Die Bauindustrie befindet sich an einem Wendepunkt. Steigende Anforderungen an Nachhaltigkeit, knappe personelle Ressourcen und wachsende regulatorische Vorgaben treffen auf eine Branche, die traditionell stark fragmentiert arbeitet. Für Thomas Bader ist klar: „Es setzen sich nur die wirtschaftlichen Ideen um.“ Als Geschäftsführer des bayerischen Unternehmens Leipfinger-Bader treibt er den Wandel aktiv voran. Das traditionsreiche Familienunternehmen entwickelt sich vom klassischen Ziegelhersteller hin zu einem Anbieter ganzheitlicher Bausysteme mit Fokus auf industrielle Fertigung, serielle Prozesse und skalierbare Lösungen. Ausgangspunkt dieser Transformation ist nicht primär die Technologie, sondern der Markt. „Uns treibt der Kunde an“, sagt Bader und verweist auf die veränderten Anforderungen von Bauherren, die zunehmend wirtschaftliche, schnelle und zugleich nachhaltige Lösungen erwarten.
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Vom Produkt zur industriellen Logik
Die klassische Bauweise stößt zunehmend an ihre Grenzen. Während die Produktion in den Werken hochautomatisiert ist, bleibt die Umsetzung auf der Baustelle häufig ineffizient und schwer planbar. In den Produktionsstätten von Leipfinger-Bader entstehen täglich Materialien für mehrere Einfamilienhäuser, dennoch hängt der tatsächliche Absatz stark von volatilen Bauzyklen ab. Daraus leitet sich für Bader ein klarer strategischer Schritt ab: weg vom Einzelprodukt, hin zu vorgefertigten Systemen. Serielle und modulare Bauweisen ermöglichen standardisierte Abläufe, reduzieren Kosten und erhöhen die Planungssicherheit für Investoren und Bauträger. Ein Beispiel ist die Integration von Gebäudetechnik in den Rohbau. Durch die Verlagerung von zentralen Lüftungssystemen hin zu dezentralen in Bauelemente integrierten Lösungen lassen sich Kosten deutlich reduzieren. „Mit einer dezentralen Lüftungsanlage spare ich mir ungefähr die Hälfte der Kosten“, erklärt Thomas Bader.

Nachhaltigkeit wirkt in diesem Kontext nicht als Zusatzanforderung, sondern als integraler Bestandteil wirtschaftlicher Optimierung. Regulatorische Impulse wie die EU-Taxonomie erhöhen den Druck, gleichzeitig zeigt sich, dass nachhaltige Bauweisen vor allem dann erfolgreich sind, wenn sie wirtschaftliche Vorteile bieten. „Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit am Bau schließen sich nicht aus“, betont Bader. Durch industrielle Vorfertigung lassen sich Baukosten senken und gleichzeitig CO₂-Emissionen reduzieren, was nachhaltige Lösungen auch für Investoren attraktiv macht.
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Lehm als industrieller Baustoff
Eine zentrale Rolle in dieser Transformation spielt ein Material mit langer Tradition: Lehm. In Kombination mit Holz entsteht ein Bauprinzip, das sowohl ökologisch als auch funktional überzeugt. Thomas Bader beschreibt diesen Ansatz als „eine neue Erfindung des Alten“. Historisch bewährte Materialien werden dabei in industrielle Prozesse überführt, etwa durch die Entwicklung von vorgefertigten Holz-Lehm-Decken. Diese Systeme bieten Vorteile in Bezug auf CO₂-Bilanz, Schallschutz und Brandschutz und stoßen insbesondere bei Architekten auf großes Interesse. Während klassische Produktoptimierungen oft wenig Aufmerksamkeit erzeugen, gewinnen Lösungen an Bedeutung, die substanzielle ökologische Verbesserungen ermöglichen. Insbesondere die Aussicht, den CO₂-Ausstoß eines Gebäudes deutlich zu reduzieren, erhöht die Akzeptanz solcher Systeme im Markt.

Gleichzeitig bleibt die Umsetzung anspruchsvoll. Normen, Zulassungen und umfangreiche Prüfverfahren stellen hohe Anforderungen an neue Bauweisen. Thomas Bader sieht hierin keinen Anlass, Standards zu senken, sondern vielmehr einen Auftrag an die Industrie, Innovationen innerhalb bestehender Rahmenbedingungen marktfähig zu machen. Ein zentrales Problem liegt jedoch in ineffizienten Prozessen, insbesondere im Genehmigungswesen. Standardisierte Gebäude müssen in unterschiedlichen Regionen immer wieder neu geplant und genehmigt werden, was die Baunebenkosten erheblich erhöht und Projekte verzögert.

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Digitalisierung und Skalierung als Schlüssel
Ein wesentlicher Hebel zur Effizienzsteigerung liegt in der Digitalisierung. Während Produktionsprozesse bereits stark automatisiert sind, besteht bei administrativen Abläufen erheblicher Nachholbedarf. „Wir erfinden ja jedes Gebäude immer wieder neu“, kritisiert Bader. Digitale Genehmigungsverfahren und standardisierte Planung könnten hier deutliche Verbesserungen bringen. In Kombination mit modularen Bauweisen eröffnen sich erhebliche Potenziale zur Beschleunigung von Bauprojekten und zur Reduktion von Kosten.
Trotz technologischer Fortschritte bleibt der Faktor Mensch entscheidend. Der Fachkräftemangel zwingt Unternehmen, Prozesse zu automatisieren und gleichzeitig attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen. Leipfinger-Bader gelingt es, qualifizierte Mitarbeitende zu gewinnen, was Thomas Bader auch auf den Innovationsanspruch des Unternehmens zurückführt. „Man zieht sich so gegenseitig an“, beschreibt er diesen Effekt. Flache Hierarchien und die Möglichkeit, an zukunftsweisenden Projekten zu arbeiten, tragen zur Attraktivität bei, selbst in strukturell weniger gut angebundenen Regionen.
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Evolution statt Disruption
Die Transformation der Bauwirtschaft verläuft weniger disruptiv als in anderen Industrien. Statt schneller technologischer Umbrüche prägen schrittweise Veränderungen das Bild. Entscheidend ist dabei die Wirtschaftlichkeit neuer Lösungen. Technologien setzen sich dann durch, wenn sie Kosten senken, Prozesse vereinfachen oder zusätzliche Mehrwerte schaffen. In diesem Spannungsfeld aus Tradition, Innovation und wirtschaftlichem Druck entwickelt sich eine neue Logik des Bauens, die stärker systemisch, industriell und nachhaltig geprägt ist.
Zur Person
Thomas Bader ist Geschäftsführer des bayerischen Baustoffunternehmens Leipfinger-Bader, das er in fünfter Generation führt. Das familiengeführte Unternehmen mit Wurzeln im 19. Jahrhundert hat sich unter seiner Leitung vom klassischen Ziegelhersteller zu einem Anbieter industrieller Bausysteme entwickelt. Leipfinger-Bader beschäftigt rund 400 Mitarbeitende und verfügt über mehrere Produktionsstandorte in Deutschland, Hauptsitz des Unternehmens ist Vatersdorf unweit von Landshut. Der strategische Fokus liegt auf serieller Fertigung, modularen Bauweisen und der Integration nachhaltiger Materialien wie Lehm in industrielle Prozesse.