Elektromobilität

So praktikabel ist E-Mobilität für Tischlereibetriebe

Elektromobilität
23.03.2021

Aktualisiert am 23.03.2021

E-Fahrzeuge sind der bestimmende Trend im Mobilitätssektor und ein wichtiger Baustein zum Erreichen der Klimaziele. Aber wie praktikabel ist E-Mobilität für Tischlereibetriebe? Das Tischler Journal fragt nach.

Eines ist unbestritten: Dem Verbrennungsmotor geht es an den Kragen, in absehbarer Zeit werden keine neuen Fahrzeuge mit Benzin- und Dieselmotoren mehr gebaut werden. Denn CO2-neutrales Fahren ist eine der zentralen Maßnahmen zum Erreichen der gesetzten Klimaziele. Aber wie soll es weitergehen? Sind E-Autos wirklich die Lösung aller Probleme? „Aktuell ist das verstärkte Setzen auf E-Mobilität der notwendige Schritt in die richtige Richtung. Man muss den Weg der Suche nach alternativen Antrieben konsequent und intensiv weiter gehen – aber dieser wird 2030 nicht zu Ende sein. Die aktuellen Prognosen sind für mich etwas zu überschwänglich“, sagt Sebastian Schlund, Vorstand des Instituts für Managementwissenschaften an der Technischen Universität (TU) Wien und Stiftungsprofessor im Auftrag des Klimaschutzministeriums (BMK) für Industrie 4.0.. „Damit die Transformation der Mobilität gelingt, braucht es vernünftige Angebote und praktikable Alternativen. Von heute auf morgen wird eine komplette Umstellung sicher nicht funktionieren, vor allem nicht im Güterverkehr.“ Der Experte glaubt an eine Übergangsphase mit Mischkonzepten, die die nächsten zehn bis zwanzig Jahre andauern wird. Dabei werden Verbrennungsmotoren, Hybridkonzepte, E-Antrieb und noch in der Testphase befindliche Technologien wie Wasserstoff-Antriebe eine Rolle spielen. Die Dauer dieser Phase hängt von der Akzeptanz der Nutzer sowie den Vorgaben und der Unterstützung von Seiten der Politik ab. Damit sind u.a. zeitliche Ziele gemeint, bis wann eine komplette Abgasvermeidung erreicht sein soll, aber auch Förderungen – diese sind zumeist die erste Stufe des Eingreifens, gefolgt bzw. kombiniert mit eingeschränkten Zulassungen und Verboten. 
Neben dem stufenweisen Übergang von fossilen zu umweltfreundlichen Kraftstoffen bzw. Antrieben geht es um die Digitalisierung der Mobilitätsnutzung und den Wandel zu einer multimodalen Mobilität – also der Kombination verschiedener Verkehrsträger. Die mobile Zukunft wird also „grün und vernetzt“.

Sebastian Schlund, TU Wien

E-Mobilität ist ein wichtiger Teil alternativer Antriebsformen, aber nicht die einzige Lösung, die man finden wird. 

Sebastian Schlund, TU Wien

Geteiltes Auto im Handwerk und Gewerbe

Eine weitere Möglichkeit, Zeit auf der Straße effektiver zu nutzen und damit Kosten zu sparen ist Car-Sharing. Was im Privaten und in der Stadt bereits gut funktioniert, ist in der betrieblichen Nutzung – vor allem im ländlichen Raum – noch nicht sehr stark etabliert. Für die nähere Zukunft sieht TU-Professor Schlund allerdings ein großes Potenzial für Handwerk und Gewerbe. Voraussetzung für ein gutes Funktionieren ist eine Vernetzung der Nutzerdaten, also eine Digitalisierung der Mobilität im Kleinen, um z. b. die Fahrzeugreservierung digital abwickeln zu können. In weiterer Folge ist das auch der Grundstein für weiterführende Mobilitätskonzepte zur Planung größerer Ladungen, Einbindung des Schienenverkehrs o.ä.

Elektromobilität von der Theorie zur Praxis

Als Tischlermeister Anton Hirscher vor sieben Jahren sein erstes E-Auto, einen zweisitzigen Elektro-Smart, anschaffte, wurde er noch ausgelacht. Heute hat er viele Kollegen von seinem Ansatz überzeugt und ist fast ausschließlich elektrisch mobil: „Wenn man einmal umgestiegen ist, will man nicht mehr zurück. Diese Art des Fahrens ist sauber, leise, kraftvoll und günstig.“
Bis auf zwei Lkw mit Dieselantrieb, für die es noch keine gute umweltfreundliche Alternative gibt, ist der gesamte Fuhrpark der Tischlerei mit Strom betrieben. „Damit sind wir bei Kundenbesuchen und den meisten Liefer- bzw. Montagefahrten komplett und problemlos elektrisch unterwegs“, so Hirscher. Im elf Mitarbeiter zählenden Familienbetrieb in Adnet arbeiten sowohl seine Frau Sabine als auch Sohn und Tischlermeister Benjamin und Tochter Amanda mit. Amanda Hirscher studierte im Anschluss an die HTL-Ausbildung in Hallein an der FH-Salzburg (Campus Kuchl) Design und Produktmanagement. Im Unternehmen kümmert sie sich um Planung und Verkauf.
Aber zurück zur E-Mobilität: Konkret stehen nach dem spätestens im Juni abgeschlossenen Austausch zwei Klein-Lieferwägen mit einer Reichweite von 350 Kilometern und zwei achtsitzige Montagebusse mit einer Reichweite von 200 Kilometern zur Verfügung. Einer dieser Busse wird auch von einem Teil der Mitarbeiter für den gemeinsamen Arbeitsweg genützt. Die Fahrzeug-Flotte fällt durch die Aufschrift „Tischlerei Hirscher fährt elektrisch“ zusätzlich positiv auf.

