Vogelschutzglas

Transparente Gefahr

Glasbau
29.07.2021

In Europa sterben jeden Tag rund 250.000 Vögel durch den Aufprall auf Glasscheiben. Erhöhtes Umweltbewusstsein und neue gesetzliche Vorschriften schaffen langsam Aufmerksamkeit für dieses Problem. Der Markt reagiert mit immer besseren Lösungen für Vogelschutz an Glasflächen.

Große Glasflächen sind große Gefahrenquellen für Vögel. Mit einem Siebdruck auf verschiedenen Ebenen des VSG sind zum Vogelschutz kreative Lösungen möglich, wie hier auf der Wiener Friedensbrücke.

Alleine in Wien leben über 100 verschiedene Arten von Brutvögeln, dazu kommen viele verschiedene Zugvögel. Hundertausende von ihnen sterben in Österreich jedes Jahr durch Kollisionen mit Glasscheiben. Europaweit sind es hunderte Millionen Vögel jährlich, die nach einem Aufprall an Glas ihr Leben lassen. Es wird vermutet, dass Glasscheiben nach der Lebensraumzerstörung die häufigste durch Menschen beeinflusste Todesursache bei Vögeln sind. Kein Renommee für die moderne Glasarchitektur mit großen transparenten Flächen.

Tödliche Durchsicht, fatale Spiegelungen

Die Durchsicht ist das Problem für Vögel. Für alle Vögel, egal welcher Gattung – vom kleinen Spatz bis zum Greifvogel. Vögel steuern attraktive Ziele an, die sich hinter Glasscheiben befinden – das kann grüne Landschaft sein, ein Baum oder das beleuchtete Büro im Morgengrauen. "Vögel orientieren sich zwar stark mit ihrem Sehsinn, aber die Augen der meisten Vogelarten liegen seitlich am Kopf. Dadurch sehen sie seitwärts in einem großen Winkel und können sich annähernde Feinde oder Artgenossen aus allen Richtungen gut wahrnehmen. Der Nachteil ist aber, dass das räumliche Sehen stark eingeschränkt ist und sie Hindernisse im schnellen Flug nur schlecht erkennen können. Vögel sehen nur die Landschaft hinter der Glasscheibe und fliegen ungebremst dagegen", beschreibt der Naturschutzreferent der Wiener Umweltanwaltschaft Wilfried Doppler (Linktipp: Vogelanprall an Glasflächen).
Das zweite große Problem sind die von Glasflächen verursachten Spiegelungen. Sie täuschen Vögeln attraktiven Lebensraum vor – und lassen sie direkt darauf zufliegen. 
"Im Vergleich zum Menschen sind Vögel sehr schnell unterwegs. Vögel haben eine Fluggeschwindigkeit von fünf bis zehn Metern pro Sekunde. Die Wahrnehmung eines Hindernisses muss daher aus mehreren Metern Entfernung funktionieren, damit eine Ausweichreaktion passieren kann. Glasmarkierungen dürfen deshalb nicht zu subtil oder zu klein sein, damit sie rechtzeitig wahrgenommen werden können", erklärt der Ornithologe Martin Rössler, der an der Biologischen Station Hohenau-Ringelsdorf (Auring) Methoden zur Vermeidung von Vogelanprall erforscht.

Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass der ungebrochene Trend zum Baumaterial Glas und der stetige Zuwachs an Glasarchitektur die Gesamtzahl der Vogelpopulation in hohem Maße negativ beeinflusst.

Studienautorin Claudia Wegworth

Glasarchitektur versus Naturschutz

Große Glasfassaden, transparente Schall- oder Windschutzwände, Übergänge oder gläserne Bushaltestellen sind im urbanen wie im ländlichen Raum stark verbreitet. Und tödliche Gefahrenquellen für Vögel aller Art. Klassische Lochfassaden mit üblichen Fenstergrößen sind für Vögel meist erkennbar. Anders sieht es bei Eckverglasungen aus oder Glasflächen in direkter Nähe zu Bäumen, Sträuchern, Wiesen oder Waldrändern. Diese Verglasungen steigern die Gefahr des Vogelanpralls um ein Vielfaches.

