Architektur

Manifest der Avantgarde

Fassadenbau
06.09.2022

Vor gut fünfzig Jahren wurde das Passionsspielhaus Erl in den Tiroler Bergen eröffnet – nun hat es mit dem neuen Festspielhaus ein markantes Pendant bekommen.
Festspielhaus Erl

Mitten in der Tiroler Berglandschaft, nur wenige Kilometer vor der Grenze zu Bayern, zieht ein imposantes Gebäude mit raumgreifender Wirkung die Blicke der Besucher auf sich: Die Rede ist vom neuen Festspielhaus in Erl, das sich scheinbar mühelos aus dem Bergmassiv herausschwingt und mit seiner anthrazitfarbenen Fassade beeindruckende visuelle Akzente setzt. Das Design jenes skulptural anmutenden Gebäudes, welches in nur einundzwanzig Monaten Bauzeit realisiert wurde, stammt aus der Feder des Wiener Architekturbüros Delugan Meissl Associated Architects und weckt durch seine prägnante, scharfkantige Geometrie Assoziationen mit den Gipfeln der Alpen sowie mit der Form der Erler Dornenkrone, dem Wappenemblem des Dorfes. Gleichzeitig wirkt jene Baukunst wie eine Antithese des gegenüberliegenden über fünfzig Jahre alten Passionsspielhauses. Letzteres hebt sich mit seiner schlichten, weißen Fassade in den Sommermonaten klar von dem umgebenden Grün ab – während die tiefschwarze Fassade des neuen Festspielhaues während der Wintermonate spannende Kontraste in der Schneelandschaft erzeugt. So entfaltet jedes Gebäude je nach Jahreszeit seine ganz eigene Wirkung.

Festspielhaus Erl

Vorreiter des Dekonstruktivismus

Das markante Festspielhaus, welches über eine Grundfläche von über achttausend Quadratmeter verfügt, wartet im Inneren mit einer großzügigen Tribüne auf, die einem griechischen Theater nachempfunden wurde und über siebenhundert Gästen Platz bietet. Zum Zeitpunkt der Erbauung war der Orchestergraben mit seinen einhundertsechzig Quadratmetern der Größte weltweit. Zur gigantischen Akustik tragen auch die freistehenden Wände aus kanadischem Akazienholz bei, welche ein "Mitschwingen“ der Architektur ermöglichen. Um den besonderen Charakter jenes Festspielhauses zu unterstreichen, entwickelten die Architekten unter Verwendung von Systemlösungen von Hueck eine Fassade in der Geometrie einer Freiform. Jene avantgardistische Gebäudehülle erscheint wie ein Kontrapunkt zu dem sonst eher unaufgeregtem Erscheinungsbild postmoderner Architekturen. Mit seinen räumlichen Dominanzgesten wirkt der futuristische Monolith wie ein Manifest des Dekonstruktivismus der späten Neunzigerjahre: Eine Baukunst wider alle Regeln –, wobei die Architektur nicht nur formell, sondern auch konstruktiv an die Grenzen des Machbaren gebracht wird.

Festspielhaus Erl

Wider die Schwerkraft

Die Fassade widersetzt sich auf radikale Art und Weise den harmonischen Idealen von Geometrie und Geradlinigkeit und scheint dabei die Schwerkraft außer Kraft zu setzen: Asymmetrische Flächen und scheinbar zufällig angeordnete Baukörper fügen sich dabei zu einem skulpturalen Gesamtkomplex zusammen –, um dies möglich zu machen, kamen bei der Fassade die Lambda Fenster- und Türensysteme, das Trigon SG Fassadensystem sowie die Lava Brandschutztüren des Herstellers Hueck zum Einsatz: "Die Herausforderungen bei diesem Bauprojekt lagen in der Fassadengestaltung, da die Fassade nach unten um einhundertzehn Grad und im Obergeschoß um dreißig Grad nach hinten wegknickt“, so Egon Trinkl, Geschäftsführer der gleichnamigen Schlosserei über die Besonderheiten bei der Realisierung jenes Projektes. Das Ergebnis kann sich sehen lassen – entstanden ist ein formvollendeter Baukörper, der sowohl akustisch als auch optisch überzeugt. Auch Georg Höger, Bauleiter des Generalunternehmens Strabag SE, zeigt sich zufrieden: "Es ist eine gute, gelungene Architektur. Die Auslastung und Akustik sind gut. Es fährt auch kein Bus vorbei, der nicht stehen bleibt, damit Besucher der Region sich erkundigen können, wann die nächste Aufführung ist. Dieses Festspielhaus ist einmalig.“