Ulrike Reischl-Kaun, Kaun – die Tischlerin

Dass eine Maßnahme wie die Erhöhung der Normverbrauchsabgabe gerade in Krisenzeiten umgesetzt wird, ist für mich als Unternehmerin unverständlich. 

Ulrike Reischl-Kaun, Kaun – die Tischlerin

Knackpunkt Reichweite

Die Reichweite ist für den überzeugten Elektro-Auto-Fahrer der ersten Stunde grundsätzlich keine Ausrede – vor allem wenn ein Betrieb vornehmlich regional arbeitet. Bei weiteren Strecken stellen die Lademöglichkeiten und die Ladegeschwindigkeit zum Teil noch eine Herausforderung dar. Auch die Nutzlast ist ein Thema „Für große E-Nutzfahrzeuge sind Markt und Technik noch nicht ausgereift. Aber bei Pkw, Klein-Lkw und Montagebussen kann man als Gewerbebetrieb problemlos auf E-Mobilität setzen“, so Anton Hirscher, für den die Pluspunkte klar überwiegen. Zur Umweltfreundlichkeit und einem Imagegewinn gegenüber den Kunden kommen wirtschaftliche Vorteile hinzu: Dazu zählen der enorm günstige Betrieb – der Strom für eine Fahrt von 100 Kilometern kostet den Unternehmer rund dreißig Cent. Reine Elektrofahrzeuge sind sowohl von der Normverbrauchsabgabe als auch von der motorbezogenen Versicherungssteuer ausgenommen. Fahrzeuge mit Elektro- und Verbrennungsmotor, sogenannte Plug-In-Hybride, sind bei der motorbezogenen Versicherungssteuer nur für den verbrennungsmotorischen Anteil steuerpflichtig. Für die Privatnutzung von rein elektrischen Firmenfahrzeugen fällt der Sachbezug von 1,5 bis 2 Prozent, je nach Fahrzeug auf Null. Zudem wurde der Fördertopf für 2021 neu gefüllt und unterstützt die Anschaffung maßgeblich (siehe Kasten). 

Anton Hirscher, Tischlerei Hirscher

Anton Hirscher, Tischlerei Hirscher

»Ich bin überzeugt vom positiven Nutzen der E-Mobilität und mit meinem Betrieb seit sieben Jahren ohne Probleme elektrisch mobil. «

Ein durchdachtes Konzept

Den Strom für die beiden hauseigenen 22 KW-Ladestationen liefert die 30 KW-Photovoltaikanlage am Dach der Tischlerei. Diese installierte Anton Hirscher zeitgleich mit der Anschaffung des ersten E-Autos. Mittlerweile hat sich die Investition durch die gesparten Stromkosten amortisiert. Sobald ein Auto nicht genützt wird, wird es angesteckt. Das Laden kann auch via Handy-App ferngesteuert werden und führt zu einer weiteren Optimierung. Für diese Kombination, die heute schon viele Nachahmer gefunden hat, erhielt man 2015 das „Umweltblatt Salzburg“, zudem ist man als Klimabündnisbetrieb zertifiziert. Das bedeutet u.a., dass man nicht nur bei der Mobilität, sondern auch bei der Wärmegewinnung umweltfreundlich unterwegs ist: Der komplett aus Holz gebaute Betrieb wird mittels einer Hackschnitzelheizung, gespeist mit Tischlereiabfällen, beheizt. „Es war mir wichtig, unsere Kunden über unser Umweltengagement mittels dieses Siegels zu informieren – und der Werbewert ist und war ein guter“, berichtet Hirscher.

