Herr Schneemann, Sie sind seit 20 Jahren im Bereich der Erneuerbaren Energie tätig. Was hat sich in dieser Zeit in Österreich getan?

Andreas Schneemann: Sehr vieles. Als ich damals erste Vorträge über Photovoltaikanlagen in Gemeinden gehalten habe, wurde ich oft angesehen, als käme ich vom Mond. Die Vorstellung, selbst Strom zu erzeugen, erschien vielen Menschen absurd. Heute ist das völlig anders. Die Technologie ist in der breiten Bevölkerung angekommen.

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Ohne Förderungen funktionieren

Die Technologie ist mittlerweile leistbar geworden …

… genau. Und das ist sehr wichtig. Eine gute Technologie muss ohne Förderungen funktionieren. Genau das ist bei der Photovoltaik mittlerweile der Fall. Und auch Speichertechnologien bewegen sich in diese Richtung.

Wo steht Österreich heute bei der Energiewende?

Andreas Schneemann
Andreas Schneemann: "Als ich damals erste Vorträge über Photovoltaikanlagen in Gemeinden gehalten habe, wurde ich oft angesehen, als käme ich vom Mond." © solar.one

Im Strombereich stehen wir vergleichsweise gut da. Historisch profitieren wir von der Wasserkraft und verfügen bereits über einen hohen Anteil erneuerbarer Energien im Stromsystem. Betrachtet man jedoch das gesamte Energiesystem mit den Bereichen Strom, Wärme und Mobilität, dann gibt es noch erheblichen Aufholbedarf. Vor allem die Sektoren Wärme und Mobilität wurden lange Zeit vernachlässigt.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Vor allem einen abgestimmten Prozess zwischen allen Beteiligten. Es gibt viele Einzelinitiativen, aber oft fehlt die gemeinsame Richtung. Darüber hinaus hätte ich mir mehr Geschwindigkeit bei den regulatorischen Rahmenbedingungen gewünscht. Viele notwendige Gesetze hätten bereits vor Jahren beschlossen werden können. Klare und verlässliche Rahmenbedingungen sind entscheidend, wenn man ambitionierte Ziele erreichen möchte.

Welche Bedeutung hat dabei die Dezentralisierung des Energiesystems?

Eine sehr große. Unser Energiesystem ist das Ergebnis einer historisch gewachsenen Struktur: Große Kraftwerke versorgen über hierarchisch strukturierte Netze Regionen. Die Zukunft liegt jedoch in einem dezentralen System mit vielen Erzeugern. Das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz trägt dieser Entwicklung erstmals Rechnung. Es schafft Rahmenbedingungen für ein Energiesystem, das auf erneuerbaren und dezentralen Strukturen basiert.

Energiegemeinschaften gelten als wichtiger Baustein für das Energiesystem der Zukunft. Warum?

Energiegemeinschaften ermöglichen erstmals, Strom über Grundstücksgrenzen hinweg und unter Nutzung des öffentlichen Netzes auszutauschen. Das schafft neue Möglichkeiten für Gemeinden, Unternehmen und Privatpersonen. Der große Vorteil besteht darin, dass lokal erzeugter Strom auch lokal genutzt werden kann. Dadurch profitieren die Teilnehmer von günstigeren Energiekosten und entwickeln gleichzeitig ein stärkeres Bewusstsein für ihren Energieverbrauch. Das ist aber nur der erste Schritt. Es braucht auch die umfassende Betrachtung der physikalische Ebene.

Was meinen Sie damit?

Energiegemeinschaften sind zunächst ein bilanzielles Modell. Die Zuordnung des Stroms erfolgt über Daten und Smart Meter. Der tatsächliche Stromfluss verändert sich dadurch nur begrenzt. Für ein vollständig erneuerbares Energiesystem bedarf es auch der physikalischen Ebene. Das bedeutet: die Energie wird dann genutzt oder gespeichert, wenn sie erzeugt wird. Genau daran arbeiten wir in unserer Unternehmensgruppe mit unseren Konzepten.

Wie schaut das konkret aus?

Ein möglicher Ansatz ist unser sogenanntes Energiezellen-System. Dabei werden Erzeuger und Verbraucher innerhalb einer Region digital miteinander vernetzt. Ziel ist es, verfügbare erneuerbare Energie möglichst lokal zu nutzen oder zwischenzuspeichern. Dadurch werden übergeordnete Netze entlastet und die regionale Versorgung gestärkt.

Gibt es solche Energiezellen bereits in der Praxis?

Ja. Erste Projekte befinden sich bereits im Aufbau oder sind in Betrieb. Wir arbeiten unter anderem im Burgenland und in der Südoststeiermark an entsprechenden Umsetzungen. Dort sammeln wir praktische Erfahrungen und entwickeln die Systeme laufend weiter.

Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Installateur*innen?

Sie werden eine Schlüsselrolle spielen. Die notwendigen Systeme müssen schließlich geplant, gebaut und in Betrieb genommen werden. Gleichzeitig steigt die Komplexität. Photovoltaik, Speicher, Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur und digitale Steuerungen müssen künftig miteinander kommunizieren. Das erfordert ein tieferes Verständnis für das Gesamtsystem.

Was erwarten Sie in diesem Zusammenhang von den Herstellern?

Vor allem offene und harmonisierte Schnittstellen. Das ist eine der größten Herausforderungen. Heute verwenden viele Hersteller zwar ähnliche Kommunikationsstandards, interpretieren diese aber unterschiedlich. Dadurch entstehen erhebliche Integrationsaufwände. Wenn wir ein intelligentes und vernetztes Energiesystem aufbauen wollen, müssen die verschiedenen Komponenten deutlich einfacher miteinander kommunizieren können.

Kann das Energiesystem tatsächlich vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt werden?

Davon bin ich überzeugt. Dazu braucht es vor allem Speicherlösungen, sowohl für kurze als auch für längere Zeiträume. Technologien wie Batteriespeicher, thermische Speicher oder perspektivisch auch Wasserstoff werden dabei wichtige Rollen spielen. Der Weg ist anspruchsvoll, aber technisch machbar.

Welche Rolle spielen Gemeinden bei dieser Transformation?

Schneemann: Eine sehr wichtige. Gemeinden genießen Vertrauen und haben Vorbildwirkung. Wenn Bürger sehen, dass ihre Gemeinde in erneuerbare Energie investiert und positive Erfahrungen macht, steigt die Akzeptanz enorm. Deshalb setzen wir bewusst auf kommunale Projekte.

Was sind letztlich die stärksten Argumente für erneuerbare Energien?

Wirtschaftlichkeit sowie Unabhängigkeit und Freiheit. Erneuerbare Energien hätten ihren Siegeszug nicht angetreten, wenn sie wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig wären. Noch wichtiger ist jedoch die Unabhängigkeit. Jede Kilowattstunde erneuerbarer Energie reduziert unsere Abhängigkeit von fossilen Importen und geopolitischen Krisen. Wenn man Wirtschaftlichkeit und Unabhängigkeit zusammen denkt, stelle ich mir eine einfache Frage: Warum diskutieren wir überhaupt noch über diesen Weg?