In vielen österreichischen Gemeinden ist die Entwicklung mit freiem Auge sichtbar: Dort, wo früher eingekauft, Kaffee getrunken und miteinander geredet wurde, stehen heute Geschäftslokale leer. Lebensmittelmärkte sind an die Ortsränder gewandert, Fachmarktzentren haben neue Einkaufsdestinationen geschaffen, gleichzeitig zieht der Onlinehandel Kaufkraft aus den Zentren ab. Im ländlichen Raum kommen Gasthaussterben, Abwanderung und demografischer Wandel hinzu.
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Für Marika Lagger-Pöllinger, Kärntner Landesrätin für Gemeinden und Baukultur und langjährige Bürgermeisterin von Lendorf, ist diese Entwicklung längst nicht nur eine Frage des Ortsbildes. Ortskerne waren traditionell soziale Räume. „Früher waren die Ortskerne eben der Ort, an dem sich Menschen getroffen haben: beim Einkaufen, auf einen Kaffee, vielleicht auf ein Bier“, sagt sie. Heute fehlten vielerorts genau diese Kommunikationsorte. Mitverantwortlich sei eine Raumordnung, in der über Jahrzehnte nicht immer verantwortungsvoll gehandelt worden sei. Kärnten habe hier den richtigen Weg eingeschlagen, es dauere aber, bis ein solcher Prozess vieles wieder ausgleichen könne.

Marika Lagger-Pöllinger
„Es braucht Menschen mit Visionen und mit Herzblut.“
Elias Molitschnig, Leiter der Abteilung Architektur, Baukultur, Denkmalschutz und Unesco-Welterbe im Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport, sieht dahinter einen umfassenden Strukturwandel in Handel, Mobilität und Demografie. Während Städte und ihre Speckgürtel wachsen, dünnen Teile des ländlichen Raums aus. Gleichzeitig hätten Raumordnung, Verkehrspolitik und Siedlungsentwicklung über Jahrzehnte Strukturen geschaffen, die sich nicht ohne Weiteres zurückdrehen lassen.
Bestand sinnvoll transformieren
„Österreich ist weitgehend fertigbebaut“, lautet seine Diagnose. Deshalb gehe es heute weniger darum, immer neue Strukturen zu schaffen, sondern darum, den Bestand durch behutsame Eingriffe sinnvoll zu transformieren. Das erfordert nach seiner Überzeugung einen Perspektivenwechsel: weg von einzelnen Leuchtturmprojekten, hin zu einer integrierten Betrachtung von Mobilität, Wohnen, Infrastruktur, Hochwasserschutz, Energie und öffentlichem Raum, die dem ganzheitlichen Ansatz von Baukultur Rechnung trägt.
Elias Molitschnig
„Wir müssen wegkommen von Einzelprojekten, die zwar gut gemeint sind, aber oftmals das Gesamtproblem nicht in den Griff bekommen.“
Im Vorteil seien heute jene Gemeinden, die sich in der Raumordnung bis zu einem gewissen Grad stur gezeigt und zu kurzlebigen Entwicklungen auch einmal Nein gesagt hätten. Sie könnten nun weiterentwickeln, was historisch gewachsen und behutsam erhalten worden sei. Wer dagegen Fachmarktzentren an den Rändern und Wohnsiedlungen auf den Äckern rundherum zugelassen habe, tue sich schwer. Molitschnig hat sogar Gemeinden erlebt, die überlegten, den Ortskern gleich an die Peripherie zu verlegen, weil dort ohnehin schon alles stehe.
Umgekehrt könnten Krisen Bewegung auslösen. Kleinere Nahversorger mit 250 bis 300 Quadratmetern Verkaufsfläche hätten in Österreich lange als indiskutabel gegolten, ebenso Diskussionen über die Reduzierung oder gar den Wegfall von Parkplätzen. Erst die Einschränkungen der Pandemiejahre hätten bei den Lebensmittelkonzernen ein Umdenken ausgelöst. Wer in der Raumordnung nicht jeden Wunsch zugelassen habe, sei davor gerne als wirtschaftsfeindlich bezeichnet worden. Längerfristig habe sich dieser Weg jedoch als resilient und nachhaltig erwiesen.
