
Gerhard Spitzbart, Bundesinnungsmeister Tischler & Holzgestalter
Wir sind guter Dinge, dass ein Inkrafttreten des neuen Kollektivvertrages für Angestellte in Tischlereien mit 1. Jänner 2027 möglich ist.
Es ist ein „bunter Strauß an Herausforderungen“, welchem sich Tischlereibetriebe in der täglichen Arbeit stellen müssen. Hinzu kommen zahlreiche Zukunfts-Themen – dazu zählen Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit ebenso wie Künstliche Intelligenz (KI) sowie adaptierte Werbestrategien. Die Gremien der Bundesinnung gehen in ihrer Planung auf diese Schwerpunkte ein, zudem stehen die Verhandlungen zu einer Neuaufstellung des Kollektivvertrages (KV) für Angestellte im Tischlergewerbe vor dem Abschluss.
Systemumstieg ist geplant
Dieser Abschluss ist Bundesinnungsmeister Gerhard Spitzbart „ein besonderes Anliegen. Wir stehen kurz vor einer Einigung und sind guter Dinge, dass ein Inkrafttreten ohne Übergangszeit schon mit 1. Jänner 2027 möglich ist.“
Die Ausgangslage stellt sich so dar: In dem aktuell geltenden Kollektivvertrag für Angestellte sind zahlreiche Berufsgruppen – die zum Großteil wenig mit den Anforderungen in Tischlereien gemeinsam haben – zusammengefasst. Essenziell für die Bundesinnung sei es, die im derzeitigen KV festgeschriebenen acht Gehalts-Vorrückungen zu reduzieren. „Wir wollen die Kurve verflachen, damit Betriebe ihre Mitarbeiter auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten halten können“, erklärt Spitzbart. Durch die anfangs stärker ansteigende Kurve würden die Einstiegsgehälter interessanter für die Arbeitnehmer, da der Verdienst höher ausfalle. Durch die später abflachende Kurve wiederum würden für die Betriebe auch ältere Mitarbeiter nicht mehr zur „Kostenfalle“. „Somit bieten wir sicherlich gegenüber anderen Kollektivverträgen im Gewerbe attraktivere Rahmenbedingungen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber.“
Durch die zunehmende Automatisierung der Werkstätten verlagert sich Vieles ins Büro, in die Planung, die Arbeitsvorbereitung und die Kundenberatung. So ist mittlerweile fast ein Drittel der Beschäftigten in Tischlereien den Angestellten zuzurechnen – Tendenz steigend. Gerhard Spitzbart dazu: „Unser Zugang ist es, rechtzeitig eine Regelung zu finden und durch eine schnelle Umsetzung die Diskussion nicht weiter in die Länge zu ziehen. Mit dem positiven Nebeneffekt, den aktuellen Angestellten-KV von einem „spanischen Dorf“ in ein verstehbares Vertrags-Konstrukt zu verwandeln.“
Diese Änderung markiere zudem eine Vorstufe zu einer eventuellen zukünftigen Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten. Sollte diese kommen, werde es mit großer Wahrscheinlichkeit eine „umgekehrte Anpassung“ – also jene der Regelungen für Arbeiter an die in einigen Bereichen besser gestellten Angestellten – geben. „In einem solchen Fall ist es entscheidend, für uns wichtige Punkte schon vorab geklärt zu haben“, so der BIM.
KI: gut oder böse?
Auf einer anderen Ebene angesiedelt aber ebenso akut wichtig wird das Thema „Künstliche Intelligenz für Tischlereien“ eingeschätzt. Neben Vorträgen u.a. im Rahmen der Techniktage startet man z. B. in Oberösterreich mit einer fachbezogenen Seminarreihe im Rahmen der Bezirksversammlungen. Das Ziel: Anhand von Beispielen aus der Praxis konkrete Handlungsfelder aufzuzeigen, die sich für den Einsatz von KI-Systemen eignen. Es geht dabei sowohl um offene als um geschlossene Systeme, die unterschiedliche Aufgaben übernehmen können: „Die KI kann bereits nesten, bei Fräsprogrammen Start- und Endpunkte festlegen, Skizzen und fotorealistische Darstellungen zur Unterstützung in der Kundenberatung generieren“, so Spitzbart, dem neben dem Aufzeigen konkreter Anwendungsgebiete wichtig ist, „die Scheu vor dieser Technologie zu zerstreuen. Denn auch hier gibt es kein Zurück – wir müssen auf diesen Zug aufspringen, um wirtschaftlich und technologisch am Ball zu bleiben.“ Geplant sind Veranstaltungen in allen Bundesländern, fest stehen bereits der Techniktag in Oberösterreich am 15. April und eine Veranstaltung am 12. Mai in Klagenfurt.
