Herr Wolf, wie digital ist die Baubranche heute?

René Wolf: Wenn ich den Bau mit anderen Branchen vergleiche, sehe ich noch deutlichen Nachholbedarf. In der Industrie man bereits ganz andere Automatisierungs- und Digitalisierungsgrade. Im Bau gibt es durchaus sehr gute und tiefgehende Insellösungen. Das Problem ist aber, dass zu viele Silos nebeneinanderstehen. Von einer durchgängigen digitalen Kette und komplett papierlosen Prozessen sind wir stellenweise noch weit entfernt.

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Welche Schulnote würden Sie dem Bau im Fach „Digitalisierung“ geben?

Eine Drei minus. Einzelne Unternehmen oder Geschäftsbereiche sind sehr gut unterwegs, aber eben nicht durchgängig. Gerade große Bauunternehmen sind häufig durch Zukäufe gewachsen. Dadurch hat man es mit einem Sammelsurium verschiedener Organisationen, Prozesse und IT-Systeme zu tun. Bei größeren Firmen sehen wir teilweise 15, 16 oder 17 Softwarelösungen, die irgendwie miteinander verbunden sind – bis hin zum ERP-System. Und bei kleineren Betrieben steckt die Digitalisierung oftmals in den Anfängen.

Wie zeigt sich dieses Silodenken in einem konkreten Bauprojekt?

Nehmen wir die Kalkulation. Ein Entwurf liegt vor, die Kosten werden kalkuliert, es folgt die Ausschreibung und irgendwann der Zuschlag. In der Umsetzung kommen Änderungen und Nachträge hinzu. Und da entsteht schnell ein Bruch: Neue Informationen werden nicht automatisch in den ursprünglichen Datenbestand zurückgespielt. Vieles wird händisch bearbeitet.

Was fehlt hier?

Wichtig ist es, eine „Single Source of Truth“ zu schaffen: Alle Beteiligten haben Zugriff auf die relevanten Informationen. Ich lege für ein Projekt einen Datensatz an, und dieser lebt über den gesamten Prozess weiter. Änderungen fließen zurück, sodass ich immer eine digitale Abbildung der Realität habe. Dann kann ich später auch vergleichen: Was hatten wir geplant, was ist tatsächlich passiert und warum gab es Abweichungen? Im Bau fehlt das vielfach. Man stellt mitunter irgendwann fest: Jetzt kostet es 30 Prozent mehr.

Digitalisierung bedeutet also mehr, als „nur“ eine neue Software einzuführen?

Absolut. Ich sehe einen Dreiklang aus Prozessen, Mindset und Tooling. Häufig wird eine neue digitale Lösung eingeführt, aber die Menschen arbeiten damit genauso weiter wie vorher. Dann wundert man sich, warum sich der große Nutzen nicht einstellt.

Wie gehen Sie vor, wenn sie ein Bauunternehmen bei der Digitalisierung beraten?

Wir schauen uns die Prozesse vom Anfang bis zum Ende an. Für uns als Softwareanbieter ist entscheidend zu verstehen, wie der Kunde tatsächlich arbeitet: Wie kommt er beispielsweise vom Entwurf zur Kostenabschätzung und weiter zur Ausschreibung? Erst wenn ich diesen kompletten Weg verstehe, kann ich Software entwickeln, die ihn ohne unnötige Umwege und Tausende Klicks unterstützt.

Das klingt einleuchtend …

… die Schwierigkeit ist: Im Prinzip machen alle Unternehmen ähnliche Dinge, aber jedes macht sie ein wenig anders. Gerade große Unternehmen sagen gerne: „Bildet es genauso ab, wie wir es machen – wir sind schließlich der Branchenstandard.“ Dann spricht man mit dem nächsten großen Unternehmen, und dort läuft es anders. Trotzdem hält auch dieses Unternehmen seinen Prozess für den Standard.

Gilt Digitalisierung eigentlich nur für große Baukonzerne?

