„Das Projekt verdeutlicht, dass Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit gemeinsam möglich sind.“ Brigitte Karigl, Leiterin des Bereichs Kreislaufwirtschaft im Umweltbundesamt, zeigt sich höchst erfreut über das Bürogebäude Enna – und dies aus zweierlei Sicht: Zum einen, weil es sich bei Enna um ein 40 Jahre altes Bauwerk handelt, das aufwendig revitalisiert wurde und somit ein anschauliches Beispiel für Bauen im Bestand ist. Zum anderen, weil das Umweltbundesamt zu den neuen Mietern des runderneuerten Hauses gehört.
40 Prozent weniger
Der in den 1980er-Jahren errichtete Betonskelettbau wurde nach Plänen des Architekturbüros Hohensinn Architektur revitalisiert. Durch den Erhalt des Gebäudes konnten im Vergleich zu einem Neubau rund 40 Prozent oder 10.000 Tonnen CO₂-Äquivalent eingespart werden – so die Berechnung der Ökobilanz über den gesamten Lebenszyklus des Bauwerks gemäß Deutscher Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Ein weiterer Vorteil: Der Umbau eines Bestandsgebäudes erzeugt keine neue Flächenversiegelung.
„Planung, Konstruktion und Materialwahl bestimmen, wie nachhaltig sich ein Gebäude nutzen lässt und ob es sich künftig als Materiallager fürs Um- und Weiterbauen eignet“, meint Claudia Dankl, Vorstandsmitglied der Branchenvereinigung Beton Dialog Österreich. „Langlebige Betongebäude mit anpassungsfähigen Strukturen können auf lange Sicht dazu beitragen, Ressourcen zu schonen und Emissionen im Gebäudesektor einzusparen.“
Gebäudekern erhalten
Das 1984 von Architekt Heinz Neumann geplante Bauwerk wurde bis 2023 von den ÖBB als Bürogebäude genutzt. Der neue Eigentümer, Art-Invest Real Estate, entschied sich, das Objekt 2024 umzubauen und zu modernisieren, statt abzureißen. Dabei wurde der Gebäudekern erhalten, das Bauwerk thermisch saniert und mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet. „Wir haben bereits bei mehreren Projekten positive Erfahrungen mit dem Re-Use von Bürogebäuden gemacht. In dem Fall hat uns nicht nur die nachgewiesen gute Substanz des Gebäudes, sondern auch die Lage an der Waterfront Erdberger Lände im dritten Bezirk überzeugt“, so Mark Leiter, Geschäftsführer von Art-Invest Real Estate. Das gilt auch für die künftigen Mieter: Kurz vor Fertigstellung des Gebäudes sind bereits 85 Prozent der Büroflächen vermietet.
Konsequenter Re-Use
Die Projektbetreiber verweisen stolz auf die konsequente Verfolgung des Re-Use-Ansatzes: Rund 60 Prozent der bestehenden Materialien wurden wiederverwendet. So hat man die Fassadenplatten aus Aluminium neu beschichtet und mit zusätzlicher Dämmung wieder montiert, den Großteil der bestehenden Fenster erhalten oder im Stiegenhaus die bestehenden Bodenbeläge belassen. Neu sind Deckenpaneele zur Heizung, Kühlung und Lüftung, die an den sichtbaren Originalbetondecken befestigt sind. Neu ist die Heizungs- und Kühlungsanlage: Das Haus wird mit zwei mächtigen Wärmepumpen geheizt und gekühlt. Bei Bedarf kann Fernwärme zugeschaltet werden.
Grüne Innenhöfe
Die Dächer und Innenhöfe wurden begrünt und zu attraktiven Freiflächen umgestaltet. Flexible Büroflächen, Gemeinschaftszonen sowie Gastro- und Sportflächen im Erdgeschoss öffnen das Gebäude zur Nachbarschaft. „Gerade im urbanen Raum lohnt es sich, Bestandsgebäude, die gut an die lokale Infrastruktur angebunden sind, zu erhalten und möglichst lange zu nutzen“, meint Karlheinz Boiger von Hohensinn Architektur. „Die Revitalisierung bestehender Strukturen ist oft der nachhaltigste Beitrag, den wir als Planer leisten können – sie schont Ressourcen und stärkt gleichzeitig gewachsene Stadtstrukturen.“