Andreas Distel, Berufszweigvorsitzender der Wiener Tischler, Experte für barrierefreies Bauen und u.a. Mitglied im Arbeitskreis Normen und Technik der BI, ergänzt: „Laut Information des Österreichischen Normungsinstituts soll es bald eine eigens entwickelte KI geben, die bei der Normungsarbeit und -suche unterstützen kann. Das wäre eine große Hilfe, im Gegensatz zu offenen KI-Systemen. Bei deren Nutzung ist die Gefahr von falschen bzw. unaktuellen Informationen viel zu groß.“
Nachhaltige Gedankenspiele
„Wir müssen uns zunehmend mit Nachhaltigkeit im Sinne der Kreislaufwirtschaft auseinandersetzen“, bringt Distel einen weiteren Themenkomplex aufs Tapet. Die im Bereich der Fenstersanierung angesiedelten Projekte „ErKa“ und „Fenster Upgrade“, die man gemeinsam mit der Holzforschung Austria umgesetzt habe, gingen schon genau in die Richtung zusätzlicher Lebenszyklen – und weitere werden folgen.
Digitaler Produktpass: Bald Realität?
Die rechtliche Grundlage für Initiativen dieser Art bildet die neue Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) – kurz Ökodesign-Verordnung. Diese ist am 18. Juli 2024 in Kraft getreten und gilt als Grundlage zur Einführung der Kreislaufwirtschaft. Ziel ist es, den Lebenszyklus von Produkten in der EU nachhaltiger zu gestalten.
Als Rahmenverordnung legt die ESPR allgemeine Anforderungen fest, die nun schrittweise von der Europäischen Kommission konkretisiert werden. Erste Vorbereitungsarbeiten für die Produktgruppen „Eisen und Stahl“ sowie „Textilien“ haben bereits begonnen. Ein konkreter Zeitplan für Tischler und Holzgestalter liegt noch nicht vor, dennoch ist eine Auseinandersetzung mit der Richtlinie wichtig, vor allem in Hinblick auf den digitalen Produktpass (DPP), der als Nachweis zur Einhaltung der Nachhaltigkeitskriterien dienen soll. „Mit diesem werden sich Bau- und Möbeltischler, Bodenleger und Holzgestalter gleichermaßen auseinandersetzen müssen – auch wenn konkrete Rahmenbedingungen noch nicht feststehen“, so Distel. Und BIM Gerhard Spitzbart fügt hinzu: „Aktuell erarbeiten wir zur Kreislaufwirtschaft ebenso wie zu KI-Anwendungen Maßnahmen zur entsprechenden Information und Schulung unserer Mitglieder.“
Vieles noch offen

Andreas Distel, Mitglied Bundesinnungsausschuss
Für ein Funktionieren des digitalen Produktpasses müssen nun Materiallieferanten, Produkthersteller, Verarbeiter und Endverbraucher gemeinsam eine Plattform erarbeiten: eine, die jeder bedienen kann und die für alle von Nutzen ist.
