Edler Mantel

An der Südspitze des Wiener Augartens steht das MuTh, Wiens neues Haus für Musik und Theater. Errichtet wurde es als neue Singstätte der Wiener Sängerknaben. Ein edler Mantel aus Zink umhüllt das Gebäude, das wie eine Zwiebel aus mehreren Schichten konzipiert ist. 

22.03.2016
Rheinzink
© Rheinzink

Die Wiener Sängerknaben sind eine In­stitution. Nicht nur in Wien, sondern weltweit. Und sie können auf eine lange Tradition zurückblicken. Bereits im frühen 15. Jahrhundert sangen Knaben am österreichischen Kaiserhof, und als Kaiser Maximilian I. 1498 Hof und Hofmusik von Innsbruck nach Wien verlegte, ordnete er an, dass mindestens sechs Knaben unter den Musikern sein müssen. Damit legte er den Grundstein für die Wiener Sängerknaben, die bis 1918 ausschließlich für und im Auftrag des Hofes sangen. Nach dem Zusammenbruch der Habsburger Monarchie mussten jedoch neue Wege gefunden werden. Aus dem Knabenchor wurde ein Verein, der ab 1926 wegen Geldmangels Konzerte außerhalb der Burgkapelle gab. Der Erfolg war unglaublich und hält noch immer an: Jedes Jahr geben die rund 100 Wiener Sängerknaben, von neun bis 14 Jahre alt und auf vier Chöre aufgeteilt, rund 300 Konzerte vor fast einer halben Million Zuschauer in aller Welt.

Neues Haus für Musik und Theater

Als sängerische Heimat dient ihnen das Palais im Wiener Augarten, einem rund 52 Hektar großen, öffentlichen Park im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Hier haben die Wiener Sängerknaben einen Kindergarten, ein Internat und eigene Schulen, die von 250 Kindern, darunter auch Mädchen, besucht werden. Im Jahr 2000 meldete der Knabenchor erweiterten Flächenbedarf für Übungsräume und für eine neue Singstätte an, weil der zur Verfügung stehende Platz zunehmend knapper wurde. Nach intensiver Standortsuche, mehreren Alternativentwürfen und der Kooperation mit dem Wiener Kindertheater war es am 9. Dezember 2012 endlich so weit: Der Konzertsaal der Wiener Sängerknaben, Wiens neues Haus für Musik und Theater (MuTh), wurde feierlich eröffnet.
Errichtet wurde es am Augartenspitz, einem städtebaulich markanten Platz im Herzen von Wien, gelegen an der Ecke Castellezgasse Obere Augartenstraße. Das hier stehende historische Pförtnerhaus haben die Architekten behutsam zur Theaterkasse und zum Café umbauen lassen und über eine transparente Erschließungs- und Kommunikationszone an das MuTh angebunden. Der neue Konzertsaal selbst zieht sich etwa fünf Meter zurückversetzt an der historischen Augartenmauer entlang und tritt durch geschickte Gliederung trotz des gewaltigen Bauvolumens hinter die denkmalgeschützten Bauanlagen zurück. Direkt am Augartenspitz gibt sie den Platz frei für einen Patio, den Künstler und Besucher als Freiluftbühne und Pausenbereich nutzen können.

Eine Zwiebel in Schichten

„Das Haus ist wie eine Zwiebel in Schichten aufgebaut“, erläutert Architekt Johannes Kraus das planerische Konzept. Von außen zeigt es sich eher verschlossen, während das Innere über gezielt gesetzte Öffnungen mit wechselnden Lichtstimmungen belebt wird und den Besucher zum ringsum geschlossenen Konzertsaal, dem Herzen des Gebäudes, führt. Ziel der Architekten war es, das sinnliche Erleben bis zum Hören und Sehen des Konzerts zu steigern. Aus diesem Grund organisieren sich Funktionen wie Eingangsbereich, Foyer, Probensaal, Nebenbühne, Künstler- und Bürobereiche sowie Bühnen- und Haustechnik auf unterschiedlichen Ebenen um den Konzertsaal herum. Im Herzen des MuTh haben bis zu 400 Besucher dann nur eine eine Entfernung von maximal 
20 Metern ins Zentrum des Geschehens zurückzulegen. 

