Der Dachsaal der Wiener Urania war gut gefüllt, als Kammerpräsident Bernhard Sommer das Symposium eröffnete. Bereits in der Einleitung wurde deutlich, dass die Veranstaltung weniger als klassische Fachkonferenz gedacht war, sondern vielmehr als wohnbaupolitische Positionsbestimmung der „Kammer Ost“, wie sich die Kammer der Ziviltechniker:innen für Wien, Niederösterreich und Burgenland inzwischen nennt.

Ulrike Schartner, Vorsitzende des Ausschusses Wohnbau und Leistbarkeit, leitete das Thema mit einem historischen Rückblick ein. Die Immobilienkrise 2008 habe Wohnen zunehmend zum Finanzprodukt gemacht, argumentierte sie. Die darauffolgende Niedrigzinspolitik habe diese Entwicklung zusätzlich verstärkt. Leistbares Wohnen sei daher längst nicht mehr nur eine architektonische oder soziale Frage, sondern Ausdruck struktureller Marktmechanismen. Das nun vorgelegte Positionspapier versteht sich entsprechend als Gegenentwurf zu kurzfristigen Verwertungslogiken. Planung, Bestandserhalt, transparente Kostenstrukturen und langfristige Betriebsökonomie stehen dabei im Mittelpunkt.

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Veranstaltung
Zwölf Forderungen für Leistbares Wohnen © Stefan Böck

Richard Scheich: „Gut planen, um schnell zu bauen“

Den ersten Fachvortrag hielt Architekt Richard Scheich von feld72 Architekten unter dem Titel „Leistbarer Wohnbau als Role Model – ein kritischer Blick aus der Praxis“. Anhand mehrerer Projekte zeigte Scheich, wie sich Leistbarkeit über Planung, Vorfertigung und gemeinschaftliche Nutzung organisieren lasse. Vorgestellt wurde unter anderem das Wohnprojekt „Leo“ im Gaswerk Neu Leopoldau in Wien-Floridsdorf, das sich mit jungen Wohnformen und Übergängen zwischen privatem und öffentlichem Raum auseinandersetzt. Scheich sprach von einem „Zwiebelprinzip“, bei dem sich unterschiedliche Öffentlichkeitsebenen bis in die Stiegenhauszonen hinein überlagern.

Ein zentrales Thema war die Vorfertigung. Leistbares Bauen bedeute vor allem, „gut zu planen, um schnell zu bauen“, so Scheich. Für Projekte mit Fertigteilbauweise habe feld72 gemeinsam mit dem Südtiroler Unternehmen Progress konkrete Einsparungspotenziale berechnet.

Breiten Raum nahm außerdem das Projekt „Vis-à-vis“ im Village im Dritten ein, das feld72 gemeinsam mit einszueins Architekten entwickelte. Dort wurde eine Baugruppe in eine geförderte Wohnhausanlage integriert. Diskutiert wurden Holzfertigteile, achtgeschossiger Holzbau sowie die Frage, wie sich CO₂-Kosten bereits in frühen Planungsphasen berücksichtigen lassen.

Shadow Pricing zeigt das ganze Bild

In Kooperation mit Habitat 2030 wurde dafür ein sogenanntes Shadow Pricing angewandt, bei dem Emissionen wirtschaftlich bewertet werden. Obwohl der Holzbau laut Scheich rund zehn Prozent Mehrkosten verursacht habe, sei die Entscheidung bewusst zugunsten der besseren CO₂-Bilanz gefallen.

Weitere Beispiele reichten vom Clusterwohnen im Sonnwendviertel bis zum „Modellquartier am Horn“ in Konstanz, das stark auf gemeinschaftliche Nutzung und geteilte Freiräume setzt. Scheich formulierte dabei eine programmatische Aussage: „Nicht weniger ist mehr, sondern mehr durch weniger.“ Besonders deutlich wurde seine Haltung beim Wettbewerbsprojekt für die Südtirolersiedlung in Bregenz. Während die Ausschreibung den Abriss von achtzig Prozent des Bestands vorsah, setzte feld72 bewusst auf Erhalt und Weiterbauen. Gerade unter Berücksichtigung von Ökobilanz und grauer Energie liege im Bestand großes Potenzial, argumentierte Scheich.

