Frauen im Handwerk

Zwischen Tradition und Innovation

Betrieb
06.07.2021

Aktualisiert am 06.07.2021

Heuer feiert die frauengeführte Tischlerei Scharler ihr 75-jähriges Jubiläum. Grund genug, einen Blick zurück zu werfen und über die Rolle der Frauen im Tischlerhandwerk zu sprechen.

Seit vielen Jahrzehnten steht die Tischlerei Scharler für Qualitätsarbeit auf höchstem Niveau, wobei der Betrieb neben dem altbewährten Handwerk heuer schon auf integrative Planungstechnik setzt. Dass ein solcher Erfolg nicht immer selbstverständlich war, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Als die Tischlerei im Jahr 1946 gegründet wurde, standen die meisten Österreicher aufgrund von kriegsbedingten Spätfolgen wie Mangelwirtschaft und Hungersnot noch buchstäblich vor den Trümmern ihrer Existenz. Seitdem sind viele Jahre vergangen. Heute ist es um das Tischlerhandwerk gut bestellt – und das trotz Corona. Immer mehr Kunden setzen somit auf Tischler-Möbel, die nicht nur langlebiger sind, sondern im besten Fall ein Erbstück mit Wertsteigerungspotenzial darstellen. Statt Fertigeinbau fällt daher immer häufiger die Wahl auf eine maßgefertigte Einrichtung in Handarbeit. Eine erfreuliche Entwicklung, welche sich in einer anhaltenden Hochkonjunktur der Tischlerbetriebe widerspiegelt.

Die Tischlerei in den 1980er-Jahren. Heuer feiert der Betrieb das 75-Jahr-Jubiläum.

Geballte Frauenkompetenz im Tischlerhandwerk

Seit zwanzig Jahren führt Elisabeth Scharler die Geschäfte des Betriebs in mittlerweile dritter Generation. „Seitdem ich denken kann, wollte ich Tischlerin werden“, erinnert sich Scharler heute. „Ich bin ja quasi zwischen den Werkbänken groß geworden. Beispielsweise erinnere ich mich noch sehr gut daran, wie ich meinen Eltern am Abend oder am Wochenende bei der Arbeit zusah. Für mich ist das also Teil meiner Identität.“ Dass Scharler nach der Matura im Jahr 1994 einmal in die Fußstapfen ihres Vaters und Großvaters treten würde, stand damit außer Frage. Nichtsdestotrotz waren Frauen im Tischlerhandwerk zu jener Zeit noch lange keine Selbstverständlichkeit.

Seit zwanzig Jahren führt Elisabeth Scharler den Familienbetrieb in dritter Generation.

„Während meiner Lehrlingszeit in Mödling musste ich meine Kompetenzen noch häufiger unter Beweis stellen, denn das Tischlerhandwerk war zweifelsohne eine Männerdomäne“, so Scharler. Dennoch habe sie nicht den Eindruck gehabt, anders behandelt worden zu sein als ihre männlichen Kollegen: „Ich habe die Entscheidung für diesen Beruf nie bereut. Zudem habe ich den Eindruck, dass die Akzeptanz von im Handwerk tätigen Frauen inzwischen deutlich angestiegen ist. Auch von meinen Kunden erhalte ich durchweg positive Rückmeldungen.“

Freude an der Tischlerarbeit

In den Tischlerbetrieben ist der Lehrlingsmangel noch immer das größte Problem. Eine Entwicklung, welche die Tischlerin mit Besorgnis verfolgt. „Der Ruf des Tischlerhandwerks hat sich in den letzten Jahren erheblich verschlechtert“, erklärt Scharler. Dies sei vor allem auf tendenziell niedrigere Löhne zurückzuführen – denn diese fallen in anderen Branchen noch immer deutlich höher aus. Dennoch könne ein gut ausgebildeter Facharbeiter in einem Tischlerbetrieb ähnlich viel verdienen wie ein Akademiker. „Hier müsste man vor allem in den Schulen viel mehr Aufklärungsarbeit leisten und beispielsweise für Praktika in den Betrieben werben“, so Scharler, „dann würden sich auch wieder mehr junge Menschen für das Tischlerhandwerk interessieren.“ Auch im Umgang mit den Lehrlingen ist eine offene Gesprächskultur gefragt: „Die Arbeit sollte Spaß machen und keine Pflichtübung sein. Sicherlich ist es wichtig, dass auch vonseiten des Ausbilders die richtigen Rahmenbedingungen
gegeben sind und Möglichkeiten für eine Weiterbildung geschaffen werden. Genauso wichtig ist jedoch das Eigenengagement des Lehrlings. Wer keine Motivation zeigt, ist hier schlichtweg fehl am Platz.“

Neben dem Möbelbau fertigt der Betrieb auch Designprodukte wie Uhren und Brillen aus Holz in zeitlosem Design an.

Fortschritt durch Digitalisierung in der Tischlerei

Auch der richtige Umgang mit der Technik will gelernt sein: Im Tischlergewerbe werden etwa integrative Planungsmodelle wie 3D-Visualisierungen oder BIM schon länger verwendet – Tendenz steigend. Dabei dienen jene Methoden nicht nur der Planung, Erstellung und Ausführung des Produkts, sondern ebenfalls der Optimierung von Arbeitsprozessen. Während viele Tischler dem technologischen Fortschritt noch immer mit Skepsis begegnen, sieht Elisabeth Scharler darin vielmehr eine zukunftsweisende Chance, da „sich der Kunde das Möbelstück durch eine realitätsnahe Präsentation bereits vor der baulichen Ausführung im Raum vorstellen kann. Zudem erleichtert es uns auch den handwerklichen Alltag, indem Arbeitsschritte vereinfacht und Fehlerquellen minimiert werden.“

Neben dem Möbelbau fertigt der Betrieb auch Designprodukte wie Uhren und Brillen aus Holz in zeitlosem Design an.

Mit Tradition in die Zukunft

Mittlerweile ist auch Scharlers 23-jähriger Sohn in den Betrieb eingestiegen. Durch ihn wurde das Repertoire um Designprodukte wie Uhren und Brillen aus Holz abgerundet. „Ich denke, das ist etwas, das uns durchaus von anderen Tischlereien abhebt“, sagt Scharler. Dennoch werde die Möbelfertigung auch in Zukunft das Kerngeschäft der Tischlerei bleiben. „Wir sind da sehr zuversichtlich“, so die Tischlermeisterin. „Die Auftragslage ist nach wie vor gut – zudem nehme ich wahr, dass die Menschen die Qualität echter Handarbeit immer mehr zu schätzen wissen.“ Zusätzlich würde dem Umweltschutz eine immer größere Bedeutung zukommen. Darüber hinaus haben Tischlereien im Vergleich zu anderen Branchen einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Ihr Werkstoff – das Holz – ist an sich nachhaltig und kann somit dauerhaft zu einer positiven Ökobilanz beitragen. Scharler zeigt sich somit optimistisch, dass jener Wandel sowie die Rückbesinnung auf traditionelle Werte das Tischlerhandwerk auch in Zukunft stärken werden.

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