Glas zu bedrucken ist keine neue Idee. Lange bevor digitale Druckköpfe Bilddaten direkt auf die Glasoberfläche brachten, gehörte der Siebdruck zu den etablierten Verfahren der Glasveredelung. Dabei wird die Farbe durch ein mit dem gewünschten Motiv versehenes Sieb auf die Scheibe aufgebracht. Das Verfahren ist robust, bei größeren Stückzahlen wirtschaftlich und ermöglicht definierte Farbaufträge. Für jedes neue Motiv bzw. jede Änderung sind allerdings entsprechende Siebe und damit Rüstaufwand erforderlich.

Der Digitaldruck hat hier eine wesentliche Lücke geschlossen: Wo individuelle Motive, Varianten und kleine Stückzahlen gefragt sind, kann das Druckbild direkt aus den digitalen Daten erzeugt werden. Eine aufwendige Sieberstellung entfällt. Genau darin liegt bis heute einer der entscheidenden Vorteile des Verfahrens.

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Inzwischen stehen dabei unterschiedliche Technologien zur Verfügung. Beim UV-Druck werden organische Tinten auf das Glas aufgebracht und mit UV-Licht ausgehärtet. Der keramische Digitaldruck arbeitet – wie der Name schon sagt – mit keramischen Farben. Diese werden beim anschließenden Vorspannen in die Glasoberfläche eingebrannt und dauerhaft mit dem Glas verbunden. Damit eignet sich das Verfahren insbesondere für Anwendungen, bei denen Beständigkeit und eine spätere Weiterverarbeitung des Glases gefragt sind.
Wie stark sich der digitale Glasdruck inzwischen entwickelt hat, zeigt ein Blick in die Praxis.

Vom Einzelstück zur industriellen Anwendung

Bei Glas Wiesbauer in Oberösterreich ist die Nachfrage nach digital bedrucktem Glas in den vergangenen fünf Jahren leicht gestiegen. „Im Wohnraum sowie auch im Garten- und Außenbereich ist der Trend zu Individuallösungen nach wie vor groß“, berichtet Geschäftsführerin Michaela Wiesbauer. Wer sich neu einrichtet, möchte sich von der Masse abheben, sagt sie. Die Individualisierung bleibt damit ein wesentlicher Treiber des Digitaldrucks. Gleichzeitig hat sich das Spektrum der Anwendungen erweitert. Bei Glas Wiesbauer reicht es von Küchen- und Badlösungen über Wandflächen bis zu individuellen Gestaltungen im Hotelbereich. „Gefragt sind hier Naturbilder ebenso wie Imitationen von Holz, Stein oder Metall. Im Innenraum werden auch matte Oberflächen und fein geätzte, bedruckte Gläser stärker nachgefragt“, erklärt Geschäftsführer Gerald Wiesbauer-Pfleger.

Auch Harald Bissenberger, Prokurist bei Ertl Glas in Niederösterreich, beobachtet eine positive Veränderung: „Der keramische Digitaldruck entwickelt sich sehr gut, da sich auch die Anwendungsgebiete verändert und vergrößert haben.“ Während früher eher Küchenrückwände und kleinere Designvarianten im Vordergrund standen, geht es heute zunehmend um Duschen, Wandverkleidungen und immer mehr Fassaden. Besonders stark entwickelt sich für ihn der Vogelschutzdruck.
Auch bei Pilkington Austria ist der keramische Digitaldruck inzwischen ein bedeutendes Geschäftsfeld: „Wir produzieren für die verschiedensten Anwendungsbereiche digital bedruckte Gläserals ESG, VSG und Isolierglas“, sagt Hubert Schwarz, Managing Director von Pilkington Austria.
Damit zeichnet sich ein wesentliches Merkmal der aktuellen Entwicklung ab: Digitaldruck ist nicht mehr nur eine Technologie für dekorative Einzelstücke. Er wird zunehmend Teil unterschiedlicher Glasaufbauten und Anwendungen.

