Stadt-Grün

Neue Freiräume im Klimawandel

ExpertInnen tüfteln bereits seit vielen Jahren an Strategien und Konzepten, wie Städte grüner und dadurch kühler werden können. Dabei sind stadträumliche Maßnahmen ebenso relevant wie lokale Lösungen, die unsere Lebensräume an die neuen Bedingungen anpassen und Aufenthaltsqualitäten im Klimawandel schaffen.

09.04.2021
Stadtplanung
Stephanie Drlik
09.04.2021
© SchreinerKastler
Die Biotope City Wienerberg sichert Lebensqualität im Klimawandel durch viel Grün am Boden, an den Fassaden und auf den Dächern.

Österreich leidet nicht nur unter den steigenden Temperaturen, sondern auch unter der zunehmenden Unbeständigkeit des Klimas, unter jahreszeitlichen Verschiebungen und der Zunahme von Extremereignissen. So wird es dem globalen Trend entsprechend auch bei uns wärmer, trockener und Starkregenereignisse nehmen zu. Hitzeperioden, zu wenig und punktuell viel zu viel Wasser – das ist für die Planung von Außenanlagen keine leichte Aufgabe. Welche Lösungsansätze gibt es für den urbanen Freiraum? 

LandschaftsarchitektInnen stehen vor der großen Herausforderung, urbane Freiräume im 21. Jahrhundert so zu gestalten, dass sie im Klimawandel nutzbar bleiben. Das betrifft die Aufenthaltsqualität für Menschen, aber auch Pflanzen müssen mit neuen Standortbedingungen zurechtkommen, Stichwort Artenvielfalt und Klimafunktionen. Vor allem im direkten Wohnumfeld sind die richtigen Pflanzen am richtigen Ort zunehmend wichtig.
Doch gerade Großgehölze schwächeln im rauer werdenden Stadtklima. Hitze, Trockenheit, Abgasbelastung und unterdimensionierte Wurzelräume verringern die Lebenszyklen, erhöhen die Pflegekosten und reduzieren die positiven Klimaeffekte von Bäumen. Dass trotz der widrigen Bedingungen dennoch reichlich grüne Infrastruktur in unseren Städten kann untergebracht werden, beweisen einige gelungene Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit. 

Grüne Stadtteile als Klimapuffer

Als NachhaltigkeitsexpertInnen sind LandschaftsarchitektInnen gewohnt, im „großen Ganzen“ zu denken. Jede Parkanlage ist ein eigenes kleines Ökosystem, sie ist aber auch Teil eines stadtweiten übergeordneten Grün- und Naturverbundes und Teil des systemischen Wasserhaushalts einer Stadt. Je umfassender die blau-grüne Infrastruktur einer Stadt in ihrer Gesamtheit konzipiert ist, desto effektiver wirkt sie als Klimapuffer gegen den urbanen Hitzeinseleffekt. Und so stehen heute ganze Wohnquartiere unter diesem übergeordneten ökosystemischen Gedanken, zur Verbesserung der Lebensqualität der BewohnerInnen sowie aus Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung in Hinblick auf Ressourcen-, Arten- und Klimaschutz. 

Durch Wohnbau-integrierte Grünstrukturen werden die positiven Effekte von Grün genutzt, um sinnvolle Antworten auf die zunehmende städtische Verdichtung und den Klimawandel zu geben.

Thomas Knoll, Knollconsult Umweltplanung

Ein Beispiel, das diesen Anspruch zu erfüllen versucht, ist die Biotope City Wienerberg. Ein Wohnquartier, das in den vergangenen Jahren in Wien Favoriten auf einem etwa 5,4 Hektar großen ehemaligen Betriebsareal entstanden ist. Ziel war, das Quartier zu einem Teil der Stadtnatur zu machen und so dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen. „Wir haben den Versuch unternommen, Pflanzen und Tiere in den städtischen Lebensraum der Menschen zu integrieren und die Vorteile, die daraus entstehen, zu nutzen“, sagt Thomas Knoll, Inhaber des für den Biotope City Freiraum verantwortlichen Planungsbüros Knollconsult Umweltplanung. „Durch Wohnbau-integrierte Grünstrukturen werden die positiven Effekte von Grün genutzt, um sinnvolle Antworten auf die zunehmende städtische Verdichtung und den Klimawandel zu geben.“

© Heinz Wind
Die üppig bepflanzten Außenräume in der Biotope City Wienerberg dienen der Kühlung sowie der Regenwasserversickerung.

Üppig grüne Außenanlagen sind ebenso Teil des Konzepts wie weitreichende Maßnahmen zur Gebäudebegrünung. Jedes Gebäude ist begrünt – auf den Dächern, Fassaden, Balkonen und Terrassen. „Bauwerksbegrünungen sind längst kein architektonisches Nice-to-have-Element mehr, sondern eine wirksame Maßnahme zur Gebäudeoptimierung“, erklärt Susanne Formanek, Geschäftsführerin von GrünstattGrau, dem österreichischen Innovationslabor für Bauwerksbegrünung. In der Biotope City leistet die Bauwerksbegrünung einen Beitrag zur Klimawandelanpassung, erzielt eine positive Dämmwirkung, fungiert als Retentionsfläche und trägt nebenbei zur Habitatbildung für Pflanzen und Tiere bei. 

