Es schaut nicht schlecht aus. Zugegeben. Aber das Optische ist bei ihm nicht entscheidend. Es zählt das, was in diesem Gebäude steckt – oder besser sagt: Was eben nicht in ihm steckt. Denn bei dem Bürogebäude in der Universitätsstraße 105 in Zürich handelt es sich um ein Haus nach dem Prinzip 22.26 der Lustenauer Architekten Baumschlager Eberle – und zwar, und das ist noch einmal etwas Besonderes, um das erste Bestandsgebäude, das nach diesem Prinzip umgestaltet worden ist.

Aktive Klimakomponenten

„Dieses Projekt zeigt, wie viel Potenzial im Bestand steckt, wenn man Masse, Material und Raum als aktive Klimakomponenten versteht“, meint Susanne Schmid, Geschäftsführerin von Baumschlager Eberle Architekten in Zürich.

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Die Bezeichnung 22.26 ist in diesem Fall Programm: 22.26 steht für eine Innentemperatur von 22 bis 26 Grad, die ein Gebäude konstant aufweist, das nach diesem Ansatz gebaut worden ist. Das Besondere daran: Das Kunststück gelingt ohne konventionelle Heizungs-, Kühl- oder mechanische Lüftungssysteme. Was wie architektonischer Hokuspokus klingt, ist in Wirklichkeit eine clevere Kombination von Bauphysik und intelligenter Software: das Prinzip 22.26 verbindet die hohe Speichermasse des Baukörpers mit klug geplanter Architektur, die den Lichteinfall berücksichtigt, und einer intelligenten Steuerung der Luft- und Energieströme mit einer eigens dafür entwickelten Software – dem 22.26-Operating System.

Erstmals ein Bestandsgebäude

Das Prinzip 22.26 kam in Zürich nun erstmals bei der Sanierung eines Bestandsgebäudes zum Einsatz. Besagtes Gebäude wurde in den 1970er-Jahren errichtet. „Wir haben ein Gebäude vorgefunden, das energetisch natürlich nicht mehr auf dem neuesten Stand war“, beschreibt Bernd Hofer, Geschäftsführer der 2226 GmbH in Lustenau, der federführend an dem Projekt beteiligt war, die Ausgangslage. „Wir haben das Gebäude gescreent und umfangreiche Simulationen durchgeführt“, erinnert sich Hofer. „Auf Basis dieser Simulationen haben wir dann unser Konzept entwickelt. Unser Ziel ist stets, ein Gebäude so zu optimieren, dass es möglichst ohne klassische Haustechnik auskommt.“

Im konkreten Fall war das nicht ganz möglich. Denn Hofer und sein Team fanden einen typischen Pfostenriegel-Bau mit einem Beton- Stahlskelett und einer Glasfassade vor, wie er in den 70er Jahren üblich war. Das Problem an dieser Konstruktion: Sie weist eine relativ geringe Speichermasse auf. Sie reichte nicht aus, um das Prinzip 22.26 vollständig umzusetzen. Man entschied sich daher für eine Hybrid-Lösung, bei der laut Hofer „nur minimale Spitzen beim Heizen oder Kühlen mit zusätzlicher Energie abgedeckt werden müssen“.

Fassade erneuert

Beim Umbau wurde die ursprüngliche Glasfassade rückgebaut und durch moderne Glaselemente ersetzt, die auf einer Pfostenriegel-Konstruktion mit einer Gesamtdicke von etwa 20 Zentimetern montiert sind. „Die Tragstruktur – ein Stahlskelett – konnten wir größtenteils erhalten“, erläutert Hofer. „Wir haben im Sinne der Kreislaufwirtschaft möglichst viele bestehende Bauteile wiederverwendet.“ Die neuen Fensterelemente enthalten sogenannte „Ventilation Flaps“. Hofer: „Sie übernehmen die Be- und Entlüftung des Gebäudes und werden über unser eigenes Betriebssystem gesteuert. So schaffen wir ein angenehmes Raumklima –ohne konventionelle Lüftungsanlagen.“

Da auch die Anlage zur Heizung und Kühlung deutlich kleiner ausfällt als bei einem klassischen Bestandsgebäude, ergibt sich eine signifikante Reduktion der laufenden Energiekosten. Nach der Umstellung liegt der berechnete Verbrauch – inklusive Nutzerstrom – bei etwa 70 Kilowattstunden pro Kubikmeter pro Jahr.

Großes Potenzial

Hofer ist davon überzeugt, dass das Prinzip 22.26 ein großes Marktpotenzial hat – eben nicht nur im Neubau, sondern auch im Bestand. Besonders geeignet sind seiner Ansicht nach Gebäude aus der Zeit um 1920, die aufgrund ihrer massiven Wände viel Speichermasse bieten. Hofer: „Sie eignen sich besonders gut für unsere komplett technikfreie Variante“, meint er. „Bei Gebäuden mit geringerer Speichermasse oder schlechter Dämmung können wir auf Hybridlösungen zurückgreifen, um den Komfort sicherzustellen.“

Für die Spitzenlasten kommen vor allem Wärmepumpen oder – je nach Standort – Fernwärme zum Einsatz. „Bei der Wärmeabgabe zur Spitzenabdeckung setzt man bevorzugt auf einfache Lösungen“, erklärt Hofer. Der Strombedarf wird so weit wie möglich durch eigene Photovoltaikanlagen abgedeckt.

Deutliche Kostenvorteile

Das Prinzip 22.26 verspricht deutliche Kostenvorteile: „Im Neubau sind unsere Gebäude im Schnitt um rund 20 Prozent günstiger als konventionelle Gebäude“, rechnet Hofer vor. „Im Betrieb können um bis zu 50 Prozent Energie eingespart werden.“ Durch den Verzicht auf komplexe technische Systeme reduziert sich nicht nur der Energieverbrauch, sondern auch der Wartungs- und Betriebskostenaufwand über den gesamten Lebenszyklus – und natürlich werden auch die CO2-Emissionen deutlich gesenkt. Damit erfüllt das Projekt die Voraussetzungen für hohe Nachhal­tigkeitsstandards und strebt Zertifizierungen wie Minergie-P und BREEAM Refurbishment „Outstanding“ an. Hofer fasst es in wenigen Worten zusammen: „22.26 rechnet sich in allen Bereichen.“

Neue Glaselemente auf der Fassade.
Neue Glaselemente auf der Fassade. © Jürg Zimmermann
Kaum Haustechnik im Innern des Gebäudes.
Kaum Haustechnik im Innern des Gebäudes. © Jürg Zimmermann
So sah das vorher aus: Bürobau aus den 70er Jahren.
So sah das vorher aus: Bürobau aus den 70er Jahren. © BEA