Im Umfeld des Münchner Ostbahnhofs entsteht ein neues Quartier, das Werksviertel. Hier sollen innovative Arbeitswelten, also Büros nach New-Work-Konzepten, ebenso ihren Platz finden wie Gastronomie, Handel, Kunst und Freizeitangebote. „Work-live-Quartier“ lautet das Credo. Eines dieser Gebäude ist das i8, ein sechsgeschossiger Bürobau in Holz-Hybridbauweise. Beauftragt von der R&S Immobilienmanagement GmbH hat hier das renommierte dänische Architekturbüro C.F. Møller ein Gebäude entwickelt, in dem nicht nur eine nachhaltige Bauweise, sondern vor allem auch Räume mit hoher Aufenthaltsqualität wichtig waren.
Sechsgeschossige U-Form umschließt gebäudehohes Atrium
Auf einer Grundfläche von etwa 3.600 m2 entwickelt sich der Bau in Form eines liegenden U mit unterschiedlich langen Schenkeln. Der nördliche Flügel ist mit 115 m Länge mehr als doppelt so lang wie sein paralleles Gegenüber mit 49 m Länge. Ersterer mündet in einer rechtwinkligen Spitze, die ihrerseits nur dreigeschossig ist, aber eine Dachterrasse erhielt. Alle übrigen Bereiche sind sechsgeschossig.
Diese beiden etwa 19 m breiten Gebäudeschenkel sind in einem lichten Abstand von rund 11 m platziert. Zusammen mit dem rund 12 m breiten Querriegel umschließen sie bis zur Länge des kurzen Schenkels den innenseitigen U-Raum, der als Atrium dient. Jeder Gebäudeschenkel wird in Längsrichtung über einen zentralen Stahlbetonriegel erschlossen, der neben Treppen und Aufzügen auch sanitäre Anlagen und weitere Aufenthalts- und Besprechungsräume aufnimmt. Flure führen zu den beidseitig angeordneten Büros, deren Flächen sich flexibel unterteilen lassen, so dass jede Etage in ein bis sechs Mietbereiche unterteilt werden kann. Innerhalb der Etagen können die Bereiche mit Einzel- und Teambüros sowie Kommunikationsflächen organisiert werden. Die Holzskelettbauweise aus hochtragfähigen Buchen-Furnierschichtholz(Buchen-FSH)- Stützen und -Trägern ermöglichte die gewünschte offene Bürostruktur auf Basis eines Konstruktionsrasters in Gebäude-Querrichtung und in Büroraum-Längsrichtung von 5,40 m.
Neben den Büroräumen mit Raumhöhen von rund 3 m bietet das i8 mit seinem Atrium auch einen Eventspace für bis zu 600 Personen. Dieses über alle sechs Geschosse reichende Atrium ist besonders gestaltprägend. In dem hellen, offenen Raum bieten sich viele Möglichkeiten der „informellen Begegnung“ auf hölzernen Stufen, „schwebenden“ Treppen und Brücken. Belebt wird der Raum zudem durch große Holzrahmen, die sich aus der Innenfassade in den Luftraum zu schieben scheinen. Galerien und Loggien lockern die Innenfassade zusätzlich auf. Viel Tageslicht, Holz und Glas bereiten den Ankommenden einen freundlichen, inspirierenden Empfang. Networking, Wissensaustausch und der visuelle Kontakt zwischen den verschiedenen Etagen und Einheiten sollen so erleichtert werden, beschreiben die Architekten ihren Entwurfsansatz, mit dem sie 2020 aus dem ausgelobten Wettbewerb als Sieger hervorgegangen sind.

Schlankes Tragwerk dank Buchen-FSH-Bauteilen
Ohne Buchen-FSH, kurz Baubuche, wäre das Projekt in Holzbauweise mit solch schlanken Querschnitten und einfachen Verbindungen nicht möglich gewesen. Zwar hätte man das Gebäude in ähnlicher Struktur auch „klassisch“ mit Fichten-Brettschichtholz errichten können, dann aber überwiegend mit deutlich größeren Querschnitten – insbesondere bei Stützen und Hauptträgern – und komplexeren Anschlussdetails mit mehr Stahl bzw. mehr Stahlverbindungsmitteln. Die hohe Tragfähigkeit der Baubuche ermöglichte außer kleineren Querschnitten zudem die Ausbildung vieler Details als Holz-Holz-Verbindung, bei der die Lastübertragung direkt über Holzkontakt erfolgt.
Außer den langgestreckten Stahlbetonriegeln der beiden Gebäuderiegel sind quasi alle tragenden Bauteile wie Stützen, Fassaden- und Hauptträger sowie Unterzüge aus Baubuche gefertigt. Lediglich an den Gebäudeecken kamen Stahlbeton-Verbundträger (Peikko Deltabeam) zum Einsatz, um den Wechsel der Spannrichtung der Holz-Beton-Verbund(HBV)-Decken zu bewerkstelligen. Und an anderer Stelle wählten die Tragwerksplaner aufgrund von fehlenden Stützen zudem einen 12 m weit spannenden Stahlkastenträger als Überzug bzw. Abfangträger. Doch insgesamt lag der Fokus darauf, die Lasten möglichst durch Druckanschlüsse über Holz-Holz-Verbindungen zu übertragen, um so die Menge der Verbindungsmittel reduzieren zu können.