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Zukunftsraumentwickler Roland Gruber beschäftigt sich seit knapp 25 Jahren mit der Stärkung von Ortszentren. Gemeinsam mit seinem Büro nonconform hat er dafür ein eingängiges Bild verwendet: Aus dem „Donut“ müsse wieder ein „Krapfen“ werden. Statt einer ausgehöhlten Mitte und eines immer stärker wachsenden Rings an der Peripherie brauche es wieder „süßes Leben“ im Zentrum.
Die Herausforderung werde allerdings größer. Auf die Einkaufszentren seien Logistikzentren gefolgt, nun kämen großmaßstäbliche Rechenzentren hinzu. Angesichts von Projekten wie jenem von Google in Kronstorf, das kleinstadtähnliche Dimensionen erreicht, wirkten die gewachsenen Ortskerne fast wie Peanuts, sagt Gruber. Die räumliche Entwicklung beschleunige sich. Umso wichtiger sei es, dass Gemeinden nicht nur reagieren, sondern bewusst steuern.

Ortskernentwicklung braucht einen langen Atem
Wie das gelingen kann, zeigen Gemeinden, die über Jahrzehnte an einer klaren Strategie festgehalten haben. Immer wieder fällt im Gespräch der Name Lienz. Die Stadt habe früh verstanden, dass klassisches Stadtmarketing zu kurz greift, sagt Elias Molitschnig. Bereits vor mehr als 30 Jahren sei dort der Schritt vom Stadtmarketing zur umfassenden Stadtentwicklung vollzogen worden. Was heute lapidar klinge, sei damals ein gigantischer Sprung im Denken gewesen.
Entscheidend ist dabei weniger ein spektakuläres Einzelprojekt als die Kontinuität. „Das sind 30 Jahre Arbeit, 30 Jahre Dranbleiben“, sagt Roland Gruber. In Lienz habe mit Oskar Januschke eine Person aus der Verwaltung die Innenstadtentwicklung koordiniert, mit Rückendeckung der Politik und gemeinsam mit Wirtschaft, Eigentümerinnen und Eigentümern sowie den Menschen vor Ort. Vergleichbares sieht Gruber auch in anderen Orten in Österreich, wie zum Beispiel in Gmünd in Kärnten, das sich klug als Kunst- und Künstlerstadt positioniert hat. Auch dahinter stehen Jahrzehnte an Arbeit.

Roland Gruber
„Wenn man aber direkt vor der Haustür Energie investieren kann, um den eigenen Lebensraum positiv mitzugestalten, dann erfüllt einen das mit totaler Freude.“
Zur Realität gehört für ihn allerdings auch: Der Handel ist vielerorts längst draußen. Selbst in Lienz sei im Zentrum zwar viel Handel vorhanden, aber vor allem spezialisierter. Die meisten großen Marken und Filialisten sitzen in den Einkaufstempeln an der Peripherie, die einmal genehmigt wurden und nun da sind.
Aus seiner Arbeit leitet Gruber drei wesentliche Voraussetzungen ab. Erstens müsse die Entwicklung am Ortsrand strenger gesteuert werden. Wer das Zentrum stärken wolle, könne nicht gleichzeitig draußen jede neue Handels- und Siedlungsfläche zulassen. Das sei eine politische Entscheidung. Zweitens brauche eine Gemeinde eine langfristige Vision und möglichst ein klar erkennbares Profil, das sich leichter kommunizieren lässt. Drittens brauche sie eine Struktur, die sich kontinuierlich um die Umsetzung kümmert.
Was macht eine Ortskernkümmerei?
