„Be local!“

Urbanisierung
28.04.2015

 

VOM LEBEN AUF DEM LAND, KREATIVEN KÖPFEN UND G´SCHEITEN GEMEINDEN Die Urbanisierung der Lebensräume hat den Architekturdiskurs der beiden vergangenen Jahrzehnte geprägt. 2010 lebte bereits die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Räumen, im Jahr 2050 sollen es sechs Milliarden Menschen sein. Die Abwanderung der kreativen und gutausgebildeten Bevölkerung in die Metropolen trägt wesentlich zur kulturellen Verödung und Leerstandsproblematik des ländlichen Raums bei. Manchen Regionen ist es dennoch gelungen, eine Trendwende einzuleiten.

Kreative ziehen von der Metropole wieder auf‘s Land, sie sehen sich dort auch von der Unmittelbarkeit der Gemeinschaft vor Ort inspiriert. Im Bild: Kindergarten-Kinderkrippe der römisch-katholischen Pfarre Haus im ­Ennstal.

von Anna-Katharina Nickel

Nach Jahren der Abwanderung hat in vielen alpinen Regionen ein unerwarteter demografischer Wandel eingesetzt: Viele Gemeinden in den italienischen und französischen Alpen freuen sich über eine positive Migrationsbilanz. Für Österreich gilt das noch nicht – in den Ostalpen ist die Abwanderung immer noch wesentlich stärker als der Zuzug. Für die betroffenen Gemeinden ist das ein Problem, denn es sind meist gutausgebildete Zuwandernde und Heimkehrende, die Impulse im kulturellen Leben einer Kommune setzen und dadurch wesentlich zur Lebensqualität im ländlichen Raum beitragen. Nicht selten revitalisieren sie die historische Bausubstanz, stärken die lokale Infrastruktur oder bringen Innovationen im Schulwesen hervor. Doch was bringt Kreative dazu, aus den Metropolen wieder aufs Land zu ziehen, und wie gestaltet sich dieser Prozess aus ihrer Sicht?
„Passt – mach ma’s – geh‘n ma’s an! Die Qualität des Stammtisches, diese Unmittelbarkeit der Freude des Gegenübers, das finde ich sehr spannend“; Menschen wie Roland Gruber, die gern ihr Lebensumfeld gestalten, begeistert das gemeinsame, rasche Handeln.
Im beruflichen Alltag ist es die Unmittelbarkeit der Gemeinschaft vor Ort, die Kreative oft inspiriert. Es gibt nur wenige Hierarchien oder Zwischenstufen, wie man sie in der Stadt durchwandern muss. Das Umfeld reagiert schneller und direkter. Roland Gruber hat ebenfalls dieses Lebensmodell für sich entdeckt. Sich ständig auf Neues einzulassen bereitet den Nährboden für Unvorhergesehenes und damit für neue Denkweisen. Ob Städter oder Studierte es leichter hätten, Dinge umzusetzen? Viel mehr als der Umstand, dass man studiert hat, zählt für Gruber Erfahrung und Durchblick. Jemand, der schon vieles außerhalb der ihm bekannten Region gesehen hat, könne schneller realisieren, wie man es schafft, eine Veränderung erfolgreich voranzutreiben. Sprechen wir von „realisieren“, ist das Begreifen von örtlichen Gegebenheiten und Bedürfnissen ebenso gemeint wie die Umsetzung von Ideen.