Schon wenige Prozent Bedruckung bieten hochwirksamen Vogelschutz, wenn die gesamte Fläche bedeckt ist. 5 mm breite schwarze Streifen in 95 mm horizontalem Abstand sind ein Standard bei Glasbauwerken der Wiener Linien.

Das Problem Vogelanprall an Glasflächen ist bedeutend, wird seit Jahren erkannt, aber wenig beachtet. "Es entstehen anhaltend neue Glasgebäude, die ohne die Einplanung notwendiger Schutzmaßnahmen das Problem kontinuierlich verschärfen", beschreibt Claudia Wegworth in der Zusammenfassung ihrer Studie "Vogelschutz und Glasarchitektur im Stadtraum Berlin". Die Glasbauten allein in der deutschen Bundeshauptstadt kosten jährlich rund vier Millionen Vögeln ihr Leben. Wegworth kritisiert, dass, obwohl dieses Problem durch architektonische Gestaltung und städtebauliche Entscheidungen verursacht wird, es hierzu keine verbindlichen Regelungen in der aktuellen Baugesetzgebung gibt. Das ist in Österreich nicht anders. "Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass der ungebrochene Trend zum Baumaterial Glas und der stetige Zuwachs an Glasarchitektur die Gesamtzahl der Vogelpopulation in hohem Maße negativ beeinflusst", so Claudia Wegworth.
Eine frühzeitige Einplanung von Vogelschutzmaßnahmen bei Bauprojekten mit großen Glasflächen ist daher ihr und das große Anliegen internationaler Vogelexperten. Dadurch ließen sich von vornherein Millionen Kollisionen vermeiden. Auch Verzögerungen im Bauablauf oder Mehrkosten durch nachträgliche Umplanung würde so vorgebeugt – und ein abgestimmter Architekturentwurf würde zu ästhetisch attraktiven Ergebnissen führen. 

Je schwächer der Kontrast, desto höher der Deckungsgrad: Semitransparente Folien müssen auf 25 % des Glases montiert werden, um eine ausreichende Wirkung zu zeigen.

Vogelschutzgläser im Test

Martin Rössler testet in einem Flugtunnel im niederösterreichischen Hohenau-Ringelsdorf internationale Glasprodukte auf ihre Wirksamkeit gegen Vogelanprall. Die Wiener Umweltanwaltschaft beauftragte im Jahr 2004 den ansässigen Verein Auring, verschiedene Markierungen, die Glasscheiben für Vögel wahrnehmbar machen sollen, unter die Lupe zu nehmen. Der 2006 installierte und noch heute verwendete "Flugtunnel II" ist 7,50 Meter lang, die Versuchsscheiben werden in einer Haltevorrichtung 0,30 Meter vor dem Tunnel leicht auswechselbar montiert. Himmel und Vegetation sind für die Vögel aus dem Tunnelinneren nur durch die Versuchsscheiben zu sehen. Ein Experiment im Flugtunnel dauert nur wenige Sekunden. 100 an helles Licht gewöhnte Vögel starten einzeln und einmalig aus einer verdunkelten Röhre zum Licht und entscheiden sich für die Flucht in Richtung der linken oder der rechten Scheibe, also einer markierten oder nicht markierten Scheibe, bevor sie von einem Netz aufgefangen werden. 
Wenn sich weniger als zehn Prozent der Testvögel für die markierte Scheibe entscheiden, handelt es sich bei dem Muster um „Vogelschutzglas“ gemäß ONR. Mit der ONR 191040, die die Prüfung der Wirksamkeit von Glasmarkierungen zum Thema hat, ist der Begriff "Vogelschutzglas" in Österreich seit 2010 erstmals in einem Regelwerk erfasst. Die ONR gilt für alle Anwendungen, bei denen aus der Anflugrichtung Durchsicht auf den Außenraum gegeben ist, wie z. B. transparente Lärmschutzwände, Windfänge, Einfriedungen, Glasgänge oder Verglasungen über Ecken.

