KI am Bau

"Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt"

Künstliche Intelligenz
20.10.2023

Klemens Haselsteiner, CEO der Strabag SE, und Hubert Rhomberg, Geschäftsführer der Rhomberg Holding, sprechen im Interview mit der Bauzeitung über die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung für die Bauwirtschaft.
Hubert Rhomberg und Klemens Haselsteiner
Interview mit Hubert Rhomberg und Klemens Haselsteiner über die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz (KI) am Bau.

Meine Herren, wie stark hat die Künstliche Intelligenz die Bauwirtschaft bereits verändert? Oder anders gefragt: Gibt es schon eine Disruption? Wie sehr sind etablierte Marktteilnehmer und Produkte durch die KI bedroht?

Klemens Haselsteiner: Eine klassische Disruption sehe ich noch nicht. Das wird auch nicht so schnell gehen. Die Dienstleistung, die wir erbringen, ist an einem lokalen Standort gebunden. Wir bauen lokal. Das kann man nicht an eine App auslagern.
Hubert Rhomberg: Ich gebe Klemens recht, die Branche ist noch nicht so weit. Aber die Disruption wird kommen – bei den Prozessen oder in Teilen der Wertschöpfungskette sehen wir das schon heute. Und sie muss kommen. So, wie der Bau mit Ressourcen und CO2-Emissionen umgeht, kann es nicht weitergehen.

Kann man sich als Bauunternehmen noch weigern, KI einzusetzen?

Haselsteiner: Stand heute funktioniert das noch, weil es viele tun. Unsere Branche ist sehr heterogen und kleinteilig strukturiert. Ich halte es allerdings nicht für ratsam, die KI auf Dauer zu ignorieren.
Rhomberg: Wir merken, dass es für das durchschnittliche Bauunternehmen ohne digitale Kompetenzen schwieriger wird. Wer digital unterwegs ist und das Partner*innen und Kund*innen anbieten kann, ist mittlerweile im Vorteil.

Kann man den wirtschaftlichen Nutzen der KI in der Baubranche schon jetzt nachweisen?

Haselsteiner: Ja, kann man! Es ist kein trivialer Prozess, aber es ist möglich. Ich bin kein Fan davon mit Innovation erst zu beginnen, wenn man den Nutzen schwarz auf weiß und genau belegen kann – denn man verliert wertvolle Zeit, die man nicht hat. Wir sind damit also selbst noch nicht so weit, wie wir gern wären. Wenn wir von Innovation sprechen, müssen wir auch auf den wirtschaftlichen Faktor schauen: Was kostet es mich und was wird es mir langfristig bringen.
Rhomberg: Die zusätzlichen Kosten bekommen wir von den operativen Kolleg*innen schnell aufgezeigt. Unser Ansatz ist da aber auch eher, sie sehr früh einzubinden, zum Beispiel in Form von Prototpying, und über verschiedene Digitalisierungsprojekte zu überzeugen, bei denen sie einen unmittelbaren Nutzen erfahren.

Wie schaut das in der Praxis aus?

Rhomberg: Sie können etwa die Übergabe einer Baustelle mit Hilfe eines digitalen Modells abwickeln. So schaffen Sie drei Baustellen an einen Nachmittag, und die Kundschaft erspart sich eine lange Anreise. Weitere Beispiele sind der digitale Zwilling oder unser Q-tainer.
Haselsteiner: Oder nehmen Sie den ganzen Bereich der Risikoanalyse und -bewertung. Mit Hilfe von KI können Sie in kurzer Zeit unterschiedliche Simulationen erstellen und auswerten, wie sich das Ergebnis verändert, wenn sie bestimmte Parameter verändern. Hier bietet die KI völlig neue Möglichkeiten – zum Beispiel auch, was die Senkung der CO2-Emissionen von Gebäuden betrifft.

Das klingt gut. Aber ist der Hype, der derzeit auch am Bau um die Themen KI und Digitalisierung gemacht wird, nicht doch etwas übertrieben?