Nein. Unsere klassische Klientel beginnt heute eher im „oberen“ Mittelstand – grob gesagt bei Unternehmen ab etwa 100 Mitarbeitern – und reicht bis zu den großen Bauunternehmen. Aber digitale Prozesse sind genauso für kleinere Firmen und Handwerksbetriebe relevant. Schließlich arbeiten auch Unternehmen mit zehn Mitarbeitern an großen Projekten mit. Die digitale Kette muss bis zu ihnen reichen.

Was ist dafür notwendig?

Die Software muss anders paketiert sein: einfacher, preislich passend und intuitiv bedienbar. In einem Handwerksbetrieb geht niemand drei Tage auf Schulung, bevor er eine Software verwenden kann. Die Leute müssen damit unmittelbar arbeiten können.

Was ist aus Ihrer Sicht notwendig, um die Digitalisierung am Bau voranzutreiben.

Zunächst etwas sehr Banales: weg vom Papier. Auf Baustellen gibt es nach wie vor Ausdrucke, Zettel und Lieferscheine, die später manuell erfasst werden. Dabei entstehen Fehler, und deren Klärung kostet Zeit und Geld. Der nächste Schritt besteht darin, hochwertige, gut strukturierte Daten zu schaffen. Wenn ich diese Daten habe und verstehe, kann ich Künstliche Intelligenz daraufsetzen. Dann lassen sich viele Prozesse automatisieren.

Wie schaut das konkret aus?

Ein Bauleiter könnte beispielsweise sagen: Erstelle mir den Baubericht der vergangenen Woche inklusive aller Nachträge und Claims. Heute kann es Stunden dauern, die Informationen zusammenzusuchen und daraus einen Bericht zu erstellen. Wenn ein Bauleiter fünf Stunden an einem Report arbeitet, ist das letztlich Geldverschwendung.

Welche Rolle spielt KI konkret in Ihren eigenen Produkten?

Wir haben mit RIB Unify eine neue Lösung vorgestellt, mit der wir jetzt schrittweise in den Markt gehen. Dabei steht unter anderem die Kollaboration und Vernetzung verschiedener Auftragspartner vor und auf der Baustelle im Fokus und die Plattform ist KI-nativ konzipiert.

RIB 4.0 Dashboard
RIB 4.0 Dashboard. © RIB Software

Was bringt das dem Kunden?

Ein gutes Beispiel ist die Kalkulation. Unser Ziel ist es, Kalkulatoren bei der Erstellung von Kostenschätzungen deutlich zu entlasten. Für ein Projekt mittlerer Komplexität streben wir an, den Aufwand für die Erstkalkulation um bis zu vier bis sechs Stunden zu reduzieren. In unseren Pilotanwendungen erreichen wir bereits eine Genauigkeit von rund 90 Prozent. Das reicht uns allerdings noch nicht. Wir sehen, dass wir eher bei 96 oder 97 Prozent liegen müssen, damit der Kalkulator tatsächlich nur noch gezielte Korrekturen vornehmen muss. 

Welche Einsparungen sind hier möglich?

Bei bestimmten Anwendungsfällen sprechen wir nicht über 10 oder zwanzig Prozent, sondern über Faktoren. Ein Prozess kann vielleicht auf die Hälfte oder ein Viertel der bisherigen Zeit reduziert werden.

Sprechen wir abschließend über den Markt: Welche Pläne haben Sie für Österreich?

Der DACH-Raum und insbesondere Deutschland und Österreich bleiben für uns sehr wichtig. In Österreich wollen wir unseren Marktanteil deutlich ausbauen. Dafür müssen wir die lokalen Normen und Anforderungen vollständig erfüllen. Bei unserem langjährig etablierten Bestandssystem sind die relevanten österreichischen Anforderungen sehr gut abgebildet. In unseren neueren Lösungen haben wir bei einzelnen Themen noch Lücken, etwa bei den für die Kalkulation relevanten Ö-Norm-Formaten und Definitionen. Das wollen wir bis Anfang 2027 umsetzen. Dann können wir in Österreich auch mit unseren modernen Lösungen deutlich stärker in den Markt gehen.