Gefaltete Gebäudehülle

Die Auswahl der Materialien und Farben entspricht dem planerischen Konzept. Im Herzen dominieren warme Töne und Materialien, außen umhüllt eine kühle, silberfarbene, vielfach gefaltete Haut das kostbare Innenleben. „Dafür wollten wir ein Material, das sowohl auf dem Dach als auch an der Fassade eingesetzt werden kann und haptisch wie optisch ein Erlebnis darstellt“, berichtet Johannes Kraus. Die Entscheidung fiel auf Rheinzink, denn das Material ist während seiner gesamten Nutzungsphase vollkommen pflege- und wartungsfrei, weil es auf seiner Oberfläche eine schützende Patina bildet. 

Herausfordernde Ausführung

Die Ausführung der Dach- und Fassadenbekleidung der Konzerthalle MuTh stellte extrem hohe Anforderungen an den Verarbeiter, denn „an diesem Gebäude gibt es keine gerade Fläche. Alles verläuft schräg, und die Rauten rennen in einer Fuge um das ganze Haus herum“, erzählt Wolfgang Kalousek von der Kalousek Spengelerei und Metallkamine GmbH. Zudem legten Bauherr und Architekt größten Wert auf eine handwerklich saubere Ausführung. Zum Einsatz kam die Oberflächenqualität Rheinzink-prePatina blaugrau – in den steil geneigten Dachbereichen und an der Fassade im Großrautensystem, auf den flach geneigten Dachflächen im Doppelstehfalzsystem. Die Verlegung erfolgte auf folgendem Aufbau (von innen nach außen): Stahlbetonkonstruktion, Dampfbremse, hinterlüftete Holzkonstruktion mit zwischenliegender Wärme-
dämmung und Unterdach, Holzschalung und Rheinzink. In den flach geneigten Dachbereichen wurde zusätzlich die Rheinzink-Strukturmatte AIR-Z eingesetzt. Die Direktverlegung Holzschalung bzw. die Verlegung mit der Strukturmatte ist widerstandsfähig gegen Flugfeuer und strahlende Wärme (harte Bedachung) und erfüllt die Anforderungen der Klasse Broof (t1). Bei der acht Millimeter starken Strukturmatte handelt es sich um ein Polyamidgeflecht, das Toleranzen der Unterkonstruktion ausgleicht sowie den regenbedingten Schalldurchgang und die Gleitfähigkeit verbessert. „Letzteres war beim MuTh ein wichtiger Aspekt für den Einsatz, denn die Scharen, die zudem teilweise konisch zuliefen, waren bis zu neun Meter lang“, erklärt Wolfgang Kalousek. Sie wurden in der Werkstatt zugeschnitten und gekantet, vor Ort mit einem Kran auf das Dach transportiert und dort mit dem Rheinzink-Clipfix-System befestigt. Das System, bei dem die Fest- und Schiebehafte aus Edelstahl bestehen, verbindet geringen Montageaufwand mit hoher Belastbarkeit. „Eine weitere Herausforderung war der hohe Termindruck“, sagt Kalousek. „Weil in einigen Bereichen noch Gerüste standen, haben wir dort zunächst die oberen Flächen und dann die unteren bekleidet.“ Die Verlegung der Großrauten erfolgte im Rechteckformat. Sie wurden in den gewünschten Abmessungen von Rheinzink geliefert und am Gebäude mit einem Versatz von 20 Zentimetern montiert.

Sichere Entwässerung

Rund 2.000 Quadratmeter Dach- und Fassadenflächen sind mit Rheinzink bekleidet. Eine gewaltige Fläche, die auch bei starkem Regen zuverlässig entwässert werden muss. Aus diesem Grund verläuft rund um das MuTh ein zweiteiliges Rinnensystem, dessen Grundrinne aus Holzschalung mit darauf verlegter EPDM-Abdichtungsbahn besteht. In diese Grundrinne wurde die Strukturmatte Enkamat 7018 gelegt, um zur daraufliegenden Innenrinne einen gleichmäßigen Abstand sicherzustellen. Bei der Innenrinne handelt es sich um die Rheinzink-Kastenrinne, deren Schenkel auf der dem Dach zugewandten Seite über eine Rückkantung verfügen und auf der dem Dach abgewandten Seite zur Notentwässerung niedriger ausgeführt wurden. Für weitere Sicherheit sorgen die Abläufe, die im Übergang zum Kanalrohr mit rückstauwasserdichten Messingmuffen installiert wurden. Außerdem sind im Bereich der Abläufe Doppelstutzen ausgebildet.

Autor: Jola Horschig

Dach + Wand

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