„Eine der am wenigsten nachhaltigen Baustellen Österreichs seit langer Zeit.“ Mit diesem Urteil in einem Linkedin-Post über das ehemalige Signa-Projekt Lamarr an der Wiener Mariahilfer Straße hat der Architektur- und Stadtforscher Robert Temel eine Debatte ausgelöst. Besonderen Anstoß nimmt er daran, dass das Nachfolgeprojekt Grand Museum Residences eine Vorzertifizierung in Gold durch die Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI) erhalten hat. Temel bezeichnet das als „Paradebeispiel für Greenwashing“.

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Im aktuellen Podcast des Architektur & Bau FORUM erläutert Temel seine Kritik. Sie richtet sich nicht allein gegen das konkrete Immobilienprojekt, sondern gegen ein Wirtschaftssystem, in dem der Abriss bestehender Gebäude finanziell attraktiver sein kann als deren Erhaltung, obwohl dadurch erhebliche zusätzliche Treibhausgasemissionen entstehen.

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Am Standort des ehemaligen Möbelhauses Leiner wurde zunächst das Bestandsgebäude abgetragen, um Platz für das von Signa geplante Kaufhaus Lamarr zu schaffen. Nach dem Scheitern des Projekts und der Insolvenz von Signa übernahm ein neuer Eigentümer – ein Tochterunternehmen der Stumpf-Gruppe – die Immobilie. Der bereits errichtete Rohbau wurde wiederum abgebrochen, um ein neues Projekt mit Schwerpunkt auf Wohnnutzung zu realisieren. Für Temel liegt darin der Kern des Problems. Nach seiner Einschätzung hätte zumindest ein erheblicher Teil des vorhandenen Rohbaus weiterverwendet werden können. Das hätte allerdings wirtschaftliche Nachteile für den Entwickler bedeutet, etwa durch eine geringere verwertbare Nutzfläche.

„Den Mehrertrag hat nur der Entwickler“, argumentiert Temel. Die zusätzlichen Emissionen durch den Ersatzneubau verursachten hingegen gesellschaftliche Folgekosten, etwa durch Klimaschäden und notwendige Anpassungsmaßnahmen. Diese würden nicht vom Projektentwickler, sondern von der Allgemeinheit getragen. In der Ökonomie spricht man von externalisierten Kosten. Ein Unternehmen erzielt einen wirtschaftlichen Vorteil, während ein Teil der damit verbundenen Belastungen außerhalb seiner eigenen Bilanz anfällt. Gerade in der Bauwirtschaft sieht Temel darin einen wesentlichen Grund, warum sich nachhaltigere Lösungen häufig nicht durchsetzen.

Was Nachhaltigkeitszertifikate übersehen

Besonders kritisch beurteilt Robert Temel die Nachhaltigkeitsbewertung des neuen Projekts. Die ÖGNI (Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft) hatte auf seine öffentliche Kritik reagiert und darauf verwiesen, dass die Entscheidungen der früheren Projektverantwortlichen nicht rückgängig gemacht werden könnten. Entscheidend sei, wie das neue Gebäude errichtet werde. Bewertet würden unter anderem Materialwahl, Rückbaubarkeit, Klimaanpassung und der Lebenszyklus des Neubaus.

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Temel hält diese Argumentation für unzureichend. „Man hat zunächst eine Tabula rasa geschaffen, eine Nulllinie, und erst ab dann gerechnet“, kritisiert er. Die Emissionen, die durch den Abbruch des vorhandenen Rohbaus entstanden sind, würden in der Nachhaltigkeitsbewertung des neuen Projekts nicht berücksichtigt.

Dabei geht seine Kritik über die ÖGNI hinaus. Auch bei anderen Zertifizierungssystemen und der EU-Taxonomie erkennt er ein grundlegendes Problem: Es existieren detaillierte Kriterien für nachhaltige Neubauten ebenso wie für die Sanierung bestehender Gebäude. Die aus seiner Sicht entscheidende Frage, ob ein vorhandenes Gebäude überhaupt abgerissen werden soll, bleibe jedoch weitgehend ausgeklammert.

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Für Temel führt das zu einem Widerspruch. Ein Neubau kann nach den geltenden Kriterien ausgezeichnete Nachhaltigkeitswerte erreichen, obwohl zuvor ein erhaltenswerter Bestand beseitigt wurde. Gerade die Emissionen, die sich durch dessen Weiterverwendung hätten vermeiden lassen, fallen damit aus der Betrachtung. Zudem verweist der Forscher auf den zeitlichen Faktor. Eine rückbaufreundliche Konstruktion sei grundsätzlich sinnvoll. Ihr ökologischer Nutzen werde aber möglicherweise erst in 50 Jahren oder noch später wirksam. Angesichts des internationalen Ziels, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen, sei das nicht ausreichend. „Das Wichtigste zur Reduktion von Emissionen ist, sie heute zu reduzieren“, betont Temel. Aus diesem Grund komme dem Bestandserhalt eine wesentlich größere Bedeutung zu als vielen anderen Nachhaltigkeitsmaßnahmen.

Warum sich Abriss wirtschaftlich lohnt

Ob sich der vorhandene Lamarr-Rohbau tatsächlich für das neue Wohnprojekt geeignet hätte, lässt sich ohne detaillierte Prüfung der Planung nicht abschließend beurteilen. Temel räumt selbst ein, die Pläne nicht im Detail zu kennen. Er ist jedoch überzeugt, dass zumindest eine teilweise Umnutzung möglich gewesen wäre.