DER REIZ DER DYNAMIK

Kreativwirtschaftende merken schnell, dass Angebot und Möglichkeiten der eigenen Beschäftigung auf dem Land wesentlich geringer sind als in der Stadt. Die gute Vernetzung in den Großstädten, wichtiger Faktor für Innovation durch Austausch, führt dort zuweilen auch zu einer Art Clusterbildung der Kreativen. In weniger dicht besiedelten Regionen ist die Art der Kommunikation eine andere. Genau dieses heterogene Umfeld gibt vielen Kreativen Raum und Anreiz, sich ihr regionales Kultur- und Zukunftsprogramm selbst zu erarbeiten. In einer Gesellschaft, die auf persönlichen Beziehungen beruht, gilt es, sich zu engagieren. Dieses Lebensmodell für sich zu definieren bedeutet daher auch, Veränderung zu wollen und sich aktiv einzubringen. Gestalter sehen sich allerdings nicht selten mit eher konservativen Einstellungen mancher Entscheidungsträger gegenüber zeitgenössischer Architektur konfrontiert. Sich das Vertrauen von diesen zu verdienen sei laut Gerhard Kreiner ein ganz langer Prozess, der viel Energie und Geduld bedarf und worin für ihn aber auch der Reiz liegt, der ihn in seiner Entscheidung, auf dem Land zu arbeiten, bestärkt hat. 
Die Auseinandersetzung mit der regionalen Baukultur läuft auf einer sehr persönlichen Ebene und ist damit auch eine verbindlichere als in der Stadt. Man ist nicht nur Gestalter von Bauvorhaben, sondern auch von geistiger Entwicklung. Aktiv an dieser Dynamik mitwirken zu können wird von vielen Kreativen als wichtiger Beitrag zur hohen Lebensqualität auf dem Land empfunden. Wenn es der Kommune gelingt, diese Personen als Innovatoren zu finden, werden Projekte in den Gemeinden oft zum Selbstläufer. Mit diesem sogenannten sozialen Kapital der Bürgerbeteiligung arbeitet unter anderem Josef Mathis, langjähriger Bürgermeister aus Zwischenwasser in Vorarlberg.

ORTE DES ZUHÖRENS

Wenn „g´scheite Köpfe“ aus der Region abwandern, um sich in der Stadt weiterzubilden und zu arbeiten, geht mit ihnen auch geistiges Potenzial verloren, analysiert Josef Mathis die Situation der Landgemeinden. Diese müssten hier daher langfristig entgegenwirken. Die Verwurzelung junger Kreativer mit der Heimat zu erhalten und den Kontakt mit diesen über sogenannte Botschafter zu pflegen ist ein wichtiger Beitrag des Kommunalkonsulats, der Vertretung der Zukunftsorte in Wien. Von diesen Vernetzungen profitieren sowohl die Gemeinden als auch die oft sehr jungen Menschen aus diesen Regionen. Sie werden in der Zeit ihrer Aus- und Weiterbildung im städtischen Raum von den Gemeinden gefördert. Um herausfinden zu können, welches Interesse in den Heimatgemeinden erfüllt werden könne, brauche es laut Verknüpfer Christof Isopp einen Ort des Zuhörens. Seit Juni 2014 ist das Kommunalkonsulat, zentral gelegen im vierten Wiener Gemeindebezirk, Treffpunkt von Menschen und Organisationen, die sich der Zukunftsfähigkeit und der Verknüpfung des ländlichen Raums mit der Stadt widmen. Landluft, ein Verein zur Förderung der Baukultur in ländlichen Räumen, und die Zukunftsorte, eine Plattform der innovativen Gemeinden Österreichs, sowie die Landinger – Menschen, die bilokal zwischen Stadt und Land agieren – haben hier ihren Sitz.
Ein solcher Ort ist von großem Wert, da es vielen Kreativschaffenden auf dem Land an entsprechendem Austausch mangelt. Oft blieben innovative Gedanken wieder im kleinen Kreis. Das Bedürfnis solcher Orte als Plattform des Dialogs in den ländlichen Regionen steigt. Kreative Reaktionen darauf sind zum Beispiel ungewöhnliche Konzepte wie die Getränkemarke „seida“ vom pendelnden Architekturbüro Abel&Abel.

