Kreislaufwirtschaft

Potenzial von Recyclingbeton heben

Baustoffrecycling
14.04.2021

Noch etwas schleppend läuft es mit der Kreislaufwirtschaft in der Baubranche. Welche Rolle Recyclingbeton dabei künftig spielen soll.

Abbruchmaterial Altbeton

Kreislaufwirtschaft steht aktuell hoch im Kurs und soll einen wesentlichen Beitrag leisten, um das Klima und damit die Erde zu retten. Die Wiederverwertung von Baustoffen rückt dabei immer stärker in den Fokus. Recyclingbeton könnte künftig eine große Rolle spielen – hier fehlt es jedoch vor allem an Bewusstseinsbildung. 

Abbruchmaterial nicht nur für Schüttungen verwenden

Für den Baustoff Beton gibt es bereits eine beinahe 100-prozentige Kreislaufwirtschaft. Von den jährlich rund drei Millionen Tonnen des anfallenden Alt­betons werden schon jetzt über 97 Prozent stofflich verwertet. Großteils landet das Abbruchmaterial aber als lose Schüttungen im Unterbau von Straßen o. Ä., während nur ein geringer Prozentsatz des Bauschutts aufgearbeitet und für die Herstellung von neuem (Recycling-)­Beton verwendet wird, um primäre Rohstoffe wie Kies, Sande etc. einzusparen. Vertreter der Betonwirtschaft beziffern das Einsparungspotenzial an natürlichen Rohstoffen durch die Verwendung von rezyklierten Gesteinskörnungen im Beton mit zehn bis 15 Prozent. Erhöht werden könnte diese Quote, wenn mehr qualitativ hochwertiges Recyclingmaterial zur Verfügung stehen würde.

Während die meisten Betonhersteller Recyclingbeton, auch RC-Beton genannt, zwar "gut und interessant" finden, gibt es nur wenige, die sich intensiv mit diesem Thema beschäftigen. Zu aufwendig bzw. wirtschaftlich nicht rentabel sei die Produktion, oder es gäbe zu wenig Abbruchmaterial, lauten die Argumente.

Wie entsteht Recyclingbeton?

An rezyklierte Gesteinskörnungen für Beton werden prinzipiell dieselben Anforderungen gestellt wie an natürliche Gesteinskörnungen. Bei Wopfinger Transportbeton, wo seit vielen Jahren intensiv zum Thema Recyclingbeton geforscht wird und der dort hergestellte "Ökobeton" auch entwickelt wurde, wird viel Know-how in die Aufbereitung des Recyclingbetons gesteckt: Früher wurden die Restmassen trocken aufbereitet – durch dieses Verfahren musste aber wieder mehr Zement zugemischt werden, damit die gewünschte Festigkeit erzielt wurde.

Der Alt­beton wird bei Wopfinger händisch von Fremdkörpern wie zum Beispiel Plastikteilen befreit.
Der Alt­beton wird bei Wopfinger händisch von Fremdkörpern wie zum Beispiel Plastikteilen befreit.

Mittlerweile bietet das sogenannte Nassaufbereitungsverfahren deutliche Vorteile: Der Alt­beton wird bei Wopfinger händisch von Fremdkörpern wie zum Beispiel Plastikteilen befreit, bevor das restliche Abbruchmaterial mit Wasser gesäubert wird. Alle Feinanteile werden so weggespült und das Abbruchmaterial, das ohnehin heutzutage viel sauberer als früher ist, lässt sich wieder in Beton verwandeln. Zwar sei die Aufbereitung ein größerer Aufwand, weil zum Teil händisch aussortiert werden muss, gleichzeitig müsse man sich im Klaren sein, dass die Deponierung von Materialien ebenfalls sehr kostspielig ist. Letztlich hält sich das die Waage, erklärt Franz Denk, technischer Geschäftsführer von Wopfinger Transportbeton.

Betonnorm ÖNorm B 4710-1 gibt Sicherheit

Aktuell ist die Nachfrage nach Recyclingbeton jedoch noch steigerungsfähig. Vor allem Bauherren und Planer zeigen sich noch zurückhaltend gegenüber dem Einsatz von rezyklierten Beton im Neubau. Kritisch hinterfragt werden vor allem Festigkeit und Dauerhaftigkeit. ­Dabei hat sich hier in gerade in den letzten ­Jahren einiges getan. Seit 2018 ist in Österreich die neue Betonnorm ÖNorm B 4710-1 in Kraft, mit der die EU-Norm EN 206:2014 als Grundlage für den Ausbau kreislauffähiger Bauweisen umgesetzt wird.