Gerade der dritte Punkt wird in der Debatte häufig unterschätzt. Ein neues Gemeindezentrum, ein Platzumbau oder eine einzelne Sanierung kann zwar einen wichtigen Impuls setzen. Ortskernentwicklung ist aber aktive Standortentwicklung und mit Einzelprojekten nicht abgeschlossen. In der Kärntner Gemeinde Moosburg, wo Gruber lebt und als Vizebürgermeister auch politisch für das Thema verantwortlich ist, wurde deshalb eine „Ortskernkümmerei“ eingerichtet. Dahinter steht eine Person, die zwischen Eigentümerinnen und Eigentümern, potenziellen Mieterinnen und Mietern, Unternehmerinnen und Unternehmern, Verwaltung und Politik vermittelt. Das klingt unspektakulär, ist in der Praxis aber entscheidend.
Denn Leerstand ist selten nur ein Immobilienproblem. Wer ein Haus besitzt, hat es oft geerbt und lebt mitunter längst in Wien oder Graz, Erbengemeinschaften müssen Entscheidungen treffen, Mietpreisvorstellungen passen nicht zu den wirtschaftlichen Möglichkeiten potenzieller Nutzerinnen und Nutzer. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die ihr Hobby zum Beruf machen wollen, denen aber das Wissen über Förderungen, Mietverhandlungen oder Genehmigungen fehlt und die Unterstützung in der Gründungsphase brauchen. In Moosburg gibt es heute zum Beispiel wieder ein Buch- und ein Spielwarengeschäft. Betrieben werden sie von zwei ehemaligen Rauchfangkehrern.
„Es muss jemand da sein, der sich darum kümmert und Ansprechperson ist“, fasst Gruber zusammen. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister könnten diese Aufgabe nicht nebenbei übernehmen, ebenso wenig eine Verwaltung, die auf ihre klassischen Aufgaben zugeschnitten ist. Zwischen politischer Steuerung und administrativer Abwicklung brauche es deshalb eine Stelle, die Zukunftsgestaltung und tagtägliches Kümmern verbindet, im besten Fall als Teil der Gemeindestruktur. Und dann heiße es: zehn, 15 oder 20 Jahre dranbleiben.
Nicht nur Bauwerke fördern, sondern Prozesse
Kärnten versucht, solche Prozesse so früh wie möglich anzustoßen. Das Land hat baukulturelle Leitlinien, eine Koordinationsstelle für Baukultur und ein eigenes Budget eingerichtet. Nach Angaben von Lagger-Pöllinger ist Kärnten das einzige Bundesland mit einem eigenen Baukulturbudget. Unterstützt werden nicht erst fertige Bauvorhaben, sondern unter anderem Studien, Bürgerbeteiligungsprozesse und Architekturwettbewerbe.
Die Landesrätin sieht darin einen wesentlichen Hebel, betont aber die Bewusstseinsbildung. Gerade im ländlichen Raum müsse zunächst vermittelt werden, was Baukultur überhaupt bedeutet. Für eine Gemeinde, die ein Feuerwehrhaus oder ein Vereinsgebäude braucht, könne der Begriff zunächst abstrakt wirken. Gute Prozesse müssten deshalb die Bevölkerung behutsam mitnehmen und zeigen, dass Baukultur nicht bloß die Frage ist, ob ein Gebäude „schön“ aussieht. Sie selbst hat als Bürgermeisterin den Lehrgang für Baukultur und Raumordnung besucht, was ihren Horizont nach eigener Aussage deutlich erweitert habe.
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Elias Molitschnig, der vor seiner Tätigkeit im Bund selbst im Land Kärnten mit Baukultur und kommunalem Bauen befasst war, bezeichnet diesen Ansatz als Veränderung der Verwaltungslogik. Kärnten sei das erste Bundesland gewesen, das die baukulturellen Leitlinien des Bundes aus dem Jahr 2017 auf Landes- und Gemeindeebene sowie auf deren Kompetenzen heruntergebrochen habe. Statt erst am Ende eines Prozesses als Aufsichtsbehörde einzugreifen, werde Fachwissen möglichst früh eingebracht. Gemeinden erhielten Unterstützung, solange grundlegende Entscheidungen noch offen seien; danach ziehe sich das Land schrittweise wieder zurück. Was heute logisch klinge, sei damals alles andere als selbstverständlich gewesen.
