BIM in der Praxis

Little "happy" BIM statt Big "fat" BIM?

BIM
31.08.2021

Es muss nicht immer um das Maximum gehen, man darf auch Zwischenschritte wertschätzen und über Misserfolge sprechen. Christine Horner von Solid Architecture über BIM in der Praxis.

Christine Horner ist Gründerin und Geschäftsführerin des Architekturbüros Solid Architecture, Buch­autorin von "BIM kompakt" und Vortragende am BIM-Praxistag von Austrian Standards.

Wenn es um Building Information Modeling geht, muss es nicht immer das Maximum des derzeit technisch Möglichen sein, ist Christine Horner von Solid Architecture überzeugt. Warum die Zwischenschritte auf dem Weg zum "Big fat BIM" viel zu wenig wertgeschätzt werden, man viel mehr über seine Erfahrungen und Miss­erfolge sprechen sollte und weshalb Software-­Updates manchmal schmerzhaft sind. 

Sie beschäftigen sich seit rund sechs Jahren intensiv mit Building Information Modeling und haben 2018 auch das Buch "BIM kompakt" geschrieben. Was ist Ihr Eindruck – wie ist es um das BIM-Know-how in Österreich bestellt?

Christine Horner: Generell schreitet die BIM Entwicklung rasant voran. Immer mehr Planer, Ausführende und Bauherren beschäftigen sich damit. So viel zum Positiven. Eine große Hürde ist aber, dass BIM nach wie vor sehr komplex ist. In einem BIM-Modell kommt das gesamte Fachwissen aller Planer auf einem Fleck zusammen. Zudem braucht man derzeit auch noch recht viel softwaretechnisches Know-how, um das Modell überhaupt bedienen  zu können. Es muss also sehr viel Wissen zusammenkommen, damit es funktioniert. 

Woran scheitert es derzeit am häufigsten?

Horner: Aus meiner Sicht fehlt momentan vor allem der Rückfluss aus der Praxis. Bei einigen ­Teilmodellen funktioniert BIM schon richtig gut, auch der Datenaustausch zwischen den Softwareprogrammen wird immer besser. Manchmal  funktioniert es dann in der Praxis doch nicht so, wie es in der Theorie angedacht war. Dafür eröffnen sich in der Praxis wiederum Möglichkeiten, die man ursprünglich gar nicht am Radar hatte. Mein Eindruck ist, dass viele Büros nicht über ihre Erfahrungen sprechen wollen, wenn es eben nicht dieses Big "fat" BIM ist, bei dem auf Knopfdruck über den gesamten Gebäudelebenszyklus BIM-Daten produziert, laufend ausgetauscht und genutzt werden. Aber gerade dieser Wissensrückfluss aus der Praxis ist ­essenziell, um BIM massentauglich zu machen. Auch der tatsächliche Nutzen von BIM – werden Projekte durch BIM besser, ist BIM für alle Projektarten geeignet usw. – wird noch viel zu wenig beleuchtet. Die BIM Nutzungszwecke müssen die finanziellen und zeit­lichen Investitionen aufwiegen, damit der Zug in Fahrt kommt. Und das gilt sowohl für die Bauherrenseite als auch für die Planenden und Ausführenden.

Was sind z. B. leicht erreichbare Nutzungszwecke?

Horner: Gerade zum Einstieg bieten BIM-Teil­modelle großes Potenzial. Man muss nicht gleich ein großes, allumfassendes BIM-Modell bauen – aus Teilmodellen von beispielsweise Fenster und ­Türen lassen sich ebenfalls schnell Mehrwerte für die Kosten­sicherheit oder das Facilitymanagement herausiehen. Auch ein "simples" 3D-Modell trägt schon dazu bei, blinde Flecken in der Planung zu minimieren. Für ausführende Firmen kann die Automatisierung von Bestell- und Stücklisten aus dem Modell heraus große Vorteile bieten, da tut sich gerade sehr viel am Markt. Ich denke über die Spange Planung und Ausführung könnte neuer Schwung in den BIM-Prozess kommen. 

