Ein Steirer in Wien

27.04.2015

Mitten im gründerzeitlichen Wohnhausbestand der Wiener Leopoldstadt tanzt die Tischlerei Thalhofer als einer der wenigen im Bezirk verbliebenen, gewerblichen Produktionsstätten aus der (Häuser)Reihe. 

Johann Thalhofer präsentiert im Schauraum seine doppelflügeligen Eingangstüren

Das Standard-Kastenfenster erreicht einen Schalldämmwert von 50 Dezibel im eingebauten Zustand.

Eine der jüngsten Anschaffungen: Ein Hebekran, mit dem sich auch die bis zu 80 kg schweren Türflügel haben und wenden lassen.

Mit quasi nichts als jeder Menge Tatendrang, unternehmerischem Geschick und seinem Meisterbrief im Gepäck ist Johann Thalhofer als junger Mann nach Wien gekommen. In der Großstadt baute sich der gebürtige Steirer Schritt für Schritt seine selbstständige berufliche Existenz auf. Das war vor über vier Jahrzehnten. Heute blickt Thalhofer auf eine erfolgreiche Berufslaufbahn zurück.

Von der Brigittenau …
Nur ein paar Autominuten vom heutigen Unternehmenssitz in der Oberen Augartenstraße entfernt, hat Johann Thalhofer im Jahr 1972 seine Tischlerei gegründet. Anfangs noch sehr bescheiden als Ein-Mann-Betrieb mit nur einem Werkstättenraum im Hintertrakt einer viergeschoßigen Mietskaserne, ist er heute Eigentümer der gesamten Liegenschaft. Das straßenseitige Wohngebäude ist frisch saniert, alle Wohnungen sind vermietet. Das ursprünglich ebenfalls vermietete Geschäftslokal im Erdgeschoß nutzt er mittlerweile selbst: Im modernen Schauraum präsentiert er seine hochwertigen Türen und Kastenfensterlösungen. In der obersten Etage des Hauses entsteht gerade sein neues privates Refugium. Und auch die ehemalige Werkstatt wird nach wie vor genutzt. Sie dient einerseits für den Grobzuschnitt der Möbel- und Fenster- bzw. Türhölzer, auf der anderen Seite vorwiegend für die Lagerung des Rohholzes. 

… in die Leopoldstadt 
1987 kaufte Thalhofer ein Gründerzeithaus in der Oberen Augartenstraße. Der alte Standort bot für das expandierende Unternehmen nicht mehr ausreichend Raum. In die erste Etage des Wohngebäudes übersiedelte er sein Büro, im Erdgeschoß fand ein kleiner Schauraum Platz. Im großen Innenhof errichtete er im zweigeschoßigen Nebengebäude seine neue, wesentlich größere  Werkstatt samt großzügigem Materiallager. „Alle unsere Fensterhölzer werden vorgeschnitten und mindestens ein halbes bis ganzes Jahr gelagert, bevor wir sie weiterverarbeiten“, verrät Thalhofer eine seiner hausinternen Qualitätsrichtlinien. Das garantiert ihm nicht nur eine geringe Reklamationsrate, sondern auch hohe Kundenzufriedenheit mit entsprechenden Empfehlungen. „Das ist es, was uns von der Industrie unterscheidet. Gleichzeitig ist die Qualität unserer Erzeugnisse auch unsere beste Werbung“, so der Tischlermeister. Während laut Norm beispielswwweise Wohnungseingangstüren eine Durchbiegung von bis zu viereinhalb Millimeter aufweisen dürfen, hat Thalhofer ein System entwickelt, das absolut formstabil ist, mit einer Durchbiegung von maximal einem Millimeter. Den Unterschied erkennt man an einer Türblattstärke von zehn Zentimetern, man spürt ihn aber auch, wenn man die Türen aus massivem Vollholz öffnet oder schließt und sie satt ins Schloss fällt. 