Als entscheidendes Hindernis nennt er die unterschiedlichen Anforderungen der Gebäudenutzungen. Ein Kaufhaus benötigt höhere Geschosse als ein Wohngebäude. Bei einem Neubau mit geringeren Geschosshöhen lassen sich innerhalb des baurechtlich zulässigen Rahmens mehr Ebenen unterbringen. Das erhöht die verwertbare Fläche und damit die Ertragsmöglichkeiten. Aus ökologischer Sicht wäre es nach Temels Einschätzung hingegen sinnvoll gewesen, die vorhandene Struktur anzupassen. Denkbar wären etwa Eingriffe in den Rohbau gewesen, um die Belichtung der künftigen Wohnungen zu verbessern.

Der Fall verweist für ihn auf ein grundsätzliches Defizit zeitgenössischer Architektur: Gebäude werden häufig sehr spezifisch für eine bestimmte Nutzung geplant. Ändern sich die Anforderungen, wird eine Umnutzung technisch aufwendig oder wirtschaftlich unattraktiv. Als Gegenbeispiel nennt Temel die Gründerzeitarchitektur. Viele Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert können bis heute unterschiedliche Nutzungen aufnehmen, vom Gewerbe bis zum Wohnen. Diese Anpassungsfähigkeit sei eine wesentliche Voraussetzung für langfristig nachhaltiges Bauen.

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Es gehe daher nicht nur darum, energieeffiziente Gebäude mit möglichst klimafreundlichen Materialien zu errichten. Nachhaltigkeit müsse bereits bei der Planung berücksichtigen, ob sich ein Bauwerk über Jahrzehnte an veränderte Nutzungsanforderungen anpassen lässt. Ein weiteres Hindernis sieht Temel im geltenden Baurecht. Zahlreiche Anforderungen an Raumhöhen, technische Ausstattung und Sicherheit orientierten sich primär am Neubau. Bei der Adaptierung älterer Gebäude könnten sie erhebliche Zusatzkosten verursachen. Temel plädiert deshalb für eine sogenannte Umbauordnung, die stärker auf die Besonderheiten bestehender Bausubstanz eingeht. Mit geeigneten rechtlichen Rahmenbedingungen ließen sich wesentlich mehr Gebäude erhalten und wirtschaftlich sinnvoll weiterentwickeln.

Ein CO₂-Preis, der tatsächlich wirkt

Neben einer Reform des Baurechts fordert Temel eine konsequente Internalisierung der Klimakosten. Ein wirksamer CO₂-Preis müsste die gesellschaftlichen Schäden durch Treibhausgasemissionen in die Wirtschaftlichkeitsrechnung der Bauprojekte einbeziehen. Die derzeitigen Preise hält er dafür für viel zu niedrig. Als Beispiel nennt er eine überschlägige Berechnung des TU-Wien-Professors Peter Bauer zum ersten Abriss des ehemaligen Leiner-Kaufhauses. Demnach hätte die damalige CO₂-Bepreisung rechnerisch lediglich rund 90.000 Euro ausgemacht, sofern sie in dieser Form auf den Abriss angewendet worden wäre.

Bei einem Entwicklungsprojekt mit geschätzten Kosten von rund 500 Millionen Euro wäre dieser Betrag wirtschaftlich nahezu bedeutungslos gewesen. Nach Temels Einschätzung müsste ein CO₂-Preis etwa sieben- bis 30-mal so hoch liegen, um die tatsächlichen Folgekosten der Emissionen angemessen abzubilden. Erst dann würde sich das wirtschaftliche Verhältnis zwischen Abriss und Bestandserhalt wesentlich verändern. Damit stellt er auch die häufig vorgebrachte Gegenüberstellung von Ökologie und Wirtschaftlichkeit infrage. Würden die Klimafolgekosten den Verursachern zugerechnet, könnten sich nachhaltige Lösungen auch unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten besser behaupten. Ein wirksamer CO₂-Preis wäre aus seiner Sicht deshalb kein Gegensatz zur Marktwirtschaft, sondern ein Instrument, um deren Anreize in Richtung Nachhaltigkeit zu verändern.

Bestandserhalt braucht ein anderes Denken

Gesetzliche und wirtschaftliche Maßnahmen allein reichen nach Temels Überzeugung allerdings nicht aus. Ebenso wichtig sei ein gesellschaftlicher Wandel im Umgang mit bestehenden Gebäuden. Während Gründerzeitbauten häufig als wertvolle historische Substanz betrachtet würden, hätten es Gebäude jüngerer Epochen wesentlich schwerer. Ob ein Bauwerk als erhaltenswert gilt, hänge vielfach von ästhetischen Vorlieben oder seiner architekturhistorischen Bedeutung ab.

Aus der Perspektive des Klimaschutzes hält Robert Temel diese Unterscheidung für problematisch. Auch ein architektonisch wenig geschätztes Gebäude enthält bereits verbaute Materialien, Energie und Ressourcen. Sein Abriss vernichtet einen Teil dieses gebundenen Wertes und macht neuerliche Investitionen in Material und Energie notwendig. „Jeder Bau ist wertvoll“, lautet deshalb sein Credo. Vor einem Abriss müsse grundsätzlich geprüft werden, ob sich ein Gebäude erhalten und weiterverwenden lässt.

Zur Person

Robert Temel ist selbstständiger Architektur- und Stadtforscher, Berater und Publizist in Wien. Er studierte Architektur an der Universität für angewandte Kunst Wien und absolvierte ein postgraduales Soziologieprogramm am Institut für Höhere Studien. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen Baukultur, Wohnbau, Stadtentwicklung, kooperative Planungsverfahren und die Weiterentwicklung des Gebäudebestands.

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