Hoher Vorfertigungsgrad der Rippendecken
Die Geschoßdecken wurden als HBV-Elemente in Form von Rippendecken mit Aufbeton ausgeführt. Bei der Montage wurde zunächst der Kern, bestehend aus Stahlbetondecken auf Stahlbetonstützen sowie im Bereich der sanitären Anlagen auch Stahlbetonwänden, errichtet. Anschließend folgte die Platzierung der rund 4,50 m hohen Baubuche-Stützen mit Abmessungen von 36 cm x 40 cm im Erdgeschoß, gesichert durch temporäre Absprießungen. Auf den Stützen in den Fassadenachsen wurden dann 36 cm breite und 48 cm hohe Baubuche-Träger verlegt. Zwischen diesen Fassadenträgern und dem massiven Kern konnte schließlich der „hölzerne Teil“ der HBV-Decken elementweise eingehängt, die Bewehrung eingelegt und die unterschiedlich großen Auskragungen vorbereitet werden. Zu jedem Deckenelement gehören vier Träger (b x h = 20 cm x 24 cm), jeweils einer an den äußeren Längsseiten sowie ein Doppelträger in der Mitte. Beplankt sind die Elemente betonseitig mit Holzspanplatten (LivingBoard P7). Zahnleisten, ebenfalls aus Baubuche, fassen die Deckenelemente an den Stirnseiten und sorgen so für deren Stabilität während Transport und Montage. Bevor schließlich der Aufbeton der HBV-Decken im Erdgeschoß eingebracht werden konnte, mussten entsprechende Abstützungen unter der Decke aufgestellt werden. Nach diesem Prinzip wurde das Gebäude Geschoß für Geschoß errichtet. Und so konnte der 23 m hohe Sechsgeschosser dank des hohen Vorfertigungsgrades in nur rund neun Monaten fertiggestellt werden.
Doch auch wenn prinzipiell immer in gleicher Weise vorgegangen wurde, unterscheiden sich die Details gemäß den jeweiligen Anforderungen. Typische Details stellen jedoch die Knotenpunkte an der Fassadenseite mit den 36 cm x 40 cm messenden Standardstützen dar, an die in Fassadenachse die Träger anschließen. Um Letztere aufzulagern, erhielten die Stützen beidseitig eine Ausklinkung von 10 cm Tiefe; Buchenholzdübel sichern deren Lage. Zudem wurden die Stützenköpfe zur Deckenseite hin, aber auch die Seiten der Fassadenträger so ausgefräst, dass die Rippendecken-Elemente hier ebenfalls aufliegen können. Die Deckenelemente erhielten zusätzlich oberseitig aufgeschraubte Stahlplatten zur Auflagerung auf den Stützen bzw. Fassadenträgern und den Stahlbetonkernen. Und zu guter Letzt stehen die Stützen des Folgegeschosses auf diesen Stahlplatten und werden mit Stahl-Winkelverbinder in ihrer Lage gesichert.

Die Fassade
Während im Inneren Holz und Glas die Architektur dominieren, tritt das Gebäude von außen mit einer markanten Fassade aus grünen Aluminiumstreben in Erscheinung. Diese ist unter anderem als Verbindung zu dem einstigen Bahn- und Industriestandort zu verstehen. Bei dem gewählten Grünton handelt es sich um den Farbton DB601-Grün, der Ton, der nach wie vor von der Deutschen Bahn als Anstrich für bestimmte Elemente wie Masten, Brücken oder Schranken verwendet wird. Das Aluminium selbst besteht zu 75 Prozent aus recyceltem End-of-Life-Aluminium, für dessen Herstellung nur ein Bruchteil des Energieaufwands erforderlich ist wie für die Herstellung von Primär-Aluminium.
Sparsamer Holzbau mit Flächengewinn
Zu guter Letzt ist der Flächenzugewinn bei einem Bürogebäude dieser Größenordnung aufgrund der Nutzung von Baubuche bemerkenswert. Denn das hochtragfähige Hartholz ermöglicht trotz hoher Lasten sehr schlanke Stützenabmessungen. In der Summe ergibt sich beim i8 – im Vergleich zu Stützen aus Fichten-Brettschichtholz – ein Flächenzugewinn von 64 m2. Je nach Quadratmeterpreis für Büroflächen kommt man hier mitunter auf einen bemerkenswerten Mehrwert, der bei einer Gebäudegröße wie das i8 in die Hunderttausende gehen kann – ein Betrag, der jeden Bauherrn und Investor aufhorchen lassen muss, ganz abgesehen von der Ästhetik eines Holzbaus aus dem hochtragfähigen Hartholz, die bei Entwurf und Planung natürlich im Vordergrund steht.
(bt)