Eine besondere Beziehung

Tisch
06.09.2017

 

Auf der Suche nach einer Position für das traditionelle Handwerk in einer modernen Welt hat der Grazer Tischlermeister Georg Mähring interessante Antworten gefunden. 

Handwerk mit Anspruch: Die Beine aus trockenem Eichenholz sind in die Tischplatte aus Ulme mit höherer Feuchte eingezapft. So ergibt sich eine starke Endfestigkeit.

Den Stamm für diesen Esstisch fand Tischlermeister Georg Mähring nach langer Suche in der Südoststeiermark.

„Mit Holz zu arbeiten erfüllt mich mit Freude und Genugtuung“, sagt Georg Mähring.

Es ist kein alltäglicher Berufsweg, den der Grazer Tischlermeister Georg Mähring für sich gewählt hat. Nach einigen Jahren des Medizinstudiums fühlte er sich zwar nach wie vor „berufen“, konnte aber mit dem Stillsitzen und Bücherwälzen nicht mehr viel anfangen. Mit dem Wunsch, handwerklich und kreativ zu arbeiten, ging er 1995 nach England, um dort in Oxford Möbelbau und Design zu studieren. 

Lehr- und Wanderjahre

Nach diesem Jahr am College – „meiner Chance für einen neuen Anfang“ – war dem Grazer klar, dass er sein handwerkliches Wissen noch weiter vertiefen wollte. Durch einen glücklichen Zufall fand sich eine Lehrstelle in einer Werkstatt an der Südküste Englands. Fünf Jahre lang erlernte Georg Mähring dort das Tischlerhandwerk. Es folgten Wanderjahre, in denen der Geselle Erfahrung in Werkstätten in England, Amerika und Österreich sammelte. Den Abschluss dieser Zeit bildete der einjährige Besuch der „Schule für feinen Möbelbau“ in Kalifornien. Seit zwölf Jahren lebt der heute 45-Jährige mit seiner Frau und zwei Kindern nun schon wieder in seiner Heimatstadt Graz, wo er 2006 die Prüfung zum Tischlermeister absolvierte. 
Hier führt Georg Mähring traditionelles Handwerk und moderne Produktions- und Vermarktungsmethoden gekonnt zusammen und nützt mehrere Standbeine: Er bildet als Ein-Mann-Betrieb Lehrlinge aus, setzt neben Einzelanfertigungen für Privatkunden auf Kooperationen, etwa mit Architekten, und profitiert seit Jahren von den Synergien in einer Gemeinschaftswerkstatt. 

Eine Frage des Vertrauens

Die ersten Jahre nach der Rückkehr waren für den heute gut etablierten Handwerker nicht immer einfach. Obwohl der Markt für hochwertige Tischlermöbel in Österreich durchaus da ist, „braucht es viel Geduld, die Kunden zu überzeugen, dass qualitativ hochwertige Handarbeit ihren Preis hat und diesen auch wert ist.“ 
Neben etwas mehr Geld als für ein Fertigprodukt von der Stange müssen die Kunden Georg Mähring für seine Art von Einzelanfertigungen auch großes Vertrauen entgegenbringen, da man nie genau weiß, wie das Endprodukt aussehen wird. Die Entstehung eines Möbels beschreibt der Tischler als „laufenden Prozess zwischen mir und dem Auftraggeber“. Form, Maße und Holzarten kann der Kunde wählen. Fotos von Einzelstücken geben eine Vorstellung des Machbaren, eine genaue Reproduktion wird allerdings nie möglich sein – schon aufgrund der individuellen Beschaffenheit der Hölzer. 