Der Bund sucht ein System
Genau dieses Denken soll nun stärker auf die Bundesebene übertragen werden. Am Tag der Aufnahme dieser Podcastdiskussion haben sich drei Bundesministerien in einer gemeinsamen Aussendung zum Praxisleitfaden für integrierte Entwicklung und integrierte Planung bekannt. Die Bundesregierung hat den Leitfaden beschlossen und den Auftrag erteilt, sogenannte integrierte räumliche Entwicklungskonzepte (IEK) einzusetzen, so lautet der Terminus nun in Österreich, und darauf aufbauend die bestehende Förderlandschaft neu zu programmieren. Der Praxisleitfaden ist online hier abrufbar.
Nötig ist das aus Sicht von Molitschnig, weil die traditionelle Aufteilung der Zuständigkeiten häufig kontraproduktiv wirkt: Eine Ebene verfüge über die Zuständigkeit, aber nicht über ausreichende Finanzmittel; eine andere könne finanzieren, sei jedoch formal nicht zuständig. So werde das Problem verschoben, statt gelöst. Die großen Umwelt- und Energieförderungen bewegten sich weiterhin in hohen Größenordnungen. Die Frage sei, wie jede Stelle mit ihrer Einzelzuständigkeit zum größeren Bild und zur nachhaltigen Raumentwicklung beitragen könne.
Der Bund sieht seine Rolle deshalb auch als Wissensdrehscheibe. Eine digitale Plattform soll Gemeinden und Privatpersonen künftig einen einfacheren Zugang zu Projekten, Kontakten, Fachwissen und Fördermöglichkeiten ermöglichen, ausdrücklich ohne erhobenen Zeigefinger und auf Augenhöhe. Zusätzlich sollen Kooperationsvereinbarungen mit den Ländern klarer regeln, wer welche Aufgabe übernimmt und wie sich die Gemeinden vor allem personell entlasten lassen. Parallel entsteht der fünfte Baukulturreport, der erstmals nicht nur Good-Practice-Projekte, sondern auch Prozesse und die wichtigsten Protagonistinnen und Protagonisten aus allen Bundesländern abbildet.
Gemeinden fehlt es an Geld
Gerade beim Geld zeigt sich allerdings, wie schwierig die Umsetzung ist. Für Ortskernkümmerinnen und -kümmerer gab es bereits eine Förderung über den österreichischen GAP-Strategieplan, finanziert aus EU-Mitteln. Nach dem, was Molitschnig gehört hat, wurde das Instrument österreichweit jedoch kaum angenommen. Gemeinden hätten davor zurückgeschreckt, eine Stelle zu schaffen, deren Förderung möglicherweise schon nach zwei Jahren ausläuft, weil sie die Person danach nicht wieder wegschicken wollten.
Damit entsteht ein klassisches Dilemma: Eine Koordinationsstelle kann Fördermittel akquirieren und Investitionen auslösen, für ihre Einrichtung braucht die Gemeinde aber zunächst selbst Geld und Personal. Roland Gruber verweist auf die Stadtgemeinde Trofaiach, wo neben einem Stadtzentrumskoordinator eine zweite Stelle geschaffen wurde, die gezielt Förderprogramme erschließt. Der Aufwand rechne sich langfristig, wenn dadurch zusätzliche Mittel in die Gemeinde fließen. Am Beginn muss er aber finanziert werden, und das ist alles andere als einfach. Die Moosburger Ortskernkümmerei selbst wurde über eine LEADER-Teilförderung angeschoben und wird inzwischen mit viel Kreativität aus dem operativen Gemeindebudget finanziert, weil die Erfolge sichtbar sind. Angesichts der finanziellen Lage der Gemeinden bleibt das ein echter Kraftakt. Ohne die Anschubfinanzierung hätte die Stelle nie geschaffen werden können. Um solche erfolgreichen Strukturen zu sichern, brauche es eine abgesicherte langfristige Unterstützung.