NACHHALTIGKEIT DES DIALOGS

Der Start in einer neuen Arbeitsumgebung gestaltet sich für Zuzügler trotz geringerer Konkurrenz oft schwieriger als im urbanen Raum. Die Aufgaben sind kleiner und der Prozess des Vertrautwerdens langwierig. Nicht selten allerdings entsteht durch dieses Vertrauen zwischen dem Bauherrn und dem Architekt eine nachhaltige Zusammenarbeit. Auch die Mitarbeiter der Architekturbüros stammen aus der umliegenden Region und kennen die Menschen und ihre Bedürfnisse. Obwohl Konkurrenz- und Wettbewerbsdenken vielerorts nicht anders strukturiert ist als in der Stadt, ist es das Wettbewerbswesen selbst, das in den Büros Brennpunkt leiser Kritik ist, da sich Beziehungen auch auf dieses stärker auswirken als in den Städten. Ebenso wie in diesem Bereich könnte der Diskurs auch in Hinsicht auf adäquatere Planungsansätze Entwicklungen vor Ort und nicht zuletzt in der Architekturtheorie vorantreiben, denn Diskussionen, die in Städten geführt werden, werden schnell unreflektiert auf das Land übertragen. Regionale Lösungsansätze erfordern Argumentationen auch aus einer regionalen Denkweise heraus. Es hat wenig Sinn, nach Patentrezepten zu suchen, die für jede Gemeinde anwendbar sind. Aber was braucht es, um Kreativwirtschaft in der Region zu fördern? Talente, Toleranz und Technologie – Breitband – sind auch laut Isopp Basis für die Ansiedelung kreativer Branchen. Neben dem Internet sind die Coworking Spaces essenzielle reale Orte der Begegnung, welche vermehrt von Gestaltenden genutzt werden. 
Die im „Das Buch vom Land“ von Harald Katzmair als „White Spaces“ bezeichneten, noch unbeschriebenen Orte bergen für Kreativschaffende ein hohes Potenzial an Verwirklichung. Dieses und die auf dem Land bewusstere Art der Interaktion können Impulse setzen, Kreativität und Innovation voranzutreiben. Kreatives Denken entsteht hauptsächlich durch Austausch und Inspiration. Das Verarbeiten und Verknüpfen dieser Eindrücke wiederum braucht Zeit. 

ENTSCHLEUNIGUNG UND SLOW CREATIVITY

„Wir arbeiten zu oft von allen Seiten, nicht strukturiert.“ Architekten neigen oft dazu, sich in ihrer Arbeit zu verlieren. Auf dem Land hingegen arbeite man laut Tobias Hanig strukturierter. Für ihn ist die Distanz zur eigenen Arbeit für den kreativen Prozess essenziell. Fernab von Optionsüberfluss begreift er die Dinge – in der Theorie wie in der hauseigenen Werkstatt. Entschleunigung bringt wesentliche Qualitätsfaktoren zum Vorschein, die in der Schnelligkeit des Urbanen häufig übersehen werden. Stetiges Arbeiten an einem Thema und strukturierte Herangehensweisen lassen Feinfühligkeit in Prozessen zu und stärken das Verständnis für Sinnlichkeit und Wahrnehmung.
Effektivität hat in unserem Alltag und Denken eine so hohe Gewichtung, dass das Zusammenkommen von Menschen ohne vorbestimmtes Ziel kaum mehr Platz hat. Ein Gegenbeispiel dazu ist der Landinger Sommer in Hinterstoder, wo Menschen zusammenkommen, ohne ein Ereignis zu wollen. Das ist eine Situation, die es zunehmend seltener gibt, die für Mitorganisator Christof Isopp für kreatives Schaffen aber nicht unwesentlich ist. Als Bewegung würden er und Josef Mathis Slow Creativity noch nicht ausmachen, aber als ein Bedürfnis in der Stadt wie in der Region, vor allem bei den sehr jungen Menschen.
Raum, Weite, Distanz. Vielleicht ist es genau dieses Spiel zwischen der Weitläufigkeit des Außenraums und der Nähe auf zwischenmenschlicher Ebene, das die Spannung dieses Lebensraums ausmacht. In diesem Raum wird auch Zeit anders wahrgenommen. Das Hochgeschwindigkeitsleben der Stadt steht in starkem Kontrast zum entschleunigten Alltag auf dem Land, dort ist man auch spontaner. Neben der Naherholung in der Natur sind es das freie und bewusste Aufwachsen der eigenen Kinder in dieser sowie die Unterstützung der Familie und die Nähe zu den Großeltern, die Anreize bietet vor allem für diejenigen, die bereits aus ländlichen Regionen stammen.

