Ende 2025 wurden die ersten beiden Stockwerke des Informatik-Gebäudes der Technischen Universität Wien in der Favoritenstraße 9–11 begrünt. Nach einem langen Winter mit Schnee, Frost und niedrigen Temperaturen entwickelte sich die Vegetation innerhalb weniger Monate deutlich stärker als von vielen Beteiligten erwartet. Heute prägen rund 7.700 Pflanzen das Erscheinungsbild der Fassade.
„Es waren kleine zarte Pflänzchen, die eingesetzt wurden. Das war Ende November letzten Jahres“, sagt Azra Korjenic, Projektleiterin des Forschungsprojekts „Green Facade Digital Twin“ an der Technischen Universität Wien in Wien. Trotz schwieriger Witterungsbedingungen hätten sich die Pflanzen im Frühjahr rasch entwickelt. Zum Einsatz kamen unter anderem Erdbeeren, Geranien und weitere robuste Blühpflanzen.
Erfolgsfaktor Zusammenarbeit
Der Umsetzung der Fassadenbegrünung ging eine umfangreiche Planungsphase voraus. Da sich das Gebäude in einer Schutzzone befindet, mussten die Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der Fassade geprüft und zahlreiche Genehmigungen eingeholt werden. Zusätzlich wurden vor Projektbeginn 180 Universitätsangehörige sowie 45 Passant*innen befragt.
Die Projektzusage erfolgte im Jahr 2024. Im Juli 2025 begann der Bau, sechs Monate später waren die Begrünungselemente montiert. „Das alles war nur möglich, weil sich die meisten aus dem Team bereits von vorherigen Projekten gut kannten und jeder wusste, wer welche Stärken und Expertise mitbringt“, erklärt Azra Korjenic.
Die Umsetzung der Begrünung verantwortete Sascha Haas mit seinem Team von Techmetall. Vor Produktionsbeginn wurde die Fassade mittels Laservermessung exakt erfasst. Am Projekt beteiligt sind neben dem Forschungsbereich für Ökologische Bautechnologien auch die Forschungsbereiche Integrale Planung und Industriebau, Computer Graphics sowie Automation Systems der Technischen Universität Wien.
„Jedes Mal, wenn ich am Gebäude in der Favoritenstraße vorbeigehe und auf diese wunderschöne Fassade schaue, freue ich mich. Die Grünpflanzen erfreuen nicht nur unser Auge, sondern sind auch ein Zeichen der Wertschätzung für die Mitarbeiter*innen in diesem Bürohaus und ein erster Schritt in Richtung nachhaltige Gebäudenutzung“, sagt Gerti Kappel, Dekanin der Fakultät für Informatik der Technischen Universität Wien.
Digitale Überwachung und bauphysikalische Analysen
Die Bewässerung der rund 7.700 Pflanzen erfolgt automatisiert. Eine Zeitschaltuhr und ein Computersystem steuern die Wasserversorgung abhängig von Jahreszeit und Temperatur. Bei den derzeitigen Temperaturen erfolgt die Bewässerung drei Mal täglich.
Im Rahmen des Projekts untersuchen die Forschenden außerdem den Hinterlüftungsspalt zwischen Begrünung und Gebäudehülle. Verglichen werden unterschiedliche Fassadenabstände sowie geschlossene, halboffene und offene Belüftungsvarianten. Ziel ist es, Erkenntnisse über Wärmeschutz, Feuchteregulierung, Austrocknungsverhalten und langfristige konstruktive Sicherheit zu gewinnen.
Parallel dazu entsteht ein digitaler Zwilling der Fassade. Das dreidimensionale Gebäudemodell wird mit Echtzeitdaten aus dem Betrieb verknüpft und ermöglicht die laufende Beobachtung des Pflanzenwachstums. Simulationen sollen dabei helfen, den gesamten Lebenszyklus der Fassadenbegrünung zu analysieren und zu optimieren.
„Die ‚Grüne Fassade in der Favoritenstraße‘ zeigt beispielhaft, wie Forschung und Entwicklung zusammenwirken können. Für die TU Wien bietet das Projekt die Möglichkeit, innovative Begrünungs- und Gebäudetechnologien unter realen Bedingungen zu erforschen und damit wichtige Grundlagen für nachhaltiges Bauen und lebenswerte Städte der Zukunft zu schaffen“, sagt Wolfgang Kastner, Vizerektor für Digitalisierung und Infrastruktur der Technischen Universität Wien.
Erste Messergebnisse ab Sommer 2026
Das Forschungsprojekt umfasst drei Messzyklen. Der erste endet Ende Juli 2026. Bereits jetzt seien Temperaturunterschiede im Bereich der Pflanzen messbar. „Dann werden wir erste konkrete Ergebnisse haben. Schon jetzt lässt sich jedoch sagen, dass in Pflanzennähe eine deutlich geringere Temperatur messbar ist“, sagt Markus Bader, verantwortlich für Dashboard, Datenverarbeitung und Datensicherung im Projekt an der Technischen Universität Wien in Wien.
Zur Datenerfassung wurde am gegenüberliegenden Gebäude eine Kamera installiert, die alle zehn Minuten ein Bild der Fassade aufnimmt. Die Bilddaten dienen unter anderem der Analyse von Sonneneinstrahlung und Pflanzenentwicklung. Daraus können auch Zeitrafferaufnahmen erstellt werden, die Veränderungen der Begrünung dokumentieren. Die Forschenden sehen in der Begrünung von Fassaden und der Beschattung von Gebäuden insbesondere in dicht bebauten Stadtgebieten Potenzial. Nach Angaben des Projektteams haben bereits weitere Fakultäten und Institute Interesse an ähnlichen Lösungen bekundet.