Interview

Josef Warzel im Interview: „Starke Umwälzungen im Markt"

Anlässlich des 120-Jahr-Jubiläums der Glaser-Zeitung haben wir den ältesten Bundesinnungsmeister der Glaser interviewt.

15.12.2020
120 Jahre Glaser-Zeitung Birgit Tegtbauer
© Anneliese Michalopulos
KommR Josef Warzel war von 1980 bis 1995 Bundesinnungsemister der Glaser Österreichs.

Herr Warzel, Sie waren von 1980 bis 1995 Bundesinnungsmeister der österreichischen Glaser. Was waren die größten Probleme und Herausforderungen und was waren die  größten Errungenschaften der Branche in dieser Zeit?

KommR Josef Warzel: Zu Beginn meiner Funktionärslaufbahn hatte ich das Glück, in Sektionsobmann Stadtrat KommR Willi Neusser einen guten Lehrer, später auch Freund, zu haben. Die Zeit der Mitarbeit bei Willi Neusser in seiner Periode als Bundesinnungsmeister bestand zunächst als „Anlehrling“, später bereits als „Geschäftsführender BIM-Stellvertreter“. Diese Funktion war eine Idee von Willi Neusser, um sich mehr und mehr seinen anderen politischen Funktionen zuwenden zu können. So übte ich also in mehr als meinen drei offiziellen Amtsperioden die Aufgaben als Bundesinnungsmeisters aus. 
Die Frage nach den Errungenschaften zeugten von geradezu prophetischer Vorausschau was Willi Neusser zu verwirklichen begann: In Zusammenarbeit mit Hofrat Direktor Rudolf Trawöger begannen die Beiden ein Ausbildungs-Programm für Glaser zu entwickeln. Es wurde ein Vorbereitungskurs für Glasergesellen zum Glasermeister. Gleichzeitig stellten sich einige  Glasermeister ebenfalls einer Ausbildung um die Meisterprüfung auf das neue Niveau anzuheben. Weiters gründete Willi Neusser in Zusammenarbeit mit der heimischen Glasindustrie den „Verein Glas Österreich“. Mit den gemeinsam eingebrachten Mitteln konnten stets wechselnd Glaser-Landesinnungen „Glasertage“ abhalten. Unsere Zulieferfirmen wurden eingeladen, daran teilzunehmen und das aktuellste Zubehör auszustellen und anzubieten.    

Welchen Stellenwert hatte die Standesvertretung damals? Was waren Ihre wichtigsten Aufgaben als Innungsmeister?

Es galt, in regelmäßig abgehaltenen Glasertagen, an denen datumsgleich Bundesinnungsitzungen angesetzt wurden, die Landesinnungsmeister samt deren Stellvertretern aus ganz Österreich an einem Tisch zusammenzubringen. So konnten möglichst viele Glaser von den sich laufenden Veränderungen der Aufgaben für das Glaserhandwerk informiert werden.
Gleichzeitig mussten möglichst viele Glasermeister von der Notwendigkeit bester Ausbildung für unsere späteren Nachfolger überzeugt werden. Das Bildungsangebot der vom Leiter der Glasfachschulde Kramsach, Herrn Hofrat Rudolf Trawöger, in Form des jährlich in den umsatzschwächeren Monaten abgehaltenen „Vorbereitungskurses zur Meisterprüfung“ musste bekannt gemacht werden. Außerdem haben wir die Kollegen zur Teilnahme an den ebenfalls regelmäßig, in Zusammenarbeit mit den örtlichen Messe-Veranstaltern, in wechselnden Bundesländern abgehaltenen Glasertagen ermuntert.

Es gab in diesen vier Amtsperioden die stärksten Umwälzungen auf dem Markt.

Josef Warzel, Buundesinnungsmeister der Glaser von 1980 bis 1995

Wie hat sich das Glaserhandwerk in den Jahrzehnten Ihrer beruflichen Tätigkeit gewandelt? Was waren für Sie Meilensteine in Glasbe- und -verarbeitung?

