Zwei ungleiche Geschwister

2010 konnten Dietrich | Untertrifaller Architekten zusammen mit Atelier d’Architecture Christian Zoméno den zweistufigen anonymen Wettbewerb für die neue Kunsthochschule von Nancy für sich entscheiden. Die École Nationale Supérieure d’Art de Nancy (Ensan) ist Teil des Universitätscampus Artem, zu dem nach seiner endgültigen Fertigstellung neben der Kunsthochschule auch noch eine Hochschule für Technik sowie eine Hochschule für Wirtschaftsmanagement gehören wird.

01.06.2015
Bauzustand
© Solorem
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Text: Michael Koller Artem (Art, Technologie, Management) ist mit den zugehörigen Bauten Ensan, der École des Mines, der ICN Business School Nancy-Metz, dem Institut Jean Lamour, der Maison des Langues und einer Mediathek der zurzeit größte Universitätsneubaukomplex Frankreichs. Beim städtebaulichen Wettbewerb zur Planung des ehemaligen Kasernengeländes konnte sich der französische Architekt und Städteplaner Nicolas Michelin 2005 gegenüber seinen vier Konkurrenten – Rem Koolhaas / OMA, Herzog & de Meuron, Dominique Perrault Architecture und Henri Ciriani – mit einem Konzept durchsetzen, das vor allem durch eine doppelgeschoßige, verglaste Galerie, die den eigentlichen Universitätsbauten vorgelagert ist, durchsetzen. Diese Galerie mit ihrem gefalteten Glasdach aus rosaroten und hellblauen Glaspaneelen stellt die symbolische, physische, funktionelle, aber auch ästhetische Verbindung der drei Hochschulen und deren Architekturen dar und bildet gleichzeitig einen gemeinschaftlich nutzbaren und transparenten Übergang zwischen dem Universitätscampus und der umliegenden Stadt. Dietrich Untertrifaller und Christian Zoméno, die 2005 ebenfalls gemeinsam am Städtebauwettbewerb teilnahmen, war aber als Sechstgereihte die Teilnahme an der zweiten Phase des geladenen Wettbewerbs verwehrt. Die Kandidatur der beiden Büros erweckte bei der lokalen und regionalen Politik nicht zuletzt aufgrund des internationalen Bekanntheitsgrades der architektonischen, technischen und umwelttechnischen Qualitäten der Vorarlberger Architektur großes Interesse. 2010 beschlossen die beiden Büros, am Wettbewerb für die École Nationale Supérieure d’Art teilzunehmen, und gewannen.

Übersichtlich organisiert
Die Jury zeigte sich von der Funktionalität und Klarheit der Grundrisse, der allgemeinen Organisation, der genauen Einhaltung des strengen, städtebaulichen Bebauungsplans und der Detaillierung des vorgestellten Projekts beeindruckt. Der Komplex bildet den nördlichen Abschluss des Universitätscampus und steht an der Kreuzung von Rue Vauban und Rue Sergent Blandan, womit er eine Schlüsselposition zwischen der Stadt und dem neuen Campusgelände einnimmt. Die Kunsthochschule ist am Ende der Galerie situiert, wobei sich zwischen dem Straßengebäude und dem Eingang der Galerie ein kleiner Vorplatz bildet. Der Hauptzugang erfolgt auch bei diesem Universitätsgebäude über die Galerie.
Bereits beim Betreten des Baus wird die Organisation deutlich: Das viergeschoßige „bâtiment Vauban“ an der Nordwestseite und die fünfgeschoßige „maison-signe“ an der Südostseite wurden auf einer sich über sämtliche Universitätsgebäude erstreckenden eingeschoßigen Tiefgarage errichtet. Zusammen mit den beiden Brückenbauten, die sie miteinander verbinden, umschließen sie den Innenhof der Kunsthochschule. In dem zwei Geschoße umfassenden und zum Teil vom Boden abgehobenen Verbindungsbau an der Innenhofrückseite ist ein Hörsaal untergebracht. Im Verbindungsgebäude an der Galerieseite ist die doppelgeschoßige Eingangshalle mit einer Brücke situiert, die die beiden ersten Geschoße miteinander verbindet. In der Ausschreibung wurden Ausstellungsflächen mit einer Raumhöhe von 4,50 Meter gefordert, die im Erdgeschoß der „maison-signe“ untergebracht sind. Die Holz- und Stahlbauwerkstätten des Erdgeschoßes im „bâtiment Vauban“ hingegen besitzen nur eine Raumhöhe von vier Meter. Aufgrund dieses Höhenunterschieds der Decken ist die Verbindungsbrücke leicht geneigt. Über der Eingangshalle befinden sich noch zwei weitere Geschoße. Der Innenhof mit seinem Waschbetonbelag wird klar umschlossen, wirkt aber durch die gebäudehohe, galerieseitige Glasfassade und den Durchgang zum gemeinschaftlich benutzbaren Park an der Rückseite der Kunsthochschule dennoch offen. Im Gebäude Vauban sind Werkstätten untergebracht, während das höhere Signalgebäude in erster Linie der Verwaltung vorbehalten ist. Aufgrund des hinzugefügten Raumprogramms wurden aber auch dort im Zuge der Planung die Ausstellungsräumlichkeiten im Erdgeschoß und ein zusätzliches Siebdruck­atelier in doppelter Geschoßhöhe unter dem Dach hinzugefügt.

