Interview

„Historische Dachsanierungen verlangen Begeisterung"

Dachsanierung
20.07.2021

Ing. Walter Schlenkert, Objektberater Dach bei Wienerberger Österreich, erzählt von den Anforderungen und Herausforderungen bei historischen Dachsanierungen.

Ing. Walter Schlenkert ist Objektberater Dach bei Wienerberger Österreich.

Wienerberger hat in den 202 Jahren seines Bestehens die Dachlandschaft in Österreich entscheidend mitgeprägt. „Wir sehen es aus der Geschichte heraus als Auftrag und Verpflichtung unser erworbenes Know-how in das Sanierungsgeschehen einzubringen und einen Beitrag für die Erhaltung historischer Bausubstanz zu leisten“, sagt Ing. Walter Schlenkert, Objektberater Dach bei Wienerberger Österreich. Wir haben ihn zum Interview zu Anforderungen und Herausforderungen bei Dachsanierungen gebeten.

Wann ist eine Dachsanierung notwendig?

Ing. Walter Schlenkert: Besonders bei historischen Bauten steht die Erhaltung alter Bausubstanz im Vordergrund. Oft muss man aber zur Kenntnis nehmen, dass ein gealtertes Baumaterial – das können bei Ziegeldächern trotz der hohen Beanspruchung auch Jahrhunderte sein – seine Funktion nicht mehr erfüllen kann. Das darunter liegende Bauwerk und seine Dachkonstruktion ist nicht mehr gegen Witterungseinflüsse geschützt. Mitunter wirken Dachflächen beim ersten Augenschein zwar intakt, bei genauer Kontrolle ist dann aber manchmal festzustellen, dass bei alten Doppeldeckungen im Überdeckungsbereich der Dachziegel abgewittert und dünner geworden ist, die Aufhängenase nicht mehr vorhanden ist und der Dachziegel von der Latte rutscht. Dann bedarf es unbedingt einer Erneuerung. Die Erneuerung hat neben vielen technischen und fachlichen Komponenten in hohem Maß auch die gestalterische Herausforderung zu meistern. Dacherneuerungen an historischen Objekten sind ein weithin sichtbares Zeichen und stehen in einem besonderen Fokus. Als sogenannte fünfte Fassade kommt dem Dach mit seinem Einfluss auf die Wirkung und die optische Gesamterscheinung des Objektes eine besondere Bedeutung zu.

Wie häufig muss ein Dach saniert werden?

Unsere Tondach-Produkte gewährleisten Sicherheit und Beständigkeit über mehrere Generationen hinweg. Das heißt, es gibt auf sehr lange Sicht keinen Erneuerungsbedarf. Das ist leider unser Los – wir verkaufen unsere Produkte an die Endverbraucher meist nur einmal – ganz im Gegenteil zu Gütern, die ein Soll-Ablaufdatum haben. Tondachziegel gibt es seit über 4.500 Jahren als bewährtes und sicheres Bedachungsmaterial. Die hohe Bedeutung als Baumaterial ist auch in unserem High-Tech-Zeitalter, wo wir zum Mond oder Mars fliegen, ungebrochen. Mit den neuen Dachziegelmodellen Vintage in fünf Farbvarianten und unserem Dachziegel V11 designed by Studio F.A. Porsche zeigen wir zudem neue Wege zur anspruchsvollen Gestaltung von Dächern und Fassaden.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Sanierung von Dächern? Gibt es dabei Unterschiede zwischen besonders historischen und neueren Dächern?

Wesentlich für eine erfolgreiche Reparatur oder Erneuerung ist die rechtzeitige Abstimmung mit den Fachberatern für Denkmalpflege. Das gilt besonders bei geplanten Veränderungen am Dachstuhl oder Einbauten in die Dachfläche, die das Erscheinungsbild beeinträchtigen können. Für alle Beteiligten gilt, dass die historische Bausubstanz mit intelligenten Eingriffen auch weiterhin für ihre Besitzer wertvoll und benützbar bleibt. Bei der Erneuerung jüngerer Dächer überwiegt der fachlich-technische Anspruch. Trotzdem gilt es schon auch, die Materialauswahl in den Mittelpunkt zu stellen. Eine großformatige Pfannendeckung ist beispielsweise bei einem Wohnhaus aus der Jahrhundertwende fehl am Platz. Der Handwerker bzw. Objektbesitzer müssen Fingerspitzengefühl zeigen und das passende Format und Dachziegelmodell in naturrot oder engobiert auswählen.