Bei Punktmustern ist besonders auf Durchmesser und Abstand zu achten, Gewissheit bringt die Prüfung nach ONR 191040 „Vogelschutzglas“.

Vier Kategorien der Wirksamkeit

Tabelle: Hohenauer Beurteilungsschema für die Wirksamkeit von Markierungen.

Bis zur ONR 191040 haben Glashersteller den Begriff „Vogelschutzglas“ recht großzügig verwendet. Seit 2010 gibt es vier Kategorien der Wirksamkeit von Markierungen auf Glas. „Hoch wirksam“ und berechtigt, die Bezeichnung „Vogelschutzglas“ zu führen, ist nur Glas der Kategorie A, hier dürfen unter zehn Prozent der Vögel im Tunneltest das Glas anfliegen (Kategorien siehe Tabelle). „Markierungen müssen so groß und kontrastreich sein, dass sie rechtzeitig wahrgenommen werden, die Abstände müssen klein genug sein, dass sie eine Verhaltensreaktion bewirken. Schon kleine Änderungen an geprüften Mustern können großen Einfluss auf die Wirkung haben“, erklärt Martin Rössler. Die gute Nachricht für Planer*innen, Architekt*innen und Bauverantwortliche: Die Wirksamkeit einer Markierung ist nicht immer vom Anteil der bedeckten Fläche abhängig. Es gibt zertifiziertes Vogelschutzglas mit fünf Prozent bedeckter Fläche und wenig wirksame Markierungen mit 25 Prozent Deckungsgrad. 
Trotzdem sieht Martin Rössler oft eine Divergenz zwischen den Wünschen der Architekt*innen bzw. Glasproduzenten und denen der Ornitholog*innen: „Wir wollen warnen, die Glashersteller tarnen – das funktioniert nicht wirklich. Es ist ein Spiel mit dem Ziel: Wie können Markierungen für den Menschen unauffällig werden und für Vögel auffällig?“. 

Wir wollen warnen, die Glashersteller tarnen – das funktioniert nicht wirklich. Es ist ein Spiel mit dem Ziel: Wie können Markierungen für den Menschen unauffällig werden und für Vögel auffällig?

Ornithologe Martin Rössler

Drei große Durchbrüche

Aber zur Zufriedenheit aller Beteiligten hat es in den letzten Jahren drei große Durchbrüche zu echten und wirksamen Vogelschutzgläsern gegeben: 

  • Punktraster: Linien auf Punkte zu reduzieren und Abstände der Markierungen vergrößern zu können.
  • Metall kann auf der Scheibe eingesetzt werden, weil es mit seiner hohen Reflektanz hohe Kontraste erzeugen kann. 
  • Transparente Markierungen mit schwacher Reflexion können wirken. Farblich „getönte“ Muster, die vom Menschen als wenig störend empfunden werden, können von Vögeln als Hindernis erkannt werden. Hier besteht aber noch Forschungsbedarf.

„Die Zusammenarbeit von Industrie und ornithologischen Forschungsstationen ermöglicht erst echte Entwicklungsarbeit. Hier passiert physikalische Forschung und Entwicklung im Labor und die experimentelle Prüfung der Fortschritte unter Tageslichtbedingungen mit Wildvögeln, die dabei nicht zu Schaden kommen“, ist Martin Rössler stolz auf die Fortschritte der letzten Jahre. Moderne Markierungen müssen nun nicht mehr sieben Prozent des Glases bedecken, sondern nur ein Prozent. Es geht immer mehr in Richtung Transparenz. 
Damit werden die rund 800 Millionen Quadratmeter Glas, die weltweit jährlich als gläserne Außenhaut auf Gebäuden hinzukommen, hoffentlich bald für Vögel sichtbar und für Architekt*innen und Planer*innen ästhetisch transparent verbaut. 

