Dachbegrünung

Urban Farming auf dem Dach

Lange war ein Trend zur Zentralisierung in der Nahrungsmittelproduktion zu erkennen. In den letzten Jahren gewinnt der Individualismus immer mehr an Bedeutung. Neue Anbauflächen für Obst und Gemüse sind gesucht. Das Dach bietet dafür die besten Voraussetzungen.

27.05.2021
Flachdach
Wolfgang Hubner
27.05.2021
© Getty Images
Die Nutzung von Flachdächern hat große Zukunft im urbanen Lebensraum, auch um Landwirtschaft auf den Dächern der Stadt zu ermöglichen.

Wenn man zurückblickt, sind die Anbauflächen für Obst und Gemüse, die der Bevölkerung zur Verfügung stehen, kontinuierlich kleiner geworden. In Wien waren es die Schrebergärten, in anderen Bundesländern Vorgärten, die oft gemeinschaftlich bepflanzt wurden. Die Städte wachsen, damit einhergehend dehnt sich auch die verbaute Fläche aus. Ortschaften an der Peripherie werden Bestandteil der Stadt und Städte wachsen zusammen.
Langsam nähern wir uns allerdings den Grenzen der möglichen verbaubaren Flächen. Wir benötigen ja auch Anbauflächen für Nahrungsmittel und Flächen für Tierhaltung. Schließlich brauchen mehr Menschen mehr Nahrungsmittel.
Auf der anderen Seite wollen wir weniger CO2 produzieren – was bedeutet: weniger Transporte durch zentrale Nahrungsmittellieferanten. Was ist die Konsequenz daraus? Lokale Versorgungsebenen müssen geschaffen werden – dezentrale, kleinstrukturierte Anbauflächen für Gemüse und Obst.
Es liegt an uns, bei der Errichtung eines Gebäudes nicht nur auf den Parkplatz für jeden Bewohner zu achten, sondern jedem Bewohner auch ein Gemüsebeet – zum Beispiel am Dach – zur Verfügung stellen.

Gemüse und Obst vom Dach

Die Nutzung von Flachdächern hat große Zukunft im urbanen Lebensraum, auch um Landwirtschaft auf den Dächern der Stadt zu ermöglichen. Sie kann, ähnlich wie am Boden, unter freiem Himmel oder in Dachgewächshäusern betrieben werden.

Frei bewitterter Anbau
In diesem Fall ist die Nutzung als „Landwirtschaft“ dem Verfahren einer Dachbegrünung gleichzusetzen. Bekannterweise wird in der Planungs- und Ausführungspraxis unterschieden zwischen Intensivbegrünung, reduzierter Intensivbegrünung, Extensivbegrünung und reduzierter Extensivbegrünung. Es erscheint logisch, dass für den Gemüse- und Obstanbau extensive Dachbegrünungen nicht geeignet sind.
In Abhängigkeit der Gemüse- oder Obstsorten werden an den Bodenaufbau unterschiedliche Anforderungen gestellt. Diese zu beurteilen ist Sache des Gärtners. Unter freiem Himmel ist der Gemüse- und Obstanbau den natürlich herrschenden Witterungsbedingungen ausgesetzt. Zu beachten gilt, dass sich in Abhängigkeit der Gebäudehöhe die Windeinwirkung erhöht und gegebenenfalls Haustechnikanlagen, angrenzenden Fassaden oder Glasflächen die Wärmereflexion begünstigen. Auch das Thema der Verschattung durch aufgehende Bauteile ist nicht zu vernachlässigen.

Anbau in Dachgewächshäusern
Darunter kann man sich klassische „Glashäuser“ vorstellen. In solchen Dachgewächshäusern wachsen all jene Pflanzen, die auch zu ebenen Erde wachsen würden. Besonders sympathisch ist die ganzjährige Nutzungsmöglichkeit und dadurch Witterungsunabhängigkeit. Weltweit wurden bereits zahlreiche architektonisch interessante Projekte umgesetzt. Einzig die Hürde der Bauordnungen muss noch überwunden werden, um aus dem Einzelfall oder der Prototypstudie herauszukommen.
Bei der Planung von Dachgewächshäusern sind in Hinblick auf die vorgesehene Nutzungsdauer und Schadensfolgeklasse des Gebäudes insbesondere die witterungsbedingten, statischen und bauphysikalischen Anforderungen und Beanspruchungen zu beachten.

 

Anforderungen für Obst- und Gemüseanbau auf dem Dach

Folgende Gegebenheiten sind objektspezifisch zu berücksichtigen:

  • Lage, Orientierung, Form und Größe des Gebäudes,
  • Lage des Dachgewächshauses am Gebäude,
  • Entwässerungsverhältnisse,
  • lokale Umwelteinflüsse,
  • Wartung und Instandhaltung,
  • Brandschutz,
  • Funktion und Nutzung, Personensicherungen,
  • außergewöhnliche Temperatureinwirkung auf den Dachaufbau, z. B. durch reflektierende Fassadenflächen, haustechnische Anlagen etc.,
  • außergewöhnliche Nutzlasten wie Gewächshauskonstruktion, Pflanztröge, haustechnische Anlagen etc., wobei die maximal zulässigen Einzel- und Flächenlasten im Rahmen der Planung festzulegen sind.