Ein ungleiches Paar
Die beiden Baukörper unterscheiden sich äußerlich grundsätzlich voneinander: das mehrfach abgekantete Volumen der „maison-signe“ wird vollständig in eine Lochblechfassade aus braun-schwarzem, mit geraden Flanken gekantetem, eloxiertem Aluminium (E6C34) eingehüllt wie auch das Dach, das damit, wie schon bei den Gebäuden von Nicolas Michelin, zur fünften Fassade mutiert. Die straßenseitigen Fenster wurden von Geschoß zu Geschoß leicht versetzt angeordnet. Die Ordnung und die Größen der Fenster verändern sich zunehmend und werden immer freier, je weiter man sich dem begrünten Park des Campus an der Rückseite des Komplexes nähert.
Das quaderförmige Volumen der Werkstätten ist als Gegengewicht zu Formenvielfalt und Farbexplosion der Gebäude Michelins mit „Rieder Liquide Black Ferro“-Fassadenplatten bedeckt und zeichnet sich durch großformatige, linear angeordnete Fenster aus. Trotz ihrer äußerlichen Verschiedenartigkeit ist die Tragstruktur der beide Gebäude ident: Rund um einen Stahlbetonkern aus Sichtbeton, der alle vertikalen Erschließungen, die Toilettenanlagen und technischen Einrichtungen aufnimmt, liegen die frei überspannten Werkstattplateaus, die in unterschiedlichster Weise mittels einfacher Gipskartonwände unterteilt werden. Die hofseitigen Erschließungsgänge wurden bewusst nicht als Gänge oder enge Schläuche konzipiert, sondern als lichtdurchflutete, helle Aufenthaltsräume, die auch für Ausstellungen adaptiert werden können. Sie öffnen sich mit großen Fenstern zum Innenhof und schaffen damit eine starke visuelle Beziehung zwischen innen und außen.

