Wenn Ende Mai die Architekturtage 2026 in ganz Österreich stattfinden, steht ein Thema im Mittelpunkt, das selten Aufmerksamkeit bekommt und dennoch den Alltag aller Menschen prägt: Infrastruktur. Unter dem Motto „Was uns verbindet. Infrastrukturen des Alltags“ widmet sich die größte Publikumsveranstaltung für Baukultur in Österreich vom 28. bis 30. Mai den Netzen, Gebäuden und Systemen, die Städte und Gemeinden versorgen, organisieren und zusammenhalten.

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„Infrastruktur ist das, was unsere Städte und Dörfer am Laufen hält, aber meistens nicht wahrgenommen wird oder nur dann, wenn es nicht funktioniert“, sagt Karoline Mayer, Geschäftsführerin der Architekturstiftung Österreich. Gemeinsam mit der Kammer der Ziviltechniker:innen organisiert die Stiftung die Architekturtage, die alle zwei Jahre österreichweit stattfinden.

Infratruktur hält Städte und Dörfer am Laufen: Karoline Mayer, Geschäftsführerin der Architekturstiftung Österreich im Architektur & Bau FORUM Podcast. © Stefan Böck

Dabei geht es längst nicht nur um Straßen, Brücken oder Bahnhöfe. Infrastruktur umfasst ebenso Datennetze, Stromversorgung, Abwasseranlagen, Energieversorgung, Pflegeeinrichtungen oder öffentliche Treffpunkte. „Auch Datennetze sind physische Netze, die Raum, Gebäude und Platz brauchen“, betont Mayer. Infrastruktur sei immer mit gebautem Raum verbunden, sichtbar oder unsichtbar.

Gute Infrastruktur vereint Funktionalität und Ästhetik: Einsatzzentrale der Feuerwehr Salzburg © Kurt Kuball

Für Architekturjournalist Maik Novotny, Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (ÖGFA), liegt gerade darin die besondere Qualität des Themas. „Mit diesem Infrastruktur-Blick auf die Welt entdeckt man unglaublich viele Dinge, die gleichzeitig übersehen und völlig offensichtlich sind.“ Die Resonanz auf erste Veranstaltungsreihen zum Thema sei entsprechend groß gewesen, sowohl beim Fachpublikum als auch bei interessierten Besucher*innen.

Architektur zwischen Sichtbarkeit und Versorgung

Die Architekturtage machen deutlich, dass Infrastruktur weit mehr ist als reine Technik. Gerade historische Infrastrukturbauten zeigen, welchen kulturellen und gestalterischen Anspruch solche Projekte einst hatten. Beispiele dafür reichen von Otto Wagners Wiener Stadtbahn bis zu historischen Kraftwerken oder Industrieanlagen, die heute vielfach als Industriedenkmäler geschätzt werden.

„Das AKW Zwentendorf war ein Beispiel für eine enorme Protestbewegung, die letztlich dazu geführt hat, dass es nie in Betrieb genommen wurde. Daran erkennt man, dass Infrastrukturthemen gesamtgesellschaftlich relevant sind und manchmal starke gesellschaftliche Bewegungen auslösen können.“

Maik Novotny

„Ich habe das Gefühl, dass der baukulturelle Anspruch bei Infrastruktur in den vergangenen Jahrzehnten etwas verloren gegangen ist“, sagt Mayer. Besonders bei öffentlichen Projekten hätten Vergabeverfahren und Kostendruck oft dazu geführt, dass Gestaltung in den Hintergrund rückte. Gleichzeitig zeichne sich nun wieder ein Umdenken ab. Als Beispiel nennt Mayer die neue Großwärmepumpe in Wien-Simmering: „Das ist ein großartiges Bauwerk. Es vermittelt einen gewissen Stolz auf diese neue Technik.“

Architektur gibt Infrastruktur ein Gesicht: Maik Novotny, Architekturjournalist und Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) © Stefan Böck