Mehr weiß man über die wesentlichen Daten, die enthalten sein sollen: Der DPP soll digital Informationen zu Materialien, Herkunft, Reparierbarkeit, Umbau, Entsorgungsmöglichkeiten und CO₂-Fußabdruck eines Produkts bereitstellen. Welche Produkte bzw. Produktgruppen enthalten sein sollen und wer die Daten einpflegt, ist allerdings noch offen. „Diese Informationen sind hilfreich für die Reparatur und sie dienen auch Konsument*innen als Entscheidungshilfe. Ein Haken dabei: Private Nutzer müssen keine Veränderungen an den Produkten einspeichern. Dabei wäre das vor allem für Wartungsarbeiten und eine Wiederverwendung sinnvoll“, so Distel, der auch noch Klärungsbedarf bei den Speichermodi sieht: „Bei langlebigen Produkten wie Möbeln, Türen, Fenstern, Böden und dergleichen wird es spannend werden, wie die Daten über einen langen Zeitraum auslesbar gehalten werden können.“
Fokus auf Social Media
Auch in Sachen Werbung stehen Veränderungen an. „Wir werden in naher Zukunft auf TV-Werbung verzichten – mit der Großfläche können wir mit unserem Budget einfach nicht mithalten – und uns vermehrt auf die Präsenz in Sozialen Medien konzentrieren. Die Gewichtung der Kanäle ist gerade in Ausarbeitung“, so Christoph Grünwald zur Neuaufstellung der Tischler-Werbelinie. Der burgenländische Innungsmeister ist Vorsitzender des Arbeitskreises Werbung im Bundesinnungsausschuss – kurz Werberat. „Wir fokussieren uns mit der neuen Strategie auf eine jüngere Zielgruppe zwischen 15 und 35 Jahren. Mit unterschiedlichen Kampagnen wollen wir sowohl potenzielle Lehrlinge und Mitarbeitende als auch Kund*innen und Kunden abholen und für den Beruf begeistern.“ Einige Gründe für diese Umorientierung: Junge Menschen könnten oft wenig mit dem Berufsbild anfangen und sie nützen kaum mehr „klassische“ Medien.
Vorzüge hervorheben

LIM Christoph Grünwald, Vorsitzender Werberat
Wir müssen die Stärken unseres Berufes hervorheben und in den von Jugendlichen konsumierten Medien präsent sein.
Heißt das nun, dass „die Älteren“ als Zielgruppe nicht mehr relevant sind? „Natürlich nicht“, so Grünwald, denn Tischler-Kunden sind zum Großteil über 35 Jahre alt. Hier funktioniere allerdings die (regionale) Mundpropaganda gut, diese Klientel weiß um das umfangreiche Angebot Bescheid, informiere sich direkt, über Webseiten und auf Messen. „Mit welchen Maßnahmen auch immer – wir müssen uns von der Großfläche abgrenzen und unsere Vorzüge wie Regionalität, persönliche Betreuung, Wartungs- und Reparaturservice hervorheben.“
Im Zuge der neuen Strategie wird es eine einheitliche Webseite geben, die Vernetzung zwischen Bund und Ländern soll verbessert werden: „Wir wollen die Aktivitäten einheitlich bündeln und setzen weiterhin auf eine starke Marke für einen hohen Wiedererkennungswert. Jeder soll von dieser wechselseitigen Kommunikation profitieren – sowohl unsere Mitgliedsbetriebe als auch die Zielgruppen der Kampagnen.“
„Wir sind viele, wir sind stark, wir sind regional verwurzelt, wir bilden aus, wir produzieren langlebige Qualität, wir können servicieren, reparieren und austauschen, unser Beruf vereint in bester Form Tradition und Fortschritt“, fasst Christoph Grünwald die Vorzüge zusammen, über die man das (junge) Volk zielgerichtet informieren möchte. Für das Burgenland sei zum Beispiel geplant, kurze Videos in der Berufsschule oder in den Betrieben zu drehen, Jugendliche über ihre Motivation und das Besondere am Tischlerberuf zu befragen und diese dann via Social Media zu streuen. Ähnliche Möglichkeiten werde es auch in anderen Bundesländern geben.
Auftakt in Graz
Den heurigen Bundeslehrlingswettbewerb, der im Juni in Graz stattfinden wird, möchte man schon für die neue Strategie nützen. „Die Begeisterung und das Engagement unserer Nachwuchstalente liefern genau die Inhalte, die wir gut über Instagram, TikTok & Co transportieren können. Das Story-Telling soll bereits in der Vorbereitung beginnen und die Eindrücke im Nachgang für die Werbung genützt werden“, so Christoph Grünwald. ■