„Die Menschen wollen grüne Dächer“

Vera Enzi, Dozentin an der Universität, und Martin Haas, Dach- Und Fassadenbegrüner, haben eine gemeinsame ­Mission: sie wollen der Welt die vielen Vorteile einer Dachbegrünung näherbringen. Ein Interview über lebensbedrohliche städtische Mikroklimas und den eingeleiteten Prozess der Bewusstseinsbildung.

06.06.2017
Dachbegrünung
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Vera Enzi ist Verbandssprecherin von „Grün statt Grau“, dem „Verband für Bauwerksbegrünung“ und Dozentin an der Universität für Bodenkultur in Wien.

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Martin Haas ist Geschäftsführer des Unternehmens Haas Garten-, Dach- und Landschaftsbau GmbH mit Sitz in Schaching, Wallsee.

Frau Enzi, Sie sind Landschaftsplanerin und bringen Ihren Studenten an der Universität für Bodenkultur in Wien die vielen Vorteile von grünen Dächern nahe. Begrünte Dächer sparen Betriebskosten, entlasten das Kanalnetz, sorgen für niedrigere Temperaturen im Gebäudeinneren und kühlen ganze Städte ab. Wie sind Sie auf das grüne Dach gekommen? 
Vera Enzi: Das geht auf meine Kindheit zurück. Mein Opa hat schon mit mir gegärtnert, das Thema hat mich nicht losgelassen und ich habe dann an der Universität für Bodenkultur inskribiert. Ich habe dort Landschaftsplanung sowie Architektur studiert und habe mich gegen Studienende stark mit Begrünung im urbanen Raum beschäftigt. 2009 habe ich begonnen, für den österreichischen Verband für Bauwerksbegrünung und für die europäische Dachorganisation tätig zu sein. Dass es so eine Organisation gibt, beweist schon, wie groß das Interesse an dem Thema ist. 

Herr Haas, wie stark arbeiten Sie als Dachbegrünungsexperte mit der Wissenschaft zusammen? 
Martin Haas: Natürlich. Es war etwa ein ganz wichtiger Schritt, dass wir über den angesprochenen Verband Richtlinien sowie später eine Norm erarbeitet haben. Damit wurde ein Stand der Technik erreicht, der bereits beim Bau bessere Voraussetzungen schafft. Man hat jetzt im Bauwesen Standards, die für Dachbegrünungen Mindestanforderung sind. 

Es spricht vieles für ein grünes Dach. Warum wurden grüne Dächer erst jetzt wiederentdeckt, wo es doch schon in der Antike, z. B. die Hängenden Gärten von Babylon, begrünte Dächer gab? 
Martin Haas: Es ist sicher eine Frage der fehlenden Förderungen. Aber auch im sozialen und geförderten Wohnbau werden Gründächer wieder weniger verbaut, was auch deshalb kontraproduktiv ist, weil man so lange versucht hat, das Thema zu positionieren. Eigentlich ist das den Kosten geschuldet, weil manches Projekt über die Plangröße hinausschoss und Dachbegrünung zu unrecht in Verruf geraten ist – als angeblich zu teure Investition. Aber es gibt auch ein zweites Problem: Die Angst vor der Wartung. Die Wahrheit ist auch hier eine andere, weil mechanisch befestigte oder Kiesflachdächer genauso gewartet werden müssen, gleichzeitig aber wesentlich weniger Vorteile bieten. 

Vera Enzi: Es ist tatsächlich verwunderlich, dass trotz der vielen positiven Funktionen des begrünten Dachs, die obendrein allesamt gut bekannt und erforscht sind, immer noch mit den verhältnismäßig geringen Mehrkosten im Bau gehadert wird. Besonders schlimm ist es, wenn die Dachbegrünung etwa gerade einmal ein Prozent der Gesamtkosten beträgt, aber dennoch wegrationalisiert wird. Dieses Umdenken, das grüne Dach als einen Wert wahrzunehmen, findet nur langsam statt. Aber natürlich könnte sich rasch etwas ändern. Unsere vorhin angesprochene europäische Dachorganisation hat anhand von Beispielsländern analysiert, wo ein Markt für grüne Dächer besteht. Auf­fällig war, dass Deutschland eine Vorreiterrolle hat. Die entstand, weil dort eine steuer­wirksame Maßnahme gesetzt wurde bei der Berechnung der Abwassergebühren. In Österreich wird darüber bereits gesprochen und es wäre ein elementar wichtiger Schritt. 

Wie kann man das Bewusstsein für das Gründach noch weiter schärfen? 
Martin Haas: Immerhin war das Thema der Dachbegrünung in den Medien in den letzten Jahren stärker vertreten als je zuvor. Wir kommen ja aus dem Gartenbau und erkennen allgemein, dass Gartengestaltung heute eine höhere Wertigkeit genießt als noch vor einigen Jahren. Aber dennoch müssten auch Berater – ich denke etwa an die Naturberatung des Landes Niederösterreich „Natur im Garten“ – vermehrt auf Dachbegrünung als sinnvolle und nachhaltige Alternative hinweisen. Das gilt genauso für den Bereich der Wohnbauförderung, für den Dachdecker oder den Baumeister. Viele interessieren sich vielleicht für eine Dachbegrünung, er landet aber beim falschen Spezialisten und sie wird ihm wieder ausgeredet. 

Vera Enzi: Wir befinden uns eben in einer starken Umbruchphase. Das sieht man auch an den Richtlinien, die es auf europäischer Ebene schon gibt. Bis diese wirklich kommunal angekommen sind, dauert es ein bisschen. Aber auch wir sehen, dass die Diskussion über das Thema Dachbegrünung vermehrt stattfindet, insofern glaube ich, dass die Anzahl der begrünten Dächer zunehmen wird. 

Martin Haas: Derzeit wird jedes zehnte Flachdach begrünt. Ich würde mich freuen, wenn wir einen Anteil von beinahe 50 Prozent haben würden. 

Dach + Wand

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