werden heute Flächen entwickelt, die man früher beispielsweise wegen Altlasten eher gemieden hat. Darunter befinden sich ehemalige Raffinerien, Industrieanlagen oder militärisch genutzte Areale. Genau diese Standorte waren im Zweiten Weltkrieg häufig von besonderer Bedeutung und entsprechend exponiert.“