Landesrätin Lagger-Pöllinger nimmt den Denkanstoß mit: Eine flächendeckende Finanzierung solcher Stellen wäre aus ihrer Sicht eine schöne Wunschvorstellung. Wie sich das nachhaltig auf die Füße stellen ließe, sehe sie derzeit noch nicht. Das Land prüfe gerade in mehreren Bereichen die Strukturen, um effizienter zu werden. Ob mehr Unterstützung möglich sei als bisher, wage sie momentan nicht zu behaupten.
Was Deutschland anders macht
Als mögliches Vorbild nennt Roland Gruber die deutsche Städtebauförderung, die dort in den 1970er-Jahren eingeführt wurde. Ein frühes Beispiel ist Regensburg, dessen Zentrum damals stark darniederlag. Der Ansatz: Zuerst wird in einem Vorplanungsprozess ein Gebiet klar definiert. Innerhalb dieses Raums stehen dann über mehrere Jahre Fördermöglichkeiten bereit, für öffentliche wie für private Vorhaben und ausdrücklich auch für Menschen, die Immobilien besitzen oder ein Projekt starten wollen. Die Planungs- und Umsetzungszeiträume betragen drei, fünf oder sieben Jahre, meist laufen mehrere Projekte parallel.
Die Größenordnungen erklären einen Teil der Wirkung. Allein in Bayern liege das jährliche Volumen bei rund 350 Millionen Euro, sagt Gruber, für ganz Deutschland nennt Molitschnig rund eine Milliarde Euro. In der Kleinstadt Memmingen im Allgäu etwa standen 2014 an die 100 Geschäfte und Immobilien leer. Nachdem die Stadt Teil der Städtebaufördermaßnahmen wurde und sich mit viel Engagement der Sache annahm, ging der Leerstand nach Grubers Beobachtung sehr stark zurück. Heute ist das Zentrum wieder ein lebendiger Organismus mit vielen Menschen, Geschäften und Lokalen und mit hoher Aufenthaltsqualität, wovon sich Gruber vor Kurzem vor Ort überzeugt hat.
Unterschiedlicher Rechtsrahmen
Für Molitschnig liegt der entscheidende Unterschied jedoch nicht nur im Volumen, sondern auch im Rechtsrahmen. Österreich setze für Regional- und Ortsentwicklung auf Bundesebene größtenteils EU-Mittel ein, weil diese finanzrechtlich an die Gemeinden weitergegeben werden dürfen. Bundesmittel könnten wegen Zuständigkeitskonflikten oft nicht in dieser Form fließen. Deutschland verfüge dagegen über eine gesetzliche Grundlage, das deutsche Baugesetzbuch, das diese Themen grundsätzlich regelt (§164 b), sowie über eine Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern, die die Zuständigkeiten im Städtebauförderprogramm festlegt. Darin sei ein gemeinsames Programm verankert, das die städtebauliche Qualität und die Ortszentren stärken, den sozialen Zusammenhalt verbessern sowie Wachstum und nachhaltige Erneuerung vorantreiben soll. Festgelegt ist auch, welche Rolle Bund und Länder übernehmen und wie die Mittel bei Gemeinden und privaten Eigentümerinnen und Eigentümern ankommen.
In Österreich wird ein vergleichbares Modell seit Jahren diskutiert, oft auf Initiative des Städtebundes. Bislang scheiterte es an den Zuständigkeitsgrenzen. Molitschnig hält ein solches Programm fachlich für sinnvoll, sagt aber deutlich, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür nur die Politik schaffen kann. Erschwerend komme hinzu, dass auf Bundesebene die Mittel geringer werden und das Finanzministerium genau prüft, was tatsächlich Pflichtaufgabe des Bundes ist.