Die erforderliche Kenntnis historischer Details und die Erfahrung mit alten Techniken stellen die Handwerker vor vielfältige Herausforderungen und verlangen ein Höchstmaß an Begeisterung.

Walter Schlenkert

Welche Fachkräfte braucht es bei der Sanierung historischer Dächer, die es beim Einfamilienhaus so nicht braucht?

Die erforderliche Kenntnis historischer Details und die Erfahrung mit alten Techniken, wie Runddeckungen, Vermörtelungen oder blechfreien Bauteilanschlüssen stellen die Handwerker vor vielfältige Herausforderungen und verlangen ein Höchstmaß an Begeisterung. Grundvoraussetzung ist eine sehr gute Ausbildung, besonders in der Detailvielfalt bei Doppeldeckungen mit Biber- oder Taschenziegeln. Erfahrung und Routine mit anspruchsvollen Deckungen sind bei der Umsetzung ein absoluter Vorteil. Bei Erneuerungen an jüngeren Objekten wie Wohnanlagen aus der Gründerzeit, überwiegt die technische Komponente in Kombination mit ästhetisch- und qualitativ wertvollem Bedachungsmaterial. Das geeignete Material – meist eine Einfachdeckung mit systemkonformem Original-Zubehör, das sichere, hochwertige Unterdach mit seinen fachgerechten Anschlüssen an Dachrändern und Einbauten, die Hinterlüftung, die Windlastsicherung und die normkonformen Schneeschutz- und Sicherheitseinrichtungen. Neuer Schutz für Generationen eben.

Welche Wienerberger Ziegel kommen am häufigsten zum Einsatz bei Sanierungen historischer Gebäude? Sind häufig Sonderanfertigungen nötig?

In der Denkmalpflege überwiegt die Ausführung mit Doppeldeckungen aus Taschenziegeln, Biber Rundschnitt oder Biber-Segmentschnitt, in Standarddicke oder aber auch in bis zu 20 mm dicken Altstadtformaten. Die Altstadtformate bringen mit ihrer Materialdicke ein erhöhtes Maß an Plastizität in das Dachbild und sind zudem durch besondere Robustheit gekennzeichnet. Eine außergewöhnliche Wirkung erzielt unser Altstadtpaket in Tasche oder Biber, das in Zusammenarbeit mit der Altstadt-Sachverständigenkommission in Graz entwickelt wurde und durch seine Lebendigkeit ein mehrfach ausgebessertes Ziegeldach nachahmen soll. Zur Erfüllung der hohen Ansprüche an das Bedachungsmaterial realisiert Wienerberger in Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt immer wieder Sonderlösungen, die nicht im Standard-Lieferprogramm zu finden sind und in Folge zu herausragenden Referenzen werden. Unsere Flexibilität, Innovationskraft und das besondere Know-how der KeramikerInnen im Labor Gleinstätten sind der Grundstein dafür. Beeindruckend in seiner Wirkung sind beispielsweise das Schloss Schmida in Niederösterreich, für dessen Dacherneuerung das Dachziegelmodell Vintage in Engobe umbra neu entwickelt wurde, die Wallhäuser beim Schloss Grafenegg, das Grünnehaus in Laxenburg oder die Burg Liechtenstein. Die Aufzählung ließe sich mit Beispielen aus ganz Österreich unendlich fortführen.

Worauf beruht das besondere Engagement von Wienerberger im Sanierungsbereich und im besonderen Maß in der Denkmalpflege?

Wienerberger hat in den 202 Jahren seit der Unternehmensgründung im Jahr 1819 die Dachlandschaft in Österreich entscheidend mitgeprägt. Wir sehen es aus der Geschichte heraus als Auftrag und Verpflichtung unser erworbenes Know-how in das Sanierungsgeschehen einzubringen und einen Beitrag für die Erhaltung historischer, aber auch jüngerer Bausubstanz zu leisten. Als Fachberater ist es für mich ein Privileg, bereits im Rahmen der Projektvorbereitung eingebunden zu sein und das aus unzähligen Projekten erworbene Detailwissen einzubringen. Begehungen von historischen Dächern und der Einblick in Dachräume von Schlössern, Burgen, Kirchen, Klöstern, Stiften, Stadtpalais usw. bieten tiefe Einblicke in Bauweisen und Ausführungsdetails über einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren.

Branchen
Dach + Wand