Das Positionspapier im Zentrum

Kernstück des Symposiums war die Präsentation des Positionspapiers „Leistbar in die Zukunft“, vorgestellt von Jutta Wörtl-Gössler, Alexander Loebus und Michael Simhandl. Das Papier versteht Leistbarkeit ausdrücklich nicht als reine Frage niedriger Errichtungskosten, sondern als Zusammenspiel von Planung, Vergabe, Förderwesen, Bodenpolitik und regulatorischen Rahmenbedingungen.

Kritisch äußerten sich die Vortragenden zu Generalunternehmervergaben. Gewerkeweise Ausschreibungen seien häufig kostengünstiger und würden mehr Transparenz ermöglichen. Ein Punkt, den Michael Gehbauer, Geschäftsführer der WBV-GPA und Obmann des Verbandes gemeinnütziger Bauvereinigungen gänzlich anders sah, wie er in der späteren Podiumsdiskussion betonte. Das Rechenmodell sei ihm zu theoretisch, in der Baupraxis entstünden oft zusätzliche Kosten, die man einberechnen müsse, so seine Argumentation.

Veranstaltung
Spannende Diskussion über Rahmenbedingungen für leistbaren, zukunftsfitten Wohnbau.

Leistbarkeit und Nachhaltigkeit

Immer wieder wurde die Verbindung zwischen Leistbarkeit und Nachhaltigkeit betont. Bestandssanierung, kreislauffähiges Bauen und Lebenszyklusbetrachtungen seien keine Zusatzthemen mehr, sondern zentrale Voraussetzungen für zukunftsfähigen Wohnbau. Auch regulatorische Fragen spielten eine zentrale Rolle. Gefordert wurden schnellere Verfahren, verbindliche Vorabklärungen im Baurecht sowie bessere Rahmenbedingungen für Nachverdichtung und quartiersbezogene Lösungen über Grundstücksgrenzen hinweg.

Der Forderungskatalog der Kammer

  1. Der Planungsphase einen deutlich höheren Stellenwert einräumen, um das Potenzial qualitätsvoller Planung konsequent auszuschöpfen
  2. Kostensteuerung und unabhängige Planung eng miteinander verschränken
  3. Anreize für mehr Kostentransparenz durch gewerkeweise, konstruktive Ausschreibung setzen
  4. Mittel der Wohnbauförderung gezielt für die Wohnbauforschung im Sinne des forschenden Bauens einsetzen
  5. Die Leistbarkeit im Bestand durch Berücksichtigung der CO₂-Bilanz sichern
  6. Sanierungen und kreislauffähiges Bauen gezielt fördern
  7. Baulandreserven konsequent für soziale Zwecke sichern
  8. Synergien durch städtebauliche Planung und koordinierte Quartiersentwicklung nutzen
  9. Eine einheitliche Definition von Leerstand als Voraussetzung für wirksame wohnungspolitische Maßnahmen formulieren
  10. Im Mietrecht sozial ausgewogene Anreize für Sanierungen schaffen
  11. Bestandsnutzung, Nachverdichtung und Quartierslösungen durch verbesserte baurechtliche Rahmenbedingungen forcieren
  12. Bauverfahren durch eine verbindliche Vorabklärung baurechtlicher und bautechnischer Fragen beschleunigen

Debatte über Regulierung, Förderung und Wohnbaupolitik

In der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Beatrix Rauscher von der Stadtbaudirektion Wien, Michael Gehbauer von der WBV-GPA und dem Verband gemeinnütziger Bauvereinigungen, Nicole Kirchberger vom Klima- und Energiefonds, Richard Scheich sowie Jutta Wörtl-Gössler über die Umsetzungsmöglichkeiten der Forderungen. Im Mittelpunkt standen Fragen der Finanzierbarkeit, regulatorische Hürden und die Rolle öffentlicher Förderinstrumente. Mehrfach wurde die Notwendigkeit betont, Klima- und Leistbarkeitsziele nicht gegeneinander auszuspielen.

Der zweite Teil des Symposiums weitete den Blick über Österreich hinaus. Die serbische Architektin Jelica Jovanović sprach über „Neu-Belgrad“ als gebaute Utopie und deren heutige Kontextualisierung. Daniela Bachner von der Europäischen Investitionsbank widmete sich anschließend der europäischen „Task Force Affordable Housing“ und möglichen Strategien für Österreich. An der abschließenden Diskussion beteiligten sich unter anderem Vertreter*innen des Bundesministeriums für Wohnen sowie des wohnfonds_wien. Der Abend klang mit weiteren Gesprächen und Networking in der Urania aus.