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Kalter Krieg und Architektur

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30.09.2019

Im Rahmen der Ausstellung "Kalter Krieg und Architektur" im Architekturzentrum Wien, stehen die globale Dimension des Ost-West-Konflikts und dessen Auswirkung im Zentrum der Neuvermessung des österreichischen Architekturdiskurses nach 1945.

Allgemein wird 1958 als Stunde Null des Architekturgeschehens nach dem 2. Weltkrieg gesehen. Doch das Bild, die Nachkriegszeit wĂ€re ausschließlich grau und dĂŒster gewesen stimmt nicht ganz. „Es stimmt nur zum Teil“ sagt Monika Platzer, Kuratorin der aktuellen Ausstellung. Sie hatte Lust, sich die architekturhistorisch und kulturell weitgehend unbeschriebene Periode davor genauer anzusehen und hat dies zum Thema ihrer Dissertation gemacht (leider hat sie diese auf der UNI Wien sperren lassen) und diese in der Folge fĂŒr die Ausstellung und das ergĂ€nzende Buch weiterbearbeitet.

„Alle vier Besatzer brachten Architekturausstellungen zu uns, die von den Österreichern sehr stark rezipiert wurden“ so Monika Platzer, „es ging viel internationaler zu als man annimmt. Internationale Zeitschriften lagen österreichweit in LesesĂ€len, Informationszentren der Alliierten oder dem TH-Lesesaal auf und wurden begierig gelesen. Daneben gab es zahlreiche Austauschprogramme“. Architekturausstellungen wurden von den Alliierten Großbritanniens, Frankreichs, Amerikas und der Sowjetunion als BĂŒhne fĂŒr kulturelle, ideologische, ökonomische und technologische Transferleistungen genutzt. Deren Auswirkungen auf die österreichische Architekturszene sind wenig bekannt oder in Vergessenheit geraten.

Monika Platzer hat sich mit dem 1945 gegrĂŒndeten Forum Alpbach auseinander gesetzt, das ab 1947 ein Architekturprogramm mit Ausstellungen, VortrĂ€gen und Arbeitsgruppen pflegte. Betreut wurde es interessanterweise von der Schweizer CIAM-Gruppe. Unter den Teilnehmern waren neben dem Chronisten und CIAM-SekretĂ€r Sigfried Giedion, der Le Corbusier förderte, Alfred Roth, Egon Eiermann und sogar Alison und Peter Smithson, GrĂŒnder des britischen „Neuen Brutalismus“.

Architekten und Studierende konnten sich also ĂŒber internationale Entwicklungen informieren. Von Zeitzeugen, wie u.a. Hans Puchhammer wissen wir, dass sie zahlreich die Lesezentren der Alliierten besuchten - „die Vielfalt an Zeitschriften und Tageszeitungen der Alliierten“, so Monika Platzer, „ist verblĂŒffend - und sie enthielten reichlich Informationen zum aktuellen internationalen Kunst- und Architekturgeschehen. Im Gegensatz zu österreichischen Zeitschriften wie der Bau oder Aufbau, der vom Bauamt gesteuert war und eher trocken und lokal berichtete. Das fĂŒhrte daher zu nach heutigem Gesichtspunkt unverzeihlichen Auslassungen und auf der anderen Seite wurden bestimmte Architekten besonders gefeatured“.

Interessant fĂŒr die Ausstellungsmacher war auch die Analyse der politischen HintergrĂŒnde und Absichten der alliierten Kulturprogramme. Die Briten legten ihren Fokus auf StĂ€dte- und Wiederaufbau. 1944 stellten sie den von Patrick Abercrombie entwickelten Greater London Plan vor. Die Labour Party pflegte freundschaftliche Kontakte zu den österreichischen Sozialdemokraten.

Die Franzosen wendeten sich an die Eliten und wurden besonders von den Studierenden der TU und der Akademie rezipiert. Le Corbusier war anlĂ€sslich einer StĂ€dtebauausstellung 1948 in Österreich und hielt einen Vortrag. Seine Vorstellungen von StĂ€dtebau stieß bei vielen österreichischen Professoren auf Widerstand im Gegensatz zu vielen Studierenden, die großes Interesse zeigten. Ebenso fĂŒr die Charta von Athen, die 1933 beim CIAM-Kongress in Athen vorgestellt wurde und die nun erschien in deutscher Übersetzung in der EuropĂ€ischen Rundschau, der Zeitung der französischen Alliierten erschien. Die Situation in den österreichischen Hochschulen war unmittelbar nach dem Krieg triste. GĂŒnther Feuerstein, der spĂ€tere Assistent von Karl Schwanzer, der selbst von 1945 bis 1951 an der TH Wien studierte, bemerkte in zur Situation nach dem Krieg: „Die Fenster waren mit Brettern vernagelt, Fleisch gab es im Schleichhandel, abends Erbsensuppe mit WĂŒrmern und der Stephansdom war ausgebrannt. Die HörsĂ€le der TH waren ungeheizt, die Professoren Nazis oder ĂŒber 80, oder beides – konservativ, hilflos wie wir alle.“ Auch Eduard Sekler berichtet ĂŒber die Nachkriegszeit an der TH Wien: „Also, there were some really convinced Nazis among them, there is no doubt about it: the man who taught urbanism; the man who taught interiors and garden design; and [Karl] Ginhart, the man who taught art history, though he or Alfred Keller, who was really a survivor from the monarchy and knew the world better, were not of that coloration, but they had to be careful...“.

