Ein Stuhl ist ein Stuhl? Nicht unbedingt. Für einen älteren Menschen kann die Sitzhöhe darüber entscheiden, ob er ohne Hilfe wieder aufstehen kann. Für einen Musiker ist wichtig, ob unter der Sitzfläche genug Platz für Füße und Instrument bleibt. Und ein Schultisch muss im besten Fall mehrere Jahre mit seinen Nutzerinnen und Nutzern mitwachsen. Möbel können also weit mehr leisten als gut auszusehen. Oft sind es wenige Zentimeter, ein anderer Winkel oder ein zusätzliches Stück Holz, die den entscheidenden Unterschied machen.

Aufstehen ohne Hilfe

„Bei der Entwicklung liegt das besondere Augenmerk immer auf der Funktionalität und dem jeweiligen Anwendungsfall“, erklärt Max Wittmann, Geschäftsführer und Produktionsleiter von Trewit in Scharnstein. Die Massivholztischlerei wird in fünfter Generation geführt und fertigt unter anderem Stühle und Tische für Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser, Veranstaltungssäle, Gastronomie und Musikheime.

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Ein Sessel im Gasthaus muss klarerweise andere Aufgaben erfüllen als ein Stuhl, auf dem ein älterer Mensch möglicherweise einen großen Teil des Tages verbringt. Im Pflegebereich beginnt die Planung deshalb bereits bei der Sitzhöhe. Sind die Stuhlbeine für eine kleinere Person zu lang, erreichen die Füße den Boden nicht vollständig. Das belastet die Oberschenkel, erschwert das Aufstehen und kann dazu führen, dass die Beine einschlafen.

Lösungen gemeinsam erarbeiten

Auch die Armlehnen sind mehr als eine bequeme Ablage. Sie müssen so gestaltet sein, dass sich die Nutzer beim Hinsetzen und Aufstehen daran abstützen können. Genau dafür wurde der Seniorenstuhl Nonni entwickelt. Trewit arbeitete dabei mit dem Designstudio Lucy.D, dem Kompetenznetzwerk KI-I, Joka und Pflegeeinrichtungen zusammen. Ein umlaufendes Massivholzelement dient als Handlauf. Die Nutzer können sich rund um den Stuhl festhalten und beim Aufstehen nach vorne ziehen. Kleine Einfräsungen an der Unterseite der Armlehnen bilden einen Kreis und ein Rechteck. Sie lassen sich mit den Fingern ertasten, bieten eine kleine Beschäftigung und sollen die Wahrnehmung anregen.

Schön und funktional

Auch Hygiene und Reparierbarkeit wurden mitgedacht. Stoff- oder Kunstlederbezüge müssen gereinigt und nach Jahren ausgetauscht werden können. Die Polsterung bleibt daher demontierbar. „Für die Pflegekräfte ist so ein Sessel zum Teil auch ein Werkzeug“, sagt Wittmann. Die Konstruktion muss mehr aushalten als ein gewöhnlicher Wohnstuhl.

Trotz der Funktion soll der Sessel dabei nicht nach Krankenhaus aussehen. Durch Beiztöne, Bezugsstoffe und passende Ergänzungsmöbel lässt sich Nonni in ein wohnliches Raumkonzept integrieren. Ein Projekt erinnere eher an ein hochwertiges Hotel als an ein klassisches Altersheim, erzählt Wittmann: „Im Design war das schon ganz wichtig“.

Freiraum für den Ton

Auch bei Musikern entscheidet die Konstruktion darüber, ob ein Stuhl seine Aufgabe erfüllt. Wittmann spielt selbst Baritonsaxophon und kennt das Problem aus der Praxis. Auf einem gewöhnlichen Stuhl kann das Instrument an Sitzfläche oder Gestell anstoßen. Die Füße finden nicht die richtige Position, der Oberkörper fällt nach hinten und die Atmung wird erschwert.

Beim Orchesterstuhl Musikus ist das Gestell so angeordnet, dass genügend Platz für Füße und Instrumente bleibt. Ein verstellbares Rückenpolster unterstützt den Lendenwirbelbereich und lässt sich an Körpergröße und Sitzhaltung anpassen. Die aufrechte Position erleichtert die Stützatmung. Für Tuba und Bass entwickelte Trewit zusätzlich eine Plattform aus Holz, auf der das schwere Instrument zwischen den Beinen abgestellt werden kann. Das entlastet bei langen Proben Arme, Schultern und Rücken.

