Brennpunktthema

Von Engagement bis Ernüchterung

12.01.2026

Viele Maler-, Bodenleger-, Raumausstatter- und Tapezierbetriebe fragen sich zunehmend, wie stark ihre Interessen tatsächlich von Kammern und Verbänden vertreten werden. Zwischen offizieller Erfolgsbilanz und täglicher Realität scheint eine Lücke zu bestehen.

Während die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) in ihrem Geschäftsbericht 2024 über Entlastungen von 1,5 Milliarden Euro, hunderte Begutachtungen und zehntausende Beratungen berichtet, bleibt bei vielen Mitgliedsbetrieben Skepsis. „Die österreichische Bevölkerung schätzt Konzerne, Politik und Finanzwirtschaft als bis zu 18-mal durchsetzungsstärker ein als den Mittelstand“, stellt das Mittelstandsbarometer 2024 der Lobby der Mitte fest. Nur vier Prozent der befragten Unternehmer*innen glauben, dass der Mittelstand von Lobbyarbeit profitiert, zwei Drittel sehen andere Kräfte am Zug.

Wachsende Entfremdung

Die Diskrepanz zwischen Eigenwahrnehmung und öffentlicher Wirkung wird besonders deutlich, wenn man die Stimmung unter Klein- und Mittelbetrieben betrachtet. Viele Handwerksunternehmer*innen nehmen ihre Kammer zwar als wichtige Institution wahr, fühlen sich jedoch mit ihren Problemen oft allein. So hört immer wieder bei Branchenveranstaltungen: „Wir haben das Gefühl, wir zahlen Beiträge, aber wir werden nicht gehört.“ Diese Wahrnehmung deckt sich mit den Ergebnissen der Creditreform-KMU-Umfrage Frühjahr 2025. Nur 8,5 Prozent der Befragten zeigen sich mit der Wirtschaftspolitik zufrieden, 36 Prozent bewerten sie negativ. Das Geschäftsklima-Barometer fiel auf minus 7,8 Punkte – der schlechteste Wert seit 2020. Mehr als die Hälfte der Unternehmen meldet eine sinkende Ertragslage, 73 Prozent fordern Bürokratieabbau, 66 Prozent niedrigere Energie- und Lohnnebenkosten. „Viele KMU kämpfen um Rentabilität, nicht um Wachstum“, heißt es bei Creditreform.

Strukturen unter Druck

Auch strukturelle Hindernisse verstärken die Unzufriedenheit. Der Fachkräftemangel gilt laut EY Mittelstandsbarometer 2025 für 82 Prozent der Betriebe als größtes Risiko. Gleichzeitig belasten steigende Materialkosten, Energiepreise und Steuern die Liquidität. Die WKÖ bemüht sich zwar, gegenzusteuern – etwa durch Lehrlingskampagnen, Förderprogramme und Bildungsinitiativen. Doch die Umsetzung bleibt für viele KMU unübersichtlich. Eine Studie der KMU Forschung Austria zeigt, dass österreichische Kleinbetriebe jährlich rund 70 Millionen Arbeitsstunden allein für Bürokratie aufwenden – das sind Kosten von mehr als 4,3 Milliarden Euro. Gerade im Handwerk sind das wertvolle Stunden, die in der Werkstatt oder auf der Baustelle fehlen.

Zu weit weg

Auch die geringe Wahlbeteiligung bei den WKÖ-Fachgruppenwahlen 2025 von nur 26,5 Prozent zeigt, wie distanziert viele Unternehmer*innen ihre Interessenvertretung wahrnehmen. Zwar funktioniert der Informationsfluss über Newsletter, Veranstaltungen und Weiterbildungen gut, doch konkrete Veränderungen bleiben selten. Nur jeder dritte Kleinbetrieb fühlt sich laut WKÖ-Erhebung gut eingebunden. Besonders Betriebe mit wenigen Beschäftigten berichten, dass Rückmeldungen an Fachgruppen oft unbeantwortet bleiben oder keine spürbaren Ergebnisse bringen. Dabei ist die Grundstruktur der Kammern durchaus stark: In Tarif- und Abgabenfragen oder bei Exportförderung spielt die WKÖ eine wichtige Rolle.

Doch die praktische Wirkung für kleine Gewerbeunternehmen ist begrenzt. Lobbying funktioniert dort, wo Themen politisch groß genug sind – weniger bei den vielen Detailfragen, die den Alltag im Handwerk prägen. Für Maler, Bodenleger oder Tapezierer zählen Verfügbarkeit von Fachkräften, faire Auftragsvergaben oder Materialpreise meist mehr als wirtschaftspolitische Rahmenpläne.

Theorie und Praxis

Viele Unternehmer*innen wünschen sich daher, dass die Interessenvertretungen näher an die Betriebe rücken – mit einfacheren Verfahren, konkreteren Hilfestellungen und direkter Kommunikation. Die Verbände wiederum betonen, dass Mitgestaltung auch Engagement erfordert: Wer an Fachgruppensitzungen teilnimmt, Umfragen beantwortet oder Vorschläge einbringt, könne Einfluss nehmen. Doch in der Praxis ist Zeit oft der begrenzende Faktor. Gerade kleinere Betriebe verfügen kaum über Kapazitäten, um über den eigenen Betriebsalltag hinaus aktiv zu werden.

Das Stimmungsbild ist deshalb vielschichtig: Auf der einen Seite Engagement, Beratung, Schulungen und Programme, auf der anderen Seite Unzufriedenheit, Bürokratie und Kommunikationsdefizite. Zwischen Theorie und Praxis bleibt eine Lücke, die nur durch stärkere Einbindung geschlossen werden kann. Die Interessenvertretungen leisten viel, aber nicht alles kommt an. Für Handwerksbetriebe heißt das wiederum: Wer gehört werden will, muss selbst mitreden und jene Strukturen nutzen, die vorhanden sind. Nur, wenn Basis und Funktionäre enger zusammenarbeiten, kann aus dem Gefühl des Alleinseins wieder Vertrauen wachsen.