Es gab in diesen vier Amtsperioden die stärksten Umwälzungen auf dem Markt. Es wurden die bisher vier getrennt anbietenden Gewerke Holzbearbeitung, Metallbearbeitung, Glasbearbeitung und Oberflächenbeschichtung vom Architekten oder auch von Bauherren getrennt ausgeschrieben und in Zusammenwirken der beauftragten Betriebe gefertigt.
Es entwickelte sich jedoch mehr und mehr, das Bauteil „Fenster“ oder auch „Glastüre“ als komplett gefertigtes Produkt auszuschreiben und es entstanden Betriebe, die industriell gefertigt komplette Fenster bzw. Glastüren als Markenprodukte anboten und professionell beworben. Diese Betriebe waren als Industriebetriebe nicht an den im Gewerbe vereinbarten Leistungsumfang gebunden. Sie boten einfach an, je nach Möglichkeit der Betreiber. 
Außerdem fand eine große Entwicklung in der Produktion unserer Flachglas-Zulieferer statt. Das als Floatglas von Pilkington entwickelte Produkt wurde in kurzer Zeit durch Lizenzverträge von allen Flachglaserzeugern übernommen und auf den Markt gebracht. Es ergaben sich aufgrund der Besonderheiten der Erzeugungsmethode größere Formate für die unsere traditionellen Mitgliedsbetriebe nicht eingerichtet waren. Die Gewerbeordnung hatte die Leistungen ihrer Mitgliedsbetriebe festgelegt, es kam zu Klagen wegen „Überschreitung der Befugnisse“, Glaserbetriebe klagten über Lieferungen von „Fertigfenstern“ durch das Tischlergewerbe, dem Maler- und Anstreicher-Gewerbe brach ein wesentlicher Marktanteil weg.
Die Mitgliedsbetriebe wurden durch diese beiden Marktveränderungen sowohl im Zulieferprogramm als auch in der veränderten Marktsituation herausgefordert. Es kam zu Ausdünnung der Mitgliederzahl und zur Neuorientierung der nächsten Generation.
Es war auch eine Neuerung im System der Gewerbezulassungen. Eine Neue Art an Mitbewerbern entwickelte sich. Betriebsgründer ohne Berufsausbildung bewarben sich um Betriebsgenehmigungen mit der Begründung, sie würden nur einen kleinen Teil des Berufsbildes anbieten und ersuchten also um Ausnahmegenehmigungen. In mehreren Fällen wurden von einigen Ämtern unter Umgehung der Wirtschaftskammern solche Dispensen erteilt. 
Die Baugewohnheiten änderten sich aber ebenfalls, die Neigung der Architekten  zu größeren Glasformaten und das erweiterte Angebot der Glasindustrie an technischen Werten und Spezialgläsern begünstigte jetzt die Glasermeister mit der besseren Ausbildung zu ihrem Vorteil an dieser Entwicklung teilzunehmen. Jetzt zeigte sich, dass die angebotenen Schulungen zusammen mit dem hohen Niveau der Meisterprüfung für die jungen Glasermeister Früchte trugen.

Die Glaserzeitung war mir und den Landesinnungen sowie der Bundesinnung immer ein guter Begleiter.

Josef Warzel

Seit 120 Jahren begleitet die österreichische Glaser-Zeitung das Handwerk. Welche Bedeutung hat eine Fachzeitschrift für die Branche? 

Die Plattform der Glaserzeitung half der Bundesinnung, alle die guten Einrichtungen, die Ergebnisse der Innungs-Sitzungen, Veranstaltungen der Landesinnungen an ihre Mitglieder heranzutragen. Die Werbe-Einschaltungen der Zulieferer hielten die Abonnenten über neue technische Möglichkeiten wie auch neu auf dem Zulieferliefermarkt erscheinende Anbieter auf aktuellem Stand.
Hatte ich in meiner Periode als „Anlernling“ noch selbst in der monatlichen Einberufung einer „Pressesitzung“ zusammen mit unserem wacker Fachaufsätze liefernden bereits betagten Kollegen Gustl Schieb redigiert. Vollends zur Geltung kam die Glaserzeitung, als die geplanten Aktionen zugunsten des Niveaus der Glaserbetriebe tatsächlich liefen. Zu unseren im Jahr mehrmals stattfindenden Aktionen und Veranstaltungen wurde ich von einem Redakteur begleitet, die Artikel mit Bildern anschaulich gemacht und Blickpunkte hervorgehoben. Die Glaserzeitung war mir und den Landesinnungen sowie der Bundesinnung immer ein guter Begleiter.

Interview: Birgit Tegtbauer

120 Jahre Glaser-Zeitung

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