Einfachheit innen wie außen
Auch die Disposition der Räume und deren Materialität ist einfach und klar und beschränkt sich auf wenige, für die Funktionen adäquate Materialien. In der Regel sind alle Betonwände, also alle Außenwände sowie die Wände in und um den Erschließungskern, aus Sichtbeton. Nur die leichten Trennwände sowie die Wände der Ausstellungsräume bestehen aus weißgestrichenem Gipskarton. Alle Böden werden in Beton ausgeführt, nur die Büroräume erhalten einen Eichenindustrieparkett. Die Decken sind bis auf wenige Ausnahmen wie die abgehängten, gelochten und weißen Gipskartondecken in den Büros zur Schallabsorbierung mit Holzwolleplatten (Organic Minéral Pure von Knauf) bedeckt. Eine Ausnahme bilden auch die abgehängten Streckmetalldecken in der Eingangshalle, im obersten Geschoß der „maison-signe“ sowie im Auditorium. Als Anknüpfungspunkt zur Farbenvielfalt der Gebäude von Nicolas Michelin, aber auch aus akustischen Gründen haben die Architekten bunte Filzvorhänge an den großformatigen Fenstern des nordseitig gelegenen „bâtiment Vauban“ vorgesehen, während das südseitige Signalgebäude bunte, außenliegende Markisen besitzt. Die ästhetische Wahl roh belassener Raum­oberflächen entspricht sehr gut der Nutzung als Werkstätten. Projektleiter Andreas Laimer erklärt, dass ein Holzbau – eine Konstruktionsmethode, die man vielleicht als Erstes mit einem Vorarlberger Architekturbüro verbinden würde – in diesem Zusammenhang unpassend gewesen wäre. Er betont, dass die Gebäude außen wie innen eine unmittelbar spürbare Materialität aufweisen und die Konstellation wie auch die Verschiedenartigkeit der beiden markanten Gebäudevolumina eine interessante und gute Spannung erzeugen.

Schlüssel für gute Zusammenarbeit
Die Bekanntschaft und Zusammenarbeit der beiden Büros geht auf einen Vortrag der Architekten Dietrich Untertrifaller an der École nationale supérieure d’architecture in Nancy und die Besichtigung verschiedener Bauten des Vorarlberger Büros im Rahmen einer Studienreise der Franzosen zurück. Dietrich Untertrifaller sind bei dieser österreichisch-französischen Zusammenarbeit für die Planung und die künstlerische Oberleitung, das Büro Christian Zoméno als lokale Architekten für die Planungsabstimmungen vor Ort und die örtliche Bauaufsicht verantwortlich. Die Ausführung der Gebäude in Sichtbeton wird laut der beiden Projektleiter Andreas Laimer von Dietrich Untertrifaller und Dimitri Grzanka vom Atelier Christian Zoméno durch zweierlei Gründe erschwert: Zum einen gibt es traditionsgemäß in Frankreich kaum Erfahrung mit dem Bauen in Sichtbeton, was alle beteiligten Instanzen miteinschließt, die ausführenden Baufirmen ebenso wie die Haustechnikfirmen, die es nicht gewohnt sind, bei ihren Installationen darauf achten zu müssen, dass keine Verkleidungen oder Beschichtungen nachfolgen. Zum anderen führte der prinzipielle Widerstand Michelins gegen Sichtbeton zu zahlreichen Modifikationen und Umplanungen der Fassaden des „bâtiment Vauban“, das ursprünglich mit Betonfertigteilverkleidung geplant war. Die Kooperation der beiden Büros funktioniert deshalb sehr gut, weil es zwischen ihnen keines hohen Erklärungsaufwandes bedarf, in gestalterischer wie in technischer Hinsicht, und sich die hohen Ansprüche beider Architekturbüros miteinander decken. So können Entscheidungen schnell und mit großer Übereinstimmung getroffen werden.

Starkes Grundkonzept
Das Projekt musste aufgrund der finanziellen Vorgaben, etlicher Abänderungen des Raumprogramms und des strengen städtebaulichen und architektonischen Korsetts von Nicolas Michelin mehrmals angepasst werden. Das klare und starke Grundkonzept und die intensive Zusammenarbeit zwischen Planern und Nutzern führten schließlich zu einer Optimierung von Funktionalität und Raumorganisation im Rahmen des vorhandenen Budgets. Die Kraft des Projekts liegt darin, dass es die Architekten geschafft haben, der Kunsthochschule trotz der stark einschränkenden städtebaulichen Vorgaben bezüglich der Gebäudeabmessungen und -konturen sowie der Fassadengestaltungen einen markanten und eigenständigen architektonischen Charakter zu verleihen.

Planer

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