Viele Likes, großer Input?
Vom Handwerk zur Marke: Das Tischlerhandwerk ist auch auf sozialen Plattformen präsent – immer mehr Tischler*innen positionieren sich dort als Influencer.
Das Mobiltelefon ist schon längst unser täglicher Lebensbegleiter geworden – und Social Media die tragbare Bespaßungs- und Informationsmaschine. Auch das Handwerk ist immer stärker auf Facebook, Instagram, Youtube und Co. vertreten. Nicht nur, wenn es darum geht, die Werbetrommel für junge Nachwuchstalente zu rühren, sind Likes und Klicks ein gutes Instrument – auch das Image des Tischlerhandwerks gewinnt dadurch an Bedeutung und Reichweite. In diesem Umfeld entstehen neue Formen der Sichtbarkeit – und damit auch neue Rollen: Tischler*innen werden zu Influencern ihres eigenen Berufsbildes. Dabei geht es weniger um Selbstdarstellung im klassischen Sinne als vielmehr um authentische Einblicke in den Arbeitsalltag. Werkstattprozesse, Materialwahl, handwerkliche Kniffe oder der Weg vom Entwurf bis zum fertigen Möbelstück werden über Plattformen wie Instagram, Youtube oder TikTok sichtbar gemacht. Das Handwerk verlässt damit bewusst die geschlossene Werkstatttür und öffnet sich einer breiten Öffentlichkeit.
Handwerkskunst als Marke

Helmuth Hehenberger, LIM Tirol © Die Fotografen
Immer mehr Tischler*innen nutzen Social Media gezielt, um ihr Können als Marke aufzubauen. Hochwertige Bilder von fertigen Arbeiten, kurze Videos aus der Produktion oder erklärende Beiträge zu Materialien und Konstruktionen machen deutlich, wie viel Know-how und Leidenschaft hinter jedem Werkstück steckt. Gerade diese Kombination aus Fachkompetenz und persönlicher Note unterscheidet handwerkliche Influencer von klassischen Werbeauftritten und macht sie für ihre Zielgruppen besonders glaubwürdig. Aber welche Plattformen performen besonders gut? Und welche Zielgruppen können damit erreicht werden? „Unsere Kernzielgruppe sind definitiv junge Menschen, die wir für den Tischlerberuf begeistern wollen“, so Helmuth Hehenberger, Landesinnungsmeister der Tischler und Holzgestalter in Tirol. Und die Innung im westlichen Teil des Landes setzt viel auf Social Media und ist sowohl auf Instagram, TikTok, Facebook und Youtube aktiv. Die Kampagnen zielen vor allem darauf ab, Lehrlinge zu gewinnen und zukünftige Arbeitsplätze zu sichern. „Natürlich ist es schwierig, alle zu erreichen – aber im Vergleich zu Radio- und Fernsehwerbung ist Social Media mittlerweile an oberster Stelle und letztlich auch am kostengünstigsten“, so Hehenberger weiter. Facebook und Instagram seien die Plattformen, die nach wie vor am besten geeignet sind, um junge Menschen zu erreichen. Und bei den Protagonisten der Posts setzt die Innung voll und ganz auf junge Talente: „Unsere erfolgreichsten Influencer sind unsere Lehrlinge“, so Hehenberger. Mit der aktuellen Kampagne unter dem Motto „Ich bin Tischlerlehrling und glücklich“ will die Innung vor allem auf die Werte der aktuell jüngsten Generation – der Generation Alpha – abzielen. „Geld ist der jungen Generation immer weniger wichtig, sie will einen Beruf, der erfüllend ist.“ Entgegen den Unkenrufen, dass genau diese jungen Menschen nicht gerne arbeiten wollen, sieht Hehenberger hohe Werte an der Werkbank: „Das Vorurteil, dass diese Generation keine Verantwortung übernehmen will, stimmt so nicht. Die wollen schon was weiterbringen – aber nicht um jeden Preis.“ Genau deshalb sei eine maßgeschneiderte Kampagne, die auf die Werte der Generation Alpha abzielt, so wesentlich.
Wer likt in Zukunft?