Für Novotny liegt darin eine zentrale Aufgabe der Architektur: Infrastruktur sichtbar, verständlich und gesellschaftlich nachvollziehbar zu machen. „Architektur macht Infrastruktur sichtbar, erzählt sie, erklärt sie und gibt ihr ein Gesicht“, sagt er. Gerade im Zuge der Energie- und Bauwende werde diese Vermittlungsfunktion wichtiger denn je. Denn hinter vielen aktuellen Transformationsprozessen stehen massive infrastrukturelle Veränderungen: Dekarbonisierung, Wärmenetze, Geothermie oder neue Mobilitätsformen verändern Städte tiefgreifend. „Im Grunde steht ein gewaltiger Umbau der Stadt bevor“, formuliert Novotny.

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Infrastruktur als gesellschaftliche Aufgabe

Die Architekturtage verstehen Infrastruktur ausdrücklich auch als demokratisches Thema. Viele der Systeme, die den Alltag prägen, bleiben für die Öffentlichkeit unsichtbar, von Datencentern bis zu Kläranlagen. Genau hier setzt das Festival an: Besucher*innen sollen Orte erleben können, die normalerweise verschlossen bleiben. „Diese Infrastruktur gehört uns. Sie ist Teil unserer Grundversorgung“, sagt Novotny. „Und wir haben auch ein Recht darauf, uns darüber zu informieren und anzusehen, wie diese Dinge funktionieren.“

Menschen bei einem Vortrag
Recht auf Information und Diskurs: Architekturtage 2026 © artphalanx

Das erklärt auch die große Bandbreite der Formate. Österreichweit finden Führungen, Stadtspaziergänge, Baustellenbesuche, Fahrradtouren, Workshops und Diskussionen statt. Besonders beliebt sind Besuche von Orten, die sonst nicht öffentlich zugänglich sind – etwa Kraftwerke, Verkehrsinfrastruktur oder Großbaustellen. „Da ist eine enorme Neugier vorhanden“, sagt Mayer. „Wenn man einmal ein Kraftwerk von innen sehen kann oder die Baustelle der U2 besuchen darf, zieht das die Besucher:innen extrem an.“

Gleichzeitig setzen die Architekturtage stark auf Beteiligung. Neben dem neuen „Open Studios“-Format, bei dem Architektur- und Ingenieurbüros ihre Türen öffnen, gibt es auch einen österreichweiten Open Call. Besucher:innen können eigene Fotos, Beobachtungen oder Zukunftsideen zum Thema Infrastruktur einreichen. Die gesammelten Visionen werden anschließend öffentlich diskutiert.

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Bestand weiterdenken statt neu bauen

Ein weiterer Schwerpunkt der Architekturtage liegt auf der Frage, wie bestehende Infrastruktur weiterentwickelt werden kann. Gerade im Zusammenhang mit Bauwende, Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung gewinnt der Umgang mit Bestand an Bedeutung. Dabei gehe es nicht nur um historische Industriegebäude oder Umnutzungen, sondern auch um die Weiterentwicklung bestehender Systeme, erklärt Mayer. Besonders spannend seien Projekte, bei denen bestehende Infrastruktur unter schwierigen räumlichen Bedingungen erweitert werden müsse.

„Bei der Weiterentwicklung bestehender Infrastruktur muss oft mit Platzproblemen umgegangen werden. Gerade da braucht es intelligente Lösungen.“

Karoline Mayer

Ein Beispiel dafür ist die Kläranlage Wien-Simmering. Während sie ursprünglich am Stadtrand errichtet wurde, ist sie heute von Wohn- und Gewerbebauten umgeben und muss dennoch erweitert werden. „Da entstehen sehr spannende Projekte, bei denen tatsächlich in die Höhe gebaut wird“, sagt Mayer. Auch Projekte wie der „Umbauhof“ von Asphalt Kollektiv und Architektur Raum Burgenland zeigen, wie Infrastruktur und Kreislaufwirtschaft zusammengedacht werden können. Die Idee: kommunale Bauhöfe als Orte für Wiederverwendung und Materiallagerung zu nutzen.