Auch bei Musiker*innen entscheidet die Konstruktion darüber, ob ein Stuhl seine Aufgabe erfüllt. © Thom Trauner

Ein halber Meter Wachstum

Und in den Schulklassen? Dort sitzen Kinder desselben Alters nebeneinander und unterscheiden sich dennoch deutlich in Größe und Körperbau. Manche wachsen innerhalb weniger Monate mehrere Zentimeter. Der Tisch bleibt jedoch oft derselbe. „Schulmöbel sollen so vielfältig sein wie unsere Kinder und individuell auf jedes einzelne Kind eingehen“, sagt Franz Josef Wiener, Geschäftsführer von Mayr Schulmöbel in Scharnstein. Das Unternehmen stattet Bildungseinrichtungen von der Volksschule bis zur Universität aus.

Zwischen dem ersten Schultag und dem achten Schuljahr können Kinder laut Wiener rund einen halben Meter wachsen. Es reiche allerdings nicht, lediglich die Tischhöhe anzupassen: Auch Sitzhöhe, Sitztiefe, Sitzbreite, Lehnenhöhe und der Abstand zwischen Sitzfläche und Rückenlehne müssen weiterhin zu den Körperproportionen passen. Zwischen den Größenklassen liegen laut Mayr etwa vier Zentimeter bei den Sitzhöhen und sechs Zentimeter bei den Tischhöhen. Die Schülertischserie Genio bietet dafür Lösungen von fixen Höhen bis zur stufenlosen Höhenverstellung. Schultaugliche Mechaniken ermöglichen es, den Arbeitsplatz über mehrere Jahrgänge anzupassen. Dabei müssen auch die übrigen Proportionen stimmen.

Klassenzimmer auf Wanderschaft

Auch der Unterricht ist beweglicher geworden. Auf Frontalunterricht folgen Gruppenarbeit, Präsentationen, Recherche oder eine Lesephase am Boden. Ein Klassenraum kann innerhalb einer Stunde mehrere Funktionen übernehmen.

Der klassische Zweiertisch verliert deshalb an Bedeutung. Sitzen ein großes und ein kleines Kind an derselben Platte, lässt sich die Höhe kaum für beide passend einstellen. Einzeltische können individuell angepasst und leichter neu gruppiert werden. Rollen, Stapelbarkeit und unterschiedliche Plattenformen ermöglichen Reihenaufstellungen, kleine Gruppen oder große Arbeitsinseln. Für konzentrierte Einzelarbeit gibt es Tischplatten, die bis zu zwanzig Grad geneigt werden können.

Auch sitzen bewegt

Bewegung findet auch am Platz statt. Bei der dynamischen Agiro Kunststoff-Sitzschale von Mayr verändert sich der Winkel zwischen Sitzfläche und Rückenlehne. Beugt sich ein Kind zum Schreiben nach vorne, schließt sich der Winkel. Lehnt es sich zum Zuhören zurück, öffnet er sich. Dadurch bleibt die Rückenmuskulatur in Bewegung. Ein richtig eingestellter Arbeitsplatz könne die Konzentration fördern und einen Beitrag zur Vorbeugung von Haltungsschäden leisten. Ein Allheilmittel seien ergonomische Schulmöbel allerdings nicht.

Leicht und trotzdem belastbar

Ein Schultisch soll so leicht sein, dass ein Kind ihn zur Seite schieben kann. Gleichzeitig muss er laut Mayr ungefähr siebenmal mehr aushalten als ein Tisch im Wohnzimmer. Genau darin liegt eine der größten konstruktiven Herausforderungen. Denn Schulmöbel bleiben oft 25 bis 30 Jahre im Einsatz. Scharniere, Gleiter, Sitze oder Türen müssen daher auch nach Jahrzehnten ersetzt werden können.

Tragende Teile bestehen daher häufig aus Metall. Je nach Beanspruchung setzt Mayr bei Tischplatten auf beschichtete Span-, Schichtstoff- oder besonders robuste Kompaktplatten. Fein strukturierte Oberflächen sind widerstandsfähig und leicht zu reinigen.

