Neue Postmoderne in Schwarz-Weiß

Nach dem Wohnbau (ehemaliges Bürohaus) von BEHF Architekten, ein 28 Meter „großes Schwarzes“, entsteht am Rochusmarkt im dritten Wiener Gemeindebezirk gerade ein weißes Gegenüber. Ende 2017 ziehen zirka 1.000 Mitarbeiter der Post AG in die Hochhaus-„light“-Unternehmenszentrale. Und: Trari Trara, ein neuer Platz ist da. 

02.05.2017
Bauzustand
Manuela Hötzl
© Bengt Stiller
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2013 konnten die Architekten Schenker ­Salvi Weber mit feld72 den EU-weiten, zweistufigen Wettbewerb für die neue Unternehmenszentrale der Post AG für sich entscheiden. Im September 2017 wird das fast 50.000 Quadratmeter große Bürogebäude den Nutzern übergeben. Neben allen Post-eigenen Flächen, wie großräumigen Büros, Filiale, Foyer, Presse- und Konferenzzentrum oder Logistikflächen, sind im Unter-, Erd- und ersten Obergeschoß noch zirka 5.500 Quadratmeter für rund 20 Lokale und Geschäfte reserviert. Teil der Ausschreibung war zudem die Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes an der Rasumofskygasse, das nun in das gesamte Ensemble eingegliedert ist. 

Platzverstand

Im Gegensatz zu andernorts in Wien entstandenen Shoppingcentern mit integrierten Bahnhöfen, entsteht am Rochusmarkt ein neuer Bürostandort mit viel Mehrwert für den öffentlichen Platz. Gerade weil das Gebäude mit seiner raumhohen, gerasterten Fassade zurückhaltend daherkommt, ist es ein starkes Statement für die Architektur dieser Stadt und auch der Post selbst. Das Augenmerk liegt hier auf der Inszenierung des Raumes, innen wie außen. Und stellt zudem ein nachhaltiges Gebäude in jedem Detail, und in Hinsicht auf lebenszyklusorientierte Planung, dar.

Strukturell umschließt das siebengeschoßige Bürohaus das gesamte, polygonal geschnittene Grundstück und verbindet nun den Rochusmarkt mit dem dahinter liegenden Grete-Jost-Park. Die Ecke Rochusmarkt-Rasumofskygasse tritt als Eingang zur Post markanter hervor und führt in ein zweigeschoßhohes Foyer, das sich auch an der Fassade abbildet. Im Erdgeschoßbereich, etwas zurückversetzt, liegt der Eingang zur „Markthalle“ direkt hinter der U-Bahnstation. Die großzügige Erschließung der Mall führt mit mittiger „Straße“ durch das Gebäude und nach oben. Der Bestandsbau, aufgrund der Art-Deco-Fassade aus den 1920er Jahren und den besonderen technischen Einbauten denkmalgeschützt, wird als eigenständiges Bürohaus umgestaltet – und bekommt, anders als der Neubau, kleinere, abgeschlossene Räume, die eine flexible Belegung möglich machen. Die neuen Räume wurden zudem so entwickelt, dass sie zukünftige alternative Verwendungszwecke sowie vielfältige Anpassungsmöglichkeiten in der Haustechnik erlauben.

An der Schnittstelle zwischen Alt und Neu entsteht eine Art „Fuge“, die zu einem mehrgeschoßigen, lichtdurchflutenden Atrium gestaltet wird. Dieser Zwischenraum hat nicht nur besondere räumliche Qualitäten, sondern bildet immer wieder die direkte Schnittstelle zum Neubau. Helligkeit im gesamten Raum und Leichtigkeit in der Materialität, schmale Brücken und viele Durchblicke machen die Erschließung innen zu einer kommunikativen Begegnungsfläche und sichern die Verteilung im Gebäude. Gleichzeitig wird mit dem Übergang die Zweiteiligkeit von Alt und Neu inszeniert. Eine besondere Herausforderung sind die unterschiedlichen Raumhöhen, die ebenfalls in der Zwischenzone „aufgefangen“ werden. Das Bestandsgebäude hat somit ein Geschoß weniger. Zusätzlich gibt es oben auf dem Altbau ein großzügiges Presse-und Konferenzzentrum mit angeschlossenem Aufsichtsratsraum.