Infrastruktur Burgenland Strassenmeisterei Stoob
Infrastruktur als möglicher Ort der Bauwende: Burgenland Strassenmeisterei Stoob © Kurt Hoerbst

Architektur als Erlebnis

Gerade diese Verbindung aus Vermittlung, Erfahrung und Beteiligung macht die Architekturtage seit Jahren zu einem Publikumserfolg. Die Veranstaltung richtet sich bewusst nicht nur an Fachleute, sondern an alle Interessierten. „Die Architekturtage sind wirklich für alle gedacht“, betont Mayer. „Für Menschen, die sich vielleicht noch gar nicht bewusst sind, dass sie sich eigentlich für Architektur interessieren.“

Dass dabei unterschiedlichste Perspektiven sichtbar werden, gehört zum Konzept. Die Programme entstehen dezentral in Zusammenarbeit mit Architekturhäusern und Institutionen in allen Bundesländern. Dadurch reicht das Spektrum von Verkehrsinfrastruktur über Energieversorgung bis zu Fragen des Wohnens und der digitalen Infrastruktur.

Kraftwerksführungen als Highlight: Wasserkraftwerk Sohlstufe Lehen Salzburg © Lea Kurz

Zu den Höhepunkten zählt etwa eine Veranstaltung entlang der neuen Koralmbahn zwischen Graz und Klagenfurt. In Tirol stehen unter anderem die Stubaitalbahn und der Brennerbasistunnel im Fokus, während in mehreren Bundesländern Kraftwerksführungen angeboten werden. Für Novotny liegt die besondere Qualität der Architekturtage letztlich im gemeinsamen Erleben und Diskutieren: „Man vermittelt damit, dass diese Themen uns alle betreffen.“

Architekturtage 2026

Logo

Motto: „Was uns verbindet. Infrastrukturen des Alltags“
Termin: 28. bis 30. Mai 2026
Webseite: architekturtage.at

Die Architekturtage gelten als größte Publikumsveranstaltung für Baukultur in Österreich. Alle zwei Jahre öffnen Architekturhäuser, Institutionen, Planungsbüros und Infrastrukturbetreiber ihre Türen und machen Architektur sowie Stadtentwicklung für ein breites Publikum erlebbar.

Im Mittelpunkt der Ausgabe 2026 stehen Infrastrukturen des Alltags – von Energieversorgung und Verkehr über Datennetze bis zu Wasser- und Abwassersystemen. Das Programm umfasst Führungen, Baustellenbesuche, Workshops, Diskussionen, Fahrradtouren, Kinderprogramme und partizipative Formate in allen Bundesländern.

Neu sind 2026 unter anderem die „Open Studios“, bei denen Architektur- und Ingenieurbüros Einblicke in ihre Arbeit geben, sowie ein österreichweiter Open Call für Zukunftsvisionen zur Infrastruktur von morgen.

Zu den Personen

Karoline Mayer

Karoline Mayer ist Geschäftsführerin der Architekturstiftung Österreich und Mitorganisatorin der Architekturtage. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Baukulturvermittlung, Architekturkommunikation und der Rolle öffentlicher Räume. Darüber hinaus ist sie Mitglied im Beirat für Baukultur des Bundesministeriums für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport.

Maik Novotny

Maik Novotny ist Architekturjournalist, Kurator und Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (ÖGFA). Er schreibt regelmäßig über Architektur, Stadtentwicklung und Baukultur und beschäftigt sich insbesondere mit Fragen der Transformation, Infrastruktur und urbanen Entwicklung. Als Kurator und Moderator gestaltet er zahlreiche Veranstaltungen und Diskursformate im deutschsprachigen Raum mit.

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