Frankreich wollte aktiv zur neuen IdentitĂ€tsfindung Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg beitragen. Schon 1946/47 wurden Kulturinstitute in Innsbruck und Wien eröffnet, 1950 in Graz. Ein Kulturabkommen 1947 mit Österreich fĂŒhrte zu intensiven Beziehungen, vor allem im Kultur- und Bildungsbereich. Das Engagement lag dabei stark bei den Kulturdiplomaten EugĂšne Susini und Maurice Besset, die leider 1958 aus Österreich abgezogen wurden. Sie realisierten u. a. eine legendĂ€re Le-Corbusier-Ausstellung in Innsbruck und zahlreiche Kunst-Ausstellungen. Begehrt waren Frankreich-Stipendien. Stark frequentiert wurden die französischen LesesĂ€le auf der KĂ€rntner Straße und im Innsbrucker Taxis-Palais. Sie ermöglichten den Zugang zu von den Nazis verbotenen Werken, von Publikationen und Zeitschriften, nebenbei waren die RĂ€ume geheizt.

Auch die Gelder des Marshall-Planes flossen bevorzugt (bis 1953) in den Westen, nach Tirol und Vorarlberg, und es zeigt sich, dass die BautĂ€tigkeit dort schneller in Schwung kam als im Osten. In Wien lag diese ja hauptsĂ€chlich in HĂ€nden von verbeamteten Architekten. Freie Architekten mussten erst langsam Terrain zurĂŒckerobern. Der Marshall-Plan war auch nicht frei von Ideologie. Die Gelder durften nicht fĂŒr den Sozialen Wohnbau verwendet werden sondern nur fĂŒr den Industrie-Wohnungsbau und es sollte die Eigentumsbildung forciert werden. Das war in Wien ein klarer Gegenentwurf zur sozialdemokratischen Wohnungspolitik. Es gab z.B. ein gefördertes Musterprojekt von Roland Rainer und Carl Auböck, die Siedlung in der Veitingergasse. Amerikanische Experten, die schon in Deutschland Mustersiedlungen planten, waren involviert. Dahinter standen wirtschaftliche Interessen, wie die Förderung der Holzindustrie. Das System mit vorgefertigten Modulen hat sich jedoch in Österreich nicht durchgesetzt.

Platzer zeigt auch die Auswirkungen anderer Materialien auf die Architektur. Die Förderung der Aluminiumindustrie hat ihren augenscheinlichen Niederschlag etwa in der Verwendung des Materials beim Bau der Wiener Stadthalle und dem Böhler-Haus von Roland Rainer.

Ein US-Exportschlager und von den Amerikanern finanziert war Konrad Wachsmann, Er entwickelte zusammen mit Walter Gropius. 1941–1942 das General Panel System, das als „Packaged House System“, ein Fertighaussystem in Holzbauweise, mit dem Wachsmann international bekannt wurde. Wachsmann systematisierte die Struktur von Bausystemen, alle verwendeten Bauelemente vom Glas bis zu Holz und Eisen sollten normiert und vorgefertigt sein. Wichtig waren die Verbindungsmöglichkeiten, die „Wachsmann’schen Knoten. Friedrich Welz regte Wachsmann zur Ausstellung „Bauen in unserer Zeit“ an. Sie wurde vom amerikanischen Außenministerium finanziell unterstĂŒtzt und in der Galerie WĂŒrthle in Wien gezeigt, danach in MĂŒnchen, Rom, Amsterdam, Delft, Essen und ZĂŒrich. Wachsmanns Seminare in Salzburg faszinierten die Architekten.

Unter Bruno Kreisky wurden die internationalen Beziehungen aufgebaut. Österreich als neutrales Land in einer Vermittlerrolle wurde zum Exportschlager. Erstmals reisten auch Architekten mit Wirtschaftsdelegationen mit, wie z.B. Hannes Lintl, der Architekt des 1961-64 errichteten Wiener Donauturms. Lintl, um nur einen von vielen Österreichern zu erwĂ€hnen, die im Ausland erfolgreich tĂ€tig wurden, errichtete unter anderem das TV Production Center in Amman und war an der Renovierung des Raghadan-Palastes des frĂŒheren Königs Abdallah ibn Husain I. beteiligt. In Riad (Saudi-Arabien) errichtete er die Botschaft Österreichs.

Transnationale Netzwerke, laut Platzer ebenfalls noch viel zu wenig erforscht, wurden gesponnen. Der Blick in die USA war nicht nur fĂŒr Karl Schwanzer sondern auch fĂŒr Hans Hollein prĂ€gend.

Diese spannende Ausstellung ist ein PlĂ€doyer fĂŒr eine Revision des nationalgeschichtlichen, architekturhistorisch geprĂ€gten Narrativs. Der Kampf der Systeme nach dem Zweiten Weltkrieg war allumfassend und setzte sich im kulturellen WettrĂŒsten fort. Ein Hauptaugenmerk liegt auf der Einbeziehung von bisher nicht erschlossenen PrimĂ€r- und SekundĂ€rquellen, die in der Zusammenschau ein Sittenbild der Nachkriegsmoderne ergeben. Die Akteure der Nachkriegs-Österreich im Diskurs des Kalten Krieges beleuchtet und kontextualisiert. Wie sich zeigen wird, sind die Jahre der Besatzung fĂŒr die architekturpolitische Weichenstellung nach 1945 prĂ€gend.

AnlĂ€sslich der Ausstellung erscheint bei Park Books die gleichnamige Publikation sowie die englische Ausgabe „Cold War and Architecture. Contributions to Austria’s Democratization after 1945.“

Interessant und ergĂ€nzend zu dem Thema sei auch die 2016 erschienene Disseration von Brigitte Groihofer an der TU Wien: (AUF)BRÜCHE Spannungsfelder und PhĂ€nomene der Architektur um 1958 mit Schwerpunkt Wien. Online als pdf im TU Bibliotheksportal donwnloadbar.

Zur AnkĂŒndigung der Ausstellung: Kalter Krieg und Architektur

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Architektur