Freie Hand

Das gewünschte Vertrauen brachte vor Kurzem eine Kundin in sehr großem Ausmaß mit, als sie ihre Bestellung für einen Esstisch aufgab. Die einzige Vorgabe war die Holzart Birnenholz und dass bis zu zehn Personen um den Tisch herum Platz finden sollten. Den Birnenstamm fand der Tischlermeister nach langer Suche in der Südoststeiermark. „Beim Aufschneiden zeigte sich gleich das schöne, rosarote Kernholz und die prägnante, geflammte Zeichnung, die den starken Charakter und die Präsenz des Möbels prägt.“ 

Starke Kombination

Der Esstisch, den ein Fotograf am Grazer Karmeliterplatz gekonnt in Szene setzte, ist ein weiteres Lieblingsstück aus der Vielzahl von bereits produzierten Tischen, das den persönlichen und handwerklichen Anspruch Georg Mährings besonders gut widerspiegelt. Die Tischplatte ist aus Ulmenholz, die Beine sind aus Eiche gefertigt. In der Kombination dieser beiden Hölzer greift der Tischlermeister auf eine alte Möbeltradition zurück, auf die er in England aufmerksam wurde: Wie bei dem englischen Windsor Chair, dessen Tradition Jahrhunderte zurückgeht, wird beim Grazer Tisch ein trockenes Holz – die Eiche – in ein Holz mit höherem Feuchtigkeitsgehalt – die Ulme – eingezapft. Durch diese Kombination ergibt sich eine starke Endfestigkeit.

Unabhängigkeit und Qualität

„Mit Holz zu arbeiten, erfüllt mich mit Freude und Genugtuung“, sagt Georg Mähring über seinen Umgang mit dem Material. Die Wahl des Holzes für jedes einzelne Projekt erfolgt mit größter Sorgfalt und häufig in enger Zusammenarbeit mit den Kunden. Oft setzt der Tischlermeister auch selbstgebaute Hobel, Messer und Stemmeisen ein. „Diese Art zu arbeiten befriedigt mein Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Qualität und bringt meinen persönlichen Ausdruck in das Möbelstück.“ 
Als besonderes Service bietet Mähring Besuche bei den Kunden etwa ein Jahr nach der Fertigstellung an, um die Möbelstücke mit natürlichen Ölen und Wachsen nachzubehandeln. 
Auch die alte Technik des Dampfbiegens kommt z. B. für Sesselteile oder Tabletts zur Anwendung. „Diese wunderschöne Art der Holzbearbeitung, für die es viel Zeit und Flexibilität verlangt, wurde zum Großteil durch das einfachere und vorhersehbarere Laminieren abgelöst.“ In einer eigens angefertigten Dampfkammer – genauer gesagt in einem Kessel aus Edelstahl – werden die Holzstücke auf rund hundert Grad erhitzt, dann hat man ein paar Minuten Zeit, das weiche Holz über eine Form zu biegen. Über Nacht kühlen die eingespannten Teile ab, wobei „ein gutes Augenmaß für die Endform gefragt ist.“ 
Diese traditionelle Ausrichtung bedeutet allerdings nicht, dass sich der Tischler modernen Methoden verwehrt. „Ich erweitere meine Spannweite ständig, verwende natürlich auch CNC-Fräsen, die ich allerdings – noch – nicht selbst besitze.“ 

Gemeinsam statt einsam

Nach vielen Aufbaujahren ist Georg Mähring nun mit seinem Tätigkeitsfeld so breit aufgestellt, dass der Betrieb zufriedenstellend läuft. Neben der klassischen handwerklichen Produktion – die immer das Kerngeschäft bleiben soll – bilden Kooperationen eine sinnvolle Ergänzung. Zusätzlich zur Zusammenarbeit mit anderen Tischlern, Möbelherstellern, Designagenturen und Architekturbüros – bei der der Tischlermeister teilweise rein für die Planung oder die Montage verantwortlich zeichnet – gibt es auch innerfamiliäre Projekte: In Zusammenarbeit mit seinem Bruder Michael Mähring, der 3D-Computermodelle baut, ist ein Go-Brettspiel entstanden. Dieses ist wiederum ein Teil der Produktschiene, durch die man neue Märkte erschließen will und an deren Aufbau und internationaler Vermarktung über das Internet er aktuell arbeitet.
Durch das Arbeiten in einer Gemeinschaftswerkstatt, die sich mehrere Tischler und Selbständige aus anderen Gewerken teilen, ergeben sich ebenso viele Vorteile: „Bei großen Aufträgen arbeiten wir zusammen, sonst macht jeder sein Ding. Dadurch ist man nie ganz alleine und bewahrt sich dennoch eine gewisse Freiheit“, erklärt Georg Mähring. georg.maehring.at

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