Brennpunkt

Arbeiten auf Sparflamme?

Energie
09.11.2022

Teurer Sprit, enorme Heizkosten, steigender Strompeis: Die Energiekrise trifft die Tischlereibetriebe in vielen Bereichen. Das Tischler Journal zeigt, wie Unternehmen Strategien für eine nachhaltige Zukunft entwickeln können.
Strategien für eine nachhaltige Zukunft

Eigentlich hätten wir geglaubt, die Pandemie sei schon Herausforderung genug gewesen für klein- und mittelständische Betriebe. Weit gefehlt: Obwohl die Auftragslage in den Tischlereibetrieben in der Regel mehr als gut ist, geben die aktuellen Entwicklungen in Sachen Energiekrise mit den damit verbundenen Preiserhöhungen massiven Grund zur Sorge. Preise für Strom, Gas und Treibstoff schnellen drastisch in die Höhe – und die Betriebe stehen damit vor noch nie da gewesenen Herausforderungen im Unternehmensalltag. Gerade Tischlereien sind in der Produktion stark auf Energie angewiesen. "Die Strompreise haben sich in den letzten Wochen und Monaten verdreifacht“, erzählt Energieberater und Baubiologe Andreas Radauer. Diesen Kostenfaktor derzeit im Sinne einer effizienten Gesamtkalkulation einzuschätzen ist für die meisten eine Herkulesaufgabe – wenn nicht sogar eine, die kaum stemmbar ist. Wie lässt sich die Zukunft unter diesen Voraussetzungen für Handwerksbetriebe überhaupt meistern? "Grundsätzlich gilt: Die billigste Form der Energie ist die, die man nicht verbraucht“, so Radauer weiter. "Deshalb gilt: Sparen, wo es nur geht.“ Das Argument, das sei leichter gesagt, als getan, kann er dabei nur bedingt verstehen: "Einsparungspotenzial ist in jedem Betrieb vorhanden – man muss sich nur genau anschauen, was am meisten Sinn macht. Plus: Wir sind es schlicht und ergreifend nicht mehr gewohnt, darauf achten zu müssen, und verbrauchen durch unbewusstes Handeln enorm viel Energie.“ Der Salzburger weiß, wovon er spricht, schließlich ist er nicht nur als Baubiologe tätig, sondern im Bundesland Salzburg auch einer derjenigen Profis, die Energieausweise für Unternehmen erstellen.

Licht aus!

Andreas Radauer, Baubiologe und Energieberater
Die Tischlereien, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, brauchen in der Regel 50 Prozent weniger Energie, weiß Andreas Radauer, Baubiologe und Energieberater.

Die ersten zehn Prozent seien laut Radauer relativ schnell gespart – und das durch ganz einfache Maßnahmen: Licht abdrehen, wenn es nicht gebraucht wird, unnötig geöffnete Türen schließen und tägliche Verbraucher in Büro und Werkstatt, wenn möglich, nicht durchgehend am Strom halten. "Viele dieser Dinge sind organisatorischer Natur, die ein Bewusstmachen und Umdenken erfordern. Im Tischlereibetrieb kann es hilfreich sein, einen Mitarbeiter zu bestimmen, der darauf ein Auge hat und sich darum kümmert.“ Auch Maschinen und Absaugungen müssten nicht dauerhaft laufen – sie sind veritable Stromfresser. Gleichzeitig ist eine effiziente Absaugung im Betrieb rein aus arbeitsschutzrechtlicher Sicht absolut notwendig. "Hier lohnt sich ein Blick auf das Verhältnis der Menge, die pro Kubikmeter abgesaugt werden soll, zur Leistung. Auch hier lassen sich im Rahmen und unter Einhaltung des Arbeitnehmerschutzes in der Regel Anpassungen vornehmen.“ Radauer weiß deshalb so genau, welches Einsparungspotenzial vorhanden ist, weil er viel in Tischlereien vor Ort ist – zusätzlich betreibt er neben seinen Beratungsdiensten als Energieberater ein kleines Sägewerk und ist damit selbst in der holzverarbeitenden Branche tätig. Er rät allen Betrieben dazu, den Blick von außen zu nutzen und eine Energieberatung in Anspruch zu nehmen. "Das macht nicht nur deshalb Sinn, weil viel unerkanntes Potenzial entdeckt wird, sondern auch, weil durch zertifizierte Berater ein Qualitätslevel sichergestellt werden kann“, so Radauer. "Darüber hinaus benötigt man für viele Förderungen einen Energieausweis, um den Betrieb in Sachen Energiegewinnung zukunftsfit zu machen.“ Eine zertifizierte Energieberatung sorgt für einen Überblick über alle möglichen Einsparungspotenziale – von der Gebäudehülle über Mobilität bis hin zum Stromverbrauch. Dabei werden wirklich alle Posten genau durchberechnet – für viele mit überraschenden Ergebnissen: "Viele Betriebe sind oft verblüfft, was alles möglich ist und wo die wirklich hohen Verbraucher versteckt sind“, so Radauer weiter. „Manchmal lohnt es sich beispielsweise deutlich mehr, sich mit dem Thema Mobilität auseinanderzusetzen als mit der Umrüstung auf LED-Lampen.“ Viel würde derzeit von den Betrieben „Daumen mal Pi“ eingeschätzt – ein Fehler, den man nicht begehen sollte, gerade in der derzeitigen Situation. "Die Tischlereien, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, brauchen in der Regel 50 Prozent weniger Energie. Das zeigt, wie viel ein tiefer Blick bringt.“

