Krankenhausarchitektur

Die Lehren aus der Pandemie

Das Wiener Architekturbüro Delta Pods Architects zeigt auf, welche architektonischen Erkenntnisse für die Zukunft bisher aus der Pandemie gezogen werden konnten.

17.02.2021
Architektur
Redaktion Handwerk + Bau
17.02.2021
© Delta Pods Architects/Lisa Rastl
Station im Krankenhaus Elisabethinen in Wien

In der internationalen Bau- und Architekturbranche gilt das Gesundheitswesen seit jeher als Königsdisziplin. Der Grund dafür sind die vielfältigen Anforderungen. Durch die Pandemie sind der Gesundheitssektor und die Krankenhäuser nun verstärkt im Fokus. Covid-19 hat in vielen Länder die Krankenhäuser an ihre Belastungsgrenzen gebracht und gezeigt, wie hoch der Stellenwert eines funktionierenden Gesundheitssystems ist.

Krankenhäuser müssen zahlreiche unterschiedliche Funktionen unter einem Dach erfüllen. Wesentliche Hauptverbindungswege, etwa zwischen Notaufnahme und OP, sind neben kilometerlangen Verkabelungen und Installationen möglichst kurz und barrierefrei zu halten. Auch die hygienischen Anforderungen einzelner Bereiche spielen eine wesentliche Rolle, denn öffentliche und keimreduzierte Räume müssen strikt voneinander getrennt werden.

Unkomplizierte Selektion

Gerade der Eingangsbereich kann rasch zum Infektionsherd werden. Künftig wird dafür in der Planung noch mehr Platz eingeräumt werden müssen. „Die Vereinzelung und gesundheitliche Triage der Personen, bevor sie überhaupt die Innenräume betreten, wird stärker ins Bewusstsein rücken. Eine rasche, unkomplizierte Selektion, beispielsweise über Drehkreuze oder Schleusen wird wesentlich“, erklärt Peter Podsedensek, Architekt und Miteigentümer von Delta Pods Architects. Es geht darum, dass bestimmte Räumlichkeiten, wie Wartebereiche und Ambulanzen, für eine Pandemie genutzt werden können, ohne dass es zu Kontaktrisiken kommt. Gleichzeitig heißt es diese Räume aber auch so zu planen, dass sie auch in „Nicht-Pandemiezeiten“ sinnvoll genutzt werden könne, eine weitere Herausforderung.

Beim Thema Infektionsherde spielen auch krankenhausspezifische Keime, die tödlich sein können, eine wichtige Rolle - nicht erst seit Covid-19. Bei der Planung von Gebäuden im Gesundheitsbereich braucht es daher ein großes Fachwissen in der Reinraumtechnik, um alle hygienischen Aspekte und die verschiedenen Stufen von Keimfreiheit zu berücksichtigen. Podsedensek kann hier aus seiner langjährigen Erfahrung schöpfen: „Wenige große Flächen lassen sich dabei besser reinigen als kleinteilige, die Zahl der Fugen sollte möglichst minimiert werden. Automatisierte Türöffner und „Push-to-open“-Mechanismen sind hygienischer als Griffe. Ein sensibler Bereich ist auch die Kante zwischen Wand und Vorbauten.“ 

© Delta Pods Architects/Lisa Rastl
Krankenhaus Elisabethinen in Wien: Zimmer mit Schiebetüren statt klassischer Türen

Mehr Flexibilität

Die Errichtung von Krankenhäusern der höchsten Isolationsstufe macht allerdings aus volkswirtschaftlicher Sicht keinen Sinn. „Es gibt bereits Publikationen in diese Richtung, wie beispielsweise das Zweibettzimmer mit zwei getrennten Nasszellen, aber sobald es an die Überprüfung der betriebswirtschaftlichen Folgekosten geht, wird das sehr kritisch“, ist Wolfgang Kradischnig, ebenfalls Miteigentümer von Delta Pods Architects, überzeugt.

Seiner Meinung nach ist im Vergleich dazu der Trend zum Einbettzimmer zu bevorzugen. So können infektiöse Patienten nicht nur rasch und effektiv isoliert werden, sondern geschlechtergetrennte Mehrbettzimmer werden obsolet, was der flexiblen Belegung zugutekommt. Eine zukünftig verstärkte Investition in den Bereich Modulbau ist für ihn daher denkbar. Kradischnig ist überzeugt, dass die Branche hier viel aus der aktuellen Krise gelernt hat: „In Vergangenheit bestand kaum eine Notwendigkeit, ein Gebäude ohne konkreten Bedarf, vorsorglich, und binnen weniger Tage zu errichten. Nun werden Herausforderungen zur unbürokratischen und raschen Abwicklung solcher Projekte aber bewusst thematisiert.“

Österreichische Krankenhäuser haben den beiden Experten zufolge erkannt, dass sie rasch auf veränderte Bedürfnisse reagieren müssen. Nicht nur die Anforderungen der Nutzer, sondern auch jene der Pharma- und Gesundheitsbauten selbst, haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Der medizinische und vor allem der technologische Fortschritt sorgen dafür, dass die Lebenszyklen der Nutzung immer kürzer werden, was auch dem Trend zur Gebäude-Revitalisierung Aufschwung verleiht. 

Besserer Datenaustausch

Nicht nur in der architektonischen Planung, auch bei der Digitalisierung gibt es im Gesundheitswesen Nachholbedarf. „Wir haben gesehen, wie wichtig die enge Zusammenarbeit zwischen den Krankenhäusern ist und, dass eine gemeinsame IT-Infrastruktur sowie Cloud-Systeme benötigt werden. Um schnelle und qualitativ hochwertige medizinische Versorgung zu gewährleisten, muss der Datenaustausch auch zwischen niedergelassenen Ärzten und Kliniken einwandfrei funktionieren“, ist Kradischnig überzeugt. Über die Bedingungen der Pandemie hinaus seien Maßnahmen zur Erhöhung der IT-Sicherheit und Vorkehrungen gegen Cyber-Kriminalität besonders wichtig. So soll auch die Datensicherheit bei der digitalen Medikamentenabgabe erhöht werden. „Was fehlt, ist eine einheitliche Digitalisierungsstrategie. Bisher gibt es meist lediglich kleinteilige Insellösungen, die in verschiedenen Krankenhäusern umgesetzt werden. Nun liegt es an uns, neu gewonnenes Wissen zu nutzen und für künftige Projekte umzusetzen“, so Kradischnig.

Anstoß zu Partnerschaften

Generell hat die Pandemie die Komplexität von Projekten im Gesundheitssektor nicht nur verstärkt, sondern vor allem offengelegt. Diese Entwicklung führt dazu, dass es schwieriger wird, Projekte mit verschiedenen Ansprechpartnern und Schnittstellen problemfrei abzuwickeln. „Ein gesamtheitlicher Dienstleistungsansatz – Architektur, Baumanagement und IT aus einem Guss – ist nun mehr denn je gefragt. Ein Anstoß zu Partnerschaften innerhalb der Architektur- und Baubranche“, betont Podsedensek abschließend.

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