Noch ist kein Ende der Pleitewelle am Bau in Sicht: Laut dem Kreditschützer KSV 1870 musste im ersten Halbjahr 485 Betriebe aus dem Baugewerbe Insolvenz anmelden. Das waren zwar 4,7 Prozent weniger als im Vorjahr aber fast 40 Prozent mehr als 2022. Der Bau liegt bei den Pleiten hinter dem Handel an zweiter Stelle.

Gebundenes Kapital

Als echtes Problem erweist sich in vielen Fällen das gebundene Kapital: Die ausführenden Unternehmen müssen Material beschaffen, Lieferanten absichern und bei Projekten teilweise erheblich in Vorleistung gehen – lange bevor ihnen daraus wieder Geld zufließt. Maschinen, Lagerbestände oder andere Vermögenswerte binden zusätzlich Kapital. „Gerät dieser Kreislauf ins Stocken, kann aus einer grundsätzlich soliden Geschäftslage rasch ein Liquiditätsproblem werden“, so Matthias Ortner, Equity Partner beim Unternehmensberater Advicum Consulting.

Entscheidend sind laut seiner Expertise dabei die unterschiedlichen Fristigkeiten: Wann muss ein Unternehmen Forderungen bezahlen, wie lange bleibt sein Kapital gebunden und wann fließt Geld aus einem Auftrag tatsächlich zurück? Experten weisen daher auf ein zentrales Instrument hin, mit der die Betriebe die Gefahr einer Insolvenz lindern können: ein cleveres Management des Working Capitals. Die Bauzeitung hat sich mit diesem Thema intensiv befasst. Siehe dazu die Brennpunkt-Story in dieser Ausgabe der auf den Seiten 12 und 13.

53 Prozent ausrechend ausgestattet

Die Redaktion wollte zudem wissen, wie das Baugewerbe die eigene Kapitalausstattung beurteilt und widmete ihre aktuelle Leser*innen-Umfrage diesem Thema. Die Antworten zeigen ein recht positives Bild: 53 Prozent der Befragten stimmen voll und ganz oder weitgehend der Aussage zu, dass ihr Unternehmen „über eine ausreichende Kapitalausstattung“ verfügt, um die aktuelle Marktsituation gut zu bewältigen. 23 Prozent beantworten die Frage mit „Teils/Teils“ und weitere 23 Prozent stimmen ihr nicht zu.

Ähnlich positiv fallen die Ergebnisse zur zweiten Frage aus: Bei der aktuellen Wirtschaftslage reicht die Kapitalausstattung bei 15 Prozent der Befragten für weitere 18 Monate aus, bei 23 Prozent für 24 Monate, bei 15 Prozent sogar für 36 Monate. Jeweils 23 Prozent der Befragten geben an, dass das Polster bei Ihnen nur 6 oder 12 Monate ausreicht.

Strukturelle Krise

Dennoch – befragt nach ihrer Einschätzung zum Ausmaß der aktuellen Krise teilen die Leserinnen und Leser der Bauzeitung die Einschätzung vieler Experten: Es handelt sich um mehr als eine vorübergehende Konjunkturdelle. „Es ist eine strukturelle Krise. Das werden viele Betriebe nicht übersehen“, meinen 8 Prozent. „Das ist eine strukturelle Krise. Wir müssen unser Geschäftsmodell anpassen“, antworten weitere 23 Prozent. Und „das ist eine schwere Flaute, die uns sehr fordert“, meinen 46 Prozent. Vergleichsweise entspannt zeigen sich die übrigen 23 Prozent. Ihre Reaktion: „Das ist eine Flaute, wie wir bewältigen werden.“

Breite Palette

Abschließend wollte die Bauzeitung wissen, welche Maßnahmen die Betriebe ergreifen, um die Krise zu bewältigen.  Hier zeigt sich eine durchaus breite Palette: Diese reicht von „Anpassung der Leistungen“ und „andere Geschäftsfelder etablieren“ über „Prozessoptimierungen“ und „Einsparungen im Backoffice“ bis hin zu „Arbeitsläufe vereinfachen“. Ein Betrieb praktiziert das empfohlene Working Capital Management. Zitat: „Das hat sich sehr bewährt.“ Eine weitere Antwort fällt eher launig aus: „Wir setzten drei Maßnahmen: Kosten senken, Kosten senke, Kosten senken.“ Eine weitere ist der Kategorie kurz und bündig zuzuordnen „Nichts.“