Herr Saurugg, Sie beobachten seit Monaten mögliche Störungen globaler Lieferketten. Nun sind viele der befürchteten Auswirkungen bislang noch nicht in dem Ausmaß eingetreten, wie manche Experten erwartet haben. Haben sich die Einschätzungen als zu pessimistisch erwiesen?

Herbert Saurugg: Tatsächlich sind viele Entwicklungen bisher nicht in dem Tempo eingetreten, wie wir sie erwartet hatten. Deshalb müssen wir uns fragen, ob wir bestimmte Puffer unterschätzt haben oder ob Systeme derzeit noch von Reserven leben. Das macht die Lage aber nicht weniger ernst. Es bedeutet lediglich, dass die erwarteten Auswirkungen ziemlich sicher verzögert eintreten werden.

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Engpässe bei Kerosin

Welche Auswirkungen hätten Ihrer Ansicht nach bereits sichtbar werden müssen?

Bereits seit einiger Zeit wird über mögliche Engpässe bei Kerosin diskutiert, die zu Flugstreichungen führen würden. Hinzu kommen nun Probleme bei AdBlue, einem Zusatzstoff für moderne Dieselmotoren. Gerade hier sehen wir erste Warnsignale. Kollegen von mir analysieren derzeit zahlreiche Lieferketten und erkennen deutliche Risiken. Noch lässt sich nicht sagen, welche Regionen zuerst betroffen sein werden, aber die Hinweise verdichten sich. Vor allem im asiatischen Raum und in Australien zeigen sich bereits Auswirkungen. In Australien wurde beispielsweise deutlich weniger Weizen angebaut als ursprünglich geplant. Solche Entwicklungen schlagen nicht sofort auf Europa durch, können aber mittel- und langfristig globale Auswirkungen haben. Unsere Wirtschaft ist eng mit asiatischen Produktionsnetzwerken verflochten. Wenn dort Versorgungskrisen entstehen, bekommen wir das früher oder später ebenfalls zu spüren.

Viele Menschen haben bislang den Eindruck, dass Europa von diesen Entwicklungen vergleichsweise wenig betroffen ist.

Das ist ein verbreiteter Irrtum. Viele argumentieren, dass bestimmte Rohstoffe oder Energieträger gar nicht direkt nach Europa geliefert werden und uns deshalb nicht betreffen würden. Tatsächlich sind die globalen Lieferketten jedoch so stark miteinander vernetzt, dass Störungen in einer Region über Umwege Auswirkungen auf andere Regionen haben. Das Problem besteht darin, dass viele Menschen erst dann reagieren, wenn die Folgen bereits sichtbar und spürbar sind. Dann ist es allerdings oft zu spät, um noch wirksam gegenzusteuern.

Welche Bereiche sehen Sie aktuell als besonders gefährdet?

Neben AdBlue betrifft das unter anderem Harnstoff für die Düngemittelindustrie, Schwefel und Schwefelsäure für verschiedene Industriezweige sowie zahlreiche Vorprodukte für den Bergbau und die Metallindustrie. Hinzu kommen Einschränkungen durch Exportbeschränkungen einzelner Staaten, etwa aus China. Die eigentliche Herausforderung liegt aber oft bei den unscheinbaren Produkten. Wenn beispielsweise spezielle Kunststofffolien oder Kabelschutzsysteme fehlen, kann eine gesamte Baustelle stillstehen. Nicht die großen Rohstoffe sind zwangsläufig das Problem, sondern häufig kleine Komponenten, ohne die nichts funktioniert.

Was bedeutet das für die Bauwirtschaft:  steigende Baukosten?

Davon ist auszugehen. Wir sehen bereits heute Preissteigerungen. Wenn Materialien teurer werden oder nur noch mit langen Lieferzeiten verfügbar sind, steigen die Kosten automatisch. Noch problematischer wird es, wenn bestimmte Produkte überhaupt nicht mehr erhältlich sind. Dann können Projekte nicht fertiggestellt werden.

Mit welchen Szenarien rechnen Sie für die kommenden Monate?

Wir müssen uns bewusst machen, dass bereits kleinere Störungen in der Vergangenheit erhebliche Folgen hatten. Als sich 2021 ein Containerschiff im Suezkanal querstellte, entstanden weltweit massive Verwerfungen in den Lieferketten. Heute sprechen wir von einer deutlich größeren und länger anhaltenden Störung einer der wichtigsten globalen Handelsrouten. Dass dies ohne größere Folgen bleiben soll, erscheint äußerst unwahrscheinlich.

Was sind die Faktoren, die die Lage noch abfedern?

Ein wichtiger Faktor sind beispielsweise strategische Reserven. China hat über Jahre hinweg erhebliche Vorräte aufgebaut. Während viele westliche Staaten Lagerhaltung als Kostenfaktor betrachtet haben, wurden dort langfristige Reserven angelegt. Diese Bestände tragen derzeit dazu bei, die Auswirkungen zu verzögern. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Wie lange reichen diese Reserven?

Was passiert, wenn sie nicht mehr reichen?

Unternehmen, auch in der Bauwirtschaft, sollten sich darauf einstellen, dass Lieferprobleme in den kommenden Wochen und Monaten zunehmen werden. Es geht jetzt darum, die eigenen Lieferketten genauer zu analysieren, frühzeitig mit Lieferanten zu sprechen und kritische Komponenten zu identifizieren. Gleichzeitig sollten Prioritäten festgelegt werden. Welche Projekte sind unverzichtbar und müssen unbedingt umgesetzt werden? Welche Vorhaben können notfalls verschoben werden? Solche Entscheidungen sollten vorbereitet werden, bevor die eigentlichen Engpässe eintreten.

Welche Rolle spielen Banken und Finanzmärkte in dieser Situation?

Aus meiner Sicht besteht die Gefahr, dass der Finanzsektor zum Brandbeschleuniger wird. Nach der Finanzkrise wurden zahlreiche Sicherheitsvorschriften verschärft. Das ist grundsätzlich nachvollziehbar. Problematisch wird es jedoch, wenn wirtschaftlich gesunde Unternehmen aufgrund von Lieferengpässen ihre Verpflichtungen vorübergehend nicht erfüllen können und Banken darauf ausschließlich formal reagieren. Dann entstehen Kettenreaktionen, die die eigentlichen Probleme noch verstärken.

Das trifft aktuell insbesondere die Bauwirtschaft …

… genau. Die Bauwirtschaft leidet bereits unter einer Vielzahl regulatorischer Vorgaben und Finanzierungshürden. Wenn zusätzlich Lieferengpässe auftreten und gleichzeitig die Finanzierungsmöglichkeiten weiter eingeschränkt werden, verschärft sich die Situation erheblich. In einer Phase großer Unsicherheit braucht es Handlungsspielräume und Flexibilität. Sonst drohen unnötige wirtschaftliche Folgeschäden.

Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Botschaft an Unternehmen und Gesellschaft?

Wir müssen uns auf eine längere Phase der Unsicherheit einstellen. Viele Entwicklungen deuten darauf hin, dass wir nicht nur vor kurzfristigen Störungen stehen, sondern vor tiefgreifenden Veränderungen. Die kommenden Jahre werden von Umbrüchen geprägt sein. Wer sich darauf vorbereitet, seine Abhängigkeiten reduziert und seine Resilienz stärkt, wird deutlich besser durch diese Zeit kommen als jene, die weiterhin auf eine rasche Rückkehr zur alten Normalität hoffen.