Bauwerksbegrünung

Grüne Fassaden

Fassadenbegrünung
17.06.2021

Das Interesse an Fassadenbegrünung wächst. Auch die ersten Zahlen des Green Market Report Austria und das veröffentlichte Positionspapier "Konjunkturbelebung durch Bauwerksbegrünung" zeigen einen jungen, aber wachsenden Markt im Segment der Fassadenbegrünung. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Troggebundene Fassadenbegrünung: Kletterpflanzen beschatten das Gebäude im Sommer und kühlen es natürlich.

Fassadenbegrünungen liegen international im Trend. Sie sind ein wichtiger Baustein für Klimawandel Anpassungsmaßnahmen gerade in dicht verbauten Stadtgebieten,in denen keine Baumpflanzungen  mehr möglich sind. Es gilt vorhandene Flächen(am Gebäude)zu nutzen und Ausgleichsmaßnahmen zur Versiegelung zu schaffen. Neben der mikroklimatischen Kühlwirkung rücken verstärkt weitere Vorteile von Fassadenbegrünungen ins Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit:

  • die Substitution eines Sonnenschutzes zur Vermeidung sommerlicher Überwärmung und zur Erhöhung der Energieeffizienz des Gebäudebetriebes 
  • der Schutz des Gebäudes vor Witterungseinflüssen und die Lebensdauerverlängerung der Fassade 
  • die Attraktivierung des Stadtbildes und Imagewirkung 
  • die Luftreinigung und Schadstoffbindung 
  • der Lärmschutz 
  • der Beitrag zur Artenvielfalt und Biodiversität durch geschaffenen Lebensraum 
  • sowie nicht zuletzt die Rückwendung des Menschen zur Natur in Zeiten von leblosen geradlinigen Stadtumwelten. 

Arten der Fassadenbegrünung

Prinzipiell wird zwischen boden- oder troggebundenen Begrünungen mit Kletterpflanzen und vorgehängt-hinterlüfteten wandgebundenen Begrünungen (Living Walls) unterschieden. Kletterpflanzen können mit oder ohne Rankhilfe ausgeführt werden, was von der gewünschten Pflanze und vom Zustand der Fassade abhängig ist.  
Living Walls werden mit Stauden, Gräsern und Kräutern bepflanzt und können sowohl teil- oder vollflächig aufgebracht werden. Aufbauten und Materialien sind hier sehr verschieden.  
Die im April 2021 erschienene ÖNORM L 1136 für Vertikalbegrünung im Außenraum standardisiert diese Einteilung und regelt die entsprechenden Mindestanforderungen hinsichtlich Planung, Bau und Pflege. 
Weitere (nicht bindende) Richtlinien sind: 

Normen zur Bauwerksbegrünung

ÖNORM L 1131:2010 06 01 "Gartengestaltung und Landschaftsbau – Begrünung von Dächern und Decken auf Bauwerken – Anforderungen an Planung, Ausführung und Erhaltung" 

ÖNORM L 1133:2017 03 01 "Innenraumbegrünung – Planung, Ausführung und Pflege"

ÖNORM L 1136 "Vertikalbegrünung im Außenraum" 

Der Innenhof des Wiener Boutique-Hotels Stadthalle: Viel Grün schafft Aufenthaltsräume mit neuer Lebensqualität in der Stadt.

Was kostet Vertikalbegrünung?

Grundsätzlich muss zwischen den Errichtungs- und den laufenden Pflegekosten unterschieden werden. Was die Errichtung betrifft, sind bodengebundene Begrünungen mit Selbstklimmern wie Efeu oder Veitchii in der Regel am günstigsten. Oft kann im städtischen Raum jedoch keine Bodenfläche für Wurzelraum zur Verfügung gestellt werden, etwa aufgrund der Einhaltung notwendiger Restgehsteigbreiten. Troggebundene Begrünungen mit Selbstklimmern können ebenfalls vergleichsweise günstig aufgestellt werden. Begrünungen mit Kletterhilfen sind bereits etwas teurer, am teuersten schneiden Living-Wall-Systeme ab. Die Errichtungskosten sollten jedoch immer in einem angemessenen Verhältnis zum Begrünungsziel stehen, das für die Wahl der Begrünungsart ausschlaggebend ist. So kann sich beispielsweise die Investition in Begrünungen mit Rankhilfen durchaus rentieren, wenn die Funktion eines ansonsten notwendigen Sonnenschutzes mitübernommen wird und damit Betriebskosten für das Kühlen des Gebäudes reduziert werden können. 

Ausschlaggebend für eine erfolgreiche Begrünung ist die Pflege. Diese gilt es bereits in der fachgerechten Planung zu berücksichtigen. 

