Die Nachfrageseite ist gar nicht das ganz große Problem der Bauwirtschaft. Natürlich gibt es konjunkturelle Unterschiede zwischen den einzelnen Segmenten. Aber die strukturellen Themen wiegen schwerer.“ Martin Nicklis, Director beim internationalen Unternehmensberater PwC, hat eine klare Meinung zu den Problemen, mit denen die Bauwirtschaft konfrontiert ist. Die mittel- und langfristig größte Herausforderung aus seiner Sicht: „Der Personalmangel trifft die Branche besonders stark. Das Thema wird die Branche in den kommenden Jahren weiter massiv beschäftigen.“
Mit Österreich vergleichbar
Nicklis ist Co-Autor einer aktuellen Studie von PwC zur deutschen Bauwirtschaft, in deren Rahmen 150 Bauunternehmen, Planungsbüros und Bauzulieferer interviewt wurden. Die Ergebnisse lassen sich seiner Ansicht nach durchaus auf Österreich übertragen. „Die Situation in Österreich ist dem deutschen Markt sehr ähnlich“, meint Nicklis. „Die Einflussfaktoren und die wesentlichen Treiber sind vergleichbar.“
Die zentrale Aussage der Studie: „Die Bauindustrie befindet sich weiterhin im Anpassungsmodus: Die wirtschaftliche Lage bleibt angespannt – und die Zuversicht unter erheblichem Druck. Die erhoffte Trendwende ist ausgeblieben“, so die Autoren. Vor allem die geopolitischen Entwicklungen rund um die Kriege in der Ukraine und im Iran belasten die Branche. 55 Prozent der befragten Unternehmen geben an stark oder sehr stark betroffen zu sein. Bei den Bauunternehmen sind es 41 Prozent, bei den Planungsbüros 64 Prozent, bei den Bauzulieferern 68 Prozent.
Steigender Kostendruck
Besonders deutlich zeigt sich die Belastung durch die geopolitischen Krisen bei den Kosten. 91 Prozent der befragten Unternehmen geben an, unter steigendem Kostendruck zu leiden. 85 Prozent der Befragten klagen über bürokratische Hürden und lange Genehmigungsverfahren. 75 Prozent haben mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen – bei den Bauunternehmen sind es sogar 83 Prozent. Ebenfalls 75 Prozent aller befragten Unternehmen berichten über den Wegfall oder der Verschiebung von Projekten oder Aufträgen – ohne Bauzulieferer sind es 72 Prozent.
Dabei fällt auf, dass sich Schwerpunkte in den vergangenen Jahren deutlich verändert haben: 2021, während es Booms am Bau, berichteten nur 25 Prozent der Unternehmen über verschobene Projekte. Damals brannte ihnen die „Material- und Rohstoffverfügbarkeit“ unter den Nägeln oder der Maurerkelle.
Einer der aus Sicht von Co-Autor Nicklis „interessantesten“ Ergebnisse liefert die Studie beim Thema Digitalisierung. „Die Bauunternehmen sagen praktisch alle: Wir sehen sehr große Potenziale durch die Digitalisierung. Gleichzeitig schätzen sie ihre eigenen Fähigkeiten in diesem Bereich aber vergleichsweise gering ein“, sagt er. „Zwischen dem erkannten Potenzial und den vorhandenen Fähigkeiten klafft also eine große Lücke – und die wird seit Jahren nicht kleiner.“
Problemfall KI
In konkreten Zahlen ausgedrückt: 80 Prozent der Befragten sehen in KI-basierten Technologie „sehr große“ oder „eher große“ Potenziale. Nur 13 Prozent bewerten ihre Fähigkeiten in diesem Bereich dagegen als „sehr stark“ oder „eher stark“. Im Bereich Simulation und Visualisierung klafft die Lücke zwischen 75 und 36 Prozent. Beim Thema Cloud-Technologien und Plattformen sind es 74 und 35 Prozent.
Besonders gut lässt sich die Diskrepanz nach Meinung von Nicklis am Beispiel BIM erläutern: „BIM ist schließlich keine Erfindung der vergangenen drei oder vier Jahre. In Großbritannien wird darüber seit 20 oder 25 Jahren gesprochen“, sagt er. „Wir führen diese Studie in Deutschland nun seit mehreren Jahren durch. Und das Bemerkenswerte ist: Die Lücke zwischen dem Potenzial, das die Unternehmen bei BIM sehen, und ihren eigenen Fähigkeiten hat sich in diesen Jahren nicht wesentlich geschlossen.“