Ausstellung "Form folgt Paragraph" - Wollt Ihr die totale Sicherheit?

Architekturzentrum
24.04.2018

 
Kaum ein Aspekt des Bauens wurde in den letzten Jahren so beklagt wie die „Normenflut“. Die Ausstellung „Form folgt Paragraph“ im Architekturzentrum Wien leistet jetzt mit der Visualisierung von Normen und Gesetzen im Bauwesen anschauliche Aufklärungsarbeit, und das ganz ohne anklagenden Tonfall.  
Ein Blick in die Ausstellung des Architekturzentrum Wien „Form folgt Paragraph“
Ein Blick in die Ausstellung des Architekturzentrum Wien „Form folgt Paragraph“

Eine „Baubehörde für totale Sicherheit“ erfanden drei Studierende der TU Wien im Zuge eines Semesterprojekts Anfang 2017. In ihrem einminütigen Film nahmen sie unter eben jenem Titel die Übernormierung des Bauwesens auf die Schippe. Die Sehnsucht nach totaler Sicherheit: Sie ist nicht der geringste Grund für die seit Jahren beklagte „Normenflut“. Rund 3.000 der 20.000 österreichischen Normen betreffen das Bauwesen. Das ist nicht nur eine ganze Menge, die Normen ändern und vermehren sich auch noch beständig, manche – etwa Brandschutz und Barrierefreiheit – widersprechen sich bisweilen, all das verteuert das Planen wie das Bauen, und dann müssen die ÖNormen von den Architekten auch noch selbst bezahlt werden.
Obwohl sich im Zuge der anschwellenden Debatte alle Beteiligten seltsam einig scheinen, dass man über das Ziel hinausgeschossen ist, und obwohl mit dem Dialogforum Bau schon Initiativen zur Eindämmung der Flut bestehen, hat das Problem nichts an Dringlichkeit und Relevanz verloren. Ursachen gibt es viele: Die Partikularinteressen der Industrie, die ihre Produkte in den Bauprozess hineinreklamieren will, die gesetzlichen Hierarchien von den neun Bundesländern bis zur EU, die alle ihre eigenen Ideen in die Gemengelage werfen. Funktionsspezifische Festlegungen, etwa für Krankenhäuser oder den geförderten Wohnbau, kommen noch dazu.

Worst-Case-Szenarien
Die „Normenflut“ ist zweifellos eine gesamtgesellschaftliche Hochwassersituation, die nicht nur das Bauwesen betrifft. Aus der Spirale immer absurderer Worst-Case-Szenarien ist eine Vollkasko-Gesellschaft entstanden, die sich selbst keine Fehler mehr zugesteht. Ein Best-of Worst Case: Wenn die Wientalterrassen vom Büro Tillner & Willinger mit höheren Brüstungen aufgerüstet werden, weil ja theoretisch jemand eine Sitzbank auf die Trasse der U4 werfen könnte. Wenn Absturzsicherungen in Schulen immer höher werden, weil Schüler ja theoretisch Tische und Stühle aufeinanderstapeln könnten, um sich von diesen aus Versehen in den Tod zu stürzen. Wenn Spielplätze nur noch mit restlos durchzertifizierten Geräten ausgestattet werden dürfen, in denen sich kein kindliches Körperteil mehr verfangen kann, aber sich trotzdem immer mehr Kinder auf Spielplätzen verletzen.
Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre, dass den Bürgern in unseren aufgeklärten und klugen Zeiten immer weniger Eigenverantwortung und Mündigkeit zugetraut wird. Und sind es nicht letztendlich wir selbst, die für die Misere verantwortlich sind, wenn wir bei jedem Vorfall sofort schreiend nach den Schuldigen suchen, weil irgendwer ja immer schuld sein muss?
Kein Wunder, dass Architekten wie Wolf D. Prix das Aussterben der Handschlagsqualität am Bau beklagen. Juristen und Gutachter freuen sich in dieser schuldbesessenen Vergerichtlichung der eigentlich so schönen und ehrbaren Aufgabe des Bauens über dicke Aufträge, denn es muss ja ständig begutachtet und beurteilt werden. An sich sinnvolle Schutzinteressen verlieren Maß und Ziel, wenn sie kompromiss- und ausnahmslos durchexerziert werden. Wenn eine Baustelle jahrelang stillsteht, weil sich ein Ziesel gegen die Umsiedlung sträubt oder dem violetten Sommerwurz seine Ausgleichsfläche nicht behagt. Claim-Management und Counter-Claim-Management haben die Herrschaft über die Großbaustelle übernommen. Kleine Mängel werden zu Zeitbomben, die ganze Firmen in den Abgrund reißen können. Eigentümer von Altbauten droht die zivilrechtliche Klage, wenn ihre schönen Stiegengeländer aus der Gründerzeit zu niedrig sind, und dann „etwas passiert“. Denn vor Gericht zählen die anerkannten Regeln der Technik.