DI Susanne Formanek

Living Walls sind im Bereich Dämmwirkung und Energieeffizienz sehr wirksam, eröffnen vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten und bieten rasch eine vollflächige Begrünung. Kletterpflanzen wie z. B. der Efeu bieten wertvollen Lebensraum und Nahrungsquellen für Vögel und Insekten. Es gilt daher: Jede vertikale Begrünung ist auf die Standortgegebenheiten und das gewünschte Begrünungsziel (Nutzung) abzustimmen. 
Ausschlaggebend für eine erfolgreiche Begrünung ist die Pflege. Diese gilt es bereits in der fachgerechten Planung zu berücksichtigen. In den ersten zwei Vegetationsperioden gilt die Anwuchspflege, damit die Pflanzen sich am Standort etablieren können. Danach braucht es eine Erhaltungspflege, die im Jahr je nach Begrünungssystem, Pflanzenauswahl und Zugänglichkeit unterschiedlich häufig ausfallen kann. Zu den Pflegemaßnahmen zählen je nach System Rückschnitt, Entfernung von Laub, Dünung, Wartung der automatischen Bewässerungsanlage, Überprüfung der Rankhilfe, etc.  

Aufklärung und Know-how nötig

Nachdem Vertikalbegrünungen nun standardisiert sind, und auch bereits viele Erfahrungswerte in Leitfäden und Richtlinien vorliegen, ist für Investoren und Planer ausreichend Sicherheit gegeben. Negative Erfahrungswerte resultieren in der Regel aus Projekten, in denen das nötige Know-how fehlt oder die Fassadenbegrünung als Technologie unterschätzt oder nicht bedarfsgerecht eingesetzt wird. Hierzu darf nicht unerwähnt bleiben, dass oft Gerüchte die Runde machen, die schlichtweg falsch sind. 
Manchmal werden mangels Pflanzenkenntnis falsche Arten oder unpassende Dimensionen von Wurzelraum und Technik gewählt. Ein Beispiel dafür ist Efeu: Dieser kann bei einer nicht intakten Fassade und vernachlässigten, falschen Pflege das Mauerwerk schädigen, indem er auf Grund seiner lichtfliehenden Eigenschaft mit den Trieben in dunkle Ritzen und Spalten hineinwächst und diese im Lauf der Jahre durch das Dickenwachstum aufsprengen kann. Er ist dementsprechend im Bewuchs fachgerecht zu scheiden und regelmäßig von Totlaub zu befreien. Übrigens: Ein alter Veichtii oder Efeu muss nicht gerodet werden, wenn die Fassade dahinter saniert wird.

Durchdachte Fassadenbegrünung bringt lange Freude

Gelungenes Beispiel einer Fassadenbegrünung: das Gebäude der MA 48 in Wien.

Prinzipiell gilt es bei Vertikalbegrünungen, stets auf eine effiziente Planung und Umsetzung der Wasser- und Nährstoffversorgung der Pflanzen zu achten und Verantwortlichkeiten klar aufzuteilen – dabei übernehmen auch oft vor Ort befindliche Personen eine tragende Rolle. 
Die Frage nach Regen- und Brauchwassernutzung für Begrünungen gewinnt zunehmend an Wichtigkeit und ist neben der Reinigungsleistung von Begrünungen (Luft, Wasser) ein zentrales Forschungsthema. Beim Einsatz von Living Walls ist eine Integration in Haustechniksysteme und der Einsatz von bedarfsgerechten Steuerungen über Sensoren (auch via App) bereits längst möglich. Dementsprechend wird eine Zusammenarbeit mit spezialisierten Betrieben empfohlen, um einen reibungslosen Betrieb zu garantieren.

Auch der Brandschutz ist integraler Bestandteil der Planung von Fassadenbegrünungen. In Österreich gelten die OIB-Richtlinien, welche auf einer Reihe von Brandversuchen basieren: Je nach Geschossklasse des Gebäudes kommen unterschiedliche Vorgaben und Nachweisführungen zum Einsatz. Bis GK 3 (vgl. 3 Geschoße) gibt es keinerlei Einschränkungen, ab GK 4–5 sind Maßnahmen zu treffen, die das Herunterfallen von brennenden Bestandteilen und den Brandüberschlag verhindern. Mit geschoßweisen Brandschotten und Abständen kann immer gearbeitet werden. Hochhäuser bedürfen einer gesonderten Betrachtung. 
Neueste Großbrandversuche der Stadt Wien (MA 39 und MA22) zeigen, dass keine vertikale Brandweiterleitung zu beobachten, die Sekundärbrandgefahr durch herabfallendes Laub nicht gegeben war und die metallischen Kletterhilfen keinesfalls zu einer Brandweiterleitung führen, sondern standhalten. Allgemein lässt sich aber sagen: Wird die Pflanze in einem vitalen Zustand gehalten, ist die Brandgefahr vernachlässigbar. Weitere Brandversuche sind bereits geplant. Eine Arbeitsgruppe mit Experten aus Deutschland, Schweiz und Österreich setzen sich momentan intensiv mit diesem Thema länderübergreifend auseinander. 
Jede Fassadenbegrünung ist im Hinblick auf ein ausgewogenes Kosten-Nutzenverhältnis hin umzusetzen, dann macht sie auch Freude und erfüllt die gesetzten Begrünungsziele. Bei fachgerechter Planung und Pflege können die Pflanzen problemlos viele Jahrzehnte alt werden. (bt)

Best-Practice-Beispiele

Eine Inspiration für gelungene Fassadenbegrünungsprojekte ist die GrünstattGrau-Datenbank mit vielen Best-Practice-Beispielen. Neben bereits realisierten Begrünungsmaßahmen zeigt sie außerdem Forschungs- und Innovationsprojekte: www.gruenstattgrau.at.