Belastung des Flachdachschichtaufbaus

In der Planung von Urban Farming auf Dächern ist auch zu beachten, ob die zum Anbau oder zur Landwirtschaft genutzte Fläche direkt auf dem Flachdachschichtaufbau, der im Wesentlichen Bestandteil der Wärme- und Feuchteschutzfunktion der Gebäudehülle ist, aufgebaut wird, oder ob dies in separaten, mit Substrat befüllten wannenförmigen Behältnissen erfolgt. Beim separaten Behältnis stellt sich die Belastung des Flachdachschichtaufbaus nur durch das Gewicht dar, nicht durch Wurzelaktivität oder die mechanischen Beanspruchungen im Zuge von landwirtschaftlichen Tätigkeiten.
Wird die Grünfläche direkt auf dem Flachdachschichtaufbau errichtet, ist besonderes Augenmerk auf die Schutzlagen oberhalb der Abdichtung zu legen.
Oberste Priorität hat, dass die Dachabdichtung selbst oder eine zusätzliche Schicht oberhalb  der Abdichtung den Durchwurzelungsschutz sicherstellt wird.
Auch die Anordnung und Ausbildung von Rankgerüsten oder sonstigen Ausstattungselementen ist einzukalkulieren. Insbesonders ist dabei auf eine lastverteilende Auflagerung (Vermeidung von Punktlasten), die Vermeidung der Entstehung von Spannungen zwischen den einzelnen Schichten des Dachaufbaus und das Durchstoßen der Abdichtung durch Befestigungsmittel zu achten.
Abdichtungsschichten sind in Abhängigkeit von der Nutzungsdauer und Nutzungskategorie des Daches, der Beanspruchung und den Materialeigenschaften des Abdichtungsstoffs mit entsprechenden Schutzschichten zu versehen. Auch für die Beanspruchung des Dachaufbaus während der Bauzeit sind ausreichende Schutzmaßnahmen zu planen und auszuführen.

Schutz für die Abdichtung

Im Wesentlichen sind die projektspezifisch anzuwendenden Schutzschichten oder Schutzlagen abhängig vom Standort und der projektspezifischen geplanten Nutzung. Schutzschichten bzw. -lagen haben die Aufgabe, die darunterliegenden Schichten gegen die oben beschriebenen Einflüsse zu schützen, damit das Risiko einer Funktionseinschränkung des Flachdachschichtaufbaus, speziell der Dachabdichtung, reduziert wird.
Dass eine Dachabdichtung, unabhängig ob sie aus bahnenförmigen oder vor Ort mit flüssig-viskosen Stoffen appliziert wird, Schutz benötigt, liegt auf der Hand. Je nach landesspezifischen Anforderungen beginnen Dachabdichtungsbahnendicken bei rund 1,3 mm und enden bei mehrlagigen Polymerbitumen Dachabdichtungen bei ca. 15 mm.  Dachabdichtungen sind aufgrund ihrer geringen Dicke besonders sensibel gegenüber mechanischen Belastungen und stellen eine verletzliche Schicht dar. Demzufolge ist dem Schutz dieser Abdichtung ein zumindest ebenso großer Stellenwert einzuräumen wie der Dachabdichtung selbst. Schutzschichten bzw. -lagen sind auf die Nutzungsdauer des Flachdaches auszulegen.
Zu Schutzschichten/-lagen zählen etwa schwerer Oberflächenschutz mit beispielsweise Kies in einer Körnung von 16/32 mm, Plattenbeläge, Gewebebetonmatten (Innovationsprojekt des Instituts für Flachdachbau und Bauwerksabdichtung) oder ähnliches.
Es ist bereits zu erkennen, dass viele in den ÖNORMEN genannten „Schutzschichten“ wie beispielsweise Geotextilien (ab 200 g/m2) als alleinige Maßnahme nicht tauglich sind.

Urban Farming auf dem Dach – so gelingt es

Urban Farming auf Dächern benötigt widerstandsfähige Schutzschichten, denen zumindest derselbe Stellenwert wie jener der Dachabdichtung einzuräumen ist. Eine Kommunikationsmöglichkeit in Form von Feuchte- und Dichtheitsmonitoring-Systemen sollte eingeplant werden. Regelmäßige Wartung und Instandhaltung ist unverzichtbar. Fachlich spezialisierte Handwerker werden alle diese Punkte berücksichtigen. Damit steht dem Obst- und Gemüseanbau auf dem Dach nichts mehr im Weg.

 

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