Big fat BIM muss nicht das Ziel sein. Die vielen kleinen Zwischenschritte, die wir schon können, werden viel zu wenig wertgeschätzt.

Christine Horner, Solid Architecture

Beim Projekt AHS Ettenreichgasse wagen Sie sich an ein vergleichsweise junges Thema heran – BIM im Bestand. Wie groß ist der Unterschied zu BIM auf der grünen Wiese?

Horner: Sagen wir so – wir haben hier die epische Breite an Herausforderungen. Bis jetzt sind die BIM Methodik und die Softwareprogramme hauptsächlich für den Neubau ausgelegt. Der Umbau ist da eher noch ein Exot. Hier fehlen leider noch ein paar Knöpfe in den Softwareprogrammen. Auch der Datenaustausch über die offene Schnittstelle – das IFC-Format – hat da noch Lücken. Bei unserem Projekt haben wir Split-Level, also Halbgeschoße. Das BIM-Modell und die davon abgeleiteten 2D-Pläne, die man ja leider immer noch braucht, müssen zusammen funktionieren. Das ist gerade im Umbaubereich oft schwierig und man muss Workarounds finden, die für alle Beteiligten funktionieren. Bei einem Pilotprojekt ist ­sowohl auf Auftraggeber- als auch auf Auftragnehmerseite ­Innovation gefragt.

BIM-Pilotprojekt: AHS Ettenreichgasse 41-43

Das Bestandsgebäude des Gymnasiums in 1100 Wien soll saniert und thermisch ertüchtigt werden, zusätzlich ist auch eine umfangreiche Erweiterung geplant. Auftraggeber ist die Bundesimmobiliengesellschaft.

Planungsteam:
GP: Solid architecture 
TWP + BPH: RWT+    
HKLSE: HTB Plan
LP: Solid Architecture
SP: Raumkunst
LV: Bimcos

Wie viel BIM-Know-how braucht es aufseiten des Auftraggebers?

Horner: Sehr viel – er muss Fragen beantworten können, die sehr ins Detail gehen. Zum Beispiel: Muss der Planer bei dem Bauphysik Wert den Soll-Wert oder den Ist-Wert eintragen? Oder R'w oder Rw? Die Bauherrenseite muss wissen, für welche Zwecke das BIM-­Modell später genutzt werden soll und z. B. auch welche ­Facility Programme darauf zugreifen werden. Nur so können die Planer das BIM-Modell für eben diese ­Zwecke richtig aufbereiten. Daher ist auch sehr viel BIM-Wissen auf der Bauherren-Seite notwendig. 

Wer hat in diesem Fall das BIM-Bestandsmodell ­erstellt?

Horner: Der Geometer hat den Bestand als Punktwolke gescannt und im Anschluss ein BIM-­Modell erstellt. Das war einerseits sehr praktisch, anderer­seits ist ein Geometer nur auf seinem Fachgebiet geschult und arbeitet nicht zwingend nach den Modellierungsricht­linien der Architektur. Das sind oft feine, aber wesentliche Unterschiede. Natürlich kann man dann nachbessern, aber das ist dann wieder eine wirtschaftliche und auch vertragliche Frage. Aber genau das sind bei einem ­Pilotprojekt die Themen, die im Anschluss in die Praxis rückfließen sollen. 

Big BIM oder Little BIM, open oder closed? Wie ­genau funktioniert bei Ihrem Pilotprojekt der ­Planungsprozess?

Horner: Bei unserem Pilotprojekt handelt es sich um einen klassischen Open-BIM-Prozess, bei dem jeder Fachplaner sein eigenes BIM-Fachmodell erstellt. Diese werden in einem gefrorenen Zustand in gewissen Phasen übereinandergelegt und in einem Koordinationsmodell abgeglichen. Zu Beginn eines Pilot-­Projekts passieren natürlich auch oft Datenverluste, und man sollte die Programme und Arbeitsweisen der Projektpartner kennen, um die Daten richtig exportieren zu können.

