„Wenn Handler wüsste, was Handler weiß.“ Dieser Satz fiel vor einiger Zeit bei einem Workshop des niederösterreichischen Bauunternehmens Handler – und er gilt nicht nur für Handler. „Der Satz bringt den Inhalt des Projekts perfekt auf den Punkt“, sagt Renate Scheidenberger, Baumeisterin und Geschäftsführerin von Smart Construction Austria (SCA).
Was wissen die anderen?
Das Projekt, das ist ein Vorhaben in dem die Mitglieder der SCA sich intensiv mit dem Thema Wissensmanagement befassen. Das Besondere: Es geht nicht nur darum, dass ein Unternehmen das vorhandene Know-how betriebsintern sammelt, strukturiert und für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügbar macht. Das Ganze soll über Unternehmensgrenzen hinweg funktionieren. Anders formuliert: Wenn wir in der SCA wüssten, was wir alle wissen.
Bei der SCA handelt es sich um eine Allianz von sechs mittelständischen Bauunternehmen, die sich 2019 gebildet hat. Die Gesellschafterbetriebe sind breit über Österreich verteilt. Mit dabei sind – von West nach Ost gereiht – Tomaselli Gabriel Bau aus Vorarlberg, Riederbau aus Tirol, Hillebrand Bau aus Salzburg, Wimberger Bau aus Oberösterreich, die DI Wilhelm Sedlak GmbH aus Wien und Handler Bau aus Niederösterreich. Das Ziel der sechs Unternehmen: „Den Bau von morgen aktiv mitzugestalten“.
Mut für neue Wege
Die Mitglieder tauschen in einem strukturierten Prozess Informationen und Erfahrungen aus. Sie erarbeiten Lösungen für konkrete Fragestellungen, führen Forschungsprojekte durch und kümmern sich darum, dass die Erkenntnisse daraus, in den Arbeitsalltag einfließen. Wesentliche Themen, mit denen sie sich befassen: nachhaltige Bauweisen, moderne Prozesse oder Digitalisierung. „Wir wollen Innovationen in die Praxis bringen. Dafür nutzen wir unser gemeinsames Know-how und haben auch den Mut, neue Wege zu gehen“, so SCA-Geschäftsführerin Scheidenberger.
„Die Zusammenarbeit mit der SCA und ihren Gesellschafterunternehmen ist deshalb so einzigartig, weil wir hier die klassische Konkurrenzlogik der Baubranche aufbrechen“, meint Paul Kampusch vom Beratungsunternehmen ISN, der die SCA begleitet. „Statt, dass jeder Akteur im stillen Kämmerlein das Rad neu erfindet, bündeln wir die Innovationskraft und das Praxis-Know-how führender Köpfe an einem Tisch“, so Kampusch weiter. „Wer die Baustelle der Zukunft bauen will, muss das Silodenken von gestern einreißen.“
Wissen bündeln
Bündeln – das ist auch das Stichwort für das Thema Nummer eins, mit dem die Mitglieder sich heuer befassen: das eingangs erwähnte Wissensmanagement. Ziel des Projekts ist es, das Wissen, das in den einzelnen Mitgliedsbetrieben vorhanden ist – unter Wahrung der strengen Datenschutzvorgaben – für alle Mitarbeiter*innen verfügbar zu machen.
Dafür arbeitet man an einer gemeinsamen KI-gestützten Wissensplattform. Konkret entwickelt man derzeit sechs Module, die den Mitarbeiter*innen die Arbeit unmittelbar erleichtern sollen: Dazu zählt ein sogenannter „Mängelassistent“, der die Beschäftigten auf der Baustelle unterstützen soll. „Hat ein Polier beispielsweise ein Problem bei einer Abdichtung oder bei einem Anschlussdetail, kann er den Fall in das System eingeben. Die Plattform durchsucht daraufhin bereits dokumentierte Erfahrungen aus allen sechs Unternehmen und schlägt passende Lösungen vor. Dadurch können ähnliche Probleme schneller und effizienter gelöst werden“, beschreibt Scheidenberger die Funktionsweise des Moduls.
Fotos finden
Ein „Fotofinder“ soll dabei helfen, die tausenden Fotos, die täglich auf den Baustellen entstehen, zu finden. Scheidenberger: „Mitarbeiter können künftig gezielt nach bestimmten Bildern suchen – etwa nach Fotos vor dem Verschließen einer Decke oder eines Schachtes.“ Die KI erkennt die Inhalte der Bilder und liefert die passenden Ergebnisse – ohne dass diese vorher aufwendig beschlagwortet werden müssen.
Für Ordnung in den Dateiablagen soll ein weiteres Modul sorgen. Die Anwendung analysiert vorhandene Dateien und ordnet einer neuen Struktur zu oder ordnet neue Dokumente automatisch den passenden Bereichen zu. „Ziel ist es, Informationen schneller auffindbar zu machen und die Datenablage langfristig zu vereinheitlichen“, meint Scheidenberger.
Lieferanten suchen
Ein „Lieferantenatlas“ soll als intelligente Such- und Bewertungsplattform für Partnerunternehmen und Lieferanten dienen. Das Ziel: Die Mitarbeiter*innen können künftig nach Kriterien wie Qualität, Verlässlichkeit, kurzen Transportwegen oder möglichen Synergien mit anderen Projekten den passenden Lieferanten für ein Projekt suchen.
Als äußerst hilfreich könnten sich auch ein sprachgesteuertes Bautagebuch erweisen: Die Mitarbeiter*innen sollen in Zukunft per Spracheingabe Informationen in das Tool diktieren können. Das System führt sie dabei Schritt für Schritt durch den Prozess und stellt automatisch Rückfragen – etwa welche Firmen anwesend waren oder welche Arbeiten durchgeführt wurden. „Dadurch wird die Dokumentation einfacher, vollständiger und man spart Zeit“, verspricht sich Scheidenberger.
Das sechste Modul
Der sechste Prototyp, an dem derzeit gearbeitet wird, ist ein Modul, in dem das Wissen, das die Mitgliedsbetriebe in sogenannten „Erfahrungsaustauschgruppen“ sammelt, strukturiert und durchsuchbar macht.
Bis zum Herbst sollen die Prototypen fertiggestellt werden. Wenn alles so läuft wie geplant, ist das aber erst der Anfang. Scheidenberger: „Unser Innovationsteam arbeitet bereits an weiteren Ideen. Wir haben mittlerweile bereits 19 Themen identifiziert, die zum Wissensmanagement passen könnten. Die Plattform wird laufend erweitert werden.“