STÄRKEN FÜR DIE STADT

Regionale Vielfalt und Identität sowie Verwurzelung auf dem Land stellen ein wesentliches Gegengewicht zur urbanen Hektik einer globalisierten und anonymisierten Gesellschaft dar. Will das Land allerdings zukunftsfähig bleiben, muss es laut Josef Mathis, Roland Gruber und Christof Isopp in bestimmten Aspekten in dem ihm zugehörigen Maßstab urbaner werden. Laut ihnen ist Urbanität nicht unbedingt nur eine Eigenschaft der Stadt. Dichte zum Beispiel könne helfen, Aktivitäten nah an einem Ort zu behalten, damit diese voneinander profitieren können. Stärken für die Stadt sehen sie vor allem in Entwicklungen, die aus persönlichen Beziehungen heraus entstehen. Die Kreativwirtschaft wird eine größere Rolle spielen, und, wie Isopp meint, sind es auch die Gemeinden selbst, die mehr zum Auftraggeber von Kreativwirtschaft werden müssen. Und Josef Mathis ergänzt: „Wie bei vielen Dingen hängt das auch an den handelnden Personen. Man muss Veränderung wollen.“

INFO

Roland Gruber
Partner bei nonconform – Architektur vor Ort, Mitbegründer des Vereins Landluft und Verknüpfer des Kommunalkonsulats. Lange ansässig in Wien, ging er mit seiner Familie nach Kärnten zurück und pendelt nun einmal wöchentlich nach Wien.

Josef Mathis
Obmann des Vereins Zukunftsorte und ehemaliger Bürgermeister der Vorarlberger Gemeinde Zwischenwasser, die 2009 den ersten Landluft-Baukultur-Gemeindepreis gewinnen konnte und zu den ener­gieeffizientesten Gemeinden Europas zählt.

Christof Isopp
Architekt und Verknüpfer des Kommunalkonsulats. Immer noch verwurzelt mit dem Land, ist er aus Kärnten nach Wien gezogen.

Gerhard Kreiner
Architekt aus der Steiermark, der aus der Region in unterschiedlichste Städte zog und sich doch für Leben und Arbeit in der Gemeinde entschied.

Tobias Hanig
Architekt, Netzwerker und Webdesigner mit ehemaligem Wohnsitz in Wien, der nun wieder in seiner Heimatgemeinde in Bayern lebt und arbeitet.

Am 13. Oktober werden Christoph Isopp und Abel&Abel im Rahmen eines „architektur in progress“-Impulsgesprächs mit dem Titel „landschaffen“ neue Modelle vorstellen und über die ­Kreativität auf dem Land diskutieren.

BUCHTIPP

Christof Isopp, Roland Gruber (Hrsg.),
Wojciech Czaja (Redaktion)
„Das Buch vom Land“. Geschichten von kreativen Köpfe und g’scheiten Gemeinden

Mit Reportagen von zehn Dorfschreibern, Interviews, Essays und Porträts von zehn Best-Practice-Projekten bzw. -Gemeinden und von 27 kreativen Köpfen bildet dieses Buch ein 256-seitiges Kompendium von einem „anderen Landleben“. Sie alle haben im ländlichen Raum in Österreich etwas zum Positiven verändert und ihren Lebensort maßgeblich weiterentwickelt – sei es im Kontext von Gemeindepolitik, sei es im Bereich der Kreativwirtschaft, sei es in Form von innovativen, weltbewegenden Projekten. Diesen Pionieren ist das Buch vom Land gewidmet. Wien 2015. 
www.buchvomland.at, ISBN 978-3-200-03902-5

Branchen
Architektur