Der angeschlossene Neubau ist weniger stringent; ab dem zweiten Geschoß sind dort Großraumbüros situiert. Die Ausschreibung für die Zonierung, Einrichtung und das Corporate Design konnten ebenfalls das Architektenteam ­Schenker Salvi Weber mit feld72 für sich entscheiden. In den Büros wird die zweiseitige Wirkung der Fassade deutlich. Außen bilden die Betonfertigteile ein großes Raster, das durch den Verlauf vom rechtwinkeligen zum konischen Zuschnitt eine leichte Bewegung, je nach Standort und Blickwinkel anders, entwickelt – verstärkt durch den vieleckigen Grundriss, der innen unterschiedliche Tiefen des Gebäudes rund um zwei Innenhöfe bildet. So entstehen trotz Großraum variantenreiche Räume und Zonen. Gleichzeitig ergeben sich durch die raumhohen Verglasungen großartige Ausblicke in drei Richtungen zu Stadt und Innenhöfen. Zwei Erschließungstürme, mittig und im hinteren Teil des Gebäudes, verbinden die sieben Geschoße zusätzlich. Die Fassade des hinteren Innenhofs hat im Zuge eines Kunst am Bau-Projekts Peter Kogler gestaltet. Zwischen den Fensterbändern sind weiße Glaselemente mit einem unregelmäßigen Netz aus schwarzen Linien bedruckt. 

Fassadenspiel

Außen wird mit den einfachen, reduzierten Elementen eine Fassadenstruktur erzeugt, die sich durchaus variantenreich gibt. Die Tiefe der Betonfertigteile, die verschiedenen Zuschnitte und Winkel, durch den polygonalen Grundriss und die unterschiedlichen Höhen bilden ein Gesamtbild, das sich immer wieder, je nach Standort, verläuft, dichter oder offener wird. Die Glasflächen sind nach hinten versetzt, was die Fassade räumlicher macht und als Sonnenschutz fungiert. Zusätzlich sind die Betonfertigteile zum Teil perforiert, was nicht nur formal eine stete natürliche Luftzufuhr ermöglicht. Aber man muss zweimal hinsehen, auf den ersten Blick wirkt das Gebäude einfach und reduziert, die innere Struktur der öffentlichen Zonen und offenen Büroräume wird dennoch dezent ablesebar. Ein Bürohaus bleibt das Gebäude, trotz Mall. Der Rochusmarkt, bisher eher still, großteils von den nahen Anrainern genutzt, wird den neuen Lebenshauch jedoch durchaus zu spüren bekommen. Mit der Erweiterung der Mall, und dem neuen Park, kommt auch mehr Angebot hinzu. Das gefällt nicht jedem. Das Verhältnis stimmt in dem Fall jedoch.

Genauso wie das Gebäude selbst stimmig ist. Die Architektur des jungen Teams Schenker ­Salvi Weber mit feld72 setzt insgesamt ein Statement in Wien. Es muss nicht immer laut, formal expressiv oder vordergründig aufregend sein. Wenn Architektur wie hier, und das ist natürlich auch dem Bauherrn zu verdanken, auf bauliche Qualität, räumliche Flexibilität – und urbane Nachhaltigkeit setzt, kann man sich diese Zurückhaltung leisten. Und es ist eine auffällige Zurückhaltung. Eine die genau auf den kleinteiligen Marktplatz passt und eine die durchaus nobel erscheint. Die Frequenz der Benutzung, sowohl für die Mitarbeiter, Kunden und Besucher ist dem geschuldet. Jetzt kann man nur noch darauf setzen, dass auch der Mix in der Mall der äußeren Erscheinung entspricht. Dann ist die Post wieder in der Stadt. 

Planer

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