Neben der Bauwerksbegrünung spielt in der Biotope City insbesondere auch ein arealumfassendes, systemisches Regenwassermanagement eine wesentliche Rolle für die Klimawirkung. Ursprünglich wurde Regenwassermanagement zur Minimierung des Infrastrukturaufwands eingesetzt. Wasser sollte vor Ort zurückgehalten werden, um Überlastungen der Kanalsysteme zu vermeiden. Letztendlich landete das Regenwasser zwar zeitverzögert, aber dennoch größtenteils im Kanal. Der Klimawandel hat diesbezüglich ein Umdenken bewirkt. Statt Regenwasser abzuleiten, soll es im lokalen Wasserkreislauf gehalten werden, um das Grundwasser zu speisen und idealerweise auch vor Ort Pflanzen zu versorgen.
Gerade Letzteres verbessert die Standortbedingungen der Pflanzen erheblich, insbesondere bei Bäumen können so Lebenszyklen verlängert und Kosten minimiert werden. Und natürlich erbringen gesunde Bäume mit großen, schattenspendenden Kronen auch bessere Kühlleistungen im Klimawandel. Abgesehen von den ökologischen Mehrwerten entlastet die Versickerung vor Ort das städtische Kanalsystem und verhindert Überflutungen bei Starkregenereignissen.

Beim Schwammstadtprinzip wird der Boden des groß dimensionierten Wurzelraums der Bäume mit grobem, porenreichem Steinmaterial und Schlämmsubstrat gefüllt.

Daniel Zimmermann, 3:0 Landschaftsarchitektur
© 3:0 Landschaftsarchitektur
Das Schwammstadtprinzip sorgt durch Baumscheiben-integrierte Regenwasserspeicherung für ausreichende Versorgung der Pflanzen mit Wasser.

Klimaaktive Maßnahmen: Das Schwammstadtprinzip

Dem Problem des Trockenstresses bei anhaltender Wasserknappheit wird neuerdings mit einer technisch-konstruktiven Lösung, dem sogenannten Schwammstadtprinzip für Stadtbäume begegnet. Das System soll helfen, mit den schwierigen Bedingungen im Klimawandel umgehen zu können. Und das ohne kosten- und wartungsintensiven technischen Aufwand. „Beim Schwammstadtprinzip wird der Boden des groß dimensionierten Wurzelraums der Bäume mit grobem, porenreichem Steinmaterial und Schlämmsubstrat gefüllt“, erklärt Daniel Zimmermann von 3:0 Landschaftsarchitektur, Mitbegründer des Prinzips. „So kann der Wurzelbereich als unterirdischer Retentionsraum fungieren und das Regenwasser zur Versorgung der Gehölze über einen längeren Zeitraum bereitstellen.“

Das jüngste Vorhaben zu Regenwassermanagement mit Schwammstadtbäumen wurde in Wien-Währing umgesetzt. Dort hat das Ziviltechnikerbüro Karl Grimm Landschaftsarchitekten am Johann-Nepomuk-Vogl-Platz den Platzraum zu einem integrativen Regenwassersystem umgebaut – und das ganz im Verborgenen. Das ausgeklügelte Wasserverwertungssystem nutzt nicht nur das Regenwasser der Platz- und Dachflächen, sondern auch das ablaufende Wasser eines Wasserspielplatzes. Das gesammelte Wasser wird in die Baumscheiben eingeleitet und versorgt die Pflanzen über einen längeren Zeitraum.

© Johannes Hloch

Die neu gepflanzten Schwammstadtbäume am Johann-Nepomuk-Vogl-Platz in Wien-Währing sollen schon bald kühlenden Schatten spenden.

Technische Lösungen zur Stadt-Kühlung

In bestehenden Außenräumen ist die nachträgliche Einbringung von Pflanzen oder Schwammstadtbäumen oftmals nur sehr eingeschränkt möglich oder mit erheblichem Aufwand verbunden. Das ist etwa bei Straßen oder Stadtplätzen der Fall, wo räumliche Gegebenheiten oder der Straßenunterbau umfassende Eingriffe erschweren. Im Klimawandel mit brütend heißen Sommern sind asphaltierte Straßen oder Plätze ohne Beschattung für Menschen jedoch unbenutzbar.

Hier kommen daher immer öfter technisch-konstruktive Lösungen wie berankte, Schatten spendende Pergolen oder kühlende Sprühnebelduschen zum Einsatz. Beides findet auch in Parks oder im Wohnbaufreiraum Anwendung. Dabei sind gerade die Wassernebelanlagen nicht unumstritten, denn technische Lösungen sind wartungs- und somit kostenintensiv. Das macht sie nicht gerade zur nachhaltigsten Klimaanpassungslösung. Zudem merken Kritiker an, dass Vernebler relativ unkontrolliert eine Menge Wasser in die Luft blasen – eine Ressource, die im Klimawandel immer kostbarer wird.
Eines steht jedenfalls fest: Eine Nebeldusche kann niemals die Klimawirksamkeit eines ausgewachsenen Baumes erreichen, der durch Beschattung und Evapotranspiration kühlt und ganz nebenbei CO2 bindet und in Sauerstoff verwandelt.

Architektur

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