Kein Klagegesang
Genug Material also für einen aus­ufernden Klagegesang oder eine wütend zeternde Polemik. Die Ende November im Architekturzentrum Wien eröffnete Ausstellung „Form folgt Paragraph“ ist keines von beiden. Und das ist gut so. Ihr Ziel ist es keineswegs, Gesetzgeber in Bausch und Bogen an den Pranger zu stellen. Vielmehr will sie illustrieren, welchen Einfluss Normen und Gesetze auf die Gestalt des Gebauten haben und welche Freiheiten den Architekten dabei noch bleiben. Was die Frage aufwirft, ob so viel Transparentmachung von Hintergründen die auratische Schaffenskraft der Architektur nicht womöglich beschädigt. Werden Architekten zu reinen Erfüllungsgehilfen degradiert, die nur das gesetzlich vorgegebene Korsett ausfüllen dürfen, so als wäre Architektur nur ein dreidimensionales Malen nach Zahlen?
Natürlich nicht. Schließlich kapitulieren Architekten nicht vor der Normenflut, und die Workarounds und Tricks, mit denen sie entweder subversiv gegen die Gesetzesintentionen arbeiten, ungeahnt freie Lichtungen im Paragraphendschungel entdecken oder sich bemühen, die Regeln zu ändern, werden in der Ausstellung mit großer Freude gezeigt. Von der fast karikaturenhaften Aussparung des vom belgischen Büro 514NE errichteten TID-Towers in Tirana für einen winzigen denkmalgeschützten Altbau in Tirana bis zu Arno Brandlhubers „Gästehaus Rachel“ bei Berlin, das kunstvoll mit den Regeln des Bestandsschutzes spielt und aus diesen einen eigentlich unmöglichen Neubau herausschält. Bisweilen lassen sich Reservate gegen die Regelflut errichten, wie im passenderweise gegen die Fluten des Ijsselmeers eingepolderten Almere-Oosterwold, für das MVRDV ein Stadtentwicklungskonzept auf Basis der kompletten Eigenverantwortung und -finanzierung entwickelten.

Paragraph folgt Kultur
Die Kernbotschaft der Ausstellung: Form folgt Paragraph, aber die Paragraphen folgen gesellschaftlichen Konventionen. Es sei wichtig zu zeigen, dass Regulatorien Kon­strukte seien, die sich von Kultur zu Kultur unterscheiden, betonte auch AzW-Direktorin Angelika Fitz anlässlich der Eröffnung. Die Tatsache, dass sich die Kuratorinnen ­Martina Frühwirth, Karoline Mayer und ­Katharina Ritter nicht zu kulturpessimistischer Larmoyanz verführen ließen und auch das Exponieren vermeintlich schildbürgerhafter Kuriosa nur sehr homöopathisch dosiert wird, resultiert in einer Schau, die so vergnüglich wie lehrreich daherkommt.
Die abstrakten Zusammenhänge von Kultur, Gesetz und gebautem Resultat anschaulich darzustellen und die textlastige Trockenheit von Paragraphen in eine Architekturausstellung zu transferieren, ist keine leichte Aufgabe. Die Ausstellungsarchitektur aus Aktenordnern (Konzept: planet architects) mag fast zu naheliegend wirken, ergibt aber ein einladendes Labyrinth, in dem man auf Entdeckungsreise gehen kann. Diagramme, Texte, Bilder, Objekte und Einladungen zu Selbstversuchen bringen die nötige Abwechslung in die Wissensvermittlung. Das auffälligste Element der Ausstellung ist eine Reihe von Treppen aus verschiedenen Ländern, gebaut im jeweils dort zulässigen Steigungsverhältnis – Handläufe inklusive. Ein Erlebnisparcours „Baugesetz“, dessen von risikofreudigen Besuchern erlangter Erkenntnisgewinn vor Ort ersichtlich ist. Noch dazu ein selbstreferenzielles Augenzwinkern, denn die steilen japanischen und niederländischen Steigungsverhältnisse sind in Wien natürlich nur als Rauminstallation zulässig. „Betreten auf eigene Gefahr“ mahnt ein Schild. „You have been warned“.