Auf Massivholz setzt Mayr bei der Legno-Serie. Sie besteht aus dem Tisch Plano und dem Freischwinger-Stuhl Swing, gestaltet von Designer Robert Rüf. C-förmige Kufen schaffen Freiraum für die Füße, Bodengleiter ermöglichen leises und bodenschonendes Verschieben. Die Sitzschale aus Buchensperrholz verfügt über ein integriertes Griffloch und eine ausgeprägte Lordosenstütze.

Die Wohnung als Puppenhaus

Wenn Rita Katzmaier eine Wohnung plant, beginnt sie nicht immer mit einer Zeichnung. Für blinde Kundinnen und Kunden wäre diese nur begrenzt hilfreich. Stattdessen entsteht ein Modell des künftigen Raumes.

Katzmaier führt mit ihrem Sohn Michael Stöllner das Einrichtungsteam Katzmaier in Reichenthal. Der Familienbetrieb wird in siebter Generation geführt und plant seit mehr als dreißig Jahren Einrichtungen für blinde Menschen und Personen mit anderen körperlichen Beeinträchtigungen. „Blinde Menschen haben denselben Wunsch nach Ästhetik und praktischen Anordnungen wie jeder Sehende“, sagt die Unternehmerin. Die Herausforderung liege dabei weniger im fertigen Möbel als darin, die Planung verständlich zu vermitteln.

Dafür baut die Tischlerei Modelle im Maßstab 1:10 oder 1:5. Wände, Türen, Möbel und Laufwege lassen sich mit den Händen erkunden. Im Modell hängt bereits ein Stück des späteren Vorhangstoffs, die Miniaturmöbel bestehen aus derselben Holzart wie die tatsächliche Einrichtung und auch der Bezug der Couch wird eingesetzt.

„Man führt den blinden Menschen praktisch an der Hand durch seinen Raum – im kleinen Format“, beschreibt die Tischlermeisterin die Methode. Die Kunden können ertasten, wie breit ein Durchgang ist, wo ein Schrank steht und welche Materialien aufeinandertreffen. Unlackierte, ausgebürstete Holzmuster machen die Maserung spürbar. Über die Jahre habe sie sich zudem eigene Begriffe angeeignet, um Holzarten, Farben und Raumstimmungen zu erklären.

Barriere Touchscreen

Am fertigen Möbel sind die Unterschiede oft kaum sichtbar. Bei Bedarf werden Kanten etwas stärker gerundet, hervorstehende Elemente vermieden und Kästen feiner unterteilt. Tastbare Griffe können die Bedienung erleichtern. Für Menschen mit bestimmten Sehbeeinträchtigungen sind zudem starke Kontraste hilfreich.

Größere Schwierigkeiten entstehen heute häufig bei Elektrogeräten. Während sich klassische Drehregler durch Raststufen ertasten lassen, bieten glatte Touchflächen kaum Orientierung. Wischen und Tippen ohne fühlbare Rückmeldung wird für blinde Menschen zur Barriere.

Standards gibt es nicht

Standardlösungen gibt es bei Katzmaier nicht. Für eine Frau mit zwei Beinprothesen baute die Tischlerei einen „Parkplatz am Nachttisch“, an dem die Prothesen sicher abgelegt werden können. Für eine kleinwüchsige Kundin entstand eine Küche im individuell angepassten „Puppenküchen-Format“.

Ein Spezialmöbel muss dabei nicht wie ein Spezialmöbel aussehen. Oft genügen eine andere Sitzhöhe, eine abgerundete Kante oder ein Stück Holz an der richtigen Stelle. Kleine konstruktive Entscheidungen können darüber bestimmen, ob ein Mensch Hilfe benötigt oder seinen Alltag selbstständig bewältigen kann. ■

© Thom Trauner

Max Wittmann,
Geschäftsführer und ­Produktionsleiter, Trewit

Für die Pflegekräfte ist so ein Sessel zum Teil auch ein Werkzeug.

© Fotofilmwerk/Mayrschulmöbel

Franz Josef Wiener, ­Geschäftsführer Mayr ­Schulmöbel

Schulmöbel sollen so vielfältig sein wie unsere Kinder und individuell auf jedes einzelne Kind eingehen.

© Katzmaier

Rita Katzmaier und
Michael Stöllner, ­­Einrichtungsteam Katzmaier

Man führt den blinden Menschen praktisch an der Hand durch seinen Raum – im kleinen Format.