Die Tischlereien, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, brauchen in der Regel 50 Prozent weniger Energie.

Andreas Radauer, Baubiologe und Energieberater

Spass beim Sparen?

Und auch wenn wir es nicht gewohnt sind, aktiv und bewusst Energie zu sparen – Radauer hat auch Beispiele dafür, dass das auch mit Humor gelingen kann. "In einer Salzburger Tischlerei haben wir ein Informationssystem implementiert, das über Ampeln anzeigt, wie viel Leistung gerade verbraucht wird. Springt die Ampel auf Rot, dürfen große Maschinen nicht in Betrieb genommen werden.“ Hier hat sich gezeigt, dass die Mitarbeiter*innen sehr gerne mitmachen – sofern die Kommunikation stimmt: "Wenn man als Chef Transparenz zeigt und das Personal motiviert, ziehen alle gerne an einem Strang.“ Auch der Umstieg auf alternative Energiegewinnungsmaßnahmen würde sich gerade jetzt lohnen: "Photovoltaik beispielsweise ist deshalb perfekt geeignet, weil sich der Sonnenlauf optimal mit dem Arbeitszyklus deckt. Für Tischlereien ist Photovoltaik als Schlüsseltechnologie in Sachen Stromverbrauch fast eine Zauberlösung.“ Ein Betrieb, der diese „Zauberlösung“ schon seit einigen Jahren nutzt, ist die Tischlerei Josef Göbel in Fladnitz an der Teichalm. Der Traditionsbetrieb setzt voll und ganz auf die Eigengewinnung von Energie: "Wir haben bereits vor zwei Jahren auf unserem Dach eine Photovoltaikanlage errichtet und erweitern diese weiter“, so Josef Göbel. „Damit sind rund 60 Prozent unseres gesamten Energiebedarfs abgedeckt.“ Außerdem wird vermehrt darauf geachtet, Licht nur mehr dort einzuschalten, wo es tatsächlich gebraucht wird. Und seit Jahren werden über einen zentralen Hauptschalter alle nicht verwendeten Geräte vom Netz getrennt. "Unsere Branche ist sehr stromintensiv – angefangen von allen Maschinen zur Verarbeitung bis hin zur Staubabsaugung für Späne. Diese ist natürlich extrem wichtig, damit auch den Mitarbeitern ein Top-Arbeitsumfeld ermöglicht werden kann.“ Umso essenzieller sei es, ganz genau hinzuschauen und für die Zukunft vorzubauen: "Wer in der heutigen Zeit Fossilbrennstoffe wie Gas noch nicht auf biogene Stoffe umgestellt hat, sollte dringend reagieren. Sonst werden sich in Zukunft nicht nur wirtschaftliche Probleme, sondern auch Wettbewerbsprobleme ergeben, wie zum Beispiel Nachteile bei Ausschreibungen“, mahnt Josef Göbel. "Die Frage ist für mich nicht, ob man umstellen sollte, sondern wann. Das Energiethema ist für die Tischlereibranche ein größeres, risikoreicheres und existenzbedrohenderes als die Herausforderungen, die die Pandemie mit sich gebracht haben.“

Josef Göbel, Tischlerei Göbel

Die Frage ist für mich nicht, ob man umstellen sollte, sondern wann.