Mehr als Einzelfälle
Es ist ein Verdienst der Ausstellung, dass sie es nicht bei interessanten Einzelfällen belässt, sondern auch den für Laien oft nicht erkennbaren Einfluss von Normen auf das Stadtbild illustriert. Welche Auswirkungen diese Regeln haben, wird didaktisch-plakativ an Fallbeispielen gezeigt. Einen Dachbodenausbau mag man leicht übersehen, die Garagen, die aufgrund der Stellplatzverpflichtung in der Erdgeschoßzone darunter entstehen, nicht. Dass beides kausal zusammenhängt, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Es ist aber elementar für das Verständnis von Stadtentwicklung, von Entscheidungsprozessen und der Rolle der Architektur in all dem. Weitere Anschauungsbeispiele: Die eigenartige Geometrie eines Mehrfamilienhauses am Wiener Stadtrand wird durch rote Linien als direkte Umsetzung des maximal Zulässigen, als „gebautes Gesetz“ erkennbar. Der Innenhof eines Baufelds im Sonnwendviertel wird als Verdichtung und Überlagerung zu erfüllender Bedingungen wie Spielplatzgesetz, Feuerwehrzufahrt und Belichtung erkennbar. Wie gut oder schlecht die Planer mit diesen Rahmenbedingungen umgegangen sind, lässt sich auf dieser Basis um ein Vielfaches besser beurteilen als durch rein subjektive Anschauung.
Auch die Aufarbeitung des historischen Hintergrunds fehlt nicht: Am Anfang steht die Geschichte der Wiener Bauordnung, die seit der Erstauflage im Jahr 1829 von 30 auf 140 Paragraphen angeschwollen ist. War ihre Intention im 19. Jahrhundert vor allem der ästhetisch motivierte Schutz des Stadtbildes, rückte der Schutz vor Katastrophen immer mehr in den Vordergrund. Jedes Desaster, wie etwa der Ringtheaterbrand von 1881, war Anstoß für eine Verschärfung der Regeln. Der Verdacht, dass diese Verschärfungen immer schneller passieren, bestätigt sich. Heutzutage sind es weniger gesamtgesellschaftliche Werte als Partikularinteressen, die die Gesetzgebung bestimmen. Ein Werkzeug, das heute jede Bürgerinitiative, die einen Neubau verhindern will, zu bedienen weiß.
Dass das bisher als trockene Materie vernachlässigte Thema der Baugesetze jetzt im Zentrum steht, ist zu begrüßen. Schon 2016 lenkte eine Ausstellung an der ETH Zürich die Aufmerksamkeit auf diese Thematik, parallel dazu erschien die Publikation „Legislating Architecture“ von Arno Brandlhuber und dem Filmemacher Christopher Roth. Auf der Architekturbiennale 2016 war es der koreanische Pavillon, der unter dem Titel „The FAR Game“ der maximalen Ausnützung der zulässigen Geschoßflächenzahl (Floor Area ­Ratio) im dicht bebauten Seoul und den daraus resultierenden Bauvolumen nachging. Die Publikation „Super Legal Buildings“ des Architekten Yasutaka Yoshimura tat schon 2006 dasselbe für Japan, Auszüge daraus sind auch im AzW zu sehen.
Die Ausstellung kommt also genau zur richtigen Zeit. Die Nachricht, dass sie sich bereits zum Besuchermagnet entwickelt hat, spricht dafür. Dass unter diesen Besuchern eine große Anzahl von Behördenvertretern und Prozessbeteiligten sind, ist ermutigend. Denn die totale Sicherheit will niemand. Welche Sicherheiten sinnvoll sind und wo mehr Freiheiten angemessen sind, ist Verhandlungssache. „Form folgt Paragraph“ steckt dafür auf vorbildhafte Weise den Verhandlungsspielraum ab.

Autor: Maik Novotny

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Architektur