Interview

"Reach wird uns einiges abverlangen"

Christian Herzog, neuer zweiter Vorstandsvorsitzender des Vereins Vecco, über sein neues Amt, die EU-Chemikalienverordnung und Ziele für die Zukunft.

14.12.2020
Oberflächentechnik
Theresa Kopper
14.12.2020
© Herzog

Neuer 2. Vecco-Vorstand Christian Herzog

Als erster Österreicher des deutschen Vereins wurde Christian Herzog Mitte Oktober zum neuen und zweiten Vorsitzenden und Vorstandsmitglied der Vecco gewählt. Der Verein, der rund 150 Mitgliedsfirmen der Beschichtungsindustrie und 
-gewerbe des DACH-Raums interessenstechnisch vertritt, hat es sich zum Ziel gesetzt, den Unternehmen die Arbeit mit den von der EU-Chemikalienverordnung Reach betroffenen Stoffen auch in Zukunft zu ermöglichen. Wie man dies vorhat und wie Herzog sein neues Amt künftig gestalten wird, erklärt er im METALL-Interview. 

METALL: Herzlichen Glückwunsch zum neuen Amt, Herr Herzog. Was bedeutet ­Ihnen diese Wahl? 
Christian Herzog: Bereits die Nominierung in den Vorstand des Vecco als jemand, der nicht aus Deutschland stammt, hat mich sehr gefreut. Die anschließende Wahl zum zweiten Vorsitzenden dieser ­Organisation ist nicht nur eine Ehre, sondern auch eine Aufgabe und ein Vertrauensvorschuss als gebürtiger Österreicher. Ich werde alles tun, um dem gerecht zu werden.

METALL: Welche Ziele werden Sie denn in den nächsten Jahren verfolgen?
Herzog: Eines meiner Hauptziele ist es, die Interessen und Wünsche der Mitglieder zu berücksichtigen und in die Vorstandsarbeit einzubringen. Zudem sehe ich es als meine Kernaufgabe, die Aktivitäten der Verbände zu koordinieren und abzugleichen, um ein gemeinsames Vorgehen zu erwirken. 

Als Österreicher werde ich natürlich auch die oftmalig speziellen Probleme der österreichischen Unternehmungen stärker in den Vecco einbringen. 

Christian Herzog, 2. Vecco-Vorstand und hauptberuflich beim Galvanikbetrieb Lahner KG in Brunn am Gebirge tätig

METALL: Sie sind auch der erste Österreicher, der dieses Amt im deutschen Verein bekleidet. Ich nehme an, Sie haben auch vor, die österreichischen Sichtweisen stärker einzubringen.
Herzog: Grundsätzlich repräsentiere ich alle Mitglieder, egal ob in Österreich oder in Deutschland. Aber als Österreicher werde ich natürlich auch die oftmalig speziellen Probleme der österreichischen Unternehmungen einbringen. Ich möchte aber schon festhalten, dass nur durch gemeinsame Bemühungen und Bündelungen aller im ­Vecco vertretenen Mitglieder und Mitgliedsstaaten unsere übergeordneten Ziele erreicht werden. Die Zusammenarbeit mit der ­österreichischen ARGE Oberflächentechnik (AOT), in der ich ebenso im Vorstand tätig bin, erleichtert auch ein europäisches politisches Auftreten innerhalb der EU.

METALL: Eines der Hauptziele des Vecco richtet sich darauf, den Beschichtungsunternehmen die Arbeit mit den von Reach betroffenen Stoffen auch in Zukunft zu ermöglichen. Wie sehen derzeit die Herausforderungen aus, die sich für die Beschichtungsindustrie aus der EU-Chemikalienverordnung ergeben?
Herzog: Eine der größten Herausforderungen ist es sicher, den eingeschlagenen Weg der Autorisierungen weiter zu unterstützen und dem Vorstand, wenn nötig, Auskünfte zu erteilen und technische Informationen zur Verfügung zu stellen. Die diversesten Verzögerungen durch die Kommission und ihre Organe und damit einhergehenden betrieblichen Unsicherheiten haben zu einem gewissen Frustpotenzial in der Branche in Bezug auf die Europäische Chemikalienagentur Echa und die Kommission geführt. Auch der Vecco hat mit diesen negativen Auswirkungen zu kämpfen. Die Herausforderung, hier verbindend zu wirken und eine gute Lösung zu erzielen, verfolgen wir mit größtem Nachdruck. 