Mehrere Standbeine 
Um als kleine Tischlerei gegenüber der Industrie konkurrenzfähig zu bleiben bedarf es nicht nur hoher Qualitätsansprüche, sondern auch einer gewissen handwerklichen Vielfalt. So hat Thalhofer schon sehr früh sein Unternehmen auf mehrere Standbeine gestellt: Die Instandsetzung und Reparatur von Fenstern und Türen, die Neuherstellung von Kastenfenstern, die von der Industrie nicht angeboten werden, die Produktion hochwertiger Türen – von der Innentüre über Haus- und Wohnungseingangstüren bis hin zu speziellen Anforderungen in Puncto Schall- oder Einbruchsschutz – und nicht zuletzt bietet er auch den klassischen Möbel- und Innenausbau an. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Wohnbereich. Zu den Kunden zählen neben privaten Bauherren vor allem auch Hausverwalter, Architekten oder Baumeister, die den Tischler immer dann beauftragen, wenn sie spezielle Sonderlösungen brauchen. Seine Nische ist das gehobene Preissegment, wo Kunden bereit sind für mehr Qualität auch mehr zu bezahlen. So war Thalhofer nach eigenen Angaben lange Zeit die einzige Tischlerei, die eine zweiflügelige Einbruchsschutztür in der Widerstandsklasse 4 herstellen konnte und auch über die entsprechenden Prüfzeugnisse verfügte. Zudem verwendet der innovative Tischler heute für seine Eingangstüren Schließbleche, die zur Gänze aus Edelstahl mit einer Materialstärke von vier Millimetern gefertigt werden. 

Auf dem Stand der Technik 
16 Mitarbeiter beschäftigt Thalhofer in der Planung, Produktion und Montage. In der Werkstatt sind Bau- und Möbeltischlerei strikt voneinander getrennt, lediglich eine Bandschleifmaschine müssen sich die beiden Teams teilen. Der Maschinenpark der Tischlerei ist gut bestückt: Elektrohobel, Fensterfertigungsmaschine, Kreuzbandschleifer, Fräsmaschinen – eine davon wird ausschließlich für die Produktion von Anleimern für seine Sicherheitstüren verwendet – stehen dicht an dicht mit der Kappsäge, einer Kantenleimmaschine- oder dem CNC-Bearbeitungszentrum mit 90-fachem Werkzeugwechsel, die mit einem Neupreis von rund 350.000 Euro zu den teuersten Anschaffungen gehörte. Zu den jüngsten Errungenschaften zählt auch ein zweiter Hebekran, der erst vor ein paar Wochen im Obergeschoß der Werkstatt eingebaut wurde. „Damit können wir unsere bis zu 80 Kilogramm schweren Türflügel heben und drehen. Das erleichtert die Arbeit unglaublich und verringert nicht nur die Verletzungsgefahr bei den Mitarbeitern, sondern beugt langfristig auch Wirbelsäulenleiden vor“, erklärt Thalhofer. 

Klasse statt Masse
Der Massenproduktion hat Thalhofer schon vor Jahren den Rücken gekehrt. Billigproduktion ist nicht sein Ding, da kann und will er mit der industriellen Fertigung nicht mithalten. Deshalb konzentriert er sich auch in der Fensterherstellung ausschließlich auf die Produktion von Kastenfenstern. Früher, als das Althausgeschäft noch wesentlich besser gelaufen ist, wurden rund 4.500 Fensterflügel in der Werkstatt produziert. Mit der Entwicklung der Kunststofffenster ist der Markt eingebrochen. Rund 150 Kastenfenster verlassen heute die Werkstatt. Dementsprechend kritisch steht er auch der CE-Kennzeichnung gegenüber: „Bei Kastenfenstern macht das keinen Sinn. Der bürokratische Aufwand ist nicht zu rechtfertigen.“ Und natürlich ist es auch eine Kostenfrage, die man sich nur mit entsprechenden Stückzahlen leisten kann. „Dafür ist der Bedarf viel zu gering“, sagt Thalhofer. 
Ob er sich heute wieder selbstständig machen würde? „Heute steht man einer übermächtigen Industrie gegenüber, gleichzeitig sind die Behördenauflagen so hoch wie nie – gerade auch, wenn man seinen Betrieb in einer Großstadt wie Wien aufbauen will. Und man braucht enorm viel Startkapital. Wirtschaftlich ist das kaum noch zu schaffen“, sagt Thalhofer. 
Hinzu kommt heute noch die Konkurrenz aus unseren östlichen Nachbarstaaten, die ihre Maschinenparks – teils mit EU-Förderungen – so aufgerüstet haben, dass sie auf dem neuesten Stand der Technik sind, gleichzeitig aber wesentlich geringere Lohnkosten haben und „zu Preisen anbieten, die wir nicht mithalten können“, lautet Thalhofers Resümee.
www.thalhofer.at

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