E-Pkw als gute Lösung für kurze Strecken

Für Ulrike Reischl-Kaun, Tischlermeisterin und Geschäftsführerin von Kaun – die Tischlerin, stellt sich die Situation etwas anders dar. Das Hauptgeschäft ihres 90 Mitarbeiter zählenden Betriebs in St. Florian in Oberösterreich liegt im Objektbereich. Dementsprechend groß ist auch der Fuhrpark: Dieser zählt insgesamt 40 Fahrzeuge, bestehend aus Pkw, Klein-Lkw und Klein-Bussen. Als Ergänzung zum „klassischen“ Fuhrpark sind Verkäufer und Bauleiter mit vier E-Pkw unterwegs. Die entsprechende Ladeinfrastruktur ist in der Firma vorhanden. „Dieser Einsatzbereich funktioniert gut, vor allem für Kurzstrecken. Für längere Fahrten sehe ich noch ein Problem bei Ladestationen und –zeiten. Und für unseren Hauptgeschäftszweig – die Produktion, Lieferung und Montage von Fenstern und Türen für Großprojekte, die auch nicht immer vor der Haustüre liegen –gibt es noch nicht die passenden Elektro-Fahrzeuge“, sagt Ulrike Reischl-Kaun. Auch das Thema Car Sharing sei für einen Betrieb ihrer Größe schwer umzusetzen, da jeder Monteur mit einem eigens für ihn ausgestattetem Fahrzeug unterwegs ist. Dennoch denkt die Unternehmerin, dass eine sukzessive Umstellung in den nächsten Jahren kommen wird – wenn die Technik entsprechend ausgereift ist. 

Luft nach oben bei Ladeinfrastruktur und Batterietechnik

Luft nach oben orten sowohl Anton Hirscher als auch Ulrike Reischl-Kaun bei der Ladeinfrastruktur und der Batterietechnik: Zum einen, was die Möglichkeiten der Stromspeicherung und die Leistung betrifft, zum anderen was die Entsorgung angeht. Denn hier ist noch lange nicht „der Weisheit letzter Schluss erreicht“. Neben Forschung und finanzieller Unterstützung regt die Unternehmerin eine Vorbildfunktion der Politik an: So könnte zum Beispiel die Polizei auf E-Autos umsteigen, um die Aufmerksamkeit und die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen.

Versteckte Steuererhöhung

Ein anderes brennendes Thema im Zusammenhang mit Mobilität ist die angekündigte Erhöhung der Normverbrauchsabgabe, kurz Nova. Von Seiten des Klimaschutzministeriums ist diese als ein Beitrag zur Förderung der E-Mobilität bzw. zur Dekarbonisierung gedacht – er kommt aber zum jetzigen Zeitpunkt aufgrund fehlender Alternativen für viele zu früh.
Konkret unterliegen ab Juli 2021 auch leicht Nutzfahrzeuge (Klein-Lkw Klasse N1) bis 3,5 Tonnen, also Kastenwägen, Pick Ups etc., der Nova. Zudem sind ab demselben Stichtag jährliche Verschärfungen bis 2024 vorgesehen. Diese beinhalten ein Absenken des CO2-Abzugsbetrags und Malus-Grenzwertes sowie eine Erhöhung des Malusbetrags und des Höchststeuersatzes. 
Für Ulrike Reischl-Kaun sind diese Maßnahmen „versteckte Steuererhöhungen, die wieder einmal die Unternehmen zu stemmen haben. Für uns bedeutet das rund 30.000 Mehrkosten im Jahr, die wir einfach schlucken müssen. Dass wir diese Kosten etwa über Preiserhöhung wieder hereinholen, ist z. B. im Fensterbereich auf Grund des bereits sehr hohen Preisdrucks am Markt nicht möglich.“ Und die Alternativen – eben zum Beispiel der Umstieg auf E-Autos – sind für viele Betriebe wie bereits ausgeführt aktuell nur bedingt tauglich. Eine Steuer, die eigentlich auf die zahlreichen SUVs abzielen solle, sei jetzt „wie ein Schuss nach hinten“ auf die Gewerbebetriebe, die nun einmal auf Kleintransporter angewiesen sind, losgegangen. „Dass eine solche Maßnahme ausgerechnet inmitten der Corona-Krise umgesetzt wird, ist für mich unverständlich“, sagt Reischl-Kaun – und hofft auf ein Umdenken der Politik „in letzter Minute zur Entlastung der Unternehmer“.  

Förderoffensive 2021 für Elektromobilität

2021 stellt das Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) insgesamt 46 Millionen Euro für die Förderung der Elektromobilität zur Verfügung. Die Aktion läuft solange ein Budget vorhanden ist, längstens jedoch bis 31.03.2022. Voraussetzung für den Erhalt der Förderung ist der Einsatz von 100 Prozent Strom beziehungsweise Wasserstoff aus erneuerbaren Energieträgern. Förderungsmittel werden für alle Unternehmen, Gebietskörperschaften und Vereine bereitgestellt. Förderungen für E-Nutzfahrzeuge, E-Busse, E-Flotten, E-Sonderfahrzeuge und multimodale Mobilitätsknoten müssen vor Umsetzung der Maßnahme gestellt werden, der Antrag für die Förderung von E-Fahrzeugen und Ladeinfrastruktur wird danach gestellt.

Detaillierte Informationen über Förderhöhen, Leitfäden und Antragsformulare gibt es online unter www.klimafonds.gv.at .

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