Haselsteiner: Ein Hype ist immer eine Übertreibung des Potentials. Das ist das Wesen des Hypes. Aber er hat Vorteile: Es genügt uns ja nicht, dass wir nette Spielzeuge im Labor entwickeln – wir wollen sie live auf die Baustelle bringen. Der Hype hilft uns dabei, dass man uns eine Chance gibt. Denken Sie an BIM, da gab es vor fünf, sechs, sieben Jahren den großen Hype. Der ist mittlerweile etwas abgeflaut, aber das ändert nichts daran, dass er geholfen hat, BIM einzuführen und bekannt zu machen. Und das Thema hat immer noch riesiges Potential.
Rhomberg: Der Hype an sich ist nicht übertrieben. Im Gegenteil: Er unterstützt uns dabei, unsere Branche attraktiv zu machen und uns als Unternehmen neu und fortschrittlich zu positionieren. So ziehen wir kompetente, kreative Leute an. Und die brauchen wir alle.

Wie machen Sie das?

Rhomberg: Wir zeigen anhand von konkreten Beispielen auf, dass Digitalisierung spannende Möglichkeiten bietet, und Kund*innen einen echten Mehrwert. Damit überzeugen wir nicht nur IT-affine Menschen, sondern auch die auf den Baustellen selbst.  

Welchen Wettbewerbsvorteil bietet es einem Bauunternehmen, wenn es die Möglichkeiten von KI und Digitalisierung schneller nutzt als seine Mitbewerber?

Haselsteiner: Ich halte das für den falschen Denkansatz. Ich gebe aber zu, dass er bei uns im Unternehmen auch noch stark verankert ist: Wenn wir einen Wettbewerbsvorteil haben, wollen wir ihn behalten. Ich bin davon überzeugt, dass wir in der der Baubranche offener werden und den Austausch suchen sollten – so, wie das zwischen den Tech-Unternehmen im Silicon Valley üblich ist. Wenn man einen technologischen Vorteil hat, ist er rasch wieder verloren. Die anderen schauen ja auch nach links und rechts. Ich würde es begrüßen, wenn wir in der Branche offener werden und voneinander lernen.
Rhomberg: Wissen teilen, im Sinne einer „Sharing Economy“, sehe ich ebenfalls als den größten Nutzen – gerne übrigens mit branchenfremden Unternehmen. Dafür habe ich mit Cree Buildings ja speziell eine Plattform entwickelt, auf der wir unsere Erfahrungen im Holzsystembau allen Interessierten zur Verfügung stellen. Unser Ziel dabei ist es, diese ressourcenschonende, nachhaltige Bauweise möglichst schnell und weltweit voranzutreiben. Dafür brauchen wir Mitstreiter*innen.  

Was verlangen Sie als Gegenleistung dafür, dass die auf ihr Wissen zugreifen kann?

Rhomberg: Ich möchte eben nicht, dass sie nur zugreifen. Ich möchte, dass sie teilen. Heißt: Alle Projekte, die andere mit unserem Wissen umsetzen, fließen ebenfalls in die Plattform und bereichern sie mit neuen Elementen, Prozessen, Materialien… So lerne ich ebenfalls.

Sie haben eingangs gesagt, dass die KI die Baubranche noch nicht stark verändert hat. Aber wie stark wird sie die Branche in den kommenden Jahren verändern?

Haselsteiner: Der Bau bleibt ein lokales Geschäft, aber die neuen Technologien werden unsere Arbeitsweise teilweise revolutionieren. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Ich kann daher den Bauunternehmen nur eines raten: die Augen nicht zu verschließen. KI – oder Data Design, wie unsere Expert*innen sagen – hat ein gewaltiges Potential. Das gilt für Unternehmen jeder Größe – egal ob ein Konzern wie Strabag oder ein regionales Familienunternehmen.
Rhomberg: Die KI wird unsere Industrie nachhaltig verändern. Das dauert vielleicht etwas länger, als viele wünschen, aber die KI ist nicht aufzuhalten. Ich denke, die nächsten fünf Jahre werden darüber entscheiden, wer in unserer Industrie vorne dabei ist und wer nicht.

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