Inhaltlich sind es kleine Szenen, die den Alltag als Tischler*in zeigen, am beliebtesten. „Da bleiben die Jungen auch am ehesten dran.“ Authentizität sei dabei das A und O, auch die Qualität der Beiträge sei wichtig. Und glücklicherweise gibt es zahlreiche Lehrlinge, die gewillt sind, sich auf Social Media zu zeigen. Aber werden die Plattformen auch in Zukunft so performen wie bisher? „Das ist ein enorm schwieriges Thema“, so Hehenberger weiter. „Auch wenn wir versuchen, diese Kanäle so gut als möglich zu einzusetzen, zeigt sich ein Trend zum Rückzug der Nutzer*innen. Und wenn – so wie von unseren Marketingspezialisten prognostiziert – in Zukunft auch auf Social Media Bezahlmodelle eingeführt werden, wird es immer herausfordernder werden, dort unsere Zielgruppe zu erreichen.“ Trotzdem bleibt die Innung dran und nutzt die Portale, so gut es geht. „Es ist eine enorm wichtige Imageplattform – und glücklicherweise ist die Marke unseres Handwerks in Österreich sehr gut etabliert.“ Betriebe, die sich mit ihrem Portfolio und handwerklichem Können auf Social Media positionieren, kämpfen freilich auch dort mit der Kampagnenstärke der großen Möbelriesen. Was nicht heißen soll, dass Tischler*innen als Influencer keinen großen Einfluss haben. „Wenn man als Tischler eine Nische besetzt, ist es mit Sicherheit noch einfacher, weil dadurch das Alleinstellungsmerkmal ein größeres ist – alles, was einzigartig ist, hebt sich auch auf Social Media von der Masse ab.“
Massiv guter Humor

Manuel Hafner, Tischlermeister, Musiker & Youtuber
© Maria Tschida
Einer, der sich mit Sicherheit von der Masse abhebt, ist Manuel Hafner. Dabei hat er nach seiner Tischlerlehre zwischendurch ganz andere Saiten angeschlagen – und zwar im wortwörtlichen Sinne: Bis vor der Corona-Pandemie lebte der 43-Jährige von der Musik und übte viele Jahre einen Beruf als Behindertenbetreuer aus. Als während der Pandemie die Auftritte ausblieben, holte er kurzerhand den Meister nach und kehrt zu seinem Ursprungsberuf zurück. Zuerst machte er mehr aus Spaß Videos von seinen Projekten, die er daheim in seiner Hobbywerkstatt umsetzte. Im Laufe der Zeit wurde der Content professioneller, die Videos hochwertiger und aus der Hobbywerkstatt ist ein Betrieb in einer kleinen Halle auf seinem Grundstück mit mittlerweile einem Mitarbeiter geworden. „Meine Präsenz auf Social Media bringt mir enorm viel“, so Hafner. Einerseits werden Kunden auf seine Projekte aufmerksam, andererseits hat er sich durch den Content auch als Anbieter von Handwerkerkursen einen Namen gemacht. So kann man bei Hafner zum Beispiel lernen, wie man ein Nudelbrett fertigt – auf genau die Art und Weise, wie es schon vor 150 Jahren üblich war. Seine Videos sind fast wie ein Kabarett – sein handwerkliches Niveau allerdings alles andere als lachhaft: „Mein Anspruch an meine Arbeit ist sehr hoch und mir ist es wichtig, traditionelles Handwerk in Ehren zu halten. Gleichzeitig nehmen mich die Leute manchmal nicht so ernst, weil ich alles mit viel Humor mache.“ Und das kommt gut an: Obwohl der Tischlermeister erst mit Jänner 2022 das Gewerbe anmeldete, hat er schon im darauffolgenden März so viel Arbeit, dass er sich um seine berufliche Zukunft keine Sorgen machen muss. „Für mich ist es ein Luxus, von diesem Beruf leben zu können – vor allem, weil es genauso gekommen ist, wie ich mir die Tischlerei als Kind vorgestellt habe.“ Neben seinem handwerklichen Können ist auch sein Auftritt auf Youtube, Insta und Facebook wesentlich: „Ich poste regelmäßig und baue auch meine Musik in den Content ein – damit ist der Kreis für mich geschlossen.“ Manuel Hafner realisiert in seiner Werkstatt im burgenländischen Apetlon Einrichtungsgegenstände aller Art mit dem Fokus auf traditionellem Handwerk und massiven Materialien. Zusätzlich kann es schon mal vorkommen, dass er – so wie aktuell – in einem Wiener Kloster die Fenster renoviert. „Und während die Farbe trocknet, mache ich dann andere Sachen. Aber Jesus geht vor“, schmunzelt er.