Immer beliebter werden bedruckte Balkonverglasungen. Bei diesem Wohnbau wird Digitaldruck eingesetzt, um die transparenten Glasflächen der Balkone mit einem abgestuften © U.M.A. Architektur-Ziviltechniker GmbH

Wenn der Druck eine Funktion übernimmt

Besonders deutlich wird die Entwicklung beim Thema Funktionsdruck. Bei Ertl Glas sieht Harald Bissenberger eine steigende Nachfrage in mehreren Bereichen: „Neben dem inzwischen etablierten Vogelschutz werden auch Bedruckungsvarianten als Alternative zu Sonnenschutzbeschichtungen nachgefragt – Stichwort Bedeckungsgrad.“

Auch Pilkington Austria verzeichnet eine zunehmende Nachfrage nach funktionalen Anwendungen. Dazu zählen Randdrucke bei Isoliergläsern, Drucke auf Sonnenschutzbeschichtungen, Sichtschutzlösungen und Farbverläufe. Gerade der Verlauf von vollständig opak bis transparent eröffnet Gestaltungsmöglichkeiten, die zugleich funktionale Aufgaben erfüllen können. Ein Beispiel dafür sind etwa Aufmerksamkeitsstreifen bei öffentlichen Bauvorhaben. Glasflächen müssen dort für Menschen erkennbar gemacht werden, ohne dass die Transparenz vollständig verloren geht. Auch bei Trennwänden, Balkonbrüstungen oder Fassaden kann der Druck gezielt eingesetzt werden. Gerald Wiesbauer-Pfleger hebt die Möglichkeit des individuellen Sichtschutzes hervor: „Der Übergang von Sichtschutz zu Transparenz kann etwa bei Besprechungs- oder Büroräumen individuell gestaltet werden.“

Funktionale Druckanwendungen lassen sich effizient umsetzen, ohne die Sicherheitseigenschaften des Glases zu verändern. Damit wird der Druck zunehmend Bestandteil der planerischen Funktion einer Verglasung. Das Muster ist nicht mehr nur Dekor, sondern kann etwa Sichtschutz, Vogelschutz, Aufmerksamkeit oder Sonnenschutz unterstützen.

Vogelschutz als Wachstumsfeld

Besonders häufig fällt in den Antworten der Glasverarbeiter der Begriff Vogelschutz. Ertl Glas nennt geprüfte Vogelschutzmuster inzwischen als eine der wichtigsten aktuellen Anwendungen. Auch Pilkington Austria produziert vermehrt Vogelschutzgläser mit Punktdesigns und anderen Mustern.

Der digitale Druck bietet hier einen entscheidenden Vorteil: Unterschiedliche Muster können ohne die Herstellung eigener Siebe umgesetzt und an konkrete architektonische Situationen angepasst werden. Gleichzeitig kann das Gestaltungsmuster Teil der architektonischen Erscheinung werden.

Losgröße 1 bleibt eine Stärke

Ein weiterer Punkt, bei dem die Aussagen der Verarbeiter übereinstimmen, ist die wirtschaftliche Bedeutung kleiner Stückzahlen. „Für den Digitaldruck fallen keine großen Rüstkosten – wie bei Siebdruck – an“, erklärt Michaela Wiesbauer.
Auch Pilkington Austria produziert ab Losgröße eins und kann sich gleichzeitig auf größere Aufträge einstellen. „Mit Industrie 4.0 sind wir hier sehr flexibel“, sagt Hubert Schwarz. Und auch für Ertl Glas gibt es keine klare minimale oder maximale Auflagengrenze. Gerade bei Mustern, die über mehrere Scheiben oder Flächen hinweggeführt werden, sieht Harald Bissenberger den Digitaldruck unabhängig von der Objektgröße als wirtschaftlich interessante Lösung.

Beim Projekt „Kai Five“ in Linz kamen individuell bedruckte VSG-Elemente zum Einsatz. Das feine Muster verbindet gestalterische Wirkung mit Sichtschutz und zeigt, wie sich digitale Druckbilder auch in architektonisch anspruchsvolle Glaslösungen integrieren lassen. © ZGB

Größer und präziser

Mit den Anwendungen sind auch die Anforderungen an die Druckanlagen gestiegen. Die möglichen Formate unterscheiden sich je nach Unternehmen und Verfahren: Glas Wiesbauer nennt für den keramischen Druck 1.500 × 3.600 mm und für den UV-Druck 2.100 × 3.100 mm. Pilkington Austria kann keramisch bedruckte Gläser bis 4.500 × 2.500 mm herstellen. Ertl Glas nennt für seine Produkte – einschließlich keramischem Digitaldruck – ein maximales Maß von 6.000 × 3.210 mm.