Markierungen zum Vogelschutz auf Glas – was wirkt, was wirkt nicht: 5a Vertikale Linien dürfen im Abstand von 10 cm angewendet werden. 5b Wenn im Raster angeordnete Punkte groß genug sind, sind sie auch bei Abständen von 9 cm wirksam. 5c Organische Gebilde und chaotisch angeordnete Linien sind wirksam, wenn minimale Breite und maximaler Abstand eingehalten werden. 5d Bei horizontalen Linien ist derselbe Abstand deutlich weniger wirksam. 5e Unwirksam sind dicht angeordnete, kleine Punkte. 5f Dichte, feine Raster sind für Vögel schwer zu erkennen. Hinweis: Sicherheit über die Wirkung eines Musters gibt nur ein standardisiertes Testverfahren wie z. B. der beschriebene Tunneltest.

Auswahl aktueller Glaslösungen zum Schutz vor Vogel­anprall

Mit "Seen Elements" bieten Folienhersteller Eastman und die Seen AG eine neue und effektive Möglichkeit, Glas und Vogelschutz zu vereinen. Einlaminiert zwischen Glas bietet die Einlage bestehend aus einzelnen Elementen vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Zwei unterschiedlich stark reflektierende, dreidimensionale Oberflächen aus Aluminium, üblicherweise kombiniert mit einer lichtabsorbierenden, farbneutralen Rückseite, stehen zur Auswahl. Die im Flugkanal geprüften und als hochwirksam eingestuften Punkt-raster mit einer Abdeckung von weniger als einem Prozent stellen raumseitig eine minimale Irritation dar. Aufgrund der Zusammensetzung der Elemente ergibt sich ein dreidimensionaler Effekt, sichtbar einzig auf der metallischen Vorderseite. www.seen-ag.com

Mit "Ornilux design" bietet Isolar eine neue Lösung, bei der die Scheiben mit sichtbaren metallischen Mustern ausgestattet sind. "Ornilux design" kommt zum Einsatz, wenn eine sichtbare Markierung als Gestaltungselement einer Fassade gewünscht oder gefordert ist. Mit seiner metallischen Beschichtung auf Ebene 1 ermöglicht es einen attraktiven Fassadenlook. Das neue Glas erzeugt maximalen Kontrast sowohl in Reflexion als auch in Transmission. "Ornilux design" kann als Floatglas oder ESG verwendet werden. Eine Vorspannung ist nicht notwendig. www.isolar.de

Bei "Pilkington AviSafe" stört die gemusterte, UV-verstärkte Beschichtung die Reflexion auf dem Glas, so dass Vögel eine Barriere sehen können. Von innen ist die Beschichtung kaum für das menschliche Auge sichtbar. Beim Einbau in eine Isolierglaseinheit befindet sich die Beschichtung auf der Außenfläche, Position 1. Diese ermöglicht es, so effektiv wie möglich zu sein. „Pilkington AviSafe“ kann mit vielen anderen Pilkington-Glasprodukten kombiniert werden, z.B. Wärmedämmung, Sicherheitsglas oder Lärmschutzglas. www.pilkington.at

"4Bird" von Glassolutions Eckelt ist eine dauerhafte Markierung auf vorgespanntem Einscheibensicherheitsglas mit geprüften Designs und abgestimmten Farben auf "Securit-H“. „4Bird" sind international geschützte Designs, die auf ihre maximale Transparenz hin geprüft sind. Diese ist darauf abgestimmt, die von der Wiener Umweltanwaltschaft und namhaften Ornithologen eingeforderte Schutzwirkung gegen den Anprall von Vögeln zu leisten. Die "4Bird"-Markierung liegt in der Regel nur auf einer der äußeren Scheibenoberflächen. www.glassolutions.at

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