METALL: Betriebe, die Chromsäure verwenden, stehen derzeit stark unter Druck. Die EU-Kommission hat den Vecco aufgefordert, einen Substitutionsplan zu entwickeln. Dieser sollte am 10. September eingereicht werden. Wie sieht hier der Status quo aus? 
Herzog: Der Substitutionsplan wurde fristgerecht vom Vecco eingebracht, und auch die Public Consultation über diesen und auch andere Substitutionspläne ist bereits abgeschlossen. Da die Wichtigkeit der für die Branche tatsächlich realisierbaren Substitutionen für die Reautorisierungen des ­Vecco immer mehr zunimmt, wird gerade ein Netzwerk mit dem Namen „vecco net“ geschaffen, dass für alle Mitglieder mögliche Substitutionen prüft.

 
METALL: Die Idee hinter Reach ist grundsätzlich eine gute, da sie auf dem Grundsatz basiert, dass Hersteller, Importeure und Kunden die Verantwortung für Ihre Chemikalien übernehmen. Gleichzeitig wird aber auch oft Kritik laut, wonach Reach zu komplex sei und vor allem für kleine und mittelständische Betriebe zahlreiche, auch finanzielle, Herausforderungen bringe. Wie stehen Sie dazu?
Herzog: Genau aus diesem Grund wurde unter anderem der Vecco vor mittlerweile acht Jahren gegründet, da die angesprochen Punkte für kleine und mittelständige Unternehmen nicht oder kaum umsetzbar sind, vor allem im Autorisierungsbereich. Oft besitzen diese Firmen weder Kapazitär noch finanziell die notwendigen Möglichkeiten, diese komplexe Chemikalienverordnung im Betrieb zu realisieren, geschweige denn, ­alle notwindigen Informationen zu kennen. Auch auf den Cets, unsere europäische Interessensvertretung (AOT und Vecco sind Mitglieder des Cets), kommen hier wichtige Aufgaben zu.  

METALL: Sehen Sie diesbezüglich eventuell sogar einen Standortnachteil für Betriebe in Europa hinsichtlich der strengen Auflagen?
Herzog: Leider ja. Aufgrund der Verzögerungen durch die Echa bzw. Kommission beim Autorisierungsverfahren der durch die Konsortien eingebrachten Dossiers und den kolportierten relativ kurzen Anwendungszeiten der einzelnen Verfahren bis zu einer notwendigen Reautorisierung kam es zu einer massiven Verunsicherung, nicht nur in der Beschichtungsbranche, sondern natürlich auch bei den Endkunden. Durch diese Situation wissen wir, dass Branchen, die eine längerfristige Planung benötigen z. B.: Automobilbranche, entweder versuchen auf ein anderes Verfahren umzusteigen. Wenn das nicht möglich ist, platzieren sie oft außerhalb des EU-Raums die Aufträge. Eine weiere Gefahr sehe ich darin, dass einige Länder in der EU von diesen Regelungen nicht oder kaum Notiz nehmen und die Verordnungen durch die Kommission weitgehend ignorieren. Es werden kaum Investitionen in relevante Bereiche durchgeführt, wie zum Beispiel in ­Arbeitnehmerschutz, Grenzwert­erfüllungen, Anlagenerneuerungen und Absicherungen etc. Die Kontrolle der Verordnungen liegt bei den nationalen Stellen, und dadurch vermuten Kenner der ausländischen Beschichtungsbranche, dass es innerhalb der EU zu einem nicht unbeträchtlichen Ungleichverhältnis und einer Wettbewerbsverzerrung kommen kann, die natürlich im Gegensatz zum Grundgedanken von Reach steht.

METALL: Es wird deutlich, dass Reach ­derzeit ein zentrales Thema des Vecco ist. ­Welchen Herausforderungen muss man sich sonst aktuell noch stellen?
Herzog: Allgemeine Themen sind etwa die Neugestaltung des Lehrberufs des Oberflächentechnikers und die Überarbeitung der Inhalte der Meisterprüfung. Zudem werden die BAT-Richtlinien (Best Available Techniques) derzeit mit dem Umweltbundesamt überarbeitet, daraus resultiert eine Anpassung der AEV (Abwasseremissionsverordnungen). Und Reach inklusive der Kandidatenliste der Stoffe wird uns weiter vieles abverlangen. Hierzu erhoffen wir uns aber vom neuen  „vecco net“ die entsprechenden Inputs für die zukünftigen Autorisierungsfragen. Auch der politischen Interessensvertretung mit unseren Partnerorganisationen wird eine noch wichtigere Rolle zukommen. 
Alles in allem wird das nächste Jahr einige Entscheidungen für unsere Branche beinhalten, und ich wünsche uns allen, dass wir gesund bleiben und  Corona mitsamt dessen Auswirkungen bald ausgestanden ist.

Metall

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