Mit größeren Scheiben steigen allerdings auch die Anforderungen an die Druckdaten. Gerade bei Bildmotiven entscheidet die Qualität der Ausgangsdatei darüber, wie überzeugend das Ergebnis auf einer großen Fläche ausfällt. Glas Wiesbauer empfiehlt deshalb, Bilddateien möglichst im Originalformat und unbearbeitet zu übermitteln. Die grafische Aufbereitung erfolgt anschließend passend zum jeweiligen Druckverfahren.
Auch Pilkington verweist bei Bilddrucken auf 300 dpi Druckauflösung für hochwertige keramischen Digitaldrucke. Wenn die Bildauflösung passt, sind auch große Formate möglich.

Was moderne Druckmaschinen leisten

Dass die Entwicklung nicht allein auf Seiten der Anwender stattfindet, zeigt die Perspektive des Maschinenherstellers Tecglass. Nach Angaben des Managements hat sich die Auflösung der Maschinen von früher verfügbaren 1.440 dpi auf heute bis zu 2.880 dpi erhöht. Gleichzeitig wurde das Tintenmanagement weiterentwickelt. Ein High Flowrate Recirculation System soll das Absetzen von Keramikpigmenten verhindern und die Druckköpfe in einem optimalen Betriebszustand halten.

Die höhere Auflösung ist dabei nur ein Teil der Entwicklung. „Die Auflösung allein reicht nicht aus“, betont Harald Kraus, Exklusivvertreter von Tecglass in Österreich. Für die Qualität seien ebenso das Druckkopfsystem und die Auslegung des industriellen Gesamtsystems entscheidend. Eine moderne Druckanlage muss also nicht nur möglichst viele dpi liefern, sondern zuverlässig, reproduzierbar und wirtschaftlich arbeiten.

Von der Maschine zur Produktionslinie

Genau hier liegt eine weitere Entwicklung des Digitaldrucks. Laut Tecglass haben sich die aktuellen Systeme von einem Werkzeug für die reine Bildwiedergabe zu stärker industrialisierten Produktionslösungen entwickelt. Zu den größten Errungenschaften der letzten zehn Jahre gehören hochauflösende Drucke bei gleichzeitig hohem Farbauftrag, das automatische Bedrucken unregelmäßiger Formen, schnelle Grafikwechsel, präziser Rand- und Rahmendruck sowie Single-Pass-Produktion. Auch Druck, Positionierung und Trocknung können stärker miteinander integriert werden.

Für die Glasbranche ist diese Entwicklung besonders relevant. Denn mit steigenden Stückzahlen wird die Frage der Produktivität wichtiger. Der Digitaldruck muss dann nicht nur individuelle Gestaltung ermöglichen, sondern sich in einen möglichst stabilen und automatisierten Fertigungsprozess einfügen.

Bei Pilkington Austria etwa zeigt sich diese Entwicklung in der Praxis. Man verbindet den Digitaldruck mit verschiedenen Glasarten und Weiterverarbeitungsschritten. Beim Laminieren sind laut Hubert Schwarz besonders hohe Anforderungen an die Vorspannqualität notwendig, um blasenfreie bedruckte Verbundgläser herzustellen. „Teilweise kann es vorkommen, dass bei laminierten bedruckten Gläsern die Positionen zwei und drei bedruckt werden. Hier muss sehr genau gearbeitet werden“, erklärt er. Beim Isolierglas reicht das Spektrum vom Randdruck bis zu speziellen Anwendungen auf Sonnenschutzbeschichtungen. Damit wird der Druck immer stärker in die gesamte Glasproduktion integriert.

Vogelschutz mit digitalem Druck: Bei der Schwarzwandbahn im Skiparadies Zauchensee sorgt ein feines Punktmuster auf den großformatigen Verglasungen für eine wirksame Markierung der Glasflächen. © johannesfelsch.com

Der Siebdruck bleibt

Ist damit das Ende des Siebdrucks gekommen? Nein. Auch Tecglass sieht weiterhin einen Platz für die traditionelle Technologie. Sie sei zwar nicht mehr die relevanteste Technologie, existiere aber nach wie vor.
Für den Digitaldruck sprechen vor allem Flexibilität, Variantenvielfalt und der Wegfall der Siebkosten. Das Team von Glas Wiesbauer nennt zudem feinere und genauere Details – insbesondere bei Schriften und feinen Linien – als Vorteil. Bei kleinen Mengen oder Einzelstücken ergeben sich deutliche Kostenvorteile, weil keine Siebe hergestellt werden müssen. Ein weiteres Plus: „Ein einmal erstellter Druck kann jederzeit wiederholt werden, während Siebe nur begrenzt haltbar sind“, erläutert Harald Bissenberger von Ertl Glas.