Gibt es dafür zu Beginn einen Workshop?

Horner: Zu Projektbeginn fehlt meist noch der Überblick, welche Probleme man im Laufe der Zeit lösen muss. Zum Beispiel wenn eine Software im Hintergrund ein kleines Update ausführt und auf einmal die Einstellungen nicht mehr zusammenpassen. Dann begibt man sich oft tage- oder auch wochenlang auf ­Fehlersuche. Software-Updates während des Planungsprozesses sind generell sehr heikel. Man sollte immer genau abwägen, was sie bringen und ob sich das Risiko auszahlt. Beim Projekt AHS Ettenreichgasse arbeiten wir und unsere Planungspartner mit sechs verschiedenen Programmen, das bedeutet, die Hotlines der Softwarefirmen laufen manchmal ziemlich heiß. 

Um nicht nur über die Probleme zu sprechen: Was funktioniert in der Zusammenarbeit gut?

Horner: Was super funktioniert, ist die Massen­ermittlung für die Ausschreibung. Ziel bei unserem Projekt war, ca. 30 Prozent der Massen aus den BIM-­Modellen herauszuziehen, und aktuell sind wir schon bei ca. 90 Prozent. 

Als ein Riesenvorteil von BIM wird oft die Änderung mit nur einem Knopfdruck propagiert. Wie realistisch ist das? 

Horner: Die Frage "Ist ein BIM-Modell schneller?" kann man mittlerweile eindeutig mit Nein beantworten. Denn das braucht Wissen dahinter, und das bedeutet auch nun einmal Zeit und Geld. Durch BIM wird jedoch eine höhere Planungstiefe ermöglicht, die sich auf die Qualität und Kostensicherheit auswirkt. ­Allerdings lässt sich diese dichtere Planung nicht auf Knopfdruck ändern. Denn je mehr man zeichnet, umso aufwendiger ist es, eine Variante zu produzieren. Das wird noch oft missverstanden. 

Ein Blick in die nahe Zukunft: In welchen ­Bereichen sehen Sie die nächsten Entwicklungsschritte? 

Horner: Ich denke, es wird sich in nächster Zeit noch sehr viel tun, was den Nutzen von BIM deutlicher heraus­streicht. Zum Beispiel ist bei der Ettenreichgasse geplant, den Bauablauf mit Punktwolkenscans zu begleiten und mit dem BIM-Modell abzugleichen. Ich bin schon gespannt, wie das in der Praxis funktionieren wird, aber es kann sehr hilfreich sein. Auch auf der Baustelle selbst wird sich einiges tun. Ein BIM-­Modell auf der Baustelle zu nutzen scheitert derzeit oft an ganz banalen Dingen wie einer nicht vorhandenen Internetverbindung. Und solange man das BIM-­Modell noch nicht auf den Boden projizieren kann, wird es auch noch konventionelle Pläne brauchen. Aber um Problemstellungen vor Ort zu diskutieren, sind BIM-­Modelle definitiv jetzt schon sehr nützlich.

Praxistag: Building Information Modeling

Unter dem Motto "Lernen von den anderen" ist der Praxistag Building Information Modeling von Austrian Standards ein Treffpunkt, um sich über neue BIM-Projekte bzw. die BIM-Praxis in anderen ­Planungs- und Bauunternehmen zu informieren und eigene Erfahrungen zu diskutieren.
Vorgestellt werden u. a. zwei  Wiener BIM-Pilotprojekte, außerdem werden Einblicke in ­LV-Erstellung und modellbasierte Abrechnungen sowie das korrekte Übertragen von Attributen 
in das IFC geboten. 

Wann: 14. September 2021, 10.00–16.30 Uhr
Wo: Austrian Standards, Heinestraße 38, 1020 Wien
Kosten: 125 Euro (ermäßigter Preis 110 Euro)
Infos und Anmeldung finden Sie hier