Leidenschaft fürs Handwerk

Siggi Hoffmann, Tischler & Influencer
© Raphael Weißert
Auch der norddeutsche Tischler und Influencer Siggi Hoffmann fand erst über einen kleinen Umweg zum Tischlerhandwerk: Während des Studiums zum Bauingenieurwesen merkt er, dass er eigentlich lieber in Opas Fußstapfen treten will, der ebenfalls Handwerker war. „Gemeinsam haben wir immer viel mit Holz gearbeitet – und irgendwann war mir klar: Genau das will ich machen.“ Er ergattert einen Ausbildungsplatz in einer Bautischlerei und eignet sich nebenbei mit der Unterstützung seiner Gesellen dort viel Know-how rund um den Möbelbau an. 2016 gründet er Sigwood und baut Palettenmöbel – schon damals ist er auf Social Media aktiv. „Durch die Palettenmöbel, die damals total im Trend waren, bin ich in die Social Media Blase reingerutscht – und seither hat sich alles nach und nach entwickelt.“ Die ersten Kooperationsanfragen kamen daher, Hoffmann lernt nach seinem Ausbildungsende in einer Möbeltischlerei weiter und baut nach und nach seinen eigenen Betrieb auf. „Damals habe ich mir die Nächte um die Ohren geschlagen, um mehr Expertise zu gewinnen – und es hat sich bezahlt gemacht“, erzählt er. In Flensburg absolvierte er schließlich die Technikerschule und hat am Ende den Holztechniker und den Tischlermeister in der Tasche. „Da ging es dann auch so richtig los als Influencer in dem Bereich und ich konnte auch davon gut leben – zusätzlich zur Tischlerei.“
Wissen in Shorts
2020 meldete Siggi Hoffmann ganz offiziell das Gewerbe zum Tischler und 2022 zum Content Creator an. Und in der Projektabwicklung sei es gar nicht so viel anders als in einer klassischen Tischlerei, die für Endkunden Möbel realisiert: „Wir machen ja Tischlerarbeiten – der Kunde ist halt ein anderer. Wir realisieren ausschließlich Projekte im Vollholzmöbelbau und sind froh, dass wir das machen können, worauf wir Lust haben.“ Mit „wir“ meint Hoffmann seine Frau Tabea, die ihn auf organisatorischer Ebene unterstützt und seinen Schwiegervater Sönke, der als Tischlermeister sein Wissen einbringt. „Gemeinsam sind wir ein tolles Team – und auf die Kompetenz vom Altmeister zurückgreifen zu können, ist schon eine super Sache.“ Auf Instagram hat Hoffmann mittlerweile mehr als 57.000 Follower. Inhaltlich ist es ihm wichtig, sein Wissen rund ums Handwerk zu vermitteln. Das macht er auf nahezu allen Kanälen – von Youtube über eben Insta und Facebook bis hin zu Tik Tok und LinkedIn. „Früher waren Wachstum, Follower und Klicks wichtig, mittlerweile haben wir uns davon wieder weitestgehend gelöst. Viel wichtiger ist es für mich, die richtigen Leute zu erreichen. Ich will für die Branche und in der Branche sein.“ Tischler*innen spricht er mit Inputs an, die in die Tiefe gehen, Lehrlinge auch schon mal mit Tipps und Tricks, die man in den ersten Jahren im Berufsalltag gut brauchen kann. Auf randomisierte Werbedeals verzichtet er dabei komplett: „Ich gehe nur Kooperationen mit Firmen ein, die auch einen Mehrwert für die Branche bieten.“ Apropos Mehrwert: Neben dem Videocontent, den Siggi Hoffmann produziert, schreibt er auch Beiträge für eine deutsche Fachzeitschrift. Auch junge Talente will er mit seinem Content ansprechen. „Auf Social Media kann man den Nachwuchs fürs Handwerk gut erreichen – vor allem, wenn die Inhalte Emotionen vermitteln.“ In der Verbindung von handwerklicher Substanz und digitaler Kommunikation entsteht damit eine wesentliche Form der Sichtbarkeit – eine, die das Tischlerhandwerk als starke Marke positioniert und gleichzeitig zeigt, wie zeitgemäß und attraktiv dieser Beruf heute ist.