Der Digitaldruck ersetzt den Siebdruck deshalb nicht automatisch. Doch die die wirtschaftliche und technische Entscheidung verschiebt sich: Bei individuellen Motiven, kleinen Losgrößen und vielen Varianten spielt Digitaldruck seine Vorteile aus. Bei standardisierten Großserien kann der Siebdruck weiterhin sinnvoll sein.

Nicht alles ist möglich

Trotz aller Fortschritte gibt es auch Grenzen. Ertl Glas sieht diese derzeit vor allem bei der Druckergröße und bei bestimmten Farbtönen: Nicht alle Farben lassen sich entsprechend umsetzen. Pilkington Austria nennt etwa schimmernde bzw. reflektierende Farben als technische Herausforderung. Gerade für bestimmte Vogelschutzprodukte oder besondere Designwünsche wären solche Effekte interessant. Auch Sonderfarben können wirtschaftlich problematisch werden, wenn nur sehr kleine Mengen benötigt werden, da die Reinigung der Tanks zeitintensiv ist.

Gerald Wiesbauer-Pfleger weist auch auf die zunehmende Komplexität moderner Anlagen hin. Die Technik habe sich in den vergangenen zehn Jahren stark weiterentwickelt, gleichzeitig seien die Anlagen sensibler geworden und müssten entsprechend rund um die Uhr betreut werden. Digitaldruck ist also kein unkomplizierter Prozess. Druckdaten, Farbmanagement, Maschine, Glasqualität und Weiterverarbeitung müssen zusammenspielen.

Der Carport von Glas Wiesbauer zeigt die Bandbreite individueller Glasgestaltung – von Schriftzügen über grafische Muster bis zu floralen Motiven. © Glas Wiesbauer

Wohin geht die Entwicklung?

Bei der Frage nach den nächsten zehn Jahren sind sich die drei Glasverarbeiter aber in einem Punkt einig: Der Digitaldruck wird bleiben und weiter wachsen. Michaela Wiesbauer erwartet eine weitere Verbesserung von Anlagen und Software und geht davon aus, dass individuelle Designs auch künftig eine wichtige Rolle spielen werden. Harald Bissenberger erwartet vor allem eine weitere Ausweitung der Anwendungen. Für Hubert Schwarz ist der Digitaldruck aus der Produktion bereits heute „nicht mehr wegzudenken“. Er sieht darüber hinaus Potenzial bei technischen Gläsern mit leitfähigen Farben.

Und auch auf Maschinenebene dürfte die Entwicklung weiter in Richtung Automatisierung gehen. Tecglass sieht die zunehmende Verbindung von Maschinen- und Materialtechnik als eine der spannendsten Entwicklungen. Für die kommenden zehn Jahre erwartet der Marktführer zudem zunehmend autonom arbeitende Maschinen – auch unter dem Einfluss künstlicher Intelligenz.

Vom Dekor zur digitalen Glasveredelung

Der digitale Glasdruck ist damit an einem interessanten Punkt angekommen. Seine ursprüngliche Stärke – individuelle Motive ohne aufwendige Sieberstellung – bleibt bestehen. Gleichzeitig hat sich das Verfahren in Richtung größerer Formate, höherer Produktivität und vielfältiger funktionaler Anwendungen entwickelt. Vogelschutz, Sichtschutz, Sonnenschutz, Aufmerksamkeitsstreifen, Randdrucke, Farbverläufe und individuelle Designs zeigen, wie breit das Spektrum inzwischen geworden ist. Gleichzeitig ermöglichen moderne Maschinen höhere Auflösungen, intensive, haltbare Farben, automatisierte Abläufe und die Verarbeitung wechselnder Druckdaten.

Für Glaserbetriebe bedeutet das vor allem eines: Der Digitaldruck wird zunehmend zu einem Werkzeug, mit dem sich nicht nur ein Glas dekorieren, sondern eine konkrete gestalterische oder funktionale Aufgabe lösen lässt. Und vielleicht liegt genau darin seine größte Zukunftschance: Nicht das bedruckte Glas als Produkt steht im Mittelpunkt, sondern die Möglichkeit, Glas mit einem digitalen Druckbild individuell an die jeweilige Aufgabe anzupassen.