Josef Göbel, Tischlerei Göbel

Jetzt handeln

Auch Bundesinnungsmeister Gerhard Spitzbart rät den Betrieben, sich im Sinne der Energieberatung Unterstützung zu holen bzw. Kontakt mit dem eigenen Energieversorger aufzunehmen – und, wenn möglich, in alternative Energiegewinnungsmaßnahmen zu investieren. Allein in seinem eigenen Betrieb würden die jährlichen Stromkosten von zurzeit 40.000 Euro voraussichtlich auf 120.000 bis 140.000 Euro steigen. "Die Auseinandersetzung mit alternativer Energiegewinnung und Einsparpotenzialen im Betrieb ist unumgänglich“, so Spitzbart. Die Bundesinnung arbeitet derzeit intensiv daran, die Betriebe in Zukunft mit praxisnahen Tipps zum Thema zu versorgen. Einer, der sich auch schon jetzt mit den steigenden Stromkosten auseinandersetzt, ist Tischlermeister Franz Helmer von der gleichnamigen Tischlerei im niederösterreichischen Obersdorf. "Momentan ist der Tarif noch günstig, aber im kommenden Jahr werden wir wohl mit dem fünffachen Preis pro Kilowattstunde rechnen müssen“, erzählt er. Deshalb werden derzeit im Betrieb alle Lampen auf LED umgerüstet – eine Investition von rund 25.000 Euro. Zusätzlich sind alle Mitarbeiter*innen im 30-Frau-und-Mann-starken Betrieb motiviert, den Spargedanken im betrieblichen Alltag zu etablieren. Auch vier Elektroautos hat Helmer schon im Einsatz, die Implementierung einer PV-Anlage wird ebenso in Zukunft angedacht.

Franz Helmer, Tischlerei Helmer

Es gibt auch etwas Gutes an der aktuellen Situation: Wir werden wieder lernen, mit Energie bewusster umzugehen. 

Helmer, Tischlerei Helmer

Nicht zu unterschätzen

Hier würde sich Helmer allerdings klarere Richtlinien im Förderdschungel wünschen: "Alle sprechen von Förderungen, allerdings sind sie in den Bundesländern sehr unterschiedlich, die Vergaberichtlinien nicht immer nachvollziehbar“, kritisiert er. Und auch die teureren Materialkosten seien nicht zu unterschätzen: "Energie ist das eine, wir dürfen aber nicht vergessen, dass die Rohstoff e für die Produktion auch teurer geworden sind.“ Zehn bis fünfzehn Prozent an Mehrkosten seien dabei alleine heuer angefallen, zusätzlich brauche man durch die Vorbestellungen deutlich mehr Platz im Lager. Die Kosten dafür könne man nicht eins zu eins an den Kunden weitergeben, teurer wird es allerdings in jedem Fall werden. "Glücklicherweise haben unsere Kunden vollstes Verständnis dafür“, so Helmer. Und ganz grundsätzlich ist der Unternehmer, der vor vierzig Jahren die Tischlerei im Weinviertel gegründet hat, positiv gestimmt: "Ich bin eine Kämpfernatur, irgendwie wird es immer weitergehen. Und es gibt auch etwas Gutes an der aktuellen Situation: Wir werden wieder lernen, mit Energie bewusster umzugehen.“ (kk)

Geförderte Energieberatung nutzen

Der Blick vom Profi macht nicht nur Energiekosten sichtbar, sondern auch Einsparungspotenzial. Hier ein Überblick der unterschiedlichen Beratungsstellen in den Bundesländern:

Burgenland: WK Burgenland – Geförderte Energieberatung

Kärnten: Ökofit Kärnten

Niederösterreich: WK Niederösterreich – Ökologische Betriebsberatung

Oberösterreich: Oberösterreichischer Energiesparverband

Salzburg: Umwelt Service Salzburg

Steiermark: WK Steiermark – Betrieb und Umwelt

Tirol: WK Tirol – Tiroler Beratungsförderung

Vorarlberg: Energieinstitut Vorarlberg

Wien: WK Wien – Geförderte Unternehmensberatung

Branchen
Tischlerei