Wenn die öffentliche Hand vorangeht, investieren auch Private
Dabei wird die Transformation der Ortskerne nicht allein aus öffentlichen Budgets finanzierbar sein. Private Eigentümerinnen und Eigentümer spielen eine wesentliche Rolle, in Ortskernen finanziell teilweise sogar eine größere als die Gemeinden selbst. Doch die öffentliche Hand könne Entwicklungen anstoßen und müsse mit gutem Beispiel vorangehen, dann springe der Funke für Investitionen im Ortskern irgendwann auch auf Private über, argumentiert Roland Gruber und nennt ein leerstehendes Gasthaus gegenüber seinem Büro in Moosburg als Beispiel. Nach mehreren Eigentümerwechseln und überhöhten Preisvorstellungen hat es schließlich eine Privatperson übernommen und saniert es derzeit. Im Erdgeschoss, wo früher der Gastraum war, entsteht eine Zahnarztpraxis, daneben voraussichtlich ein Regionalladen. Im Obergeschoss sind weitere Räume für Ärztinnen und Ärzte vorgesehen, ganz oben zieht die Zahnärztin selbst ein. Ein weiteres leerstehendes Gasthaus im Moosburger Ortskern haben Schmuckdesigner erworben und umfassend saniert. Darin befinden sich heute eine Schmuckmanufaktur mit mehreren Arbeitsplätzen, ein regionales Yoga-Zentrum, Therapieräume, die Ortskernkümmerei und die Wohnung der Eigentümer.
Für Gruber sind das Beispiele dafür, wie öffentliche und private Initiative ineinandergreifen. Die Gemeinde arbeitet seit Jahren an der Ortskernstärkung und übernimmt auch selbst Verantwortung, indem sie Erdgeschossflächen bewusst aus dem Markt nimmt, um dort gezielt Nutzungen anzusiedeln statt nur Büros. Als Hauptmieterin bei einem privaten Eigentümer machte sie so das Buch- und Papierwarengeschäft möglich. Ein solcher Einsatz signalisiere privaten Investorinnen und Investoren, dass die Kommune an ihr Zentrum glaubt.
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„Private sind bereit, etwas zu tun und Millionen zu investieren, wenn sie sehen, dass auch die öffentliche Hand gewisse Dinge macht und mutig in Vorleistung geht“, sagt Gruber. Ohne dass jemand ein wenig mehr tue als üblich und dabei auch Risiko übernehme, bleibe es beim aufgelegten Stillstand.
Dabei gehe es nicht nur um Geschäftslokale. Zentren müssten wieder Aufenthalts- und Begegnungsräume werden. Klimawandelanpassung, Begrünung, Gestaltung des öffentlichen Raums und eine hohe Aufenthaltsqualität seien ebenso wichtig wie Handel. Gerade angesichts einer zunehmend digitalisierten Lebenswelt bekomme der reale öffentliche Raum als Gegenpol eine neue Bedeutung. Was erfolgreich ist, hängt allerdings stark von der jeweiligen Gemeinde ab. Patentrezepte gibt es nicht, wohl aber einen wiederkehrenden Erfolgsfaktor: Kontinuität. Projekte beginnen, Geschäfte schließen wieder, Eigentümerinnen und Eigentümer ändern ihre Pläne. Ortskernentwicklung ist nachhaltige Standortentwicklung und bleibt deshalb eine Daueraufgabe.
Politik und Verwaltung als Gestalter
Am Ende der Diskussion richtet sich der Blick auf jene Menschen, die diese Prozesse tragen müssen. Gruber formuliert daraus ein ungewöhnliches Plädoyer: Mehr Planerinnen und Planer sollten selbst in die Kommunalpolitik gehen. Sie hätten gelernt, Zusammenhänge auf einer Metaebene zu verknüpfen, und könnten zugleich konkrete Projekte umsetzen. Wer im Gemeinderat sitze, bringe Vorhaben schneller in die Umsetzung und könne mutiger an Strategien arbeiten. Das ständige Fordern von außen bringe dagegen wenig. Denn die Politik, so Gruber, seien wir alle.