Sie bietet die Möglichkeit, aufbereiteten "Altbeton" im Hoch- und Tiefbau zu verwenden. "Je sortenreiner das aufgebrochene Baumaterial, umso größer ist das Einsparungspotenzial an natürlicher Gesteinskörnung und umso höherwertiger der Recyclingbeton. Dank neuester Verfahren bei der Materialaufbereitung können Störstoffe bei rezyklierten Gesteinskörnungen mittlerweile besser entfernt und damit höhere Qualitäten von Beton produziert werden", erläutert Christoph Ressler, Geschäftsführer des Güteverbandes Transportbeton. Dadurch ist die Verwendung von Recyclingbeton längst nicht mehr nur auf die Anwendung im Innenbereich beschränkt. Auch im Außenbereich kann dieser Baustoff eingesetzt werden, wenn die verwendete rezyklierte Gesteinskörnung eine entsprechende Qualität aufweist.

Recyclingbeton: Rezyklat

Die mögliche Qualität des Betons hängt dabei von der Qualität der rezyklierten Gesteinskörnung ab. So kann beispielsweise sortenreiner aufgebrochener Straßenbeton von Autobahnen wieder als rezyklierte Gesteinskörnung für Straßenbeton auf Autobahnen verwendet werden. Nehmen die Nebenbestandteile zu wie etwa Asphalt oder auch Ziegel, können damit nur geringere Betonqualitäten hergestellt werden, die aber zum Beispiel im Hochbau breite Anwendung finden.

"Durch die Norm wird sichergestellt, dass Recyclingbeton die Anforderungen erfüllen muss, wenn es um die Festigkeit und Dauerhaftigkeit geht", so Ressler. Einzig bei sehr hohen Umweltanforderungen bzw. bei hohen Druckfestigkeitsklassen sind dem Wiederverwertungsbaustoff derzeit noch klare Grenzen bei der Einsetzbarkeit gesetzt.

ÖNorm: Vier Typen rezyklierter Gesteinskörnung

Laut österreichischer Betonnorm, ÖNorm B 4710-1, gibt es vier Typen rezyklierter Gesteinskörnung, die als Ersatz für natürliche Rohstoffe zulässig sind:

  • sortenreinen Betonbruch (RB-A1),
  • Betonbruch mit max. 10 Prozent Asphalt (RB-A2),
  • wieder aufbereitete natürliche Gesteinskörnung (RG-A3) und
  • aufbereiteten Hochbau-Splitt mit max. 30 Prozent Ziegelanteil (RH-B). 

Die RB- und RG-Produkte werden in Österreich bereits vielfach eingesetzt. So zum Beispiel bei der Erneuerung von Autobahn-Fahrbahnen, wo Altbeton vor Ort aufbereitet und zum großen Teil wieder für die Herstellung des neuen Fahrbahndeckenbetons verwendet wird.

Musterknabe Schweiz: Baustoffrecycling in Ausschreibungen integriert

Trotz neuer Norm und Weiterentwicklungen in der Baustoffbranche gibt es Nachholbedarf aufseiten öffentlicher wie privater Auftraggeber sowie Infrastrukturbetreiber. "Gerade bei öffentlichen Ausschreibungen wäre es ein Leichtes, den Einsatz von Recyclingmaterial durch konkrete Fördermaßnahmen zu forcieren", meint etwa Franz Denk. Ein Vorbild könnte das Schweizer System sein, das die Kreislauffähigkeit der verwendeten Materialien in Ausschreibungen fix integriert hat. Das hängt damit zusammen, dass dort die als Rohstoff für die Betonherstellung eingesetzten Gesteinskörnungen knapper und teuer sind, wodurch ein größerer wirtschaftlicher Druck zur Wiederverwertung gegeben ist. Heute schätzt man, dass in der Schweiz im Hochbau bereits etwa 25 Prozent Recylingbeton eingesetzt wird. Eine Zahl, von der man in Österreich noch weit entfernt ist. "Um zirkuläres Bauen in Österreich voranzubringen, müssen wir Recyclingbeton in den Köpfen und Herzen von Bauträgern besser verankern", ist Denk überzeugt.

Forschungsprojekt: Cico – Circle Concrete

Bei Roland Wernik, Geschäftsführer der Salzburg Wohnbau, ist diese Botschaft angekommen. Er hat letztes Jahr gemeinsam mit den Partnern Deisl-­Beton, Baumeister Steiner, der Universität Salzburg und der Bautechnischen Versuchs- und Forschungsanstalt Salzburg das Projekt "Cico – Circle Concrete" initiiert. Gemeinsam will man versuchen, mindestens 70 Prozent des bei Projekten der Salzburg Wohnbau rückgebauten Betons in Salzburg wiederzuverwerten und Recyclingbeton als hochqualitativen Baustoff zu etablieren. Um das zu erreichen, müssen Verfahren für die Aufbereitung optimiert, neue Betonrezepturen entwickelt und erprobt sowie neue Standards zur ­Qualitätssicherung definiert werden. "Das Spannende am Betonrecycling ist, dass Erfahrungen und Technologien schon vorhanden sind, aufgrund der komplexen Thematik aber noch hoher Forschungs- und Entwicklungsbedarf besteht. Zurzeit fehlt in Österreich ein breiterer Erfahrungsschatz, den es nun aufzubauen gilt", betont Betonexperte Clemens Deisl.

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