Marika Lagger-Pöllinger stimmt zu, wünscht sich allerdings, dass insbesondere auch mehr Frauen politische Verantwortung übernehmen. Die Gestaltung des eigenen Lebensraumes sei keine abstrakte Aufgabe „der Politik“, sondern etwas, an dem Bürgerinnen und Bürger unmittelbar mitwirken könnten. Oft denke man gar nicht daran, dass diese Möglichkeit besteht.
Elias Molitschnig wiederum wirbt für eine Aufwertung der Verwaltung. Ein Besuch bei der Stadtplanung in Kopenhagen habe ihm vor Augen geführt, welche Rolle eine Verwaltung spielen könne, wenn sie politische Ziele nicht nur administriere, sondern systematisch in konkrete Entscheidungen übersetze. Die Ziele dort, leistbares Wohnen, Gesundheit, aktive Mobilität, unterschieden sich gar nicht so stark von jenen österreichischer Städte. Politikerinnen und Politiker seien gewählt, müssten unter hohem Zeitdruck liefern und könnten sich nicht mit jedem komplexen Zusammenhang in aller Tiefe befassen. Umso wichtiger seien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die erkennen, an welchen Schrauben sie drehen können, damit politische Ziele tatsächlich erreicht werden.
Plädoyer für Engagement
Er räumt dabei mit einem alten Vorurteil auf, wonach in die Verwaltung gehe, wer in der Planungspraxis nichts zusammenbringe. Genau dort würden die größten Hebel bewegt. Hinzu kommt ein struktureller Unterschied: Die Politik lässt sich über Wahlen verändern, die Verwaltung nicht in derselben Weise, dort sitzen Menschen oft Jahrzehnte auf ihren Stellen. Deshalb brauche es Programme zur Kompetenzerweiterung und laufenden Weiterbildung ebenso wie neue Möglichkeiten, erfahrene Fachkräfte für den öffentlichen Dienst zu gewinnen. Gehaltsschemata und bestehende Rahmenbedingungen seien dabei nicht immer hilfreich. Sein Fazit trotzdem: „Verwaltung ist sexy.“
Roland Gruber ergänzt zum Abschluss: „Ortskern ist süß, und Verwaltung und Politik sind sexy.“ Dahinter steht ein Befund, den alle drei teilen: Österreichs Ortskerne werden nicht durch eine einzelne Förderung, ein architektonisches Prestigeprojekt oder kurzfristiges Stadtmarketing gerettet. Erfolgreiche Entwicklung entsteht dort, wo Raumordnung, Politik, Verwaltung, Planung, Wirtschaft und private Initiative über Jahre zusammenarbeiten. Um aus dem Donut wieder einen Krapfen zu machen, braucht es vor allem eines: Menschen, die sich dauerhaft darum kümmern.
Die Personen
Marika Lagger-Pöllinger ist seit April 2026 Mitglied der Kärntner Landesregierung und unter anderem für Gemeinden und Baukultur zuständig. Zuvor war sie Bürgermeisterin von Lendorf und gehörte dem Kärntner Landtag an, zuletzt als Dritte Landtagspräsidentin.
Elias Molitschnig, geboren 1981 in Klagenfurt, ist Architekt und leitet im Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport die Abteilung Architektur, Baukultur, Denkmalschutz und UNESCO-Welterbe. Vor seinem Wechsel in den Bund verantwortete er beim Land Kärnten den Bereich Baukultur, kommunales Bauen und Raumplanung und war an der Entwicklung der baukulturellen Leitlinien Kärntens beteiligt.
Roland Gruber ist Zukunftsraumentwickler. Er studierte Architektur und Kulturmanagement und ist Mitgründer und Partner von nonconform. Das Büro arbeitet insbesondere mit partizipativen Verfahren an der Entwicklung von Gemeinden, Städten, Quartieren und Ortskernen. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen unter anderem in der Gemeinde- und Stadtentwicklung sowie in Nachnutzungskonzepten für Leerstände. In seiner Heimatgemeinde Moosburg ist er Vizebürgermeister.